Eine 80 x 30 Zentimeter große gefaltete Urkunde mit der Formulierung "in civitate nostra Dresden" aus dem Jahr 1216 liegt am 21.01.2016 in einer Glasvitrine im Stadtarchiv in Dresden. Im Rahmen einer Pressekonferenz wurde die wertvolle Urkunde mit der Ersterwähnung der Stadt Dresden vor 800 Jahren präsentiert.

29.1.2016 | Von:
Winfried Müller
Swen Steinberg

Dresden. Eine Kurzbiografie

Barock ohne Aufklärung

Der Konfessionswechsel war die unabdingbare Voraussetzung dafür, dass August der Starke 1697 zum König von Polen gewählt werden konnte. Die damit begründete sächsisch-polnische Personalunion wurde aufgrund der hohen Transaktionskosten von jeher zwiespältig beurteilt: Sachsen, nun auf der großen europäischen Bühne mitspielend, wurde in den Großen Nordischen Krieg (1700–1721) hineingezogen und vorübergehend von Schweden besetzt. Aus der Ex-post-Perspektive war die Union also eher ein Misserfolg.

Eine ergebnisoffene Betrachtung der Ausgangssituation sollte indes berücksichtigen, dass Sachsen um 1700 zu den durchaus chancenreichen aufstiegsorientierten Schwellenmächten zählte, die nach Rangerhöhung und Prestige strebten und sich neue Wirtschaftsräume erschließen wollten. Im Konkurrenzkampf etwa mit Brandenburg, das 1701 seine Königskrone in Preußen fand, folgte die sächsische Außenpolitik also auch einer systemischen Logik, von der sich wiederum jene höfische Rationalität ableitete, die zur Ausgestaltung beider Residenzen als Repräsentationsbühnen führte. In Warschau wurden mit dem Umbau des Schlosses, Sächsischer Achse und Sächsischem Palais städtebauliche Akzente gesetzt, Dresden wuchs bis 1755 auf über 63.000 Einwohner an und war damit hinter Wien, Berlin und Hamburg die viertgrößte Stadt des Reiches und eine kulturelle Metropole von europäischem Rang.

Auf diese dynamische Entwicklungsphase geht das Bild vom barocken Dresden mit Hof- und Frauenkirche, dem 1709 begonnenen Zwinger, Japanischem Palais und Augustusbrücke zurück, das über die Darstellungen Canalettos dem Bildgedächtnis eingeprägt wurde. Dieser Aus- und Umbau korrespondierte mit einer außerordentlich aufwendigen Hofkultur; die Feste Augusts des Starken lenkten europaweit die Aufmerksamkeit auf Dresden. Neben dieser vergänglichen Festkultur manifestierte sich der Geltungsanspruch des Hofes vor allem in der Kunstpolitik. Das Dresdner Schloss barg die zwischen 1723 und 1729 eingerichtete Wunderkammer, das Grüne Gewölbe; hier präsentierte August der Starke die von seinen Vorgängern und ihm gesammelten Kunstobjekte und Raritäten. Dazu kam die Vorliebe für die große Oper und die systematische Erweiterung der Gemäldegalerie durch den Sohn und Nachfolger August III.

Insgesamt kam Dresden in der Augusteischen Epoche dem Idealtypus der Fürsten- und Beamtenstadt als Subtyp der Konsumentenstadt ziemlich nahe, in der große Berufsgruppen und die Bevölkerung "in ihren Erwerbschancen vorwiegend direkt oder indirekt von der Kaufkraft des fürstlichen und der anderen Großhaushalte abhängen".[6] Dieses in Residenzstädten grundsätzlich anzutreffende Abhängigkeitsverhältnis war der Autonomie der Bürgerstadt nicht förderlich, und man gewinnt den Eindruck, dass in einer vom Hof dominierten Stadt wie Dresden die nonverbalen bildenden Künste und Symbolisierungen, die Musik und ästhetische Debatten akzentuiert wurden, weniger die kritischen, auf eine Politisierung des öffentlichen Raumes abstellenden Reformdiskurse. Theodore Ziolkowski sprach deshalb von einer zutiefst konservativen, von Adel und Militär geprägten Stadtgesellschaft, "die die europäische Aufklärung kaum erlebt hatte".[7] Bezeichnend dafür ist das Verhalten des Satirikers Wilhelm Gottlieb Rabener, der nach seiner 1753 erfolgten Versetzung als Steuerrat nach Dresden erklärte, er werde nichts mehr veröffentlichen, sondern seine Schriften seinem Pult anvertrauen. Dass die dort verstauten Manuskripte dann vom vorgeblich aufgeklärtesten unter den deutschen Fürsten, Friedrich II. von Preußen, vernichtet wurden, als dieser 1760 Dresden im Siebenjährigen Krieg (1756–1763) beschießen ließ, entbehrt nicht der Ironie.

Bereits diese erste Zerstörung prägte das Bild einer vom äußeren Feind versehrten Kunst- und Barockstadt. Diese Wahrnehmung verfestigte sich umso mehr, als es nach 1763, nach dem Krieg und dem Ende der sächsisch-polnischen Union, in Dresden deutlich stiller wurde. Der auftrumpfende Gestus des Hofes war Vergangenheit, das rauschende Fest wich der Betrachtung der Bilder, und die Stadt wurde zum Anziehungspunkt für die Frühromantiker. Ludwig Tieck und Wilhelm Heinrich Wackenroder hatten bei der Betrachtung der 1754 für Dresden erworbenen Sixtinischen Madonna ihr Kunsterlebnis, 1798 führten unter anderem die Brüder Schlegel, Caroline Schlegel und Novalis ihre Dresdner Galeriegespräche. Mit der nach 1809 eingeleiteten Stadtentfestigung entledigte sich die Residenz dann zumindest äußerlich der vom Hof auferlegten Fesseln und wurde im Zusammenspiel mit den unbebaut gebliebenen Ufern der Elbe zu einer "gartenähnlichen Stadtlandschaft".[8]

Ambivalente Moderne

Zugleich wurde dieser romantische "Sehnsuchtsort"[9] aber auch als Sitz eines eher passiven Bürgertums ausgemacht. In Dresden werde nur verbraucht, was andernorts auf den Weltmärkten erobert werde: "kein Wagen, Gewinnen und Verlieren stählte den Muth, belebte den ruhigen Herzschlag und ließ die Kräfte an fremden messen".[10] Das ist vor allem die Sichtweise des 19. Jahrhunderts, der Blick von coketown und commercetown auf Dresden. Stereotype vereinfachen, und so schlug denn auch in Dresden nicht nur der residenzstädtische Ruhepuls der leisure class: Zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als das 1806 zum Königreich erhobene Sachsen bis zur Völkerschlacht bei Leipzig an Napoleons Seite ausharrte – mit der Folge, dass das Land 1815 auf dem Wiener Kongress erhebliche Teile an Preußen abtreten musste –, war Dresden auch ein Sammelpunkt der politischen Romantik und des Aufbegehrens gegen die französische Fremdherrschaft, für das Namen wie Theodor Körner, Caspar David Friedrich oder Heinrich von Kleist stehen.

Dieses Nebeneinander von Verharren und kritischem Potenzial war nicht untypisch und führte in Dresden wiederholt zu Unruhen: erstmals 1830 – vordergründig durch den konfessionellen Gegensatz von Hof und Bevölkerung ausgelöst – im Umfeld des 300. Confessio Augustana-Jubiläums und unter dem Eindruck der französischen Juli-Revolution. Mit der konstitutionellen Einhegung der Monarchie wurde anschließend die Verfassung vom 4. September 1831 das Kernstück einer tief greifenden Staatsreform.

Ein zweites Mal brach sich das Unruhepotenzial dann in der Revolution von 1848 Bahn, als sich auch Dresdner Bürger am sogenannten Adressensturm beteiligten und die Forderung nach Presse-, Versammlungs- und Redefreiheit stellten. Kulminationspunkt war der im Kontext der Reichsverfassungskampagne zu verortende Dresdner Maiaufstand 1849, dessen prominente Akteure Gottfried Semper und Richard Wagner nach der mit preußischer Hilfe erfolgten Niederschlagung ins Schweizer Exil gingen.

Gleichzeitig und dem Topos von der Fürsten- und Beamtenstadt zum Trotz partizipierte Dresden am Prozess der Industrialisierung. Der Schwerpunkt lag freilich nicht auf der "schmutzigen" Schwerindustrie, sondern – gewissermaßen eine Verlängerung des höfischen Konsums der Vormoderne – auf der Herstellung von Genussmitteln: Dresden wurde zum deutschen Zentrum der Schokoladen- und Zigarettenherstellung und damit auch der kolonialen Kontakte und des Marketings mit dem "Fremden". Auch bei der zweiten Produktgruppe, mit der sich Dresden als Industriestadt profilierte, sind Bezüge zur höfischen Traditionslinie mit der Sammlung des mathematisch-physikalischen Salons gegeben. Gemeint ist die Feinmechanik, die nun in die Produktion von Näh-, Schreib- und Rechenmaschinen einmündete und später eine führende Rolle Dresdens in der optischen Industrie begründen sollte.

All dies wurde von einer rasanten demografischen Entwicklung flankiert: 1831 zählte Dresden 63.865 Einwohner, 1905 waren es deutlich über 500.000, womit es die fünftgrößte Stadt im Kaiserreich war. Die Dichte politischer Institutionen – vom Hof über das Parlament bis hin zur Landesverwaltung – wie auch die im Norden der Stadt massiv ausgebaute Kasernenlandschaft prägten dabei zweifelsohne das politische Klima der Stadt im konservativen Sinn. Aber wie in jeder Großstadt mit industriellem Kern wuchs auch in Dresden die Sozialdemokratie zur Massenbewegung, und 1877 gelang es den Sozialdemokraten, über den innerstädtischen Wahlkreis Altstadt August Bebel in den Reichstag zu bringen. Allerdings war in den 1890er Jahren auch die antisemitische Reformpartei in Dresden so erfolgreich wie kaum irgendwo anders im Reich.

Demgegenüber besaß die Stadt sehr wohl ein liberales Bürgertum, das sich in Weltoffenheit übte und Dresden beispielsweise zu einem Zentrum der deutschen Esperanto-Bewegung werden ließ. Internationales Renommee brachte auch die Internationale Hygiene-Ausstellung 1911 in Form einer "kleinen Weltausstellung". Vor dem Ersten Weltkrieg bündelten sich überdies in Dresden-Hellerau, der ersten deutschen Gartenstadt, Alternativbewegungen der Lebensreform. Auch die Reformpädagogik hatte dort ihren Ort, wie Dresden überhaupt aufgrund der hohen Dichte und Qualität seiner Bildungseinrichtungen den Ruf des schoolroom of Europe hatte. Seit 1828 gab es in der Stadt zudem eine das technologische Wissen vermittelnde Bildungsanstalt, die spätere Technische Hochschule beziehungsweise Universität.

Zugleich wurde das internationale Ansehen der Kunst- und Kulturstadt flankiert von einem Zuzug von Ausländern (Amerikaner, Briten, Russen), die in eigenen Stadtvierteln mit eigenen Kirchen und Zeitungen allerdings nur partiell integriert waren. Diese Gruppen verschwanden im nationalen Furor des Sommers 1914 jedoch nahezu vollständig. In der Weimarer Republik kehrte dieser kosmopolitische Bestandteil der Kultur, der in Dresden eine vergleichsweise ungewöhnliche Qualität entwickelt hatte, nicht zurück. Dresden in der Moderne war folglich eine Stadt der Ambivalenzen, in der sich einerseits im Juni 1905 die expressionistische Künstlergruppe "Brücke" gründete und in der andererseits die bauliche Gestaltung auf alten Glanz rekurrierte. Dieses Signum der Stadt zeigte sich etwa im Wirken des Architekten Hans Erlwein, der mit dem 1913 fertiggestellten "Italienischen Dörfchen" an den Topos vom "Elbflorenz" anknüpfte und der sich ausdrücklich an der Barocktradition Dresdens orientierte. Mit dieser wurde allerdings freizügig umgegangen: Die vom Barockbaumeister Matthäus Daniel Pöppelmann nach 1727 gebaute Augustusbrücke wurde 1907 abgebrochen und als ein den Anforderungen des modernen Straßen- und Schiffsverkehrs genügendes Imitat neu gebaut.

Fußnoten

6.
Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie, Tübingen 1980, S. 729.
7.
Theodore Ziolkowski, Dresdner Romantik. Politik und Harmonie, Heidelberg 2010, S. 12.
8.
Ulrich Rosseaux, Freiräume. Unterhaltung, Vergnügen und Erholung in Dresden (1604–1830), Köln 2007, S. 274.
9.
R. Lindner/J. Moser (Anm. 2), S. 22.
10.
Max Maria von Weber, Carl Maria von Weber. Ein Lebensbild, Leipzig 1864, S. 35.
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