Symbolische Darstellung der Durchbrechung des mittelalterlichen Weltbildes, Holzschnitt 1888, im Stil um 1520. Aus: Camille Flammarion, L'atmosphère météorologie populaire, Paris 1888. (Bis 1974 fälschlicherweise ausgegeben als mittelalterlicher Holzschnitt). Digitale Kolorierung.

2.10.2015 | Von:
Sebastian Conrad

Die Weltbilder der Historiker: Wege aus dem Eurozentrismus

Eine Frage des Kontextes

Nun stellt der eurozentrische Blick, ganz allgemein gesprochen, lediglich eine Form der Positionalität dar. Eine solche Standortgebundenheit ist zunächst einmal nichts Ungewöhnliches, sondern spätestens seit dem Historismus im Prinzip ein integraler Bestandteil aller Theorien historischer Erkenntnis. Historiker sind geprägt von den Bedingungen ihrer Sozialisation und des Arbeitsumfelds, und Faktoren wie Nationalität, Herkunft, Alter, Religion, Geschlecht und so fort schlagen sich in Hintergrundannahmen, Bewertungen und Interpretationen nieder.

Zugleich sind auch Formen des Ethnozentrismus nichts Neues. Bezogenheit auf die Werte und Prämissen der eigenen Gesellschaft oder "Zivilisation" hat es zu allen Zeiten gegeben. Formal gesprochen ist daher auch der Eurozentrismus lediglich ein Ethnozentrismus unter vielen anderen. Seine Wirkung wurde allerdings dadurch verstärkt, dass er im Zuge des europäischen Imperialismus, der Ausbreitung kapitalistischer Produktionsweisen und schließlich der Verbreitung der modernen (europäischen) Sozialwissenschaften weltweite Verbreitung fand und Geltung beanspruchte.

Ein wichtiger Schritt, diese Hegemonie zu überwinden, wäre die Vervielfältigung der Perspektiven. So wie serbische und französische Historiker unterschiedliche Meinungen zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges haben können (was durchaus der Fall ist), so unterscheiden sich auch verschiedene Darstellungen der Welt. Die Bedeutung vieler Ereignisse – etwa des Sklavenhandels – verändert sich deutlich, wenn man von Angola oder Nigeria aus blickt, aus Brasilien oder Kuba, oder aus England oder Frankreich. Selbst das, was jeweils als "Welt" verstanden wird, ist keineswegs überall gleich. Die Anerkennung unterschiedlicher Perspektiven auf die globale Vergangenheit ermutigt dazu, eine Vielzahl historischer Akteure ernst zu nehmen – und beispielsweise Kolonialgeschichte nicht auf die Perspektive der Kolonisierenden zu reduzieren, Missionsgeschichte auf die Missionare oder die Studie von Grenzkonflikten auf nur eine Seite. Insgesamt wird es nötig sein, viele miteinander konkurrierende und sich zum Teil gegenseitig ausschließende Deutungen als legitim anzuerkennen.

Schließlich ist die Geschichtsschreibung – anders als die Naturwissenschaften – noch nicht zu einer einheitlichen, globalen Wissenschaft geworden. Sie bleibt stark von lokalen, regionalen und nationalen Kontexten, auch Leseerwartungen geprägt. Und angesichts der Nähe zu staatlichen Institutionen, dem Bildungssystem und der öffentlichen Erinnerung werden diese Faktoren auch weiterhin die Interpretation der Vergangenheit beeinflussen.[10]

Wege aus dem Eurozentrismus

Als Reaktion und Gegenbewegung gegen einen vorherrschenden Eurozentrismus sind seit den 1990er Jahren verschiedene Vorschläge gemacht worden. Diese Diskussionen sind sehr facettenreich und heterogen, und sie weisen in unterschiedlichen Ländern und Wissenschaftssystemen auch andere Schwerpunktsetzungen auf. Ungeachtet dieser Vielfalt lassen sich jedoch drei prinzipielle Strategien unterscheiden.[11]

Die erste Strategie – die Strategie der Inklusion – setzt darauf, Stimmen aus nichtwestlichen Gesellschaften, aus ehemals kolonisierten Regionen sowie aus dem globalen Süden stärker zur Geltung kommen zu lassen. Die Annahme dabei ist, dass zentrale politische und soziale Prozesse sozialer Ungleichheit, die in der herkömmlichen (europäischen) Sozialtheorie kaum vorkommen, in den betroffenen Regionen sehr wohl berücksichtigt werden. Während die in der Geschichtswissenschaft lange Zeit dominante Modernisierungstheorie etwa den Kolonialismus als Faktor weitgehend ausgeblendet hat, zeigen die Arbeiten aus ehemals kolonisierten Ländern, wie sich koloniale Strukturen auf Herrschaftsverhältnisse und den Staat, auf das soziale Gefüge, auf ethnische und religiöse Grenzziehungen oder auf die Alltagswelt ausgewirkt haben.

Die Strategie der Inklusion geht davon aus, dass theoretische Zugänge durch das empirische Material vor Ort "grundiert" und lokal geeicht werden müssen, dann aber durchaus in der Sprache der modernen Sozialwissenschaften formuliert werden können. Dieser Ansatz trägt sicherlich viel zu einer facettenreicheren Deutungslandschaft bei – auch wenn offen bleibt, ob Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus dem globalen Süden generell ein Korrektiv zu einer eurozentrischen Geschichtsschreibung darstellen, zumal viele dieser Historiker den lokalen Eliten angehören und in internationalen Institutionen ausgebildet worden sind.[12]

Fußnoten

10.
Siehe den anregenden Vergleich globalgeschichtlicher Perspektiven in den USA, Deutschland und China von Dominic Sachsenmaier, Global Perspectives on Global History: Theories and Approaches in a Connected World, Cambridge 2011.
11.
Vgl. Marcelo C. Rosa, Theories of the South: Limits and Perspectives of an Emergent Movement in Social Sciences, in: Current Sociology, 62 (2014) 6, S. 851–867.
12.
Vgl. Raewyn Connell, Southern Theory: The Global Dynamics of Knowledge in Social Science, Cambridge 2007.
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