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APuZ 22-23/2014: Politik, Medien, Öffentlichkeit

20.5.2014 | Von:
Daniel Jacob
Manuel Thomas

Das Internet als Heilsbringer der Demokratie?

Gefahr neuer Elitenbildung

Dem demokratischen Potenzial des Internets steht jedoch die Gefahr gegenüber, dass die vielfältigen Möglichkeiten der neuen Öffentlichkeit einer kleinen Elite vorbehalten bleiben. Denn die technischen Möglichkeiten zum Austausch von Argumenten über das Internet setzen in dreierlei Hinsicht eine neue Form kulturellen Kapitals voraus: Erstens verlangt die schiere Masse an potenziell verfügbaren Informationen nach Strategien zur Erfassung der jeweils relevanten Informationen und zum Umgang mit großen Datenmengen. Zweitens ist es notwendig, die "Spielregeln" des Internets zu kennen, um der eigenen Stimme im Internet Gehör zu verschaffen. Drittens schließlich ist in vielen Teilen der Welt ein vergleichsweise anspruchsvolles technisches Wissen Voraussetzung, um staatliche Zensurmaßnahmen zu umgehen. Bei diesen drei internetspezifischen Formen kulturellen Kapitals handelt es sich im Sinn der oben eingeführten Unterscheidung von Bourdieu um kulturelles Kapital, das über formelle wie informelle Formen von Bildung angeeignet wird.

Bourdieu selbst betont, dass der Erwerb inkorporierten kulturellen Kapitals in der Regel ein hohes Maß an ökonomischem und/oder kulturellem Kapital voraussetzt. Und in der Tat legen empirische Untersuchungen zur digital divide die Vermutung nahe, dass auch der Erwerb internetspezifischen kulturellen Kapitals jenen leichter fällt, die aufgrund ihres familiären Kontexts bereits privilegierten gesellschaftlichen Schichten angehören.[12]

Doch gibt es auch Indizien dafür, dass sich durch das Internet und das ihm eigene kulturelle Kapital Nischen auftun, die eine zumindest graduelle Verschiebung bestehender Machtverhältnisse ermöglichen. So lässt sich etwa die Online-Enzyklopädie Wikipedia als eine Auseinandersetzung über den gesellschaftlichen Stellenwert klassischer Bildung verstehen. Nicht nur wird hier tagtäglich neu darüber verhandelt, worin der Inhalt "klassischer Bildung" besteht. Darüber hinaus werden hier auch klassische Bildungsinstitutionen und die mit ihnen verbundenen formalen Bildungsabschlüsse in Frage gestellt.[13] Ein weiteres Beispiel liefert die Hacker-Bewegung. Auch wenn über diese kaum zuverlässige sozialwissenschaftliche Daten verfügbar sind, so entspricht es doch zumindest dem öffentlich verbreiteten Selbstbild dieser Bewegung, internetspezifisches Wissen gerade in der Auseinandersetzung mit anerkannten Institutionen zu erwerben, zu nutzen und weiterzugeben.

Diese Beispiele deuten an, dass es durch die Ausbreitung des Internets zu einer Umdeutung und damit einhergehend auch gewissen Umverteilung kulturellen Kapitals kommt. Empirisch noch offen scheint dabei, ob dies lediglich die Ablösung einer Elite durch eine andere Elite bedeutet, oder ob es dabei auch zu einer stärker egalitären Verteilung kulturellen Kapitals kommt. Die Frage ist also, ob das Internet einen Beitrag dazu leisten kann, nicht nur ökonomische Hürden beim Zugang zur politischen Öffentlichkeit zu überwinden, sondern auch jene subtilen und gerade dadurch besonders resistenten Barrieren, die sich aus der Ungleichverteilung kulturellen Kapitals ergeben.

Bourdieus Machtbegriff legt es nahe, zunächst das Verhältnis zwischen Bürgerinnen und Bürgern eines Staates als Individuen in den Blick zu nehmen. Für die Diskussion des demokratischen Potenzials des Internets ist es darüber hinaus aber auch entscheidend, inwiefern es das Verhältnis des Einzelnen gegenüber gesellschaftlichen Machtzentren verändert.

Um diese Frage zu beantworten, schlagen wir vor, Staaten wie auch Unternehmen als Organisationen zu verstehen, deren Macht sich ähnlich wie im Fall von Individuen aus ihrer Ausstattung mit ökonomischem, kulturellem und sozialem Kapital ergibt. Die institutionalisierte Form dieser Organisationen macht es dabei möglich, diesen Kapitalbestand auch dann zu bewahren, wenn das konkrete Personal, das in und durch diese Institutionen handelt, sich wandelt. Die ökonomischen Ressourcen des Staates hängen in diesem Sinne ebenso wenig an der Person des Staatsoberhaupts wie das kulturelle Kapital eines Unternehmens an einzelnen Managern. Offenkundig ist nun, dass das Verhältnis des Einzelnen gegenüber Staaten und Unternehmen durch massive Asymmetrien gekennzeichnet ist.

Daher ist es besonders problematisch, wenn Staaten und Unternehmen Einfluss auf den Zugang zu eben jener Öffentlichkeit nehmen, die sie kontrollieren soll. Von Staaten geht dabei die Gefahr aus, dass sie durch mehr oder weniger explizite Zensurmaßnahmen regulieren, wer Zugang zur Öffentlichkeit erhält und welche Informationen dort ausgetauscht werden dürfen. Im Fall von Unternehmen hingegen droht die Zurückdrängung politischer Debatten zugunsten von entpolitisierter Unterhaltung. Zwar muss dafür Unternehmen keine politische Absicht im engeren Sinne unterstellt werden, doch ist es eben in ihrem Sinne, wenn die Internetnutzer konsumieren, statt sich über politische Fragen auszutauschen.[14]

Wie schon zuvor scheint auch hier auf den ersten Blick das Internet einen vielversprechenden Ausweg anzubieten. Die dezentrale, offene Struktur des Internets macht es dem Einzelnen in bisher ungekannter Weise möglich, sich dem Zugriff staatlicher Zensurmaßnahmen zu entziehen. Das wohl prominenteste Beispiel für die Umgehung von Zensurmaßnahmen eines demokratischen Staats ist die Veröffentlichung geheimer Unterlagen der US-Regierung durch die Enthüllungsplattform Wikileaks. Darüber hinaus zeigt sich gerade in autoritären Staaten, dass Journalisten und politische Aktivisten das Internet zunehmend geschickt nutzen, um staatlicher Zensur zu entgehen. Ähnlich positive Tendenzen deuten sich mit Blick auf den Einfluss von Unternehmen an. Wie bereits ausgeführt bietet das Internet vielfältige und dabei kostengünstige Möglichkeiten des Austauschs und der Vernetzung – und so im Prinzip die Möglichkeit eines öffentlichen Diskurses jenseits der "klassischen", vom Marktdenken bestimmten Medien.

Das Problem ist jedoch, dass diese Möglichkeiten nur für jene eine reale Option darstellen, die über ein hinreichendes Maß an internetspezifischem kulturellen Kapital verfügen. Wird so der freie und gleiche Zugang zur Öffentlichkeit zum Privileg einer kleinen Elite, steht jedoch letztlich das normative Ideal gleicher politischer Teilhabe auf dem Spiel – und damit auch die kritische Hinterfragung der Macht von Staaten und Unternehmen durch eine demokratische und inklusive Öffentlichkeit.

Fußnoten

12.
Für einen Überblick zu dieser Debatte siehe M. Castells (Anm. 9), S. 57. Zur Idee eines second-level digital divide vgl. u.a. Seong-Jae Min, From the Digital Divide to the Democratic Divide: Internet Skills, Political Interest, and the Second-Level Digital Divide in Political Internet Use, in: Journal of Information Technology & Politics, 7 (2010) 1, S. 22–35; Pippa Norris, Digital Divide: Civic Engagement, Information Poverty, and the Internet Worldwide, New York 2001; Neil Selwyn, Reconsidering Political and Popular Understandings of the Digital Divide, in: New Media Society, 6 (2004) 3, S. 341–362.
13.
Vgl. Axel Bruns, Blogs, Wikipedia, Second Life, and Beyond. From Production to Produsage, New York 2008, Kap. 5; Christian Stegbauer, Wikipedia. Das Rätsel der Kooperation, Wiesbaden 2009.
14.
Vgl. Carsten Görig, Gemeinsam einsam. Wie Facebook, Google & Co. unser Leben verändern, Zürich 2011.
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