Die 19jährige Miss Germany Nicole Reinhardt präsentiert auf einer Veranstaltung der "Nigeria-Hilfe" in Frankfurt ein Originalgemälde von Bundeskanzler Helmut Kohl und Tennisspieler Boris Becker, das zugunsten der Stiftung versteigert werden soll. (1988/89)

6.11.2015 | Von:
Lutz Raphael

1980er: Typische Jahre "nach dem Boom"

Epoche "nach dem Boom"

In einer Betrachtungsweise, wie sie hier vertreten wird, sind Veränderungen auf der Ebene der politischen Ordnung der kapitalistischen Weltwirtschaft für das Verständnis der Dynamik und der Richtung der vielfältigen Veränderungen in Gesellschaft und Politik zentral. Dabei ist es weniger das schlichte Wachstum grenzüberschreitender Waren- und Kapitalströme, sondern der Wandel in den Regeln und Größenordnungen dieser Austauschprozesse. Größte Bedeutung kommt dabei den Veränderungen in den Beziehungen zwischen Wirtschaft und Staat zu, mit dem Ergebnis, dass sich überall die nationalspezifischen institutionellen Rahmungen des Kapitalismus wandelten.[6]

Ausgangspunkt ist das langsame Ende des Systems von Bretton Woods, das den Rahmen für den wirtschaftlichen Aufschwung der Nachkriegsjahre bildete. Die 1944 vereinbarte internationale Währungsordnung mit den Eckpunkten fester Wechselkurse und der Goldbindung des US-Dollars erodierte in den späten 1960er Jahren und wurde Anfang der 1970er Jahre endgültig aufgegeben. Damit begann in der internationalen Währungspolitik eine Phase der Experimente und Unsicherheit. Sie eröffnete in den meisten Ländern der westlichen Welt eine Periode der "großen Inflation" und führte zur Rückkehr tief greifender Rezessionen. Unter anderem die Ölkrisen eröffneten eine Phase ökonomischer Umstrukturierungen und Umbrüche, die zugleich eine weltweite Neuorientierung nationaler Wirtschaftspolitiken einleiteten. Die Liste der Änderungen ist lang: Abkehr von keynesianischen Konzepten der Globalsteuerung mit dem Ziel der Vollbeschäftigung, Stabilisierung der Währungen durch eine restriktive Geld- und Kreditpolitik der Zentralbanken, Privatisierung öffentlicher Unternehmen, Deregulierung der internationalen Finanzmärkte und Börsenplätze, fiskalische Entlastung von Unternehmen und Kapitalanlegern. Diese wirtschaftspolitischen Prinzipien verdichteten sich zu einem Expertenkonsens, dessen ideologische Rechtfertigung in einem ebenso diffusen wie medial breitenwirksamen "Neoliberalismus" seinen Niederschlag gefunden hat.[7] Begleitet waren diese Veränderungen von der wachsenden Verschuldung öffentlicher Haushalte, nicht zuletzt wegen hoher Sozialausgaben und sinkender Steuerquoten.

Diese Veränderungen der Regelwerke vollzogen sich im Rahmen eines beständig wachsenden Welthandels und gingen mit gravierenden Verschiebungen in der internationalen Arbeitsteilung für industrielle Produkte und Dienstleistungen einher (etwa mit der Verlagerung großer Teile der Produktion aus den USA und Europa nach Asien). Parallel veränderten sich die Beziehungen zwischen Kapitalanlegern, Unternehmen und Banken. Im Bereich der Großunternehmen entstand ein neues Modell der Unternehmenskontrolle durch die Kapitalanleger: der sogenannte Finanzmarktkapitalismus.[8] Im Gegenzug wurde die enge Verknüpfung zwischen Industrieunternehmen und Banken aufgelöst. In bislang nicht gekanntem Maße bestimmten nun internationale Finanzmärkte über Investitionsentscheidungen und Anlagestrategien.

Eine wesentliche Rahmenbedingung für den Erfolg dieses neuen Modells war die Entwicklung digitaler Technologien in Produktion, Kommunikation und Datenvernetzung, die Rationalisierungen und Produktivitätssteigerungen in zahlreichen Sektoren ermöglichte. Aber auch die Veränderungen gesellschaftlicher Leitvorstellungen spielten eine Rolle: Der sogenannte Wertewandel der westlichen Gesellschaften hatte seine Grundlage in der Verschiebung der Koordinaten im Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft. Die erwarteten Spielräume, aber auch die Zumutungen an Eigenverantwortung und autonome Handlungsfähigkeit wurden für den Einzelnen größer. Diesem Wandel im Menschenbild entsprach ein Wandel im Gesellschaftsbild: Soziale Einbindungen, kollektive Zusammenhänge traten in den Hintergrund. Betont wurden die Flexibilität sozialer Arrangements und die Chancen individueller Gestaltungskraft. Zur kritischen Norm guter sozialer und politischer Ordnung mit universellem Geltungsanspruch stiegen nun die "Menschenrechte" auf, die zu einem Schlüsselbegriff der westlichen Werteordnung wurden. Angesichts des weiter wachsenden Reichtums und Konsums in den westlichen Industriezentren kam den symbolischen Umdeutungen und den kulturellen Dynamiken, die mit dieser Verschiebung verbunden waren, große Bedeutung zu.

Für unsere Frage nach dem Platz der 1980er Jahre in diesem längerfristigen Prozess ist die Beobachtung zentral, dass sich die genannten Großtrends in unterschiedlichem Tempo vollzogen: Manche Länder, manche Branchen und Berufe waren stärker und früher davon berührt als andere, entsprechend lösten sie ganz unterschiedliche politische, soziale und kulturelle Begleitphänomene aus. Erst nach einem Zeitraum von etwa drei Jahrzehnten nahmen die neuen Ordnungsmuster feste Formen an: Die neuen "neoliberalen" Welten (immer noch stark geprägt von regionalspezifischen Besonderheiten) der Globalisierung wurden sichtbar, und ihre Familienähnlichkeiten untereinander waren nunmehr größer als in der Übergangsphase "nach dem Boom". Gerade das politökonomische Programm der Europäischen Union hat sich im Zuge von Osterweiterung, Aufbau liberaler Marktwirtschaften in Mittel- und Osteuropa, Herstellung des europäischen Binnenmarktes und schließlich der Währungsunion zu einem regionalen Zentrum dieser neuen Ordnung entwickelt.[9]

Fußnoten

6.
Vgl. Wolfgang Streeck, Gekaufte Zeit, Berlin 2013.
7.
Vgl. David Harvey, A Short History of Neoliberalism, Oxford 2005; Philip Plickert, Wandlungen des Neoliberalismus, Stuttgart 2008.
8.
Vgl. Paul Windolf (Hrsg.), Finanzmarkt-Kapitalismus, Wiesbaden 2005.
9.
Vgl. Philipp Ther, Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent, Berlin 2014; Andreas Wirsching, Der Preis der Freiheit. Geschichte Europas in unserer Zeit, München 2012, S. 226–269.
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