Wiener Kongress

18.5.2015 | Von:
Matthias Middell

Der Wiener Kongress aus globalhistorischer Perspektive

Von globalen Herausforderungen zu europäischen Lösungen

Der Wiener Kongress war einberufen worden, um das Kapitel revolutionärer Erschütterungen zu schließen, das mit dem Kampf der 13 nordamerikanischen Kolonien für ihre Unabhängigkeit von der britischen Herrschaft eröffnet worden war und 1815 zwar in Europa vorüber schien, aber besonders in Südamerika noch seinem Höhepunkt zustrebte. Daher verwundert es nicht, dass auf dem Kongress auch diese weit entfernten Schauplätze zu bedenken waren. Von Boston bis Warschau, Mainz und Neapel, von Amsterdam bis Caracas, von Port au Prince bis Paris hatten die Menschen in diesem transatlantischen Revolutionszyklus – oft unter der Parole der Unabhängigkeit von kolonialer Unterdrückung[6] – die republikanische, auf Volkssouveränität basierende Selbstorganisation im Blick sowie Menschenrechte als Grundlage eines modernen Konstitutionalismus.[7] Dabei handelte es sich um alles andere als eine rein europäische Agenda; vielmehr war sie tief geprägt von den Erfahrungen des Kolonialismus.

Verursacht hatte diese Kette von Revolutionen die instabil gewordene Kontrolle über die globalen Warenflüsse. Insbesondere die Plantagenwirtschaften der Karibik, in Brasilien und im Süden der USA lieferten Ressourcen für einen weltweiten Handelskreislauf. Dass die Plantagen so produktiv waren, hatte seine Grundlage nicht nur in den günstigen klimatischen Voraussetzungen, sondern vor allem in der gnadenlosen Ausbeutung der hauptsächlich aus Afrika stammenden Sklaven. Die enormen Gewinnspannen hatten immer mehr Akteure angezogen, sodass die Kontrolle über die Schiffsrouten und die Karibik sowie über Handelspatente und die Besteuerung der Einnahmen zu einem immer stärker umkämpften Terrain geworden waren.

Frankreich, dessen Einstieg in das Plantagengeschäft erst relativ spät und zögerlich erfolgt war, verfügte schließlich mit Saint-Domingue über die produktivste der Inseln mit einem ungewöhnlich hohen Sklavenanteil an der Gesamtbevölkerung und weit unterdurchschnittlichen Fluchtmöglichkeiten. Während es im 18. Jahrhundert an anderen Orten seines Kolonialreiches eher zum Rückzug gezwungen worden war, hatte die Zuckerproduktion auf Saint-Domingue die Grundlage für florierende Hafenstädte von Nantes bis Marseille geliefert – angesichts der Kreditklemme ein rettender Strohhalm für die französische Krone. Auf ebenjener Zuckerinsel zog der mit der Französischen Revolution erschallende Ruf nach Freiheit und Gleichheit 1791 ein heftiges Echo in Form eines Sklavenaufstandes nach sich. Bis dahin war das humanitäre Argument gegen Sklaverei zwar auch in Frankreich präsent, aber beileibe nicht bestimmend für die Kolonialpolitik gewesen. Die Revolution der "schwarzen Jakobiner" stürzte Paris nun in größte Verlegenheit. Eine offene Konfrontation hätte das völlige Abreißen der Verbindung zum "Kronjuwel" des verstreuten französischen Überseebesitzes bedeutet. Der Anführer der siegreichen Sklaven, Toussaint L’Ouverture, hatte wiederum erkannt, dass die Bindung an Frankreich im unsicheren internationalen Umfeld auch eine Garantie gegen eine neue Kolonisierung bildete und Absatzmärkte für die monokulturell ausgerichtete Wirtschaft der Insel bot. Der von Robespierristen dominierte französische Konvent erkannte schließlich 1794 die Abschaffung der Sklaverei formell an und hielt damit den Kurs der Verwirklichung der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1789.

Der Sieg der ehemaligen Sklaven hatte somit die Radikalisierung der Revolution in Europa weit über ein ursprünglich beabsichtigtes Maß hinaus erzwungen. Dies hatte wiederum den Antagonismus zwischen dem revolutionären Frankreich und der britischen Monarchie verschärft. Als Napoleon 1799 dem britischen König Georg III. vorschlug, die Feindseligkeiten aufzugeben, lief dessen brüske Zurückweisung auf den Vorwurf hinaus, Frankreich habe die "gute soziale Ordnung" durcheinander gebracht, was nicht zuletzt auch ein Hinweis auf die politische Anerkennung der Abolition war. Kurz darauf schon begann das Rollback in der Sklavenfrage und Napoleon führte die Sklaverei 1802 per Gesetz wieder ein. Eine Militärexpedition ausgerechnet unter dem Ex-Jakobiner Charles Victoire Emmanuel Leclerc sollte die angestammte Ordnung auf Saint-Domingue wiederherstellen, was seitens des britischen Außenministeriums als ein Hoffnungszeichen gewertet wurde, dass Frankreich sich wieder an der gemeinsamen Sicherung der "sozialen Ordnung", mithin auch der Sklaverei in Übersee, beteiligen würde. Dass Leclercs Vormarsch scheiterte, erledigte die Planungen für Saint-Domingue, das sich 1804 unter dem Namen Haiti für unabhängig erklärte, aber keineswegs für die anderen Inseln in französischem Besitz. Es sollte bis 1848 dauern, ehe Frankreich die Sklaverei erneut per Verfassung verbot.[8]

Parallel hatte sich jedoch die innenpolitische Situation in England verändert. Nach dem Verlust der nordamerikanischen Kolonien war es nur noch auf einigen Inseln auf Sklavenarbeit angewiesen. Zugleich hatte die anschwellende humanitäre Bewegung für die Abschaffung der Sklaverei mit erfolgreichen Petitionen und Boykotts gegen von Sklaven produzierte Waren einen erheblichen Druck aufgebaut, sodass 1807 der Sklavenhandel per Erlass verboten wurde. In der Folge setzte sich Großbritannien, die weltweit größte Seemacht, aktiv für die internationale Ausdehnung dieses Verbots ein. Dabei erhielt die britische Regierung Unterstützung aus der Londoner City, wo befürchtet wurde, dass die europäischen Konkurrenten wirtschaftlich vom britischen Rückzug aus dem Sklavengeschäft profitieren könnten.

Auf Drängen Castlereaghs wurde daher auf dem Wiener Kongress eine Abolitionskommission eingerichtet, die im Zuge ihrer Sitzungen eine Erklärung zur Abschaffung des afrikanischen Sklavenhandels erarbeitete, die als Annex 15 in die Wiener Schlussakte eingehen sollte. Dabei handelte es sich wohlgemerkt nicht um die Abschaffung der Sklaverei, aber es sollte ihr den Nachschub entziehen und nahm gewissermaßen Rücksicht auf die ökonomischen Interessen der Pflanzer, die sich langsam von der Droge billiger und allzeit umfassend verfügbarer Arbeitskräfte befreien sollten. Beim Kampf gegen den Sklavenhandel ging es dem Vereinigten Königreich nicht zuletzt auch um die Kontrolle der Meere: Die Visitierung von Häfen, Schiffen und Ladungen wurde der Royal Navy überlassen, die dafür am besten ausgestattet war.

Die Erklärung sparte nicht mit süßen Worten von der "öffentlichen Meinung" in den "zivilisierten Ländern", die den Prinzipien der Humanität und der universellen Moral ebenso verpflichtet seien wie der christlichen Religion. Der Text wird deshalb nicht selten als ein Dokument wertegetriebenen humanitären Völkerrechts angesehen, das auf entsprechende Erklärungen im 20. Jahrhundert verweist, etwa auf das Genfer Abkommen gegen Sklaverei von 1926. Großbritannien zog denn auch den größten Prestigegewinn aus diesem Annex, galt es von nun an als Vorreiter von Humanität und Modernität. Zunächst sah die Realität aber anders aus. Bis in die 1880er Jahre setzte sich die Versklavung von Menschen aus Afrika fort; die Zahl der über den Atlantik transportierten Sklaven stieg im 19. Jahrhundert sogar noch an.[9] Dennoch reiht sich die in Wien vollzogene Aufnahme des Problems in das Völkerrecht in die wichtigen Etappenschritte auf dem Weg zur moralischen, juristischen und politischen Ächtung der Sklaverei ein.

Im Kontext des Wiener Kongresses bietet uns der Sinneswandel in der britischen Außenpolitik aber auch einen deutlichen Hinweis auf die neue Weltordnung. Denn Englands Interesse war nicht nur moralisch und handelspolitisch, sondern auch geopolitisch motiviert. Das Gleichgewicht in Europa, um einen dauerhaften Frieden herzustellen, war das eine Ziel, die Absicherung neuer Handelsräume das andere. Erstaunlich schnell normalisierten sich die Beziehungen zu den Exkolonien in den nunmehrigen Vereinigten Staaten von Amerika. Ein weiterer bislang noch unerschlossener, aber alsbald stark wachsender Markt ließ sich im Süden des amerikanischen Doppelkontinents vermuten.[10] Doch weder Siedlerkolonialismus noch die Eroberung von Stützpunkten schienen hier geeignete Instrumente. Die kostengünstigere Variante war ein grundsätzliches Freihandelsregime, bei dem die Märkte nicht mehr durch die alten Kolonialprivilegien kontrolliert wurden. Vielmehr sollten die wichtigsten Meeresrouten durch die Royal Navy wenn schon nicht restlos kontrolliert, so zumindest freigehalten werden. Dieses Freihandelsregime für eine wachsende Menge relativ billiger Produkte, das den jeweils stärksten Regionalmächten die Sorge um die politische Stabilität überantwortete, beruhte auf geopolitischem Kalkül.

So war das Ergebnis des Wiener Kongresses eine Art Regionalisierung der Welt, deren Zusammenhang wiederum durch das global vorherrschende britische Empire garantiert wurde. Nicht zufällig strebte der südamerikanische Unabhängigkeitskämpfer Simón Bolívar parallel zum Wiener Kongress eine Vereinigung des südlichen Amerika in einer großen Republik an. Er scheiterte jedoch an den zentrifugalen Interessen seiner Mitstreiter und musste sich mit der langwierigen Herausbildung von Nationalstaaten aus dem imperialen Zusammenhang des vorherigen Kolonialbesitzes abfinden.[11] So konnten die USA 1823 mit der Monroe-Doktrin ihren Anspruch anmelden, über ein eigenes Einflussgebiet zu bestimmen.

Der größte Teil der Wiener Schlussakte behandelte europäische Angelegenheiten, insbesondere den Neuzuschnitt des zentralen Teils dieses Kontinents, der sich einer rationalisierenden Vereinigung unter Napoleon entwunden hatte. Dies geschah jedoch als Resultat einer globalen Kräftemobilisierung und bestimmte Europas Platz in der Welt und seine Verflechtung mit anderen Weltregionen neu. Wer Europa nach dem transatlantischen Revolutionszyklus eine stabile Friedensordnung geben wollte, musste die vielen Facetten seiner globalen Eingebundenheit berücksichtigen und die in Wien gefundenen Lösungen blieben nicht ohne Einfluss auf spätere Versuche, globale Krisen zu überwinden.[12]

Fußnoten

6.
Vgl. David Armitage, The Declaration of Independence. A Global History, Cambridge, MA u.a. 2007; Pierre Serna, Toute révolution est guerre d’indépendance, in: Jean-Luc Chappey et al. (Hrsg.), Pour quoi faire la Révolution, Marseille 2012, S. 19–49.
7.
Vgl. Lynn Hunt, Inventing Human Rights. A History, London 2007.
8.
Vgl. Marcel Dorigny (Hrsg.), Les abolitions de l’esclavage. De L.F. Sonthonax à V. Schoelcher: 1793–1794–1848, Saint-Denis–Paris 1995.
9.
Vgl. Michael Zeuske, Handbuch Geschichte der Sklaverei. Eine Globalgeschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart, Berlin–Boston 2013.
10.
Vgl. Manfred Kossok, Im Schatten der Heiligen Allianz. Deutschland und Lateinamerika 1815–1830, Berlin 1964.
11.
Vgl. Jeremy Adelman, Sovereignty and Revolution in the Iberian Atlantic, Princeton 2009.
12.
Vgl. Glenda Sluga, Internationalism in the Age of Nationalism, Philadelphia 2013.
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