Fischer in Saudi-Arabien

5.11.2014 | Von:
Christian Koch

Status und Aussichten der saudi-arabischen Wirtschaft

Erdöl-Abhängigkeit trotz wirtschaftlicher Diversifizierungsbemühungen

Das Erdöl bleibt die tragende Säule der saudi-arabischen Wirtschaft. Zwar stellt der Erdölsektor derzeit nur einen Anteil von rund einem Drittel des BIP dar, auf die Ölexporte entfallen aber 90 Prozent der gesamten Exporterlöse sowie der staatlichen Einnahmen.[6] Zudem spielt das Erdöl eine zentrale Rolle bei der Aufrechterhaltung anderer kritischer Wirtschaftsbranchen wie beispielsweise der Petrochemie, der Stahlerzeugung, der Aluminiumproduktion, der Stromerzeugung und der Wasserentsalzung. Da die Regierung der größte Arbeitgeber und der Schlüsselinvestor der saudi-arabischen Wirtschaft ist, erstreckt sich der Einfluss des Öls mittelbar auf fast alle Wirtschaftssektoren.

Es gibt zwei Aspekte, die berücksichtigt werden müssen, wenn es um die Herausforderungen im Energiesektor geht: zum einen die groß angelegten Subventionen, die die Regierung für die allgemeine Energienutzung durch die eigene Bevölkerung bereitstellt. Allein 2012 gab Saudi-Arabien 25 Milliarden US-Dollar an Subventionen für Benzinpreise aus – mit dem Ergebnis, dass die Bevölkerung mit zwölf US-Cent pro Liter von einem der niedrigsten Kraftstoffpreise der Welt profitiert.[7] In diesen 25 Milliarden US-Dollar sind jedoch nicht die weiteren Subventionen für die Strom- und Wasserindustrie enthalten. Aufgrund des Bevölkerungswachstums und der allgemeinen industriellen Entwicklung ist der Verbrauch in diesen Sektoren jährlich um acht Prozent gewachsen. Tatsächlich verbrennt Saudi-Arabien etwa eine Milliarde Barrel Öl pro Jahr, um ausreichend Strom zu produzieren um der steigenden Nachfrage nachzukommen. Durch seine Subventionspolitik ist das Königreich zum sechstgrößten Pro-Kopf-Energieverbraucher der Welt aufgestiegen.[8] Zusätzlich muss berücksichtigt werden, dass durch den steigenden Ölverbrauch innerhalb des Landes weniger Öl für das lukrative Exportgeschäft bereit steht. Schon jetzt verbraucht Saudi-Arabien ein Drittel seiner gesamten Ölproduktion im Inland, wodurch enorme finanzielle Einbußen und damit Opportunitätskosten entstehen.

Führende saudi-arabische Politiker haben das Problem erkannt und bereits davor gewarnt, dass dieser Zustand nicht aufrechtzuerhalten ist. Es besteht aber kaum Bereitschaft, die tatsächlichen Kosten der Energieerzeugung an die Bevölkerung weiterzuleiten, um so eine Verlangsamung oder sogar einen Rückgang des Verbrauchs zu bewirken. Das Königshaus befürchtet, dass ein Abbau der Subventionen unmittelbare politische Konsequenzen mit sich bringen könnte, da die saudi-arabische Bevölkerung den Zugang zu billiger Energie fast schon als unantastbares Recht ansieht. Auch würde der Industriesektor in seiner Wettbewerbsfähigkeit Einbußen erfahren, hätte er nicht länger Zugang zu preiswertem Rohmaterial für die eigenen Produktionsverfahren.

Um diesem Dilemma aus dem Weg zu gehen, versucht die Regierung durch Investitionen in erneuerbare Energien und den Ausbau von Kernenergie die steigende Nachfrage zu decken.[9] Hier handelt es sich aber um eine längerfristige Strategie, deren Auswirkungen erst in mehreren Jahren zu spüren sein werden. Außerdem erfordert dieser Weg enorme zusätzliche Kapitalinvestitionen, die eine weitere Belastung des Staatshaushaltes darstellen. Das Entscheidende ist, dass es ohne eine Umlage der tatsächlichen Kosten des Energieverbrauchs auf die Bevölkerung keine Veränderung des Verbraucherverhaltens geben wird. Derzeit ist die saudi-arabische Regierung dennoch nicht bereit, diesen Weg einzuschlagen.

Zum anderen könnte die sogenannte Schieferrevolution die zentrale Position des Königreichs als weltweit führenden Energieerzeuger gefährden. Die Vereinigten Staaten haben durch das Schieferverfahren nicht nur enorme Fortschritte in Bezug auf ihre angestrebte Energieunabhängigkeit erzielt, was auch strategische Auswirkungen auf die US-amerikanische Nahostpolitik mit sich bringen könnte. Darüber hinaus haben sich die weltweit ansteigenden Erdöl-Produktionsvolumen auch direkt auf den Ölpreis ausgewirkt.

Der jüngste Rückgang des Ölpreises zwischen Juni und September 2014, der trotz der Krise im Nahen Osten und vor allem in den zwei erdölreichen Staaten Irak und Libyen sowie trotz der Sanktionen gegen die wichtigen Förderländer Iran und Russland zu verzeichnen war, unterstreicht die Umbrüche auf dem internationalen Ölmarkt. Saudi-Arabiens Einfluss auf die weitere Ölpreisentwicklung droht sich zu verringern, das Land sieht seine Rolle als swing producer in Gefahr. Das Königreich kann somit nicht davon ausgehen, dass ein hoher Ölpreis auf unbestimmte Zeit bestehen bleibt. Sogar der Preis von 100 US-Dollar pro Barrel, den Saudi-Arabien in den vergangenen Jahren als angemessen beschrieben hat, ist in den kommenden Jahren nicht mehr unbedingt zu halten. Das Königreich sieht sich also mit einem deutlich unbeständigeren globalen Ölmarkt konfrontiert – eine Entwicklung, die auch bedeutet, dass Saudi-Arabien insbesondere von einem anhaltenden Wirtschaftswachstum in Asien abhängig sein wird, um den Ölpreis einigermaßen stabil zu halten. Sogar ein stagnierender Preis hätte unmittelbare Folgen für den saudi-arabischen Staatshaushalt und damit für die Wirtschaftsentwicklung.

Angesichts der bereits erwähnten Abhängigkeit von Erdöl als Grundpfeiler der saudi-arabischen Wirtschaft haben sich die Bemühungen auf einen breitgefächerten wirtschaftlichen Diversifizierungsprozess konzentriert, um diese Abhängigkeit zu reduzieren und der Wirtschaft eine breitere, solidere Basis zu geben. Ölminister Ali al-Naimi bezeichnete im März 2012 die Diversifizierung weg vom Öl als die größte Herausforderung für sein Land. Um diesen Weg einzuschlagen, hat die Regierung groß angelegte Investitionen in sogenannte Megaprojekte angekündigt, um auf diesem Weg den Privatsektor zu stärken sowie die Schaffung von Beschäftigungsmöglichkeiten für junge Saudis zu gewährleisten. Dazu gehören öffentlich-private Partnerschaften in Form von Investitionen in die Infrastruktur und die Errichtung von economic cities, um die Industrialisierung zu fördern. Erste Erfolge sind bereits zu verzeichnen. Die Kombination aus erhöhten staatlichen Investitionen und dem Ausbau des Privatsektors haben zu einem stetigen Anstieg der Nichtölexporte als Teil der Gesamtwirtschaft geführt.[10] Dennoch bleibt das Vorhaben hauptsächlich abhängig von staatlichen Ausgaben. Der Großteil der bereits angekündigten Pläne bleibt bisher jedoch eher Vision als Realität, die tatsächliche Umsetzung kommt nur sehr zögerlich voran. So hat beispielsweise der Bau der sieben economic cities, die gemeinsam 1,5 Millionen Arbeitsplätze schaffen und 170 Milliarden US-Dollar zusätzlich zum BIP des Landes beitragen sollen, kaum begonnen – und es bestehen entsprechende Zweifel, ob diese Vorhaben sich wie geplant realisieren lassen.

Es stellen sich die grundsätzlichen Fragen, ob die wirtschaftlichen Reformen die gewünschte Wirkung zeigen und schnell genug umgesetzt werden, um der im Inland steigenden Unzufriedenheit entgegenzuwirken. Hier besteht die berechtigte Sorge, dass angesichts anhaltender Wachstumsraten die Entschlossenheit der Regierung schwinden könnte, sich auch weiterhin der Umsetzung notwendiger Strukturanpassungen in der Wirtschaft zu verpflichten. Auf dem Papier mögen die angekündigten Bemühungen zur Diversifizierung zwar überzeugen, bei der Implementierung zeigen sich die Verantwortlichen jedoch zögerlich und nicht ausreichend konsequent.

Fußnoten

6.
Vgl. Saudi Arabia’s 2014 Budget, 23.12.2013, http://susris.com/wp-content/uploads/2013/12/131224-jadwa-budget-en.pdf« (27.10.2014).
7.
Vgl. Lucas Davis, The Economic Cost of Global Fuel Subsidies, in: Energy Institute at Haas, Arbeitspapier 247, Dezember 2013, S. 3f., http://ei.haas.berkeley.edu/pdf/working_papers/WP247.pdf« (6.10.2014).
8.
Vgl. Robert Tuttle/Anthony DiPaola, Mideast Turmoil Keeps Gasoline at 45 Cents in Oil States, 1.10.2014, http://www.bloomberg.com/news/2014-09-30/mideast-turmoil-keeps-gasoline-at-45-cents-in-oil-states.html« (5.10.2014).
9.
Vgl. James Conca, Saudi Arabia Fast-Tracks Nuclear Power, 9.8.2014, http://www.forbes.com/sites/jamesconca/2014/09/08/saudi-arabia-fast-tracks-nuclear-power/« (30.9.14).
10.
Vgl. Saudi Arabia: Economy, in: Jane’s Sentinel Country Risk Assessments, März 2013.
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