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Das "Unwort des Jahres 2014" "Lügenpresse" ist am 13.01.2015 in der Tageszeitung "Der Tagesspiegel" in Berlin zu sehen.

22.7.2016 | Von:
Julia Cagé

Medien, Macht, Demokratie. Wettbewerb und Konzentration auf dem Medienmarkt - Essay

Geschwindigkeit vs. Originalität

Dieser paradoxe Effekt des Fernsehens, eines "Massenmediums", von dem man hätte denken sollen, dass es zur Demokratisierung der Information und damit zu fortschreitender Aufklärung und politischer Beteiligung beiträgt, wiederholt sich im Falle des Internets. Nie zuvor konnte man sich leichter und meist auch noch kostenlos Informationen beschaffen, nie zuvor waren sie so rasch zur Hand wie heute online. Und doch ist mit dem Zugang zum world wide web die politische Beteiligung gesunken, wie jüngere Studien zu Deutschland und Großbritannien zeigen.[8]

Denn auch das Internet hat, wie vor ihm das Fernsehen, die Aufmerksamkeit der Bürger von der Information abgezogen. Zum einen konsumieren sie mehr Unterhaltung, zum anderen werden sie, wenn sie doch Information konsumieren, mit einer beschränkteren Zahl von Sichtweisen konfrontiert. Dieser negative Einfluss des Internets rührt nicht nur von seiner Auswirkung auf unsere Konsumgewohnheiten, sondern zum Teil auch von den Besonderheiten der Informationsproduktion im Netz her. In einer mit dem Institut National de l’Audiovisuel umgesetzten Untersuchung habe ich die Geschwindigkeit der Informationsverbreitung im Netz gemessen.[9] Berücksichtigt wurden die Websites aller politischen Informations- und Nachrichtenmedien in Frankreich und die Gesamtheit der 2013 auf diesen Seiten veröffentlichten Artikel. Dabei hat sich gezeigt, dass es im Durchschnitt ungefähr drei Stunden braucht (187 Minuten), bis eine im Internet veröffentlichte Information auf einer anderen Seite erneut publiziert wird – in 25 Prozent aller Fälle jedoch nur etwa dreieinhalb Minuten (215 Sekunden). Die Geschwindigkeit geht auf Kosten der Originalität: 66 Prozent der im Internet veröffentlichten Artikel sind zumindest zur Hälfte durch copy and paste (Kopieren und Einfügen) entstanden, die "Originalitätsrate" der Online-Artikel liegt also bei nur 38 Prozent.

Welche Konsequenzen hat das für die Information der Bürger in unseren Demokratien? Die Geschwindigkeit der Informationsverbreitung könnte den Zugang aller zu diesen Informationen verbessern. Stattdessen sinkt mit ihr der Anreiz für Medien, Originalinformationen zu produzieren. Denn Medien, die solche Informationen bieten, haben in Online-Leserzahlen gemessen nur einen sehr geringen Vorteil gegenüber denen, die das nicht tun. Zudem gelingt es ihnen immer weniger, aus Leserzahlen auch Profit zu schlagen, während die Produktion von Primärinformationen eine "Investition" in Journalistinnen und Journalisten voraussetzt und damit extrem hohe Kosten verursacht. Dies erklärt, weshalb in den vergangenen zehn Jahren die durchschnittliche Größe von Politik- und Nachrichtenredaktionen extrem zurückgegangen ist, in den USA wie fast überall in Europa.[10]

In Deutschland wurden allein 2013 über 1000 Stellen für Journalisten abgebaut. In Frankreich sieht es ähnlich aus. Seit 2010 sinkt auch hier die Zahl der Journalisten um etwa 1000 pro Jahr. Gewiss ist dieser Schwund nicht mit dem zu vergleichen, der in den USA zu beobachten ist, wo in den zurückliegenden sieben Jahren etwa 11000 Journalisten ihren Arbeitsplatz verloren haben. Aber es ist gleichwohl höchst beunruhigend, dass es in fast allen entwickelten Ländern immer weniger Journalisten, dafür aber immer mehr Kommunikations- und PR-Beauftragte gibt.

besonderer Wirtschaftszweig

Man wird die demokratische Funktion der Medien nicht verstehen können, wenn man sich nicht für ihre wirtschaftliche Situation und vor allem dafür interessiert, welche Anreize sie haben (oder eben nicht haben), unabhängige und hochwertige Information zu produzieren. Ich habe oben den positiven Einfluss hervorgehoben, den der Markteintritt der ersten Zeitungen auf die politische Beteiligung in den USA hatte. Man könnte daraus den Schluss ziehen, dass die Beteiligung mit jeder zusätzlichen Zeitung weiter zunimmt. Das ist jedoch nicht der Fall. Weshalb? Weil Medien aufgrund ihrer Produktionsstruktur einen unbegrenzten Wettbewerb, eine immer größere Zahl von Medienakteuren, nicht verkraften können.

Medien sind ein Wirtschaftszweig, in dem hohe Fixkosten vergleichsweise geringen variablen Kosten gegenüberstehen – das Internet hat dieses Übergewicht der Fixkosten noch gesteigert, weil die Vertriebskosten im Netz gegen Null gehen. Anders gesagt, Medien zeichnen sich durch das aus, was man Skaleneffekte nennt: Die Produktionskosten steigen mit der Qualität, nicht mit der Marktgröße. Während in den meisten Industrien bei rückläufigen Absätzen die Lösung darin besteht, Kosten zu senken,[11] sieht es im Mediensektor anders aus: Ganz gleich, wie viele Exemplare verkauft werden, die zur Herstellung der Zeitung erforderliche Zahl von Journalisten bleibt mehr oder wenig gleich. Die Zahl der Themen, über die zu berichten ist, ändert sich nicht, und der gesamte Arbeitsaufwand konzentriert sich auf die Herstellung des ersten Exemplars, während die danach anfallenden Reproduktionskosten kaum ins Gewicht fallen. Wenn eine Zeitung also beschließt, ihre Redaktion zu verkleinern, um Umsatzrückgänge auszugleichen, kann sie dies nur um den Preis von Qualitätseinbußen tun.

Wie sich der Wettbewerb in den Medien auswirkt, bemisst sich daran, inwiefern durch ihn Anreize zur Informationsproduktion geschaffen werden. Jenseits einer bestimmten Schwelle kann eine wachsende Zahl von Medien auch zu sinkender Quantität und Qualität der produzierten Informationen führen. Dies ist dann der Fall, wenn die Heterogenität der Informationspräferenzen im Vergleich zu den Skaleneffekten relativ schwach ist, sodass die destruktiven Effekte des Wettbewerbs (zum Beispiel Auflösung von Redaktionen und steigende Produktionskosten) seine positiven Effekte (zum Beispiel bessere Befriedigung einer heterogenen Nachfrage und diversifizierten Leserschaft) überwiegen.

Heterogenität der Informationspräferenzen? Weniger technisch gesprochen heißt das: Wenn alle Konsumenten in einem gegebenen Markt genau die gleichen Informationsvorlieben haben (oder die gleichen politischen Präferenzen) und bereit sind, den gleichen Preis für eine Zeitung zu zahlen (also homogene Präferenzen haben), dann wird der Markteintritt einer neuen Zeitung keine neuen Leserinnen und Leser erschließen. Die Leser, die es bereits gibt, werden sich auf beide Zeitungen (die alte und die neue) aufteilen. Jede einzelne Zeitung wird folglich einen schwächeren Absatz hinnehmen müssen. Sind dagegen bestimmte Konsumenten bereit, einen sehr hohen Preis für eine Qualitätszeitung zu zahlen, während andere einem billigeren Blatt den Vorzug geben, oder wollen bestimmte Konsumenten ein linksgerichtetes, andere ein rechtsgerichtetes Blatt lesen, so haben sie heterogene Präferenzen. Also werden mit der Einführung einer Qualitätszeitung in einen Markt, der bis dahin ausschließlich von einer billigen Zeitung bedient wurde, neue Leser auftauchen. Damit wird jede der beiden Zeitungen stärkeren Absatz finden und die Nachfrage besser befriedigt werden.

In einer Untersuchung zur französischen Regionalpresse zwischen 1945 und 2012 habe ich gezeigt, dass mit dem Auftauchen eines neuen Wettbewerbers am Markt die Zahl der Journalisten in den bereits etablierten Zeitungen um bis zu 60 Prozent sinken kann, während die Gesamtzahl der Journalisten (die des neuen Wettbewerbers eingeschlossen) im Wesentlichen unverändert bleibt.[12] Dieser Effekt fällt umso stärker aus, je stärker die soziale Homogenität der Bevölkerung in dem fraglichen Département ist. Mit anderen Worten: Wachsende Konkurrenz lässt die "Gesamtmenge" der Pressevertreter unverändert – diese verteilt sich aber auf mehr Akteure. In der jüngeren Vergangenheit zeigt sich auch, dass eine große Zahl von Zeitungen am Markt mit einer geringeren Zahl von Artikeln in jeder einzelnen Zeitung einhergeht. Auch werden die Artikel kürzer und bieten insgesamt weniger Informationen zu den behandelten Themen. Zudem zeigt sich, dass der Markteintritt einer Zeitung – und der dadurch hervorgerufene Rückgang an produzierter Information – zu einer geringeren Beteiligung an den Kommunalwahlen führt. Tatsächlich fiel der historische Rückgang der Wahlbeteiligung im Laufe der vergangenen Jahrzehnte deutlich stärker in jenen Départements aus, in denen der Wettbewerb besonders stark war.

Diese Beobachtungen legen bei aller gebotenen Vorsicht den Schluss nahe, dass die allgemeine Zunahme des Wettbewerbs im Medienbereich (alle Informationsträger eingeschlossen) zu einem Rückgang der politischen Beteiligung geführt hat. Weshalb? Weil der wachsende Wettbewerb eine Auflösung von Redaktionen und damit einen Informationsschwund gezeitigt hat. Weniger gut informiert, hat eine Reihe von Bürgern beschlossen, den Urnen fernzubleiben.

Fußnoten

8.
Vgl. Oliver Falck/Robert Gold/Stephan Heblich, E-lections: Voting Behavior and the Internet, in: American Economic Review 7/2014, S. 2238–2265; Alessandro Gavazza/Mattia Nardotto/Tommaso Valletti, Internet and Politics: Evidence from U.K. Local Elections and Local Government Policies, Centre for Economic Policy Research, Discussion Paper 10991/2015.
9.
Vgl. Julia Cagé/Nicolas Hervé/Marie-Luce Viaud, The Production of Information in an Online World, NET Institute, Working Paper 15-05/2015.
10.
Vgl. Julia Cagé, Sauver les médias: Capitalisme, financement participatif et démocratie, Paris 2015; dies., Do Journalists Drive Media Bias? Payroll and Inequality within the Newsroom, Sciences Po Paris, Working Paper 2016 (unveröff.).
11.
Verkauft ein Autohersteller weniger Autos, so fährt er die Produktion zurück, und dieser technische Arbeitsausfall nötigt den Geschäftsführer dazu, einen Teil der Arbeiter zu entlassen, ohne dass die Qualität der weiterhin produzierten Autos darunter leiden würde. Mit anderen Worten: Die erforderliche Arbeitskraft variiert mit der Nachfrage. Ist diese gering, fertigt man weniger Autos mit weniger Beschäftigten, das ist alles.
12.
Vgl. Julia Cagé, Media Competition, Information Provision and Political Participation, Sciences Po Paris, Working Paper 2014 (unveröff.).
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Julia Cagé für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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