Schwalben auf einer Stromleitung

1.4.2014 | Von:
Joachim Renn

Faszination Adel – Popularität unzeitgemäßer Standesprivilegien als Problem der Demokratie? - Essay

Sehnsucht nach dem Privileg ohne Leistung

Unwahrscheinlich aber ist es ohnedies, dass die Faszination des Adels beim breiten Publikum sich in den ernsthaften Wunsch übersetzen ließe, dieser möge wieder herrschen und regieren. Denn die Adelsfreunde, die selbst nicht von Stand sind, wollen ihre Ohnmacht als Bürger wohl durchaus nicht eintauschen gegen ihre Unterwerfung als Untertan. Vergessen und vielleicht verziehen ist, dass das Adelsprivileg in vormodernen Zeiten gar keinen Sinn hatte ohne die korrespondierende radikale Beschneidung der Rechte der niederen Stände. Die Zeiten, in denen der Adel bei der Jagd die Frucht auf den Feldern zertrampelte, ohne seinen Anspruch auf deren Erträge zu vermindern, wünscht kaum jemand zurück. Das tausendfache Mitgefühl mit den Kränkungen der Kronprinzessin durch eine gefühllose Schwiegermutter will jener das Recht nicht zurückerstatten, denen, die Brot fordern, Kuchen zu empfehlen. Zumal eben jene in historischen Zeiten typische Gefühllosigkeit des Adels gegenüber seinen Töchtern und Untergebenen den heutigen Grafen und Fürstinnen nicht verziehen würde. Das Interesse an den Adelsfamilien speist sich demnach aus Quellen, die viel weniger restaurativer als ganz moderner Natur sind. Das eine Motiv, das in Frage kommt, ist ohne die moderne Umstellung der Elitelegitimation von Herkunft auf Leistung nicht zu verstehen. Das andere Motiv, die indirekte Disziplinierung der adeligen Lebensart durch bürgerliche Moral, entschärft den Verdacht auf Bedrohung der Demokratie schließlich entschieden.

Das erste Motiv könnte als die Sehnsucht nach dem Privileg ohne Leistung verstanden werden. Zum Übergang in die kapitalistische, liberale, demokratische Moderne gehört die Delegitimation von klassischen Machteliten, so auch die Entwertung der traditionalen Rechtfertigung hierarchischer Verhältnisse. Die Zuteilung von Privilegien und gehobenen Positionen ist jetzt abhängig von der Rechtfertigung über zumindest inszenierte Leistung (als individueller Beitrag zu kollektiven Gütern). Der klassische Adel bricht aus dieser Logik aus, scheut mit Würde die Arbeit und erbt. So beruht die Faszination des Adels vielleicht in Teilen auf der diffus verspürten Verheißung der Ausnahme von der Leistungsregel. Dabei wäre die Sympathie für die verdienstlose Privilegierung durch das archaische Prinzip der zufälligen Geburt von zwei gegenläufigen Prinzipien durchzogen: Naheliegend ist die Identifikation mit einer "verdienstlosen" Erhabenheit des eigenen Status. Die Begeisterung für die Standesexogamie, für die Eheschließung als erlösender Erhebung (in der Regel) der Prinzessin aus den Reihen der Bürgerlichen, spielt zwischen den Zeilen auf die mögliche Vorbestimmung des einfachen, aber ehrlichen Menschen an. Eine protoreligiöse Erlösung aus dem Elend des Gewöhnlichen modifiziert sich in der Grauzone zwischen Adelsbegeisterung und Konsumalltag zu dem Versprechen, das jeder, den der Kapitalismus gleich – und das heißt klein und unbedeutend – macht, jederzeit ans strahlende Licht gezogen werden kann.

Man darf diese Motivlage im Bereich der Traumlichter nicht verwechseln mit der einfachen Logik des "Aschenputtels", weil der individualisierende Zug der Erlösungshoffnung nicht die ständische Ordnung, sondern den existenziellen Sinn der eigenen Lebensführung betrifft, und dieser ist eine moderne Fantasie: Deswegen liegt unter der leicht als unrealistisch durchschaubaren Aspiration auf Standeserhöhung notwendigerweise die aus dem klaren Bewusstsein verdrängte, gegenläufige Hoffnung, dass auch der je eigenen gesellschaftlichen Position, an der wenig zu ändern ist, trotz aller systembedingten Austauschbarkeit des Arbeitnehmers ein substanzieller Sinn innewohnt. Die Sympathie für Leistungsunabhängigkeit des eigenen Glücks spitzt sich zu, wenn im Zuge der Veränderung der Ökonomie, vom "Postfordismus" bis zur Blüte des Finanzmarktkapitalismus, das Leistungsprinzip massiv unterlaufen wird durch das Prinzip des kurzfristigen Erfolges durch Ergreifen von Gelegenheiten: von der Finanzspekulation bis zum Lottogewinn und der "Casting-Show".[6] Bevor nun diese Entwertung der Leistungsgerechtigkeit bei gleichbleibenden Statusdifferenzen deren Sinn zerstört, soll die verdienstlose Privilegierung dann wenigstens einem transzendenten Prinzip folgen, so etwa dem Verdienst durch den inneren Adel der erhabenen Person. Dieser ist schwer zu erkennen, sodass der "alte" Adel einspringt, um den Privilegien ein suggestives Fundament in der Sache zu verschaffen, im Zweifelsfall die angeborene Eignung.

Verkleinbürgerlichung der Adelsmoral

Der Adel, dem seine Wertschätzung durch das Publikum zu großen Teilen aus den Wolkenpalästen der Traumgebilde zukommt, muss für die Anerkennung seiner Prominenz und seiner verdienstfreien Auszeichnung einen Preis entrichten. Das Volk, das mit der Anerkennung des Statusgefälles seinen niederen Stand ratifiziert, verlangt dafür erfolgreich die Verkleinbürgerlichung der Moral der Spitzen der Gesellschaft, auch wenn bei dieser "Gesellschaft" nur mehr an die Abendgesellschaften gedacht wird, bei der die Adelsdamen Haute Couture vorführen. Die ehedem dem Adel eigene nüchterne Funktionalisierung der Paarbeziehung fürs dynastische und später territoriale Gedeihen, verbunden mit einer strukturellen Unterkühlung im Vergleich mit der affektbeladenen bürgerlichen Familie, ist dem inszenierten Adel jetzt untersagt. Er muss sich dem kleinbürgerlichen Ethos des privat-personalen Anstands wenn nicht beugen, so doch ständig aussetzen. Wenn die nicht standesgemäße Liaison vor drei Generationen noch die Abdankung erzwang, so muss sich die künftige Schwiegerfamilie der Braut jetzt prüfen lassen, ob sie politisch korrekt fühlt und kommuniziert. Dass ein adeliger Herr Mätressen hält und Bastarde zeugt, dass er eigentlich von Rechts wegen promiskuitiv unterwegs ist, war einmal Adelsprivileg und ist jetzt ganz nach dem Muster der bürgerlichen Ehe, der sexuell-affektiven Exklusivitätsnorm, unehrenhaft, auch wenn der Skandalisierungswert des entlarvten Fehltritts weniger Schande als Auflage macht.

In der gegenwärtigen Moderne ist die Familie primär eine Konstruktion des Rechts, der Politik, der Kirchen, der populären Unterhaltungsmedien – innerfamiliale Beziehungen sind im Kern unterspült durch Individualisierung, Konsumismus, Freiheit zur Ambivalenz und Anspruchshaltungen. Der Adel muss seine Wertschätzung mit der Mühe um eine Gegeninszenierung bezahlen. Gerade der Verstoß bestätigt hier die Norm. Denn das Scheitern der Adelsehen, Zwietracht und Zerwürfnis im Kreise der Erhabenen adeln nun die privaten Miseren des Publikums, das sich im Scheitern der Beziehungen selbst geadelt sieht. Die Skandallastigkeit der Hofberichterstattung ist nicht zuletzt getragen von der strukturell erzwungenen, von der durch die Geringfügigkeit der Spielräume zur Selbstgestaltung des Lebens erpressten Neigung zur Schadenfreude. Zwischen moralischer Empörung und Angstlust am Unerlaubten hin- und hergerissen sucht das sich selbst nicht trauende Bedürfnis nach Normalität sicheren Boden, wo keiner ist.

Die Strahlkraft der medial entworfenen Adelsfiktion vor dem Hintergrund der impliziten Erwartungen, die eine Prominenz von Geburt um der Sympathie willen erfüllen muss, ist vielleicht also am Ende für die kulturelle Grundlegung der Demokratie so schädlich nicht. Den grauen Alltag demokratischer Verfahren beschädigte die Verzückung für eine populär domestizierte Noblesse nur dann, wenn das Spiel mit dem Adel für Realität genommen würde. Dass dies nicht geschieht, dafür sorgt der reale Adel schon selbst.

Fußnoten

6.
Vgl. Sighard Neckel, Flucht nach vorn. Die Erfolgskultur der Marktgesellschaft, Frankfurt/M.–New York 2008.
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