Brasilien, Demonstration, Rousseff

23.9.2016 | Von:
Ulrich Brand

Neo-Extraktivismus. Aufstieg und Krise eines Entwicklungsmodells

Post-Extraktivismus als Bedingung für "Gutes Leben"

Trotz des viele Jahre breit akzeptierten und krisenhaften Entwicklungsmodells des Neo-Extraktivismus wurden immer wieder Alternativen formuliert. Einer der aktuell schillerndsten Begriffe Lateinamerikas, der auch in Europa rezipiert wird, ist jener des buen vivir, des "guten Lebens" (im ecuadorianischen Quichua: sumak kawsay; im bolivianischen Aymara: suma qamaña).[23] Das betrifft insbesondere die Andenländer. Die Regierungsübernahme durch linke Präsidenten in Bolivien (2005) und Ecuador (2006) ging mit der Ausarbeitung neuer Verfassungen einher, durch die die jeweiligen Staaten plurinational konstituiert wurden: Der Anspruch auf eine Homogenisierung des Staatsvolkes und der Gesellschaft wurde fallengelassen, stattdessen wurden Vielfältigkeit und kulturelle Diversität anerkannt.[24] Insbesondere die Autonomie der indigenen Völker soll gesichert und ausgeweitet werden. Zudem wurden das gute Leben und – im Falle Ecuadors – die Rechte der Natur als Staatsziele verankert.[25]

Es verbreitet sich die Einschätzung, dass eine wichtige Bedingung für gutes Leben in diesem Sinne die Überwindung des zerstörerischen Neo-Extraktivismus ist. Hierfür wird seit einigen Jahren verstärkt der Begriff des Post-Extraktivismus verwendet.[26] Dabei geht es nicht nur um eine Kritik an der Rohstoffförderung und den damit einhergehenden sozioökonomischen, politischen und ökologischen Problemen an sich. Im Zentrum steht auch nicht die pauschale Ablehnung jeglicher Form der gesellschaftlichen Rohstoffnutzung und -aneignung. Kritisiert werden der ungebrochene westliche Fortschrittsglaube der Moderne, das damit verbundene Wachstumsparadigma, das Verständnis von Natur als auszubeutende Ressource, autoritäre und vertikale politische Herrschaftsmuster sowie die asymmetrische Weltmarktintegration. Mit dieser Perspektive sind Ansprüche an eine Dekolonisierung des Wissens und der Wissenssysteme verknüpft – die europäische instrumentelle und imperiale Logik wird abgelehnt.

Mit dem von der argentinischen Soziologin Maristella Svampa geprägten Begriff giro eco-territorial ("öko-territoriale Wende") wird deutlich, dass es in Lateinamerika gegenwärtig zuvorderst um Konflikte um Land beziehungweise Territorien geht, verbunden mit Forderungen nach mehr Autonomie und Selbstbestimmung und Initiativen gegen sozialen Ausschluss, ökologische Zerstörung und die Inwertsetzung von Menschen und Natur. Zentrale Forderungen sind Moratorien auf Großprojekte und die Beteiligung der Betroffenen an geplanten Vorhaben. Kritik an und Widerstände gegen die neo-extraktivistischen Praktiken gibt es allerorten.[27]

Eine Wende hin zu einer post-extraktivistischen Wirtschaft würde in einer ersten Phase den plündernden Extraktivismus überwinden und durch einen behutsamen ersetzen.[28] Dies würde unter anderem die Einführung strenger Sozial- und Umweltstandards, den Einsatz modernerer Technologien und Kompensationszahlungen für die betroffene Bevölkerung erfordern. Auf diese Weise ließe sich die wirtschaftliche Außenabhängigkeit reduzieren und der Handlungsspielraum des Staates hinsichtlich einer alternativen Wirtschaftspolitik erhöhen. Die zweite Phase wäre der Übergang zu einem Wirtschaftsmodell, in dem die Ausbeutung natürlicher Ressourcen auf ein Minimum reduziert wird. Das ginge etwa einher mit der Anerkennung einer pluralen Ökonomie, mit Agrarreformen, angepassten Technologien, einem Umbau der bestehenden Steuer- und Subventionssysteme, einem grundlegenden Umbau der tendenziell autoritären Bildungssysteme und Bildungsverständnisse und intensiverer lateinamerikaweiter Kooperationen. Die Andenländer könnten weltweit beispielgebend sein, wenn sie das in ihren Verfassungen festgeschriebene Ziel, die erwähnten plurinationalen Staaten zu schaffen, wirklich verfolgten.

Alternativen

Eines wird an den Diskussionen und Erfahrungen in Lateinamerika deutlich: Aus wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Gründen bedarf es der Alternativen zum Ressourcen-Extraktivismus. Mit dem Begriff des Post-Extraktivismus sollen die vielfältigen Kritiken, Widerstände und Alternativen in ihren Gemeinsamkeiten verbunden und dadurch gestärkt werden. Das ist umso wichtiger, da außerhalb der Extraktionsregionen, in den städtischen Metropolen und auf nationaler Ebene die negativen Folgen der Aktivitäten im Bergbau, bei der Förderung fossiler Energieträger oder im industriell-landwirtschaftlichen Bereich bis heute weitgehend ignoriert wurden.

Aktuell ändert sich das, doch auf der politisch-institutionellen Ebene dominiert sowohl in den lateinamerikanischen Exportländern als auch in den asiatischen, europäischen und nordamerikanischen Importländern ein Festhalten am aktuellen System des Neo-Extraktivismus. Gleichwohl werden in anderen Teilen der Welt laufende Diskussionen um alternative Wirtschafts- und Gesellschaftspolitiken durchaus auch in Lateinamerika rezipiert – etwa die europäische Debatte um degrowth (Post-Wachstum, Wachstumsrücknahme), in der umgekehrt der Begriff des guten Lebens aus Lateinamerika breite Verwendung findet.[29] Es geht dabei nicht um negative Wachstumsraten per se, sondern darum, die kapitalistisch getriebene Wachstums- und Krisendynamik zurückzudrängen.

Die Realisierungschancen ökonomischer und damit auch sozialer Alternativen in Lateinamerika werden entscheidend davon abhängen, ob es gelingt, auch international die politischen, sozioökonomischen und kulturellen Verhältnisse zu ändern. So sind etwa die Regulierung des Freihandels und der Finanzmärkte wichtige Elemente, um überhaupt alternative Wirtschaftspolitiken entwickeln zu können. Es bedarf zudem einer stärkeren Mengen- und Preiskontrolle der internationalen Ressourcenflüsse, um einerseits ökologisch nachhaltige Politik zu ermöglichen und andererseits die Länder mit starken Ressourcenexporten nicht den Launen des Weltmarkts auszuliefern.

Schließlich geht es darum, die im globalen Norden weitgehend durchgesetzte und sich in vielen Ländern des globalen Südens ausweitende "imperiale Lebensweise"[30] grundlegend zu hinterfragen: nämlich die alltäglichen, oft gar nicht bedachten Handlungen durch Konsumenten und Produzenten, die den Zugriff auf billige Ressourcen und Produkte aus anderen Weltregionen als selbstverständlich voraussetzen.
Exporte aus Lateinamerika und ihre AbnehmerExporte aus Lateinamerika und ihre Abnehmer (© Le Monde diplomatique, Berlin. Quelle: Comtrade Database, http://comtrade.un.org; http://atlas.media.mit.edu.)


Fußnoten

23.
Vgl. Alberto Acosta, Buen Vivir. Vom Recht auf ein gutes Leben, München 2015; Eduardo Gudynas, Buen Vivir. Das Gute Leben jenseits von Wachstum und Entwicklung, Berlin 2012.
24.
Vgl. Ulrich Brand/Isabella Radhuber/Almut Schilling-Vacaflor (Hrsg.), Plurinationale Demokratie. Gesellschaftliche und staatliche Transformationen in Bolivien, Münster 2012.
25.
Vgl. Alberto Acosta, Die Rechte der Natur – Für eine zivilisatorische Wende, in: Manuel Rivera/Klaus Töpfer (Hrsg.), Nachhaltige Entwicklung in einer pluralen Moderne – Lateinamerikanische Perspektiven, Berlin 2013, S. 286–317.
26.
Vgl. meine ausführliche Darstellung: Ulrich Brand, Degrowth und Post-Extraktivismus: Zwei Seiten einer Medaille?, DFG-KollegforscherInnengruppe Postwachstumsgesellschaften Working Paper 5/2015.
27.
Zu Konflikten in diesem Zusammenhang siehe auch den Beitrag von Kristina Dietz in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
28.
Zu dieser Unterscheidung vgl. Eduardo Gudynas, Post-Extraktivismus und Transitionen auf dem Weg zu Alternativen zu Entwicklung, in: Forschungs- und Dokumentationszentrum Chile-Lateinamerika/Rosa-Luxemburg-Stiftung (Anm. 8), S. 144–161.
29.
Vgl. etwa Mathias Schmelzer/Alexis Passadakis, Postwachstum, Hamburg 2011; Barbara Muraca, Gut leben. Eine Gesellschaft jenseits des Wachstums, Berlin 2014; sowie den breiten Überblick zu "Degrowth in Bewegung(en)" auf http://www.degrowth.de/de/dib«.
30.
Markus Wissen/Ulrich Brand, Imperiale Lebensweise und die politische Ökonomie natürlicher Ressourcen, in: Johannes Jäger/Lukas Schmidt et al. (Hrsg.), Rohstoffe und Entwicklung, Wien 2016, S. 235–248.
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