Das Buch "Mein Kampf" von Adolf Hitler

16.10.2015 | Von:
Thomas Sandkühler

NS-Propaganda und historisches Lernen

"Mein Kampf": Propaganda oder historische Quelle?

"Mein Kampf" ist eine rechtsradikale Propagandaschrift. Hitler schrieb dieses Buch, um für sich selbst und die Rolle eines nationalen "Führers" zu werben. Zugleich war sein Politikverständnis durch und durch propagandistisch, zielte also auf die Mobilisierung von Massen, die im Buch folgerichtig einen hohen Stellenwert einnimmt. Gleichwohl ist "Mein Kampf" für das historische Lernen in erster Linie eine Quelle, die mittels der historischen Methode interpretiert und analysiert werden kann. Der propagandistische Charakter des Buches hat Lehrkräfte und Schüler in den vergangenen Jahrzehnten nicht daran gehindert, "Mein Kampf" auszugsweise zu lesen, ohne dass die gegenwärtig offenbar befürchteten Folgen einer rechtsradikalen Mobilisierung eingetreten wären.

Überhaupt sollte der Propagandabegriff mit Augenmaß verwendet werden. Assoziationen einer totalitären Überwältigung des deutschen Volkes sollten vermieden, der zutiefst inhumane Charakter von "Mein Kampf" sollte herausgearbeitet werden, ohne die für das historische Lernen konstitutive Zeitdifferenz zwischen NS-Vergangenheit und Gegenwart einzuebnen. Für das Geschichtsbewusstsein heutiger Schüler wäre nicht viel gewonnen, wenn Auszüge aus Hitlers Buch zur Erzeugung politisch erwünschter Einstellungen verwendet würden. Ein solcher Geschichtsunterricht liefe auf Gesinnungsbildung hinaus und würde seine Adressaten bestenfalls verfehlen, schlimmstenfalls zu Trotzreaktionen veranlassen.

Eine vollständige Lektüre von "Mein Kampf" im Geschichtsunterricht ist weder möglich noch erwünscht. Die Frage, ob Hitlers Ideologie originell war, ist in unserem Zusammenhang ebenfalls zweitrangig. Der britische Historiker Ian Kershaw hat "Mein Kampf" treffend als "Wiederaufbereitung der brutalsten Grundsätze, die Imperialismus, Rassismus und Antisemitismus Ende des 19. Jahrhunderts vertreten hatten, und deren Übertragung auf Osteuropa im 20. Jahrhundert" charakterisiert, als ein "berauschendes Gebräu".[29] Dieses Zitat könnte den Schülern einleitend vor Augen gestellt werden.

Selbstverständlich muss über Hitler als Person gesprochen werden, wenn "Mein Kampf" interpretiert werden soll. Vor einer entsprechenden Unterrichtseinheit sollte schriftlich erhoben werden, was die Lernenden über Hitler wissen oder zu wissen glauben.[30] Die so entstandenen Texte können miteinander verglichen, offensichtliche Irrtümer und Legenden korrigiert, aber auch nach ihrer Herkunft befragt werden. Es ist keineswegs sicher, dass die Vorstellungen heutiger Jugendlicher über Hitler weniger "trivial" und sachhaltiger sind als diejenigen der älteren Generation vor 40 Jahren, und man wird es auch heute mit unfertigen Geschichtsgeschichten zu tun haben, deren verborgenem Sinn im Unterrichtsgespräch nachgespürt werden müsste. Von besonderem Interesse dürften hier die Stellungnahmen von Schülern mit einer Einwanderungsgeschichte sein. Die sterile Forderung, sich zu "erinnern", um Deutsche(r) zu werden,[31] weicht in einem solchen Abgleich von Standpunkten und Perspektiven der Bewusstwerdung je unterschiedlicher Prägungen durch Geschichte und folglich unterschiedlicher Sichtweisen auf die NS-Vergangenheit.

Ein kritischer Rückblick auf Hitlers Biografie wird zum Ziel haben, die autobiografischen Aussagen im ersten Teil von "Mein Kampf" an der tatsächlichen Lebensgeschichte des Verfassers zu messen. Der politische Schriftsteller Hitler hatte ein Interesse daran, seinen Lebensweg mit der angemaßten Rolle des "Führers" in Einklang zu bringen, letztlich also Propaganda für sich selbst zu machen. Hitler erzählt in "Mein Kampf" die Geschichte eines weltgeschichtlichen Ringens von Völkern und "Rassen", aus der er die Berechtigung der Deutschen zum Krieg sowie zum Mord an angeblich Minderwertigen und "Verrätern" meint ableiten zu können.

Meine Überlegungen für die unterrichtliche Auseinandersetzung mit Hitlers Buch stützen sich auf bewährte Unterrichtsmethoden, namentlich die ideologiekritische Interpretation.[32] Andererseits sollte an ausgewählten Beispielen gezeigt werden, dass "Mein Kampf" teilweise eine beunruhigende Aktualität aufweist.

Ideologiekritik zielt darauf, Hitlers Legitimationsmuster und die Voraussetzungen ihrer Entstehung um die Wende zum 20. Jahrhundert zu verstehen. Die "völkische" Ideologie war eine von mehreren "Ersatzreligionen", die den ganzen Menschen forderten; der Begriff "Weltanschauung" bezeichnet ihren Geltungsanspruch.[33] Darüber hinaus kann der problematisierende Vergleich zwischen der damaligen und der heutigen Konstellation das politische Urteilsvermögen der Schüler stärken. Abstiegsängste im multiethnischen Umfeld der österreichischen Hauptstadt machten Hitler und seinesgleichen empfänglich für das Gedankengut "völkischer" Sektierer.[34] Die Anfälligkeit tatsächlicher, potenzieller oder gefühlter Verlierer für einfache Feindbilderklärungen besteht bis heute fort.

Hitlers manischer Judenhass war mit der traumatischen Erfahrung des verlorenen Ersten Weltkrieges und dem Verratssyndrom der Dolchstoßlegende aufs Engste verbunden.[35] Das Kriegsende und der Versailler Vertrag schienen die in der Wiener Zeit internalisierte Zwangsvorstellung von einer jüdischen Weltherrschaft "empirisch" zu bestätigen und zu beglaubigen. Dies zu verstehen – nicht gutzuheißen – stellt hohe Anforderungen an Schüler. Der sozialpsychologische Zusammenhang von Verlusterfahrungen und Selbstwahrnehmungen als Opfer finsterer Mächte ist nicht zuletzt Gegenstand einer Emotionsgeschichte des 20. Jahrhunderts.[36] Überhaupt wäre es verfehlt, die Gefühle der Lernenden auszublenden. Die Hitler-Aufsätze der 1970er Jahre sind Ausdruck mächtiger Emotionen, in denen die Verdrängung der NS-Vergangenheit in der deutschen Nachkriegsgesellschaft zum Ausdruck kam. Gefühle dürfen nicht befohlen werden ("Betroffenheit"); sie können das Verstehen der NS-Ideologie wirksam unterstützen, wenn sie in der Lerngruppe kommuniziert werden.[37]

Die Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus und Holocaust zielt seit einiger Zeit auf die Menschenrechtserziehung.[38] Um dem anachronistischen Missverständnis entgegenzuwirken, die Verbrechen der Nationalsozialisten seien entstanden, weil die NS-Führung gegen "die" Menschenrechte verstoßen hätte, kann "Mein Kampf" als Teil der prinzipiell unabgeschlossenen Geschichte der Menschenrechte gelesen werden. Die Schüler müssen wissen, dass es Mitte der 1920er Jahre weder eine Allgemeine Erklärung der Menschenrechte gab noch die Würdenorm in Artikel 1 des Grundgesetzes. Die Menschheitsverbrechen der Nationalsozialisten wurden durch Hitlers explizite Zurückweisung der Menschen- und Bürgerrechte gedanklich vorbereitet. Seine begriffliche Volte, "Volksrecht" zum neuen "Menschenrecht" umzubiegen und dieses gegen positives Recht auszuspielen, wirft ein grelles Licht auf die "völkische" Perversion des abendländischen Rechtsdenkens.[39] Sie kann Schülern verstehen helfen, warum das "Dritte Reich" im Wortsinn ein Unrechtsstaat war. Universelle Menschenrechte wurden nach 1945 kodifiziert; sie reflektierten die Erfahrung der vorangegangenen Massenverbrechen. Ziel des Unterrichts ist nicht die Relativierung heutiger Wertmaßstäbe, sondern ihre Historisierung, um für die Zukunft handlungsfähig zu werden.

Fazit

Die kritische Edition von Hitlers "Mein Kampf" stellt keine Zäsur für das historische Lernen dar. NS-Propaganda war Gegenstand des Geschichtsunterrichts, seit er sich der Geschichte des "Dritten Reiches" stellte. Die Hervorhebung der propagandistischen Massenbeeinflussung im Schulbuch der 1950er und 1960er Jahre fügte sich in den Interpretationsrahmen einer schematisch angewendeten Totalitarismustheorie ein. Sie war mit dem Versuch verbunden, die Verbrechen des NS-Regimes allein Hitler zur Last zu legen.

Auszüge aus "Mein Kampf" gehören bis heute zum Standardrepertoire des Schulgeschichtsbuchs, dürften aber nicht eingehend gelesen worden sein. Die ideologiekritische Interpretation von Hitlers Weltanschauung kann dazu beitragen, die Erstarrung des Geschichtsunterrichts über den Nationalsozialismus aufzubrechen, indem seine Entstehung aus dem historischen Kontext der 1920er Jahre erklärt wird. Das moralische und politische Werturteil wird durch die behutsame Herstellung von Gegenwartsbezügen nicht relativiert, sondern durch Perspektivwechsel an eine vergangene Wirklichkeit zurückgebunden, die der heutigen in Teilen vergleichbar ist. Wer "Mein Kampf" liest, sieht folglich sich selbst ins Gesicht und den Vorfahren seit 1945 über die Schulter. Auf diese Weise kann Geschichtsbewusstsein kritisch wirken, statt in "Erinnerung" zu versinken.

Fußnoten

29.
I. Kershaw (Anm. 23), S. 326.
30.
Vgl. hierzu das Schulbuch "Zeitlupe", hrsg. v. Hans-Jürgen Pandel, Bd. 3, Braunschweig 2003, S. 31.
31.
Vgl. Viola Georgi, Jugendliche aus Einwandererfamilien und die Geschichte des Nationalsozialismus, in: APuZ, (2003) 40–41, S. 40–46.
32.
"Der Versuch, einen antisemitischen Text zu verstehen, lässt den Interpreten nicht zum Antisemiten werden. Die Gültigkeit findet ihre Grenzen an universalisierbaren Normen und persönlichen Gewissensüberzeugungen." Hans-Jürgen Pandel, Geschichtsdidaktik. Eine Theorie für die Praxis, Schwalbach/Ts. 2013, S. 265f.
33.
Vgl. Ulrich Herbert, Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert, München 2014, S. 55ff.
34.
Vgl. Th. Sandkühler (Anm. 18), S. 20ff.
35.
Vgl. I. Kershaw (Anm. 23), S. 166ff.
36.
Vgl. Juliane Brauer/Martin Lücke (Hrsg.), Emotionen, Geschichte und historisches Lernen. Geschichtsdidaktische und geschichtskulturelle Perspektiven, Göttingen 2013.
37.
H.-J. Pandel (Anm. 32), S. 149f.
38.
Vgl. u.a. Agentur der Europäischen Agentur für Grundrechte, Die Vergangenheit für die Zukunft entdecken: Die Rolle historischer Stätten und Museen bei der Holocaust- und Menschenrechtsbildung in der EU, Brüssel 2010, http://fra.europa.eu/sites/default/files/fra_uploads/1791-187087_FRA_HOLOCAUST_EDUCATION_MAIN_REPORT_DE.pdf« (20.9.2015).
39.
Vgl. Adolf Hitler, Mein Kampf, Bd. 1: Eine Abrechnung, München 1925, S. 98f.
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