"Privat"

19.8.2015 | Von:
Jürgen Kocka

Arbeit im Kapitalismus. Lange Linien der historischen Entwicklung bis heute

Von der Ausbeutung zum "Normalarbeitsverhältnis"

In der ersten Industrialisierungsphase haben Arbeiter und Arbeiterinnen unter härtester Ausbeutung, extrem langen Arbeitszeiten und niedrigen Löhnen, Not und Entbehrung gelitten. Die Kinderarbeit im Bergwerksstollen, die lange Reihe gleichgerichteter junger Frauen an den Maschinentischen der Mechanischen Spinnerei, das Wohnen in dunklen Kellern überfüllter Mietshäuser in den Arbeiterquartieren schnell wachsender Städte, der verzweifelte Aufstand der schlesischen Weber, von Gerhart Hauptmann auf die Theaterbühne gebracht – das sind Bilder von Elend und kapitalistischer Ausbeutung, die sich ins kollektive Gedächtnis eingegraben haben.

Aber nach den ersten Jahrzehnten begann – allmählich, ungleich verteilt und immer wieder durch Krisen und Kriege unterbrochen – in einem großen Teil der Welt und trotz fortbestehender und neu entstehender Bereiche von Ausbeutung und Armut mit fortschreitender Industrialisierung eine Aufwärtsentwicklung der Arbeits- und Lebensverhältnisse. Nach zahllosen Anstrengungen und Konflikten, Neuerungen und Reformen in der Arbeitswelt wie in Gesellschaft und Politik hat sich Lohnarbeit zutiefst verändert. In einem großen Kernbereich haben sich bis zum dritten Viertel des 20. Jahrhunderts am Ziel des Familienlohns orientierte Verdienstzunahme, entschiedene Arbeitszeitverkürzung (wenn auch bei ähnlich entschiedener Arbeitsintensivierung), Risikoabsicherung durch verbriefte Ansprüche im Fall von Entlassung, Unfall, Krankheit und Alter sowie individuelle und kollektive Arbeiterrechte in hohem Maße durchgesetzt. Für die so gefundenen Arrangements hat sich der positiv gemeinte Ausdruck "Normalarbeitsverhältnis" eingebürgert, der allerdings vergessen lässt, dass diese Errungenschaft über die Jahrhunderte alles andere als "normal" war, weltweit weiterhin die Ausnahme darstellt und selbst dort gegenwärtig in Frage gestellt wird, wo sie sich ein Stück etabliert hatte.[4] Die drei wichtigsten Motoren dieser Entwicklung zum Besseren seien kurz umrissen:

Erstens, in den Unternehmen wurden Produktivitätsfortschritte erzielt, die die genannten Verbesserungen erst möglich machten. Diese wären ohne Lohnarbeit schwer denkbar gewesen. Denn nur diese, anders als die früher dominierenden Formen gebundener Arbeit, besitzt die Flexibilität, die es kapitalistisch kalkulierenden Unternehmensleitungen erlaubt, Arbeitskräfte in Bezug auf den Unternehmenszweck optimal zu rekrutieren, umzuschichten und eventuell zu entlassen, zugleich aber die "Kosten" dieser Flexibilität etwa im Falle der Entlassung zu "externalisieren", was die Unternehmen entlastet und die Gesellschaft in die Pflicht nimmt. Im Interesse an zunehmender Produktivität haben überdies zahlreiche Unternehmensleitungen auf fortgeschrittener Stufe der Industrialisierung entdeckt, dass Arbeitszeitverkürzung, schonender Umgang mit der Ressource "Arbeitskraft" und gewisse Konzessionen an Arbeiterforderungen auch dem Unternehmenserfolg nützen.

Mindestens so wichtig war, zweitens, ein weiterer Antrieb: die staatliche Intervention. Die Bereitschaft staatlicher Instanzen, Missstände in der Arbeitswelt durch Gesetze, Verordnungen und Kontrollen zu bekämpfen und Arbeitern Rechte zu sichern, hatte viele Motive. Eines hing mit der öffentlichen Sichtbarkeit der Lohnarbeit zusammen, die nicht mehr im Haus, auf dem Hof oder in anderen traditionalen Beziehungen, sondern separiert, in der Fabrik oder Zeche stattfand. Das galt beispielsweise für Kinderarbeit, die als Teil des landwirtschaftlichen Betriebs und der gewerblichen Heimarbeit über Jahrhunderte selbstverständlich gewesen war, aber, herausgelöst aus Familie und Haushalt, zum Problem wurde, das insbesondere von der pädagogisch engagierten Öffentlichkeit wahrgenommen und kritisiert wurde: ein wichtiger Beitrag zur Politisierung des Problems und zum staatlichen Kinderarbeitsverbot, das beispielsweise in Preußen seit 1839 in mehreren Schritten durchgesetzt wurde und entscheidend zum Verschwinden der industriellen Kinderarbeit beitrug. In späteren Jahrzehnten wurden Gesetze erlassen, die staatlichen Schutz vor verbreiteten Risiken wie Unfall, Krankheit, Invalidität, Alter und später auch Arbeitslosigkeit boten, so in Deutschland seit den Bismarckschen Sozialversicherungen der 1880er Jahre.

Der Erste Weltkrieg und die Revolution von 1918/19 trugen entscheidend zum Ausbau des gesetzlichen Arbeiterschutzes und zur Gewährleistung von Arbeiterrechten bei, auch durch die Stärkung der Gewerkschaften und ihrer Verhandlungsmacht. In der Phase erfolgreichen Wirtschaftswachstums während des dritten Viertels des 20. Jahrhunderts wurde dieser Ausbau des Sozialstaats beschleunigt fortgesetzt und in einigen Ländern wie Deutschland durch Formen gesetzlich garantierter Arbeitnehmermitbestimmung in den Unternehmen ergänzt. Der Sozialstaat war ein Produkt komplizierter politischer Prozesse. Er hat in verschiedenen Ländern verschiedene Gestalt angenommen. Doch bis in die 1970er Jahre schritt sein Ausbau in den meisten ökonomisch entwickelten Ländern in der einen oder anderen Weise voran, in Europa mehr als in den USA. Zu den Voraussetzungen gehörten Wirtschaftswachstum, kritische Öffentlichkeit und ein starker Staat. Der Sozialstaat hat zur Verbesserung der Arbeits-und Lebensverhältnisse, zur Umgestaltung der Lohnarbeit und zur Zivilisierung des Kapitalismus entscheidend beigetragen.

Drittens, nicht so sehr Freiheit als vielmehr Unterordnung und Disziplinierung enthält das kapitalistische Lohnarbeitsverhältnis für die Arbeitenden, nachdem es einmal eingegangen worden ist. Man mag es überdies für zynisch halten, den für Lohnarbeiter typischen Nicht-Besitz an Produktionsmitteln als Ausweis von "Freiheit" zu bezeichnen, wie es manchmal geschieht. Aus beiden Gründen ist es problematisch, im Anschluss an Marx von der "doppelt freien" Lohnarbeit als zentralem Element des Kapitalismus zu sprechen. Trotzdem steckt ein Korn Wahrheit in dieser Redeweise. Denn frei sind Lohnarbeiter im Unterschied zu Zwangsarbeitern, Sklaven, Leibeigenen, indentured labourers (zeitlich begrenzte Lohnknechtschaft auf vertraglicher Basis), Gesindepersonen oder auch korporativ eingebundenen Handwerksgesellen früherer Jahrhunderte in zweifacher Weise: Frei von außerökonomischem Zwang können Lohnarbeiter ein Arbeitsverhältnis eingehen und kündigen; und im lohnarbeitstypischen Tausch von Arbeitskraft gegen Lohn geht es um die Erbringung beziehungsweise Nutzung wenigstens grob umrissener Arbeitsleistungen, nicht aber um die Zurverfügungstellung beziehungsweise die Indienstnahme der ganzen Person des/der Arbeitenden.

Es ist einzuräumen, dass dieses zum Prinzip der Lohnarbeit gehörende Recht oftmals abstrakt und ohne praktische Bedeutung (gewesen) ist, etwa immer dann, wenn die Arbeitenden aus harter Überlebensnotwendigkeit und angesichts des Fehlens von alternativen Arbeitsplatzangeboten auf einem nicht ausdifferenzierten, vielmehr monokulturellen Arbeitsmarkt faktisch gezwungen waren, sich bei einem spezifischen Arbeitgeber zu verdingen und bei ihm zu bleiben. Auch zeigt die neuere Forschung, dass sich "freie" und "unfreie" Arbeit, etwa auf großen Plantagenwirtschaften des Globalen Südens, in ihren Alltagswirkungen auf die Betroffenen eher graduell als prinzipiell unterschieden haben und überdies zahlreiche Mischverhältnisse zwischen "freier" und "unfreier" Arbeit nicht nur bestanden, sondern auch bestehen. Es ist zu Recht herausgearbeitet worden, dass Kapitalismus nicht nur auf der Basis von Lohnarbeit funktioniert, sondern – unter bestimmten Bedingungen – auch Sklavenarbeit, Zwangsarbeit oder Gesindedienst ausnutzen kann, jedenfalls auf längere Zeit. Trotzdem sollte man das besondere Element von Freiheit, das der Lohnarbeit im Vergleich zu anderer abhängiger Arbeit eigen ist, nicht übersehen. Für viele unmittelbar betroffenen Arbeiter fiel es jedenfalls ins Gewicht, wenn sie etwa in der deutschen Industrialisierung des 19. Jahrhunderts ein Lohnarbeitsverhältnis in der Fabrik der Existenzform des in den Meisterhaushalt eingebundenen Handwerksgesellen oder dem rechtlich beschränkten Gesindestatus der Magd oder des Dienstmädchens vorzogen.

Unmittelbarer Ausdruck der Freiheit der Lohnarbeiter war und ist ihre Fähigkeit, sich individuell und kollektiv entweder zur Wehr zu setzen oder Ansprüche auf Verbesserungen zu formulieren und durchzusetzen. Nur im Kapitalismus konnten autonome Arbeiterbewegungen mit Gewerkschaften, Genossenschaften und Arbeiterparteien stark werden. Erst im Industriekapitalismus des 19. Jahrhunderts ist dies geschehen, als Lohnarbeit zum Massenphänomen wurde, in Deutschland seit den 1840er Jahren. Die Energie der Arbeiterbewegung entzündete sich an unterschiedlichen Herausforderungen. Zum einen resultierte sie aus den Versuchen, sich gegen die Unsicherheiten zu schützen, die mit der Fortentwicklung der kapitalistischen Wirtschaftsweise regelmäßig zunahmen. Man denke an Unterstützungskassen, Genossenschaften und Friendly Societies (Hilfsgesellschaften). Zum anderen resultierte die Arbeiterbewegung aus den bereits genannten Verteilungs- und Herrschaftskonflikten, die im Kapital-Arbeit-Verhältnis angelegt sind. Das zeigte sich an vielen spontanen und organisierten Protesten und Forderungen, vor allem an Streiks. Schließlich gewannen und gewinnen Arbeiterbewegungen ihre Energie aus der Verteidigung überkommener nicht-kapitalistischer Arbeits- und Lebensformen gegen den sich breitmachenden Kapitalismus, etwa in der Verteidigung von Grundsätzen einer volkstümlichen Kultur der "Nahrung", des "gerechten Preises" und der Gemeinschaftlichkeit gegen die kapitalistische Logik von Individualisierung, Wettbewerb und Wachstum.[5]

Aus solchen Quellen hat sich die wohl wichtigste Protest- und Emanzipationsbewegung Europas im 19. und frühen 20. Jahrhunderts entwickelt, die Arbeiterbewegung mit ihren Aktionen, Vereinen, Gewerkschaften, Genossenschaften und Parteien. Es war der Druck der Arbeiterforderungen im Betrieb, in den Streiks, durch Gewerkschaften und in der Politik, der zu den genannten Verbesserungen der Arbeitsverhältnisse beitrug und damit, so kann man sagen, zur Zivilisierung des Kapitalismus. Der historische Vergleich macht deutlich, dass Arbeiterbewegungen dieser Art nicht mit Notwendigkeit aus dem Kapital-Arbeit-Spannungsverhältnis folgten, sondern zahlreiche kulturelle und politische Voraussetzungen hatten, die in großen Teilen Europas im 19. und frühen 20. Jahrhundert in hohem Ausmaß gegeben waren, aber weder in gleicher Stärke bis heute überleben noch in anderen Weltgegenden notwendigerweise zu finden sind.[6]

Fußnoten

4.
Vgl. Jürgen Kocka, Arbeitsverhältnisse und Arbeiterexistenzen. Grundlagen der Klassenbildung im 19. Jahrhundert, Bonn 1990; ders., Arbeiterleben, Arbeiterkultur. Die Entstehung einer sozialen Klasse, Bonn 2015 (i.E.).
5.
Vgl. Robert J. Steinfeld (Hrsg.), Coercion, Contract and Free Labor in the Nineteenth Century, Cambridge 2001; Jürgen Osterhammel, Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts, München 2009, S. 958–1009; Jan Lucassen (Hrsg.), Global Labour History, Bern 2006; Marcel van der Linden, Workers of the World. Essays Toward a Global Labor History, Leiden 2008; zuletzt: Jürgen Schmidt, Arbeiter in der Moderne. Arbeitsbedingungen, Lebenswelten, Organisationen, Frankfurt/M. 2015 (i.E.).
6.
Vgl. Marcel van der Linden/Jürgen Rojahn (Hrsg.), The Formation of Labour Movements 1870–1914, 2 Bde., Leiden 1990; Helga Grebing, Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Von der Revolution 1848 bis ins 21. Jahrhundert, Berlin 2007.
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