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Leutnant der Reserve der Fußartillerie Franz Dischinger als vorgeschobener Beobachter mit Scherenfernrohr bei der Zielaufklärung und Lenkung des Artilleriefeuers an der Front bei Pareid, rund 25 Kilometer vor Verdun.

10.4.2014 | Von:
Martin Bayer

Der Erste Weltkrieg in der internationalen Erinnerung

Internationale Erinnerungskulturen

Für diverse Länder bleibt der Erste Weltkrieg der "Große Krieg": Belgien, Frankreich und Großbritannien hatten höhere Verluste als in jedem Krieg davor oder danach. Die Gebiete der Westfront waren großflächig verwüstet. Für die damaligen britischen Dominions Australien und Neuseeland war die Beteiligung am Ersten Weltkrieg – und der hohe Blutzoll – nationenbildend.[2] In all diesen Ländern sind für die kommenden Jahre Gedenkveranstaltungen mit zum Teil beachtlichem finanziellen Aufwand geplant.

Für Finnland sowie die Länder des Baltikums und des östlichen Europas hatte der Erste Weltkrieg wiederum eine staatenbildende Funktion. Dies betrifft auch die Staaten des Kaukasus und Zentralasiens, auch wenn deren Unabhängigkeit bald unterbrochen wurde. Im jeweiligen Gedenknarrativ wird nicht an den Weltkrieg, sondern an die ihm folgenden Unabhängigkeitskriege und -erklärungen erinnert. In der Sowjetunion und den von ihr abhängigen Staaten galt der Erste Weltkrieg als "imperialistischer Krieg", mit dem man nichts zu tun habe; die Erinnerung fokussierte sich auf den Bürgerkrieg ab 1917/1918 und die Staatsgründung 1922. Auch wenn im heutigen Russland die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg durch den noch verheerenderen Zweiten Weltkrieg überlagert wird, so plant doch die Regierung zahlreiche Veranstaltungen und die Errichtung neuer Museen und Denkmäler.

In den meisten Staaten des Nahen Ostens, Afrikas, Lateinamerikas und Asiens kommt dem Ersten Weltkrieg nur eine geringe Bedeutung in den Gedenknarrativen zu, trotz signifikanter Beteiligung am Krieg oder deutlicher Auswirkungen auf die jeweilige Geschichte. So basiert der Staatsgründungsmythos der modernen Türkei auf dem Befreiungskrieg von 1919 bis 1923, dem Vertrag von Lausanne 1923 und der Ausrufung der Republik im selben Jahr. Nicht selten tun sich jene Staaten mit einer nationalen Erinnerungskultur schwer, deren Soldaten auf beiden Seiten kämpften, wie etwa im Falle Polens und der Tschechischen oder Slowakischen Republik. In den beiden letztgenannten Ländern wurde der Erinnerungsschwerpunkt auf die für die Entente kämpfende "Tschechoslowakische Legion" gesetzt, im Gegensatz zu den für Österreich-Ungarn streitenden Soldaten. Neutrale oder am Krieg nur begrenzt beteiligte Staaten (etwa in Lateinamerika und Asien) kennen weitere, spezifische Gedenknarrative.

Die Erinnerungen der ehemaligen Kolonien an den Ersten Weltkrieg werden durch historische Überlagerungen, gesellschaftliche Spaltungen und die oft fehlende Verschriftlichung von Erlebnissen bestimmt. Die Kosten für den "Krieg der Europäer" auf afrikanischem Boden wurden vor allem von der indigenen Bevölkerung getragen, einschließlich oft zwangsrekrutierter Träger, Hilfskräfte und Soldaten, deren Zahl im siebenstelligen Bereich lag – ein Aspekt, der nach wie vor kaum wahrgenommen wird.[3] Für die afrikanischen Kriegsteilnehmer war der Einfluss des Ersten Weltkrieges maßgeblich für die Bildung eines politischen Bewusstseins und den Wunsch nach Selbstbestimmung – und somit ein Schritt auf dem noch langen Weg in eine nationale Unabhängigkeit. Jene Entkolonialisierung sowie die Befreiungs- und Bürgerkriege der folgenden Jahrzehnte bestimmen das dortige Gedenken.

Gemeinsam verbindliche Erinnerungskulturen gibt es also nicht. Gruppierungen wie "Sieger" und "Besiegte", "Commonwealth" und "andere Länder", "Europäer" und "Kolonien" sind zwar möglich und weisen jeweils Gemeinsamkeiten auf – doch ebenso auch wieder Unterschiede, die eine größere Festlegung unmöglich machen. Der verbindende Faktor sind die Opfer: Auch hundert Jahre nach dem Beginn des Ersten Weltkrieges sind die Toten vieler Länder nicht oder nicht vollständig erfasst. Auch an der Ostfront beruhen die Verlustzahlen oft nur auf vagen Schätzungen, und auch über zivile Verluste lassen sich nur selten gesicherte Aussagen treffen.[4]

Symbole der Erinnerung

Zahlreiche Gedenkstätten erinnern an den Ersten Weltkrieg. Das Konzept des zentralen nationalen Denkmals findet sich beispielsweise im Australian War Memorial in Canberra oder im Cenotaph in London. Das "Grab des Unbekannten Soldaten" bildete das Motiv für viele dieser Gedenkstätten (unter anderem in Paris, Rom und London). Jene entpersonalisierte Erinnerung hatte ihren Ursprung auch darin, dass viele Tote aufgrund der verheerenden Wirkung moderner Artillerie nicht mehr identifiziert werden konnten.

In Deutschland scheiterte der Versuch einer zentralen nationalen Erinnerungsstätte an den unterschiedlichen Deutungen des Ersten Weltkrieges in der Nachkriegszeit. 1927 wurde das Tannenberg-Denkmal beim heutigen Olsztynek (Polen) eröffnet, das jedoch deutschnational und später nationalsozialistisch konnotiert war. Das Erinnern erfolgte eher dezentral. So finden sich hierzulande (wie auch in Großbritannien, Belgien, Frankreich und Italien) in fast jeder Gemeinde Denkmäler für die jeweiligen lokalen Gefallenen beziehungsweise Kriegsteilnehmer. In Deutschland und Italien wurde das Gedenken von den Nationalsozialisten und den Faschisten instrumentalisiert: Neue Denkmäler betonten das vermeintlich Heroische des Krieges. Nach 1945 erhielten viele hiesige Denkmäler eine Erweiterung zur Erinnerung an die Opfer des Zweiten Weltkrieges. Diese Umwidmung ist nicht unproblematisch, zumal, wenn das Gedenken an die Kriegstoten unreflektiert begangen wird und eine Unterscheidung der Kriege und Opfer kaum stattfindet.

Auch andere Länder kennen Probleme mit dem eigenen Gedenknarrativ: So finden sich in Nordirland – im Gegensatz zur Republik Irland – zahlreiche Denkmäler für den Ersten Weltkrieg, obwohl nicht nur Unionisten, sondern auch Republikaner der damals noch vollständig zum Vereinigten Königreich gehörenden Insel am Krieg teilnahmen. Der ursprünglich 1930 eingeweihte IJzertoren (Yserturm) im belgischen Diksmuide galt auch als Symbol für die Konflikte zwischen den Flamen und Wallonen, weshalb er 1946 – vermutlich von wallonischen Aktivisten – gesprengt wurde. Der heutige Yserturm wurde 1965 an fast derselben Stelle errichtet; aus den Überresten des alten Turms wurde ein "Friedenstor" gebaut.

Diverse Länder kennen Feier- und Gedenktage zur Erinnerung an den Ersten Weltkrieg. Der 11. November (Waffenstillstand 1918) wird als "Remembrance Day" im Vereinigten Königreich und im Commonwealth, als Feiertag "Armistice 1918" in Frankreich und Belgien und (mit geringerer Aufmerksamkeit) als Gedenktag "Veterans Day" in den USA begangen. Seit 2012 ist er auch ein Feiertag in Serbien. Der 25. April (Beginn der Gallipoli-Invasion 1915) ist für Australien und Neuseeland der Quasi-Nationalfeiertag "ANZAC Day".[5] In der Türkei wird am 18. März mit dem "Gedenktag der Gefallenen" an dieselbe Schlacht erinnert: 1915 scheiterte ein vorbereitender britisch-französischer Marineangriff auf die Dardanellen. In Armenien ist der 24. April (erste Verhaftungen von Armeniern 1915) der "Gedenktag für die Opfer des Völkermordes". Im Senegal wurde 2004 der 23. August als "Tag der senegalesischen Schützen" eingeführt, die für die französische Kolonialmacht in beiden Weltkriegen kämpften. Diverse Unabhängigkeitstage nehmen unmittelbaren Bezug auf die Folgen des Ersten Weltkrieges, so in Armenien, Aserbaidschan, Estland, Finnland, Georgien, Lettland, Litauen, Polen, in der Tschechischen Republik und der Ukraine. Einen Sonderfall stellt der 2010 in Ungarn eingeführte "Tag der nationalen Einheit" am 4. Juni dar: Er verweist auf die 1920 erfolgte Unterzeichnung des Vertrags von Trianon, durch den Ungarn mehr als zwei Drittel seines ursprünglichen Staatsgebiets und ein Drittel seiner ungarischen Bevölkerung verlor.

In Großbritannien und dem Commonwealth ist die Klatschmohnblume seit 1920 das zentrale Symbol für die Erinnerung an die Kriegstoten. Die Verwendung bezieht sich auf das Gedicht "In Flanders Fields" des kanadischen Sanitätsoffiziers John McCrae. Oft war die Mohnblume das einzige Zeichen von Leben auf den zerstörten Schlachtfeldern: Mohnsamen beginnen zu keimen, wenn sie gestört werden, was durch den Artilleriebeschuss fortwährend geschah. Das französische Pendant ist seit 1916 die Kornblume, die bleuet de France; auch die Soldaten wurden aufgrund der 1915 neu eingeführten blaugrauen Uniformen bleuets genannt.

Populäre Erinnerungskultur

Die Wahrnehmung des Ersten Weltkrieges wurde und wird nicht zuletzt durch seine Darstellung in der populären Erinnerungskultur geprägt. Im damals noch jungen Medium Film dominierten während des Krieges Propagandawerke wie "The Battle of the Somme" (UK 1916), "Fighting the War" (USA 1916) oder "Der magische Gürtel" (Deutschland 1917). In den 1930er Jahren entstanden kriegskritische und gleichzeitig filmhistorisch maßgebliche Werke, wie die Verfilmung von Erich Maria Remarques Roman "Im Westen nichts Neues" (USA 1930), Georg Wilhelm Pabsts "Westfront 1918" (Deutschland 1930) oder Jean Renoirs "La Grande Illusion" (Frankreich 1937). Heute stehen oft sensible Aspekte wie Kriegstraumatisierte, Verwundung, Militärjustiz und der Umgang mit aus "Feindesländern" stammenden Bevölkerungsteilen im Fokus. Beispiele hierfür sind "Un long dimanche de fiançailles" (Frankreich 2004), "La chambre des officiers" (Frankreich 2001), "Beneath Hill 60" (Australien 2010) oder "Passchendaele" (Kanada 2008).

In Ländern, in denen Graphic Novels eine höhere Aufmerksamkeit und Anerkennung genießen als in Deutschland, haben sich in den vergangenen Jahren diverse Autoren mit dem Ersten Weltkrieg auseinandergesetzt. In den französischen Werken überwiegt das Bild des sinnlosen Krieges und das Erleben des Individuums, wie in Jacques Tardis "Putain de Guerre!" (2008/2009) oder "On les Aura! Carnet de Guerre d’un Poilu" (2011) von Stéphane-Yves Barroux. Die textlosen Tableaus aus "The Great War" (2013) des maltesisch-amerikanischen Autors Joe Sacco konfrontieren den Betrachter mit differierenden Lesarten. In Belgien setzen sich die Autoren vornehmlich mit dem nationalen Opfermythos und den deutschen Zerstörungen und Massakern auseinander. Beispiele hierfür sind "Gewonde Stad" (2014) von Gerolf van de Perre und Johanna Spaey und "Afspraak in Nieuwpoort" (2011) von Ivan Petrus Adriaenssens.

Auch Computerspiele sind längst zu einem ernstzunehmenden Medium und Kulturgut geworden. Nur vergleichsweise wenige Spiele setzen sich jedoch mit dem Ersten Weltkrieg auseinander, wobei Flugsimulationen wie "Rise of Flight" (2009) und Strategiespiele überwiegen. Einige neue Projekte nutzen das Medium einfallsreicher als zur bloßen Reduktion auf den Kampf, wie das experimentelle "The Snowfield" (2011), einer Auseinandersetzung mit Traumatisierung, Überleben und Tod. 2014 wird "Valiant Hearts: The Great War" veröffentlicht, dessen Inhalt auf Feldpostbriefen und Tagebucheinträgen beruht. Auch hier geht es um das Überleben verschiedener Charaktere und nicht zuletzt um die Liebe zwischen einem deutschen Soldaten und einer Französin. Solche Spiele sind durchaus geeignet, den Ersten Weltkrieg einer jungen Generation näher zu bringen, mit alten, gerade in der Populärkultur verbreiteten Mythen aufzuräumen und dabei sensible Aspekte indirekt zu vermitteln – vorausgesetzt, sie nehmen ihren Inhalt entsprechend ernst.

Fußnoten

2.
Mit Abstrichen gilt dies auch für Kanada und das damals noch unabhängige Neufundland; allerdings wurde und wird der Krieg von anglophonen und frankophonen Kanadiern unterschiedlich gedeutet.
3.
Allein Frankreich setzte über 600.000 koloniale Arbeiter und Soldaten an der Westfront ein.
4.
Vgl. Gerhard Hirschfeld/Gerd Krumeich/Irina Renz (Hrsg.), Enzyklopädie Erster Weltkrieg, Paderborn 2009², S. 665f.
5.
ANZAC: 1915 eingeführtes Akronym für Australian and New Zealand Army Corps.
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