Das Bismarck-Denkmal in Goslar

20.3.2015 | Von:
Volker Ullrich

Der Mythos Bismarck und die Deutschen

Stilisierung zur nationalen Heldenfigur

Nach Bismarcks Tod 1898 nahm der Kult um seine Person ungeahnte Dimensionen an. Nicht geringen Anteil daran hatten die postum veröffentlichten Memoiren des Fürsten, "Gedanken und Erinnerungen", die das Bild, das sich viele national gesinnte Deutsche vom "Reichsgründer" machten, nachhaltig prägten. Die im November 1898 erschienenen ersten beiden Bände fanden reißenden Absatz. "In den Buchhandlungen", notierte Baronin Spitzemberg, "prügelt man sich um Bismarcks Erinnerungen."[15] Der Bestseller avancierte zu einem der Lieblingsbücher der Deutschen. Ludwig Bamberger war einer der wenigen, der bedauerte, dass ein Buch, in dem "die Worte ‚Humanität‘ und ‚Zivilisation‘ nie anders erwähnt" würden "als im Sinne der unbedingten Verspottung und der hohlen Phraseologie" gerade bei der Jugend so viel Anklang fand. Dadurch würde "das fragwürdige Ideal der soldatischen ‚Schneidigkeit‘ mit allen seinen Auswüchsen zum höchsten Ausdruck des Nationalcharakters ausgebildet".[16] In den Denkmälern, die nach 1898 wie Pilze aus dem Boden schossen, fand dieses "fragwürdige Ideal" seinen markantesten Ausdruck. Sie zeigten den "Reichsgründer" in Kürassieruniform mit Pickelhaube, Stulpenstiefeln und Schwert – als martialischen Recken, der grimmigen Gesichts seinen Blick in unbestimmte Ferne schweifen lässt. Wie kein zweites symbolisiert das Hamburger Bismarck-Denkmal Hugo Lederers von 1906 in seiner kolossalen Größe den auftrumpfenden wilhelminischen Zeitgeist.[17]

Der Bismarck-Mythos löste sich zunehmend von der realen historischen Gestalt ab. Hinter dem Monumentalbild des "Eisernen Kanzlers" verschwand, was seine Außenpolitik seit Mitte der 1870er Jahre ausgezeichnet hatte: der Sinn für Maß und Mäßigung, der Einsicht abgerungen, dass die Existenz des Deutschen Reiches nur gesichert werden könne, wenn es sich selbst als "saturiert" definierte. Stattdessen wurde Bismarck nach seinem Tod zur Leitfigur eines überhitzten Nationalismus, in welche die wilhelminische Generation ihre imperialistischen Sehnsüchte hineinprojizierte. Besonders der kleine, aber einflussreiche Alldeutsche Verband begann Bismarcks Namen für die eigenen völkisch-expansionistischen Ziele in Anspruch zu nehmen. Jedes Jahr nach Friedrichsruh zu pilgern und Bismarck durch Kranzniederlegungen zu ehren, galt den Alldeutschen als "heilige Pflicht".[18]

Gegen die Stilisierung Bismarcks zur nationalen Heldenfigur erhob sich unter professionellen Historikern kaum Widerspruch. Im Gegenteil: Die meisten beteiligten sich eifrig daran, den Mythos mit wissenschaftlichen Argumenten zu untermauern. Ob die Vertreter der borussisch-kleindeutschen Schule, Heinrich von Sybel und Heinrich von Treitschke, oder die sie um die Jahrhundertwende ablösenden "Neo-Rankeaner" um Max Lenz, Erich Marcks oder Hermann Oncken – sie alle zollten "dem Schöpfer des Reiches freudig Tribut" und waren geneigt, die Exzesse des Bismarck-Kults "als unschuldigen Überschwang hinzunehmen, als das etwas unangenehm dröhnende Echo einer an sich trefflichen Melodie".[19] So trugen sie zu einem gesellschaftlichen Klima bei, das sich schließlich in der begeisterten Zustimmung des nationalen Bürgertums zum Krieg im August 1914 ein Ventil schuf.

Zur geistigen Mobilmachung dieser Tage gehörte auch die Beschwörung des "Eisernen Kanzlers". Vom "Bismarck in Feldgrau" war die Rede, dessen Werk nun vollendet werden müsse.[20] Einen Höhepunkt erreichte die militante Bismarck-Verklärung anlässlich seines hundertsten Geburtstages am 1. April 1915. "Wir sehen ihn vor unseren Augen übermenschlich groß, als Roland und Siegfried zugleich", verkündete der nationalliberale Politiker Gustav Stresemann, damals noch ein glühender Annexionist, und der Historiker Max Lenz sekundierte: "Bismarcks gewaltiger Schatten zieht mit in unseren Heeren. Sein Schwert ist es, dessen Schläge draußen so furchtbar widerhallen."[21] Nicht nur in offiziellen Veranstaltungen, sondern auch im privaten Kreis wurde des Reichskanzlers gedacht. Im Tagebuch des Heidelberger Mediävisten Karl Hampe ist unter dem Datum des 1. April 1915 zu lesen: "Nachmittags hatten wir im Hause eine kleine Bismarckfeier. Lotte (Hampes Frau – Anm. V.U.) hat in der Wohnstube eine geliehene Bismarckstatue aufgestellt. Sie und die Kinder sagten Gedichte (…). Ich hatte das Ganze mit einer kleinen Rede eingeleitet."[22]

Wie schon in den 1890er Jahren schloss die Berufung auf Bismarcks Titanengestalt im Weltkrieg immer auch eine Kritik an den für unfähig gehaltenen Nachfolgern ein, in diesem Falle an Theobald von Bethmann Hollweg, der den Annexionisten als "Flaumacher" galt und auf dessen Sturz sie im Juli 1917 zielbewusst hinarbeiteten. Nicht zufällig sollte die Deutsche Vaterlandspartei, in der sich damals die Anhänger eines "Siegfriedens" sammelten, ursprünglich den Namen "Bismarckbund" tragen.[23] Nach den allzu lange gehegten Illusionen über Deutschlands Siegesaussichten wurden die Niederlage von 1918 und das ruhmlose Ende der Hohenzollernmonarchie in nationalkonservativen Kreisen doppelt schmerzhaft empfunden. "Wir haben zusammen geweint", notierte Karl Hampe am 10. November. "Zur Stärkung las ich Lotte spät aus Bismarcks ‚Gedanken und Erinnerungen‘ den Abschnitt über 1848 vor."[24]

Vorbild eines "wegweisenden Führers"

"Zurück zu Bismarck" wurde zum Schlachtruf der politischen Rechten in der Weimarer Republik, das heißt all jener, die der geliebten Ordnung des Kaiserreiches hinterhertrauerten, die Deutschlands Großmachtstellung wieder herstellen wollten und eine starke Regierung über den Parteien herbeisehnten. "Wer männlich fühlt und denkt, wer von Bismarcks Geist einen Hauch verspürt hat, harret aus in Lehre und Beispiel, um die Rückkehr zu ihm zu erreichen", erklärte der Vorsitzende des Alldeutschen Verbandes, Heinrich Claß, im März 1920.[25]

Der Bismarck-Mythos erhielt somit eine neue Funktion: Hatte er vor 1918 dazu gedient, das politische und gesellschaftliche System des Kaiserreiches zu legitimieren, so sollte er nun dazu beitragen, die demokratische Ordnung von Weimar zu destabilisieren.[26] Deutlich wurde dies zum Beispiel während der Veranstaltungen zum fünfzigsten Jahrestag der Reichsgründung am 18. Januar 1921. Der Romanist Victor Klemperer etwa notierte im Telegrammstil, was der Rektor der Technischen Universität Dresden in einer Feierstunde zum Besten gab: "Das Reich ist in Trümmern, schuld die Frevler an Bismarck, Regierende wie den Frevel duldendes Volk – ‚Kraft‘ muß wiederkommen etc." Klemperers Kommentar: "Teils Phrase, teils Reaction."[27]

Die Dolchstoßlegende, also die Behauptung, Juden und Sozialisten seien für die Niederlage verantwortlich, verband sich mit dem Bismarck-Mythos zu einem trüben Gemisch, das die politische Kultur Weimars nachhaltig vergiftete. Dieser Propaganda hatte die demokratische Linke wenig entgegenzusetzen. Der den Sozialdemokraten nahestehende Freiburger Jurist Hermann Kantorowicz forderte 1921 dazu auf, endlich aus Bismarcks Schatten herauszutreten, denn solange jener "über den jungen Baum der deutschen Demokratie" falle, könne "dieser nicht gedeihen".[28] Auch der Erfolgsautor Emil Ludwig bemühte sich mit seiner populären Bismarck-Biografie von 1926 um einen Brückenschlag, indem er den Mythos aus der Verfügungsmacht der Republikgegner zu befreien suchte. Rudolf Olden dankte ihm in einer Rezension im "Berliner Tageblatt": "Bismarck, das ist unsere, des Deutschen Reiches Geschichte. Wer so erzählt, daß Millionen Deutsche sie richtig lesen, der sichert den Weg, den es allein jetzt gehen kann, den Weg der Republik."[29] Doch dies blieben Stimmen von Außenseitern. Das Gros der deutschnational orientierten Fachhistoriker verharrte in feindseliger Distanz zur Weimarer Republik. Trotz mancher Fortschritte der Geschichtsforschung war die Faszinationskraft des Bismarck-Mythos ungebrochen. Die Herausgabe der "Gesammelten Werke" Bismarcks seit 1924, so verdienstvoll sie auch war, diente denn auch einem politischen Zweck, den einer der Bearbeiter, Friedrich Thimme, unverblümt benannte: "unserer heranwachsenden Jugend und der kommenden Führerschicht unseres Volkes (…) ein leuchtendes Vorbild" zu geben, "in welcher Weise sie das Ziel, Deutschlands Macht und Größe wiederherzustellen, erreichen können."[30]

Der Ruf nach einem "zweiten Bismarck" artikulierte sich in den letzten Jahren der Weimarer Republik immer vernehmlicher. "Sein Bild vor allem schwebt uns vor", rief der Münchner Historiker Karl Alexander von Müller auf dem Dritten Bismarck-Tag 1929 aus, "wenn wir hoffen, daß die politische Schöpferkraft unseres Volkes noch nicht erloschen ist und sich eines Tages wieder, wie ein Blitz im Gewölke, verdichtet zu einem wegweisenden Führer."[31] Nicht wenige sahen bereits vor 1933 in dem "Führer" der NSDAP, Adolf Hitler, diese neue charismatische Heilsfigur. Jedenfalls konnten sich die Nationalsozialisten die weitverbreitete Sehnsucht nach einem politischen Messias zunutze machen. Geschickt bedienten sie sich in den ersten Monaten nach der "Machtergreifung" Bismarcks Namen, indem sie sich als "junge Kraft" präsentierten, die das Werk des großen Vorgängers fortsetzen wolle. Am 1. April 1933 pries Propagandaminister Joseph Goebbels im Rundfunk die "Wiedergeburt der Nation" als "historisches Wunder": "Bismarck war der große staatspolitische Revolutionär des 19. Jahrhunderts, Hitler ist der große staatspolitische Revolutionär des 20. Jahrhunderts."[32] Je mehr sich aber Hitlers Diktatur konsolidierte und der Führerkult üppige Blüten trieb, desto weniger waren die Nationalsozialisten auf den Bismarck-Mythos als Legitimationsmittel angewiesen. Der Reichsgründer wurde "zum Vorläufer degradiert";[33] seine Bedeutung in der Symbolpolitik des "Dritten Reiches" nahm kontinuierlich ab.

Fußnoten

15.
Rudolf Vierhaus (Hrsg.), Das Tagebuch der Baronin Spitzemberg, Göttingen 19835, S. 381 (20.12.1898); vgl. Otto von Bismarck, Gesammelte Werke, Neue Friedrichsruher Ausgabe, Abteilung IV: Gedanken und Erinnerungen, Paderborn u.a. 2012, S. VIII.
16.
Gustav Seeber, Bismarcks "Gedanken und Erinnerungen" von 1898, in: Jost Dülffer/Hans Hübner (Hrsg.), Otto von Bismarck. Person–Politik–Mythos, Berlin 1993, S. 237–246, hier: S. 242.
17.
Vgl. Susanne Wiborg, Der größte Bismarck der Welt, in: Die Zeit vom 1.6.2006, S. 68.
18.
Rainer Hering, Konstruierte Nation. Der Alldeutsche Verband 1890 bis 1939, Hamburg 2003, S. 229f.
19.
Hans-Günter Zmarzlik, Das Bismarck-Bild der Deutschen – gestern und heute, Freiburg 1967, S. 16f.
20.
Theobald Ziegler, Bismarck und die akademische Jugend, in: Max Lenz/Erich Marcks (Hrsg.), Das Bismarck-Jahr, Hamburg 1915, S. 252–295, hier: S. 257.
21.
Zit. nach: Egmont Zechlin, Das Bismarck-Bild 1915. Eine Mischung aus Sage und Mythos, in: ders., Krieg und Kriegsrisiko. Zur deutschen Politik im Ersten Weltkrieg, Düsseldorf 1979, S. 227–233, hier: S. 227f.
22.
Karl Hampe, Kriegstagebuch 1914–1918, hrsg. von Folker Reichert und Eike Wolgast, München 2004, S. 217.
23.
Vgl. Heinz Hagenlücke, Deutsche Vaterlandspartei. Die nationale Rechte am Ende des Kaiserreichs, Düsseldorf 1997, S. 149–151.
24.
K. Hampe (Anm. 22), S. 776 (10.11.1918).
25.
Zit. nach: Lothar Machtan (Hrsg.), Bismarck und der deutsche Nationalmythos, Bremen 1994, S. 35.
26.
Vgl. Robert Gerwarth, Der Bismarck-Mythos. Die Deutschen und der Eiserne Kanzler, München 2007, S. 42ff.
27.
Victor Klemperer, Leben sammeln, nicht fragen wozu und warum: Tagebücher 1918–1924, hrsg. von Walter Nowojski, Berlin 1996, S. 408 (19.1.1921).
28.
Hermann Kantorowicz, Bismarcks Schatten, Freiburg/Br. 1921, S. 5.
29.
Sebastian Ullrich, Im Dienste der Republik von Weimar. Emil Ludwig als Historiker und Publizist, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, 49 (2001) 2, S. 130f.
30.
Annelise Thimme (Hrsg.), Friedrich Thimme 1868–1938. Ein politischer Historiker, Publizist und Schriftsteller in seinen Briefen, Boppard am Rhein 1994, S. 311 (7.8.1931).
31.
Zit. nach: L. Machtan (Anm. 25), S. 46; vgl. Matthias Berg, Karl Alexander von Müller. Historiker für den Nationalsozialismus, Göttingen 2014, S. 155ff.
32.
Zit. nach: Lothar Machtan, Bismarck, in: Etienne François/Hagen Schulze (Hrsg.), Deutsche Erinnerungsorte, Bd. 2, München 2001, S. 86–104, hier: S. 101.
33.
Theodor Heuss, Das Bismarck-Bild im Wandel. Ein Versuch, Berlin 1951, S. 3.
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