Die 19jährige Miss Germany Nicole Reinhardt präsentiert auf einer Veranstaltung der "Nigeria-Hilfe" in Frankfurt ein Originalgemälde von Bundeskanzler Helmut Kohl und Tennisspieler Boris Becker, das zugunsten der Stiftung versteigert werden soll. (1988/89)

6.11.2015 | Von:
Angela Siebold

So nah und doch so fern? Die 1980er Jahre historisch erforschen - Essay

(West)europäische Bewältigungsversuche

In den 1980er Jahren wurde auch verstärkt versucht, politische Strategien zur kollektiven Bewältigung transkultureller Herausforderungen zu entwickeln. Die aus heutiger Sicht bedeutendste Strategie war zweifellos die europäische Integration, die zu Beginn des Jahrzehnts in der "Eurosklerose" feststeckte. Nach den ersten Wahlen zum Europäischen Parlament 1979 folgten in den 1980er Jahren weitere Maßnahmen zur Revitalisierung des europäischen Gedankens, darunter zwei zentrale Entscheidungen, die bis heute von großer Bedeutung sind: die Abschaffung der Grenzkontrollen sowie die Einführung einer gemeinsamen Währung. Die Schengener Abkommen (1985 und 1990), die Einheitliche Europäische Akte (1986) sowie der Delors-Bericht von 1988 stellten wichtige Weichen für das heutige Europa.

Sowohl die Währungsunion als auch die heutige Flüchtlings- und Grenzpolitik der EU wurden somit in den 1980er Jahren auf den Weg gebracht, ihre Umsetzung erfolgte dann nach der Zäsur 1989/90. Ursachen für die heutige Flüchtlingsdiskussion sowie für die finanzpolitischen Probleme sind also auch in dieser Zeit zu suchen. Ebenso sind die "Entdeckung der Einwanderung"[23] als gesellschaftliche Herausforderung und die ersten verschärften Debatten um Flucht und Asyl in den 1980ern zu finden. Wichtig ist dabei zu beachten, dass alle diese Beschlüsse unter den Voraussetzungen des "alten Europas" gefasst wurden. Sie gestalteten jedoch das Europa nach dem Ende des Kalten Krieges grundlegend – und mit ihm auch heutige Probleme und Konflikte.

Gegenwärtige Vergangenheit

Ein weiteres Beispiel für die Spannung von alt und neu, von Vergangenheit und Zukunft, ist der Umgang mit dem nationalsozialistischen Erbe. Die in den 1980er Jahren häufiger zu beobachtenden Bewegungen "von unten" betrafen auch den Blick zurück. Er erfuhr beispielsweise durch Geschichtswerkstätten Impulse, wenn es darum ging, der nationalsozialistischen Vergangenheit Aufmerksamkeit zuzuwenden. Die unter anderem durch die 1979 ausgestrahlte US-amerikanische Fernsehserie "Holocaust" in der breiten Bevölkerung geweckte Sensibilität für das Thema wurde medial, zivilgesellschaftlich und politisch gefördert: Auch die 1985 gehaltene Rede des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker zum 8. Mai 1945 als ein Tag der Befreiung ist in diesem Zusammenhang zu nennen.

1986 brachte der "Historikerstreit" die Frage nach der deutschen Schuld endgültig auf die Bühnen von Wissenschaft und Publizistik. Die nationale Identität der Deutschen wurde so nicht erst nach dem Ende der deutschen Teilung diskutiert: Schlagworte wie der Verfassungspatriotismus boten in den 1980er Jahren Anlass zu kontroversen intellektuellen Debatten. Gleichzeitig erfuhren in der Ära Kohl auch die Vertriebenenverbände eine politische Renaissance, nachdem diese unter den vorausgegangenen sozialdemokratischen Kanzlern eher als "Ewiggestrige" politisch gemieden worden waren.

Erbe der 1980er Jahre

Die 1980er Jahre waren ein spannungsgeladenes Jahrzehnt, in dem viele Veränderungen zwar nicht initiiert, aber für die breite Gesellschaft allmählich relevant wurden. Diese musste lernen, mit ökologischen Risiken, globalen Verwicklungen und militärischen Bedrohungsszenarien umzugehen. Die großen Themen der 1980er Jahre machten weder an den Grenzen der Nationalstaaten noch an denen des "Eisernen Vorhangs" halt. Das Jahrzehnt zwischen der alten und der neuen Ordnung ist daher prädestiniert für eine transnationale und transkulturelle Zeitgeschichte, die auch Verflechtungen, gegenseitige Wahrnehmungen und grenzüberschreitenden Austausch erforschen will.

In den 1980er Jahren wurden erlernte Normalitäten infrage gestellt; gleichzeitig blieb zunächst ungewiss, inwiefern diese Erlebnisse die Zukunft prägen würden. Umso erstaunlicher ist es, dass die 1980er Jahre rückblickend auch als Zeit der stabilen Ordnungen gesehen werden.[24] Das liegt wohl in erster Linie an der ordnenden Kraft des Kalten Krieges, der bis zum Ende des Jahrzehnts auf politischer Ebene ein prägendes Kontinuum blieb und die 1980er Jahre in der alten Weltordnung verortete. Die Dekade stand also für eine weitere Polarisierung der Mächte, aber auch für eine Popularisierung der Medien- und Erlebniskultur. Nicht selten zeigte sich in diesen Spannungsfeldern eine Verunsicherung der Zeitzeugen, wie mit den ungewissen Veränderungen umzugehen sei.

Das geschichtswissenschaftliche Potenzial der 1980er Jahre ist derweil noch längst nicht ausgeschöpft. Wenn es gelingt, den schweren Schleier der Zäsur 1989/90 weiter zu lüften, so kann sich die große Gegenwartsnähe des Jahrzehnts zeigen, der es mit einer reflektierten Historisierung zu begegnen lohnt. Zweifellos ist hierfür eine Deutung als "langes Jahrzehnt", das seine Vorläufer und Folgen einbezieht, sinnvoll, ohne die 1980er Jahre zur Vor- oder Nachgeschichte zu degradieren. Die methodische Überwindung der starren Zäsuren und Grenzen des Kalten Krieges fordert zudem eine größere Offenheit, damit die 1980er Jahre langfristig historisiert werden können.

Fußnoten

23.
Marcel Berlinghoff, Das Ende der "Gastarbeit". Europäische Anwerbestopps 1970–1974, Paderborn 2013, S. 17ff.
24.
So z.B. Karl Schlögel, Die Mitte liegt ostwärts, München–Wien 2002, S. 13.
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