Mädchen einer Weddinger Grundschule stehen vor dem Mahnmal zum Gedenken an jüdische Mitbürger, die an dieser Stelle in einem Altenheim lebten und von den Nazis 1942 in das Konzentrationslager Auschwitz verschleppt wurden.

14.1.2016 | Von:
Micha Brumlik

Kosmopolitische Moral: Globales Gedächtnis und Menschenrechtsbildung

Würde-Empfinden und universalistische Moral

Wer erst lange darüber nachdenken muss, ob einem oder mehreren Menschen die proklamierte Würde auch tatsächlich zukommt, hat noch nicht verstanden, was "Menschenwürde" ist. Es handelt sich beim Verständnis der Menschenwürde also um ein moralisches Gefühl mit universalistischem Anspruch, das unter höchst voraussetzungsreichen Bedingungen steht. Erstens: Die Anerkennung der Integrität anderer ist an die Erfahrung eigener Integrität und Anerkennung, die sich in Selbstgefühl, Selbstrespekt und Selbstachtung artikuliert, gebunden. Zweitens: Niemand kann Selbstgefühl, Selbstrespekt und Selbstachtung entfalten, der nicht seinerseits in allen wesentlichen Bezügen toleriert, akzeptiert und respektiert worden ist. Drittens: Selbstgefühl, Selbstrespekt und Selbstachtung sind die logischen und entwicklungsbezogenen Voraussetzungen dafür, Einfühlung, Empathie für andere entfalten zu können.[25]

Daraus folgt, dass das Empfinden für Menschenwürde sowohl unter der Bedingung einer nicht als fragmentarisch erfahrenen vorsprachlichen Sozialisation steht – etwa Akzeptanz des Kindes[26] und ausgesprochenes Urvertrauen ("Glanz im Auge der Mutter")[27] – als auch unter der Bedingung von Peergroup-bezogenen Sozialisationsformen, die Individuierung und Anerkennung ermöglichen: gehaltvolle Freundschaften und individualisierte, romantische Liebe.[28] Aber auch bei Menschen, die unter derlei günstigen Bedingungen aufwachsen, ist noch keineswegs gesichert, dass ihnen auch ein Verständnis für Menschenwürde im Allgemeinen gegeben ist – auch unter den genannten Bedingungen ist nicht auszuschließen, dass zwar ein Gefühl für die Würde und Integrität partikularer Gruppen entwickelt wird, die Menschheit als Ganze, alle Menschen jedoch noch kein Gegenstand des Respekts geworden sind.

Gleichwohl entwickelt sich weltweit eine entsprechende universalistische Moral und ist sogar dabei, den evolutionären Sprung ins System internationalen Rechts zu vollziehen.[29] Die millionenfache Verletzung der Menschenwürde im 20. Jahrhundert durch Lagerhaft, grausame und massenhafte Ermordung sowie Vertreibung[30] findet in der Entfaltung eines globalen moralischen Diskurses und der Entwicklung eines internationalen Strafgerichtshofs die Form eines Verbrechens gegen die Menschlichkeit, das etwa im Statut des Internationalen Gerichts für das ehemalige Jugoslawien festlegt ist: Eines Verbrechens gegen die Menschlichkeit machen sich Personen schuldig, "wenn diese in einem internationalen oder internen bewaffneten Konflikt begangen werden und gegen die Zivilbevölkerung gerichtet sind: Mord; Ausrottung; (…) andere unmenschliche Handlungen."

Universalisierung und Opferkonkurrenz

Freilich verläuft die kulturelle Globalisierung im Sinne einer großen Erzählung von der Verletzung der Menschenrechte nicht linear – im selben Ausmaß, in dem der Holocaust zur universal einsetzbaren Chiffre für Unrecht und zur Legitimation für die dem eigenen Anspruch nach auf den Menschenrechten basierenden Kultur des Westens wird, steigt umgekehrt die Ablehnung dieser Form der Gedenkkultur und werden jene, die dem Holocaust zum Opfer fielen, beziehungsweise deren Nachkommen gelegentlich selbst zur Zielscheibe des Hasses.

Das wurde etwa auf der Antirassismuskonferenz der UN in Durban 2001 deutlich, die begleitet wurde von einer großen NGO-Konferenz. Seither entsteht auch im globalen Kontext so etwas wie eine Hierarchie, genauer gesagt eine Konkurrenz der Opfer,[31] in diesem Fall und vor allem in den USA zwischen Schwarzen und Juden. Das in den 1960er Jahren im Kampf um die Bürgerrechte geschmiedete Bündnis zwischen jüdischer und schwarzer Minderheit ist längst zerbrochen und einer spannungsgeladenen ethnischen Konkurrenz gewichen.[32] Diese Spannungen haben sich in Durban im Sommer 2001 in Form einer höchst selektiven Kritik am Staat Israel und seiner Repressionspolitik gegenüber den Palästinensern Raum geschaffen – eine Kampagne, der schließlich eines der anderen Hauptziele der Konferenz, eine Aussprache über die Folgen des transatlantischen Sklavenhandels, zum Opfer fiel.

An diesem Debakel werden systematische Schwierigkeiten einer ethisch unzureichend begründeten Menschenrechtspolitik deutlich, die auch eine Menschenrechtspädagogik und eine antirassistische Erziehung nicht gleichgültig lassen können. Nicht minder als der soziale Protest der Globalisierungsgegner auf der Konferenz in Genua im Jahr zuvor war die offizielle Konferenz in Durban allemal ein globalisierungskritisches Forum und zeigte als solches – stärker noch als das in Genua der Fall war – die Schwäche und Verführbarkeit einer noch zu naiven universalistischen Moral.

Angesichts des Umstandes, dass die Kurdenfrage auf dieser Konferenz – abgesehen von einer kurzen Erwähnung im Papier der NGOs – ebenso wenig eine Rolle spielte wie die Unterdrückung der Bevölkerung in Afghanistan oder die russischen Menschenrechtsverletzungen an den Tschetschenen, lassen sich bestimmte Formulierungen aus einer der unzähligen Fassungen der NGO-Schlusserklärung nur als antisemitisch verstehen.[33] Deshalb ist zu fragen: Wie lässt sich eine weltweite, antirassistische Bildung in universalistischer, nicht ihrerseits Ressentiments schürenden Weise konzipieren? Könnte es sein, dass der Begriff des Rassismus selbst dabei hinderlich ist?[34] Und zwar genau deshalb, weil er zu unscharf und zu vielfältig ist? Was ist überhaupt Rassismus?

In der am 21. Dezember 1965 von der UN-Vollversammlung abgestimmten und nach einem Ratifizierungsverfahren am 4. Januar 1969 in Kraft gesetzten Internationalen Konvention zur Eliminierung aller Formen rassistischer Diskriminierung wird unter racial discrimination "jede Unterscheidung, Ausschließung, Einschränkung oder Bevorzugung, die auf Rasse, Hautfarbe, Abstammung, nationaler oder ethnischer Herkunft basiert und den Zweck oder Effekt hat, die Anerkennung, den Genuss oder das Ausüben von Menschenrechten und grundlegenden Freiheiten im politischen, ökonomischen, sozialen, kulturellen oder jedem anderen Feld des öffentlichen Lebens zu verunmöglichen oder zu verzerren" verstanden. Bevorzugungen zur Besserstellung oder zum Schutz bestimmter Gruppen sollen gleichwohl zulässig sein, solange sie die Rechte anderer nicht beeinträchtigen beziehungsweise nicht länger aufrechterhalten werden, als zur Verfolgung ihres Zwecks nötig sind.

Das Problem besteht darin, dass trotz einer Reihe maßgeblicher Publikationen kein Konsens darüber erreichbar ist, was zu Recht als Rassismus geächtet werden soll. Während die einen "Rasse" funktional als Machtbeziehung verstehen, sehen andere darin eine bedeutungsgeladene Diskriminierungspraxis, ohne doch angeben zu können, worin genau sich diese Praxis von anderen, etwa sexistischen oder klassenbezogenen Diskriminierungen unterscheidet. So wird rasch jede Ungleichbehandlung als "rassistisch" bezeichnet.

Rassistische Diskriminierung aber ist eine Diskriminierung, die deshalb moralisch besonders empört, weil sie Menschen für das bestraft, wofür sie per definitionem keine Verantwortung tragen, für wirkliche oder für wirklich gehaltene unveränderliche biologische Eigenschaften. Der neue antirassistische Diskurs versucht jedoch, über diese enge Definition hinauszugehen: Er möchte das Gewicht der Empörung, das nur die biologistische Diskriminierung vor dem Hintergrund der Massenvernichtung der europäischen Juden, Sinti und anderer durch das nationalsozialistische Deutschland auslöst, beibehalten, den historischen Anlass jedoch aufheben, da faktische Diskriminierung in heutigen westlichen Gesellschaften tatsächlich immer seltener diesem biologistischen Deutungsmuster folgt.[35]

Fußnoten

25.
Vgl. Axel Honneth, Kampf um Anerkennung. Zur moralischen Grammatik sozialer Konflikte, Frankfurt/Main 1992; Micha Brumlik, Anerkennung als pädagogische Idee, in: Benno Hafeneger et al. (Hrsg.), Pädagogik der Anerkennung, Schwalbach/Ts. 2002, S. 13–25.
26.
Vgl. Erik H. Erikson, Identität und Lebenszyklus, Frankfurt/M. 1973, S. 62–75.
27.
Heinz Kohut, Die Heilung des Selbst, Frankfurt/M. 1977.
28.
Vgl. Monika Keller, Moral und Beziehung. Eine entwicklungspsychologische Perspektive, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, (1997) 2, S. 249–265.
29.
Vgl. Christina Möller, Völkerstrafrecht und Internationaler Gerichtshof – kriminologische, straftheoretische und rechtspolitische Aspekte, Münster 2003.
30.
Vgl. Joel Kotek/Pierre Rigoulot, Das Jahrhundert der Lager. Gefangenschaft, Zwangsarbeit, Vernichtung, Berlin 2000; Norman Naimark, Ethnic Cleansing in Twentieth Century Europe, Cambridge 2001; Giorgio Agamben, Homo sacer. Die souveräne Macht und das Leben, Frankfurt/M. 2002; Rudolph J. Rummel, "Demozid" – der befohlene Tod. Massenmorde im 20. Jahrhundert, Münster 2003.
31.
Vgl. Jean-Michel Chaumont, Die Konkurrenz der Opfer. Genozid, Identität und Anerkennung, Lüneburg 2001.
32.
Vgl. Cornel West, On Black-Jewish Relations, in: ders., Race Matters, New York 20012, S. 69–80.
33.
Dort wird die Wiedereinsetzung der UN-Resolution 3379 gefordert, in der Zionismus und Rassismus gleichgesetzt werden. Zudem wird gefordert, gegen Israel – und nur gegen Israel – ein Kriegsverbrechertribunal einzusetzen und die internationale Gemeinschaft aufzurufen, gegen Israel eine Politik der "vollständigen und totalen Isolation als Apartheidstaat" zu verhängen. Staaten, die Israels Politik mit seinen "rassistischen Verbrechen gegen die Menschheit" unterstützen oder dulden, seien zu verurteilen. Als sei das alles nicht genug, gelang es zwei Delegierten des Weltkirchenrats, eine Passage zur Bekämpfung des Antisemitismus mit vierzig gegen eine Stimme aus der Erklärung herausstimmen zu lassen. Die Passage wurde später wieder aufgenommen – man hatte sich darauf verständigt, in ihrer Erklärung den Stimmen der Opfer, aller Opfer, Vorrang einzuräumen. Gleichwohl war die zeitweilige Tilgung der Antisemitismuspassage kein Zufall, sondern liegt in der Logik der Sache.
34.
Entsprechend war es für die propalästinensischen NGOs zwingend, Antisemitismus als Problem nicht mehr zuzulassen – könnte doch unter Hinweis auf ihn auch der Zionismus gerechtfertigt werden.
35.
Vgl. Gargi Bhattacharyya et al., Race and Power – Global Racism in the Twenty-First Century, London 2002.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Micha Brumlik für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.