Das Buch "Mein Kampf" von Adolf Hitler

16.10.2015 | Von:
Andreas Wirsching

Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition des Instituts für Zeitgeschichte

Sachliche Notwendigkeit

Die sachliche Notwendigkeit einer kritisch und umfassend kommentierten Neuausgabe von Hitlers "Mein Kampf" ergibt sich in erster Linie aus dem Quellenwert der Schrift. Auf den ersten Blick widerspricht diese Feststellung dem weitverbreiteten Urteil, das Buch sei langweilig, verquast, wirr, schlecht geschrieben, ja geradezu verrückt. Schon zeitgenössische Kritiker wie Andreas Andernach, der 1932 ein Buch über "Hitler ohne Maske" verfasste, gingen verhältnismäßig wenig auf die Inhalte des Buches ein. Stattdessen labten sie sich an der Polemik gegen den "in tötender Langeweile, mit endlosen Wiederholungen" zu lesenden "Heilsarmee-Sermon".[5] Gleichsam stilbildend geworden ist das Urteil Otto Straßers aus dem Jahr 1940, Hitlers politischem Gegner auf der extremen Rechten: "Alles zusammen war im Stil eines Schülers der sechsten Volksschulklasse geschrieben – ein grässliches Chaos von Gemeinplätzen, Schülerreminiszenzen, subjektiven Urteilen, persönlicher Gehässigkeit."[6] Und nimmt man beide Argumente zusammen – einerseits ein langweiliges, inhaltlich verquastes Buch, andererseits kaum jemand, der es sich antun würde, dieses Buch zu lesen –, dann kann man sich fragen, ob die ganze Aufregung um das Thema nicht leicht übertrieben ist.

Aber eine solche Auffassung würde in geradezu fahrlässiger Weise fortsetzen, was der Historiker Karl Dietrich Bracher schon vor Jahren in den vielzitierten Satz kleidete, die Geschichte Hitlers sei die Geschichte seiner notorischen Unterschätzung. Jedenfalls entspräche eine blasierte Haltung, die die Auseinandersetzung mit Hitlers Sentenzen als intellektuelle Zumutung und gleichsam unter der Würde des eigenen Bildungsniveaus liegend empfände, dem gleichen fatalen Fehler, den schon die zeitgenössischen Eliten der Weimarer Republik begingen: Sie nahmen Hitler zunächst nicht ernst, suchten sich sodann seiner propagandistischen Erfolge zu bedienen, um am Ende von ihm selbst benutzt, desavouiert und abserviert zu werden.

Tatsächlich muss "Mein Kampf" in dem Maß ernst genommen werden, in dem das Buch den wichtigsten Zugang zu Hitlers Denken und seiner Biografie eröffnet. An unzähligen Stellen offenbart Hitler seine menschenverachtende Ideologie und auf ihrer Basis eine in erschreckender Form pervertierte, geradezu verbrecherische Rationalität, die freilich zu einem wesentlichen Bedingungsfaktor des NS-Regimes wurde. Hiermit muss man sich auseinandersetzen, und das gilt auch dann, wenn die Botschaft in sprachlich limitierter und in der Gedankenführung längst nicht immer geradliniger Weise präsentiert wird. Im Folgenden seien drei Beispiele genannt.

Hitler beginnt sein ideologisches Schlüsselkapitel über "Volk und Rasse" mit der skurrilen Wendung: "Es liegen die ‚Eier des Kolumbus‘ zu Hunderttausenden herum, nur die Kolumbusse sind eben seltener zu finden."[7] Im Prinzip bräuchte so ein Satz gar nicht ins Lächerliche gezogen zu werden; bestätigt er nicht vielmehr das allseits bekannte Urteil: schlecht geschrieben, verquast? Liest man indes weiter, so verändert sich das Bild. Nach einigen weiteren, stilistisch indiskutablen Sentenzen – "Meise geht zu Meise, Fink zu Fink, der Storch zur Störchin, Feldmaus zu Feldmaus, Hausmaus zu Hausmaus, der Wolf zur Wölfin usw."[8] – erfährt man sehr bald, was Hitler antreibt. Da ist die Rede von der "Natur", einem in ihr wirksamen "ehernen Grundgesetz", einer natürlichen "Abgeschlossenheit der Arten".[9] Und Hitler spricht auch davon, dass die Natur den Verstoß gegen ihr "ehernes Gesetz" sanktioniert und zwar durch den Raub der "Widerstandsfähigkeit gegen Krankheit oder feindliche Angriffe".[10]

Hitler schöpft also auf seine Weise aus dem wissenschaftlichen, vor allem aber aus dem populär- und pseudowissenschaftlichen Kenntnisschatz seiner Zeit. Und er tut etwas, was die Sozialdarwinisten aller Couleur tun: Er überträgt Naturgesetze und solche, die er dafür hält, auf den Menschen, die Menschheitsgeschichte und die menschliche Gesellschaft. Schon an dem zitierten Ausschnitt kann man erkennen, wohin das führt. Das mit den "Eiern des Kolumbus" begonnene Kapitel führt von der Hausmaus und ihrer Abschließung gegen die Feldmaus bis zum Gegensatz der "Rassen" und hier von "Ariern" und Juden und ihrem "ewigen", durch ein "ehernes Naturgesetz" determinierten Kampf in der Geschichte. Und wer gegen dieses Naturgesetz verstoße, werde seine Widerstandsfähigkeit gegen feindliche Angriffe oder gegen eigene Krankheiten verlieren. Das Nürnberger "Blutschutzgesetz" von 1935 und der hierin statuierte Straftatbestand der "Rassenschande" stehen dann am Ende dieser Argumentationskette. Das heißt aber: Die "Eier des Kolumbus" offenbaren ein entscheidendes Merkmal des nationalsozialistischen Ideologiekerns. Nach 1933 werden Hitlers Vorstellungen über die Natur und ihre ehernen Grundgesetze zum staatlichen Programm mit allen seinen brutalen Folgen.

Ein weiteres Beispiel betrifft Hitlers Forderung, "daß defekten Menschen die Zeugung anderer ebenso defekter Nachkommen unmöglich gemacht wird".[11] Indem Hitler in der Umsetzung dieser Forderung "die humanste Tat der Menschheit" sieht, die "Millionen von Unglücklichen unverdiente Leiden ersparen" wird, knüpft er an die international geführte eugenische Diskussion an. Hitler stellt sich hier eindeutig auf die Seite derer, die eine Zwangssterilisierung von körperlich und geistig Behinderten befürworteten. Nach 1933 wurden die entsprechenden Maßnahmen im "Dritten Reich" mit den bekannten Folgen umgesetzt. Vergleichbare Kontinuitäten, in denen Hitlers "Mein Kampf" nur eine Stimme unter vielen repräsentierte, die aber im NS-Regime in eine menschenverachtende und mörderische Praxis mündeten, lassen sich am Beispiel der Euthanasie und der "Vernichtung lebensunwerten Lebens" nachweisen.[12]

Ein drittes und letztes Beispiel ergibt sich aus Hitlers vernichtender Kritik an der Außenpolitik des Kaiserreiches, die er unter das Leitmotiv der "Germanisierung" stellte. Insbesondere wandte er sich gegen die lang gehegte Vorstellung, man könne nichtdeutsche Bevölkerungsteile durch eine aktive Sprachpolitik für das deutsche Volkstum gewinnen. Gerade in der Zurückweisung solcher kultureller "Germanisierungs"-Bestrebungen, wie sie aus dem Kaiserreich bekannt waren, offenbart sich Hitlers rassenideologisches Denken. Der Versuch einer kulturellen "Germanisierung" bilde "den Beginn einer Bastardierung und damit in unserem Fall nicht eine Germanisierung, sondern eine Vernichtung germanischen Elementes". Man müsse sich klar darüber werden, "daß Germanisation nur an Boden vorgenommen werden kann und niemals an Menschen".[13]

Diese Vorstellung über die "Germanisierung" des Bodens war ein integraler Bestandteil der sozialdarwinistischen Idee des "Lebensraums", den die Deutschen mit Waffengewalt im Osten zu erobern das Recht hätten. Hitler hat an dieser Vorstellung konsequent bis in den Zweiten Weltkrieg hinein festgehalten. Am 3. Februar 1933, kurz nach seiner Ernennung zum Reichskanzler, deklamierte er, die "Ausweitung des Lebensraumes des deutschen Volkes wird auch mit bewaffneter Hand erreicht werden – Das Ziel würde wahrscheinlich der Osten sein. Doch eine Germanisierung der Bevölkerung des annektierten bezw. eroberten Landes ist nicht möglich. Man kann nur Boden germanisieren."[14] Auch künftig blieb das Ziel der "Germanisierung" durch die weitgehende Vertreibung oder Vernichtung der einheimischen Bevölkerung ein ebenso konsistentes wie konstantes Motiv in den überlieferten Hitler-Äußerungen. In einer Unterredung mit der Reichswehrspitze vom 5. November 1937 – bekannt durch die "Hoßbach-Niederschrift" – definierte Hitler die deutsche Zukunft als "ausschließlich durch die Lösung der Raumnot bedingt". Dabei handle es sich "nicht um die Gewinnung von Menschen, sondern von landwirtschaftlich nutzbarem Raum".[15] Am Beginn des Zweiten Weltkrieges forderte Hitler, jenseits der bisherigen deutschen Grenze sei ein "breiter Gürtel" bislang polnischen Territoriums "der Germanisierung und Kolonisierung" zuzuführen.[16] Und in seiner bekannten Ansprache an die Oberbefehlshaber vom 23. November 1939 legte Hitler seine Ziele in einer Deutlichkeit dar, die wie ein fernes Echo auf "Mein Kampf" klingt: "Die steigende Volkszahl erforderte grösseren Lebensraum. Mein Ziel war, ein vernünftiges Verhältnis zwischen Volkszahl und Volksraum herbeizuführen. (…) Es ist ein ewiges Problem, die Zahl der Deutschen in Verhältnis zu bringen zum Boden. Sicherung des notwendigen Raumes. Keine geklügelte Gescheitheit hilft hier, Lösung nur mit dem Schwert. Ein Volk, das die Kraft nicht aufbringt zum Kampf, muss abtreten."[17]

Diese Beispiele zeigen, dass Hitlers "Mein Kampf" eine zentrale historische Quelle ist, die man keineswegs für irrelevant erklären sollte. Das gilt ganz besonders für den Zusammenhang zwischen ideologischem Denken, der Ausübung von Macht und der späteren Praxis des Zweiten Weltkrieges. Nirgendwo im NS-Regime ist Hitlers persönliche Rolle, seine Handschrift als Diktator, deutlicher zu erkennen als im Willen zum Krieg, den er Deutschland und Europa aufzwang. In einer Mischung aus ideologischem Wahn, pervertiert-verbrecherischer Rationalität und brutaler Skrupellosigkeit entwickelte er ein "Programm" und hielt daran bis zu seinem Ende fest. Die wichtigste Quelle für die Entstehung dieser Kriegsbesessenheit ist "Mein Kampf". Hitler nahm dabei das vor 1914 in Mitteleuropa bereits virulente völkische Denken auf, adaptierte es in spezifischer Weise und verarbeitete es zu einer neuen gedanklichen Synthese. Rassenideologische Prämissen wie die Überlegenheit der "arischen Rasse", das Recht des Stärkeren und die sozialdarwinistische Vorstellung, das Bewegungsgesetz der Weltgeschichte sei der unaufhörliche Kampf und Krieg zwischen den Völkern und "Rassen", bildeten das Axiom für Hitlers Überzeugung, dass der Krieg um die Erweiterung von "Lebensraum" in Osteuropa nicht nur ein notwendiges, sondern auch jenseits aller Rechtstraditionen legitimes Ziel sei.

Fußnoten

5.
Andreas Andernach, Hitler ohne Maske, München 1932, S. 23–26, hier: S. 23.
6.
Otto Straßer, Hitler und ich, Buenos Aires 1940, S. 59.
7.
Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition (Anm. 1), Bd. 1, [S. 300].
8.
Ebd.
9.
Ebd.
10.
Ebd.
11.
Ebd., [S. 270]. Nachfolgendes Zitat ebd.
12.
Siehe den "Klassiker" Karl Binding/Alfred Hoche, Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens. Ihr Maß und ihre Form, Leipzig 1920. Vgl. Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition (Anm. 1), Bd. 1, Kap. 4, Anm. 48.
13.
Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition, Bd. 2, [S. 19]. Herv. i.O.
14.
Zit. nach: Andreas Wirsching, "Man kann nur Boden germanisieren". Eine neue Quelle zu Hitlers Reden vor den Spitzen der Reichswehr am 3. Februar 1933, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 49 (2001), S. 517–550, hier: S. 547.
15.
IMT. Der Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof. Nürnberg 14. November 1945 bis 1. Oktober 1946, Nürnberg 1947–1949, Bd. XXV, S. 406.
16.
Alfred Rosenberg. Die Tagebücher von 1934 bis 1944, hrsg. u. kommentiert von Jürgen Matthäus/Frank Bajohr, Frankfurt/M. 2015, S. 291 (29.9.1939).
17.
IMT (Anm. 15), Bd. XXVI, S. 329.
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