Symbolische Darstellung der Durchbrechung des mittelalterlichen Weltbildes, Holzschnitt 1888, im Stil um 1520. Aus: Camille Flammarion, L'atmosphère météorologie populaire, Paris 1888. (Bis 1974 fälschlicherweise ausgegeben als mittelalterlicher Holzschnitt). Digitale Kolorierung.

2.10.2015 | Von:
Silke Gülker

Wissenschaft und Religion: Getrennte Welten?

Wissensproduktion und Ethik

Mit Blick auf die Produktionsseite wissenschaftlichen Wissens geht es um die Frage, ob und inwiefern die religionskulturelle Umgebung einer Forschungsarbeit deren Fortgang beeinflussen kann. Dieser Frage hat sich der US-amerikanische Soziologe Robert K. Merton bereits in den 1970er Jahren gewidmet. Er beschreibt einen engen Zusammenhang zwischen dem Puritanismus im England des 17. Jahrhunderts und der Entwicklung der modernen Naturwissenschaften.[18] Aus heutiger Perspektive liegt insbesondere nahe, forschungsethische Themen im Zusammenhang mit religiösen Weltbildern zu denken. Vor einigen Jahren fand zu diesem Thema eine Debatte zwischen dem damaligen Kardinal Joseph Ratzinger und dem Philosophen Jürgen Habermas statt. Ratzinger sprach von "gegenseitiger Begrenzung" von Glauben und Vernunft, um für sich genommen unheilvollen Machtansprüchen sowohl von Religion als auch von Wissenschaft zu begegnen.[19] Ganz aktuell hat sich auch Papst Franziskus in einer Enzyklika über die aus christlicher Sicht ethisch gebotenen Grenzen wissenschaftlichen Fortschritts geäußert.[20] Die Grundidee, dass eine größere Nähe von Religion und Wissenschaft zu einer ethisch besseren, weniger utilitaristischen Wissenschaft führen würde, findet sich auch bei zahlreichen theologischen Autoren sowohl der christlichen als auch der islamischen Welt.[21]

Konflikte um die Grenzen wissenschaftlichen Fortschritts finden wir heute insbesondere im Feld der Lebenswissenschaften. In Debatten um das Klonen von Menschen, um die Forschung an embryonalen Stammzellen oder in jüngerer Zeit um die Entwicklung von Mensch-Tier-Mischwesen[22] werden Ängste vor einer grenzenlosen, "Gott spielenden" Wissenschaft deutlich. Interessant ist nun, wie diesen (religiös geprägten) Vorbehalten auch institutionell Raum gegeben wird. In Deutschland wie in vielen anderen Ländern sind religiöse Organisationen wichtige Akteure bei der Entwicklung von Regulierungspolitiken. Die evangelische und die katholische Kirche sind traditionell im Deutschen Ethikrat vertreten, seit 2012 ist auch ein muslimischer Wissenschaftler Mitglied dieses Gremiums. Dass in Deutschland beispielsweise im Bereich der embryonalen Stammzellforschung strengere Gesetze gelten als in vielen anderen Ländern, lässt sich unter anderem auf den Einfluss dieses Gremiums zurückführen.[23] Damit ist also ein Zusammenhang zwischen religionskultureller Umgebung und Forschungspraxis geradezu institutionell organisiert – in Deutschland werden Dinge nicht getan, die in anderen Ländern erlaubt sind. Und dies wiederum ist nicht unabhängig von der inhaltlichen Entwicklung in diesem Forschungsfeld: Sicherlich auch aufgrund der besonderen Restriktionen in Bezug auf die Nutzung embryonaler Stammzellen wird in Deutschland besonders intensiv an der Erforschung von (ethisch weniger umstrittenen) adulten Stammzellen gearbeitet.[24]

Akzeptanzkonflikte

Wie sich auf der einen Seite die Produktion wissenschaftlichen Wissens nicht einfach losgelöst von der religionskulturellen Umgebung denken lässt, so ist auf der anderen Seite auch die gesellschaftliche Akzeptanz wissenschaftlicher Ergebnisse in diese Umgebung eingebettet. Die Frage ist hier, was und wem warum geglaubt wird. Oder sozialwissenschaftlich ausgedrückt: Welches Wissen erhält unter welchen Bedingungen Akzeptanz?

Dass wissenschaftliches Wissen nicht unter allen Bedingungen unangefochten Autorität beanspruchen kann, wurde bereits mit Hinweis auf den Streit zwischen Kreationisten und Evolutionisten angedeutet. Regional war dieser Streit zunächst auf die USA und Großbritannien beschränkt und hat dann eine Auseinandersetzung zwischen islamischen und christlichen Kreationisten nach sich gezogen.[25] In diesem Streit handelt es sich allerdings offenbar nicht allein um konkurrierende Wahrheitsangebote, die Debatten haben vielmehr ideologischen Charakter. Von den einen wird die Evolutionslehre gleichgesetzt mit amoralischem Materialismus, von den anderen wird Religion als "irrationale Weise der Weltdeutung" abgelehnt.[26]

Dass diese Debatten in Deutschland kaum geführt werden, bedeutet auch hier nicht, dass wissenschaftliche Wahrheitsangebote stets unangefochten Autorität beanspruchen könnten. Als Beispiel sei etwa auf die auch in Deutschland steigende Popularität von Alternativmedizin wie beispielsweise Ayurveda hingewiesen. Zunehmend viele Patientinnen und Patienten ziehen offenbar (jedenfalls in bestimmten Situationen) eine sich auf religiöse Traditionen berufende Heilslehre dem rein schulmedizinischen, auf wissenschaftlicher Methode basierenden Wissen vor – Medizin als "spirituelles Sinnangebot".[27]

Wissenschaftliche und religiöse Wahrheitsangebote konkurrieren miteinander – und sind nicht immer klar voneinander zu trennen. Dazu ein anderes aktuelles Beispiel: Unter dem Titel "Transhumanismus" organisiert sich in den vergangenen rund 15 Jahren eine Bewegung, die nun in erste Parteigründungen in den USA und auch in Deutschland mündet. Erklärtes Ziel der Bewegung ist es, die biologisch gegebenen Begrenztheiten des Menschen durch die Nutzung von Wissenschaft und Technik zu überwinden – und den Menschen damit schließlich unsterblich zu machen. Solche Ideen sind als Science Fiction nicht neu. Dass sie in jüngerer Zeit zunehmend neue Anhängerinnen und Anhänger finden, hängt wesentlich mit wissenschaftlichen Entwicklungen zusammen. Raymond Kurzweil, ein Kopf der Bewegung und leitender Entwickler bei Google, hat seine futuristischen Szenarien zur Abschaffung des Todes vor allem auf Entwicklungen in der Computertechnologie gestützt.[28] Die "ineffiziente Programmiererin" Evolution soll durch effiziente Rechner ersetzt werden. Während seine Vorstellung voraussetzt, dass sich alle menschlichen Fähigkeiten nach einem digitalen Code programmieren lassen, werden die Szenarien dann komplexer, wenn auch die Entwicklungen in den Lebenswissenschaften in die Zukunft gedacht werden. So stützen sich viele Anhänger transhumanistischer Ideen auf die Vorstellung, dass sich künftig alle Prozesse im menschlichen Körper auch biochemisch im Labor herstellen lassen.[29]

Was ist das für eine Bewegung? Schaut man auf ihre Webseiten und Texte, dann drängen sich schnell Parallelen zu frühen positivistischen Ideen auf: Wissenschaft bietet Heilsvisionen, die offenbar in bestimmten Kontexten Akzeptanz finden – der Transhumanismus als neue "Menschheitsreligion". Protagonisten beschreiben ihre Ideen selbst als eine Philosophie für Atheisten – ganz im Sinne Oevermanns hilft hier der Glaube an die Wissenschaft dabei, das menschliche Bewährungsproblem zu bearbeiten.

Gleichzeitig macht dieses Beispiel einmal mehr deutlich, wie Wahrheitsansprüche eingebettet sind in konkrete Macht- und Interessenkonstellationen. Dies gilt für Wahrheitsansprüche von religiösen Organisationen, aber nicht weniger für Wahrheitsansprüche der Wissenschaft. Einflussreiche Teile der Transhumanismus-Bewegung sind eng verknüpft mit Unternehmensnetzwerken im Silicon Valley, die Heilssuche von Transhumanisten ist verbunden mit lukrativer Produktentwicklung.[30]

Ausblick

Wissenschaft und Religion sind historisch enger miteinander verknüpft, als das gängige Narrativ nahelegt. Je nach Definitionsperspektive sind beide Bereiche zudem theoretisch nur schwer eindeutig voneinander zu unterscheiden. Die Produktion wissenschaftlichen Wissens ist stets in eine soziokulturelle und so auch religionskulturelle Umgebung eingebettet. Welche Wahrheitsangebote gesellschaftlich akzeptiert werden, hängt ebenfalls von dieser Umgebung ab. Für die Forschung heißt dies umgekehrt, dass empirische Analysen zum Verhältnis zwischen Wissenschaft und Religion zentrale Erkenntnisse über die normativen Grundlagen in modernen Gesellschaften versprechen.

Wie sind religiöse Organisationen in die Regulierung von Forschung eingebunden? Welche Rolle spielen religiöse Argumente in öffentlichen Debatten zu Forschung und Technik? Was ist Glauben und was ist Wissen im Forschungsprozess? International vergleichende Analysen zu Fragen wie diesen können Säkularisierungsthesen neu auf den Prüfstand stellen. Das Thema ist im Rahmen von Säkularisierungstheorien der vergangenen Jahrzehnte nämlich aus dem Blickfeld geraten – wohl auch eine Konsequenz der erfolgreichen Erzählung von getrennten Welten. Es ist an der Zeit für eine umfassende Neubetrachtung.

Fußnoten

18.
Vgl. Robert K. Merton, Science, Technology and Society in Seventeenth-Century England, New York 1972 (1938).
19.
Vgl. Joseph Ratzinger, Was die Welt zusammenhält. Vorpolitische moralische Grundlagen eines freiheitlichen Staates, in: Jürgen Habermas/Joseph Ratzinger, Dialektik der Säkularisierung, Freiburg/Br. 2005, S. 39–60.
20.
Vgl. Francis, Encyclical Letter Laudato si’ of the Holy Father Francis, Vatikanstadt 2015.
21.
Vgl. Andrew G. van Melsen, Science and Religion, in: Jan W. Fennema/Iain Paul (Hrsg.), Science and Religion. One World – Changing Perspectives on Reality, Dordrecht–Boston–London 1990, S. 27–34; Seyyed H. Nasr, Ideal und Wirklichkeit des Islams, München 1993.
22.
Vgl. Deutscher Ethikrat, Mensch-Tier-Mischwesen in der Forschung. Stellungnahme, Berlin 2011.
23.
Vgl. Alexandra Schwarzkopf, Die deutsche Stammzelldebatte. Eine exemplarische Untersuchung bioethischer Normenkonflikte in der politischen Kommunikation der Gegenwart, Göttingen 2014.
24.
Vgl. Deutscher Ethikrat, Öffentliche Anhörung zur Forschung mit adulten Stammzellen. Wortprotokoll, Berlin 2006, http://www.ethikrat.org/dateien/pdf/wortprotokoll-2006-07-27.pdf« (11.9.2015).
25.
Vgl. Salman Hameed, Evolution and Creationism in the Islamic World, in: Thomas Dixon/Geoffrey Cantor/Stephen Pumfrey (Hrsg.), Science and Religion. New Historical Perspectives, Cambridge 2010, S. 133–152.
26.
Monika Wohlrab-Sahr/Tom Kaden, Struktur und Identität des Nicht-Religiösen: Relation und soziale Normierungen, in: Christof Wolf/Matthias Koenig (Hrsg.), Religion und Gesellschaft, Wiesbaden 2013, S. 183–209.
27.
Anne Koch, Wie Medizin und Heilsein wieder verwischen. Ethische Plausibilisierungsmuster des Ayurveda im Westen, in: Zeitschrift für Medizinische Ethik, 52 (2006) 2, S. 169–182.
28.
Vgl. Ray Kurzweil, The Age of Spiritual Machines, New York 1999.
29.
Vgl. Sascha Dickel, Enhancement-Utopien. Soziologische Analysen zur Konstruktion des Neuen Menschen, Baden-Baden 2011.
30.
Vgl. Thomas Wagner, Robokratie. Google, Facebook, das Silicon-Valley und der Mensch als Auslaufmodell, Köln 2015.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Silke Gülker für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.