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APuZ 22-23/2014: Politik, Medien, Öffentlichkeit

20.5.2014 | Von:
Daniel Jacob
Manuel Thomas

Das Internet als Heilsbringer der Demokratie?

Gefahr des Zerfalls der Öffentlichkeit

In dem Maß, in dem sich immer mehr Bürgerinnen und Bürger aktiv in die öffentliche Debatte einbringen, stellt sich mit besonderer Nachdrücklichkeit die Frage, wie es gelingen kann, die derart erweiterte Öffentlichkeit wieder auf eine Weise zusammenzuführen, die es den Bürgern eines demokratischen Gemeinwesens ermöglicht, sich gemeinsam über die öffentlichen Angelegenheiten auszutauschen.

Skeptisch ließe sich an dieser Stelle vermuten, das Internet selbst stehe aufgrund seiner technischen Eigenschaften einer Verständigung im Sinne des aufrichtigen und offenen Austausches von Argumenten im Wege. Die Begrenzung von Tweets auf 140 Zeichen beim Kurznachrichtendienst Twitter wäre demnach symptomatisch für eine Verkürzung und Verflachung politischer Argumente, die einen ernsthaften argumentativen Austausch nahezu unmöglich machen. Es gibt jedoch bisher keinen Anhaltspunkt dafür, dass das Internet als Technik eine solche Entwicklung vorgibt. Um beim Beispiel der Verkürzung von Argumenten zu bleiben: Anders als im Fall von Fernsehen und Printjournalismus bietet das Internet die Möglichkeit, Argumente in epischer Länge auszubreiten und zu diskutieren. Selbst der 140-Zeichen-Tweet muss dann nicht zu einer Verflachung von Argumenten führen, wenn ein Teil der Zeichen dafür genutzt wird, auf umfangreichere Ausführungen jenseits von Twitter zu verweisen.

Eine weitere, in diesem Kontext vielfach geäußerte Befürchtung betrifft die Gefahr der Desintegration der Öffentlichkeit durch die vermeintlich atomistischen Tendenzen des Internets. In dieser Diskussion, wie sie etwa der Rechtswissenschaftler Cass Sunstein oder der Polit-Aktivist Eli Pariser angestoßen haben,[15] wird darauf hingewiesen, dass die Öffentlichkeit des Internets zunehmend in hoch personalisierte Wahrnehmungssphären zerfällt. Dabei kommen zwei Mechanismen zusammen. Zum einen verwenden wir als Internetnutzer mehr oder weniger technisch ausgefeilte Filter, um aus der Masse der im Internet verfügbaren Informationen jene herauszusuchen, die uns als relevant erscheinen. Zum anderen wird diese im Wesentlichen bewusste Auswahl verstärkt durch die automatisierten Filter von Suchmaschinen und sozialen Netzwerken. Es entsteht die Gefahr, dass das Internet zu einer Atomisierung der Öffentlichkeit in viele "private Öffentlichkeiten" – in unsere ganz eigene filter bubble (Pariser)führt.

Vielfach zitiert werden in diesem Zusammenhang die Äußerungen von Habermas über das neue Medium Internet. Zwar schreibt er diesem das Potenzial zu, die Zensur autoritärer Regime zu unterlaufen, und erahnt auch die "historisch versunkene Gestalt eines egalitären Publikums von schreibenden und lesenden Konversationsteilnehmern".[16] Dennoch fürchtet er, dass es durch das Internet letztlich zu einer Fragmentierung und damit weiteren Schwächung der Öffentlichkeit kommen wird. Vorerst, so Habermas, "fehlen im virtuellen Raum die funktionalen Äquivalente für die Öffentlichkeitsstrukturen, die die dezentralisierten Botschaften wieder auffangen, selegieren und in redigierter Form synthetisieren".[17]

Weiter zugespitzt werden diese Überlegungen vom Kommunikationsphilosophen Byung-Chul Han, der mit Blick auf die jüngere Entwicklung des Internets gar das "Ende des kommunikativen Handelns" prophezeit.[18] Andererseits bietet das Internet selbst im Prinzip eine besonders geeignete technische Infrastruktur, um "Knotenpunkte" für eine demokratische Öffentlichkeit zu bilden.[19] Der Hyperlink als zentraler Baustein des Internets ist schließlich geradezu darauf ausgelegt, Verbindungen zu ermöglichen. Aggregatoren-Dienste wie Google News oder auch die Hashtags (Schlagworte) bei Twitter bieten weitere Möglichkeiten, die politische Öffentlichkeit bei aller wünschenswerten Diversität zusammenzuhalten.

Nimmt man die Überlegungen aus dem vorherigen Abschnitt zur Bedeutung internetspezifischen kulturellen Kapitals ernst, so wird jedoch schnell deutlich, dass die Nutzung dieser Möglichkeiten wiederum nur einer vergleichsweise kleinen Gruppe vorbehalten ist, die über das hierfür notwendige Kapital verfügt. Es droht mithin nicht ein allgemeiner Zerfall der Öffentlichkeit, sondern die weitergehende Aristokratisierung des politischen Diskurses.

Schlussüberlegungen

Kann das Internet dabei helfen, das Ideal politischer Gleichheit zu verwirklichen? Das Internet birgt das technische Potenzial, ökonomische Hürden beim Zugang zur politischen Öffentlichkeit zu überwinden. Diesem demokratischen Potenzial stehen jedoch Gefahren gegenüber: zum einen die Gefahr einer neuen Elitenbildung, die im schlimmsten Fall sogar schlicht eine Reproduktion bestehender Machtasymmetrien bedeutet; zum anderen die Gefahr des Zerfalls beziehungsweise der Desintegration der neuen Öffentlichkeit Internet. Demokratietheoretisch stellt sich so die Frage, wie unser Verständnis von Demokratie und insbesondere demokratischer Öffentlichkeit mit Blick auf diese Herausforderungen erneuert oder auch erweitert werden muss. Für die Praxis wird entscheidend sein, welche Akteure sich in den politischen Auseinandersetzungen über die Ausgestaltung des Internets durchsetzen – oder genauer, ob es den demokratischen Kräften gelingt, das Internet als "Befreiungsinstrument" zu nutzen. Im Internet als Kommunikationsmedium selbst ist keine bestimmte Entwicklung angelegt.

Fußnoten

15.
Vgl. Cass Sunstein, Republic.com 2.0, Princeton, NJ 2009; Eli Pariser, Filter Bubble. Wie wir im Internet entmündigt werden, München 2011.
16.
Jürgen Habermas, Ach, Europa. Kleine politische Schriften XI, Frankfurt/M. 2008, S. 161.
17.
Ebd., S. 162.
18.
Vgl. Byung-Chul Han, Digitale Rationalität und das Ende des kommunikativen Handelns, Berlin 2013.
19.
Vgl. Manuel Castells, Das Informationszeitalter, Bd. 1: Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft, Opladen 2003, S. 406–415.
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