Fischer in Saudi-Arabien

5.11.2014 | Von:
Sebastian Sons

Saudi-Arabiens Arbeitsmarkt: Sozioökonomische Herausforderungen und steigender Reformdruck

Mit dem Beginn der Erdölproduktion vor über 75 Jahren und den damit einhergehenden Exporteinnahmen erfuhren die einstigen Beduinen Zentralarabiens sowie die sesshaften Stämme im Süden und an den Küsten Saudi-Arabiens durch staatliche Wohlfahrtsleistungen einen sozioökonomischen Wandel, der soziale Strukturen radikal transformierte. Der saudische "Rentierstaat"[1] baute Institutionen auf, die die schnell wachsende Bevölkerung absorbierten. Ein nationales Bildungs- und Gesundheitssystem sowie eine landesweite Infrastruktur entstanden. Dazu bedurfte es auch Millionen meist männlicher ausländischer Arbeitsmigranten, die bis heute oft aus ärmeren Schichten der arabischen Nachbarländer und aus Südasien ins Königreich kommen, um auf Baustellen, in Einkaufszentren, Bildungseinrichtungen, dem Gesundheitswesen oder Privathaushalten zu arbeiten. Somit bilden diese seit Jahrzehnten das Rückgrat des wirtschaftlichen Aufschwungs in Saudi-Arabien.

Doch das System der Rentenökonomie gerät zusehends ins Wanken: Die Bevölkerung wächst seit Jahren, wodurch es dem Staat nicht mehr gelingt, genug Arbeitsplätze im öffentlichen Sektor zu generieren. Auch drängen immer mehr saudische Absolventinnen und Absolventen von Schulen und Universitäten auf den Arbeitsmarkt, für die auch im Privatsektor keine adäquaten Stellen existieren, zumal private Unternehmen eher geringer verdienende Arbeitsmigranten beschäftigen als Einheimische. Dies führt zu steigender Arbeitslosigkeit, die längst ein kulturelles, wirtschaftliches und soziales Problem für die saudische Bevölkerung und das Königshaus darstellt. Bereits vor über 30 Jahren wurden erste Konzepte entwickelt, um mehr saudische Arbeitskräfte in den Arbeitsmarkt zu integrieren – bislang jedoch ohne nachhaltigen Erfolg. Dies erhöht den sozialen Druck auf die junge Generation, die zunehmend unter Perspektivlosigkeit leidet. Das saudische Königshaus muss also Lösungen anbieten, um nicht selbst in die Kritik zu geraten. Vor allem mit den gestiegenen Chancen für Frauen, sich beruflich zu engagieren, wächst die Herausforderung, einerseits die Arbeitslosigkeit wirksam zu bekämpfen und andererseits die Zahl der Arbeitsmigranten zu verringern.

Gesellschaftliche Transformation

Als 1938 die kommerzielle Ausbeutung der Erdölvorkommen begann, startete der rapide Transformationsprozess der saudischen Gesellschaft. Vor der Unterzeichnung der Ölkonzessionen hatten sich nur etwa 50 nichtmuslimische Ausländer im Königreich aufgehalten. Nun strömten Tausende ins Land, um auf Ölfeldern und in Raffinerien zu arbeiten. Mit dem rasanten Anstieg der Ölproduktion und der Exporteinnahmen wuchs auch der Bedarf an ausländischen Arbeitskräften, die nun in allen Bereichen der Verwaltung und der Industrie beschäftigt wurden.[2] Kamen zunächst vor allem ungelernte Arbeiter aus dem Jemen, dem Sudan und Somalia, rekrutierte das Königshaus in den 1950er und 1960er Jahren insbesondere Lehrer, Beamte, Ärzte, Ingenieure, Händler und Handwerker aus Ägypten, Syrien und dem Libanon. 1964 stammten 33 Prozent der städtischen Belegschaft aus dem Ausland, bis Anfang der 1970er Jahre waren es weit über 70 Prozent.[3]

Aufgrund des Ölembargos infolge des Jom-Kippur-Krieges 1973 erhöhten sich die Einnahmen aus den Ölexporten nochmals rasant, sodass weitere ausländische Arbeitskräfte benötigt wurden, um die massiven Investitionsprogramme des Staates zu realisieren. Allerdings nahm das Königshaus arabische Arbeitskräfte zunehmend als politische Bedrohung wahr. Die Strahlkraft des ägyptischen Panarabismus unter Gamal Abd al-Nasser und die Sympathie vieler Araberinnen und Araber für den Sozialismus stellten die Legitimität der Golfmonarchien zunehmend infrage. Daraufhin entschied das Königshaus, einen Großteil der arabischen Migranten auszuweisen. Stattdessen wurden Arbeitskräfte aus asiatischen Ländern wie Pakistan, Indien, Bangladesch, den Philippinen, Indonesien oder Sri Lanka rekrutiert, da sie politisch weitgehend inaktiv blieben, ihre Familien in der Heimat lassen mussten und weniger Lohn verlangten.[4] Heute stammen etwa 70 Prozent aller Arbeitsmigranten in Saudi-Arabien aus Asien.[5]

Mithilfe der Öleinnahmen wurde die einheimische Bevölkerung lange Zeit versorgt und alimentiert: Subventionen, kostenlose Bildung und Gesundheitsversorgung, eine berufliche Perspektive im öffentlichen Sektor und weit reichende Sozialdienstleistungen wurden zum politischen Mittel, die Legitimation der Königsfamilie zu sichern, Forderungen nach politischer Partizipation verstummen zu lassen und die Opposition zu kooptieren. Zugleich entwickelte sich in der saudischen Gesellschaft ein Anspruchsdenken in Bezug auf einen gut bezahlten Arbeitsplatz in einer staatlichen Behörde mit familienfreundlichen Arbeitszeiten. Statt eine geringer entlohnte Stelle in der Privatwirtschaft oder im Niedriglohnsektor anzunehmen, entschieden sich immer mehr Saudis bewusst für die Arbeitslosigkeit, da der Staat sie auch ohne Beschäftigung versorgte. Diese "Mudir-Mentalität"[6] (arabisch für "Direktor", "Vorgesetzter") ließ den Bedarf an Arbeitsmigranten weiter steigen.

Mittlerweile gelingt es dem saudischen Königshaus jedoch nicht mehr, die jährlich 100000 Schulabgängerinnen und -abgänger sowie 40000 Universitätsabsolventen in den Arbeitsmarkt zu integrieren beziehungsweise zu alimentieren.[7] Denn zum einen streben viele junge Saudis weiterhin eine Tätigkeit im öffentlichen Sektor an. Zum anderen entwickelte sich in den vergangenen Jahrzehnten zwar eine Privatwirtschaft, in der allerdings nach wie vor meist ausländische Arbeitskräfte beschäftigt werden: Während im öffentlichen Dienst saudische Staatsangehörige 95 Prozent der Belegschaft stellen, liegt ihr Anteil im Privatsektor bei nur etwa 13 Prozent.[8] Private Arbeitgeber bemängeln vor allem die niedrige Arbeitsmotivation, die überhöhten Lohnvorstellungen und die mangelhafte Ausbildung saudischer Bewerberinnen und Bewerber und beschäftigen daher bevorzugt ausländische Arbeitskräfte. Diese sind meist um das Vierfache billiger als Einheimische, fordern weniger Urlaub und keine familienfreundlichen Arbeitszeiten. Zwar hat der saudische Staat in der Vergangenheit Milliardensummen in die Bildung investiert, das nationale Ausbildungsniveau überzeugt aber private, im internationalen Wettbewerb agierende Unternehmen meist nicht. Außerdem wurde verstärkt Wert auf die höhere akademische Ausbildung gelegt, sodass die eigentlichen Bedürfnisse der Wirtschaft nach Arbeitskräften im Niedriglohnsektor oder im Handwerk unerfüllt blieben.

Dies führt zu der paradoxen Situation, dass saudische Arbeitskräfte verstärkt mit realer Arbeitslosigkeit konfrontiert sind. 2013 lag die Arbeitslosigkeit offiziell bei 12,7 Prozent, die Jugendarbeitslosigkeit gar bei 29,2 Prozent.[9] Vor allem junge Erwerbssuchende müssen sich langsam von der traditionellen Mudir-Mentalität verabschieden, um ihre Lebensgrundlage sichern zu können. Dies wirkt sich auch auf die soziale Situation junger saudischer Männer aus: Viele finden keine Anstellung, was zum Verlust des gesellschaftlichen Respekts führt. In einer nach wie vor patriarchalen Gesellschaft wird von Ehemännern und Vätern erwartet, die Familie ernähren zu können. Dass immer mehr Männer diese ihnen traditionell zugewiesene Funktion nicht mehr ausüben können, führt zu Frustration, steigenden Selbstmordraten und Depressionen. Mittlerweile sind Drogensucht und Alkoholkonsum – sozial, religiös und rechtlich strikt verboten – zu ernsten Problemen geworden. Gleichzeitig wird vom Staat erwartet, dass Privatunternehmen saudische Arbeitskräfte besser versorgen und bezahlen, was bisher aber nicht realisiert wurde.

Darüber hinaus führt die demografische Entwicklung zu schwerwiegenden sozioökonomischen Problemen auf dem Arbeitsmarkt: Die saudische Gesellschaft ist eine der jüngsten der Welt. Zwar hat sich die Geburtenrate deutlich reduziert, dennoch liegt das Durchschnittsalter bei 25,3 Jahren.[10] Zwischen 1950 und 2013 wuchs die Bevölkerung von 3,2 Millionen auf knapp 28 Millionen,[11] von denen 32,4 Prozent ausländischer Herkunft sind.[12] Mit der steigenden Arbeitslosigkeit und der reduzierten Alimentierung durch den Rentierstaat vergrößerte sich auch das Wohlstandsgefälle innerhalb der saudischen Gesellschaft: Während Armut zu einem sozialen Problem geworden ist, konzentriert sich der Reichtum bei rund 120000 Millionären, die ein Gesamtvermögen von 400 Milliarden US-Dollar auf sich vereinigen[13] – ein Umstand, der den Ruf der wohlhabenden saudischen Gesamtbevölkerung als Mythos demaskiert. Stattdessen verteilt sich der Reichtum auf eine kleine Elite, die enge Verbindungen zur Königsfamilie unterhält oder selbst aus ihr stammt und Patronage- und Klientelnetzwerke aufgebaut hat, um ihren Lebensstandard zu konsolidieren oder auszubauen.

Fußnoten

1.
Hazem Beblawi/Giacomo Luciani (Hrsg.), The Rentier State, London 1987.
2.
Vgl. Alexei Vassiliev, The History of Saudi Arabia, London 2000, S. 333.
3.
Vgl. ebd., S. 429.
4.
Vgl. Maurice Girgis, Would Nationals and Asians Replace Arab Workers in the GCC?, unveröffentlichtes Paper, Fourth Mediterranean Development Forum, Amman 6.–9.10.2002.
5.
Vgl. Viola Lucas/Thomas Richter, Arbeitsmarktpolitik am Golf: Herrschaftssicherung nach dem "Arabischen Frühling", GIGA Focus Nahost 12/2012.
6.
Daryl Champion, The Kingdom of Saudi Arabia: Elements of Instability Within Stability, in: Meria Journal, 3 (1999) 4, S. 49–73.
7.
Vgl. Mordechai Abir, Saudi Arabia. Government, Society and the Gulf Crisis, London 1993, S. 22.
8.
Vgl. Gulf Labour Markets and Migration Programme, Percentage of Non-Nationals in Government Sector and in Private and Other Sectors in GCC Countries (National Statistics, Latest Year or Period Available), http://gulfmigration.eu/percentage-of-non-nationals-in-govpercentage-of-non-nationals-in-government-sector-and-in-private-and-other-sectors-in-gcc-countries-national-statistics-latest-year-or-period-available« (22.10.2014).
9.
Vgl. Rakshanda Fazli/Rashid Aziz Faridi, Saudi Labour Law and its Impact on Indian Workers, unveröffentlichtes Paper, Gulf Research Meeting, Cambridge 24.–28.8.2014.
10.
Vgl. Sebastian Sons, Saudi-Arabien, in: Deutsches Orient-Institut (Hrsg.), Der Arabische Frühling. Auslöser, Verlauf, Ausblick, Berlin 2011, S. 126–140.
11.
Vgl. John Willoughby, Ambivalent Anxieties of the South Asian-Gulf Arab Labor Exchange, in: John W. Fox et al. (Hrsg.), Globalization and the Gulf, London–New York 2006, S. 223–243.
12.
Vgl. Françoise de Bel-Air, Demography, Migration and Labour Market in Saudi Arabia, Gulf Research Center Explanatory Note 1/2014. Bei den Statistiken handelt es sich um offizielle Angaben, die nicht unabhängig auf ihre Zuverlässigkeit geprüft werden können. Vor allem illegale Migranten werden statistisch nicht erfasst, sodass die tatsächlichen Anteile der Arbeitsmigranten an der Gesamtbevölkerung höher liegen dürften.
13.
Vgl. Sean Foley, The Arab Gulf States. Beyond Oil and Islam, Boulder 2010, S. 121f.
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Autor: Sebastian Sons für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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