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Urban farming in der Riverpark Farm im Alexandria Center in New York 2013.

11.11.2016 | Von:
Jutta Aumüller
Frank Gesemann

Flüchtlinge aufs Land? Migration und Integration im ländlichen Raum

Flüchtlinge, demografischer Wandel und Regionalplanung

Insbesondere die Arbeitgeberverbände dringen seit Jahren auf eine verstärkte Förderung der Zuwanderung von Fachkräften aus dem Ausland, um vorhandene oder künftig erwartete branchenspezifische Lücken in der Erwerbsstruktur zu schließen. Bereits 2014 plädierte die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände in einem Positionspapier dafür, auch die Arbeitsmarktpotenziale von Asylbewerbern und geduldeten Flüchtlingen zukunftsorientiert zu nutzen.[11] Auch auf kommunaler Ebene gibt es Überlegungen und erste Ansätze, die Aufnahme von Flüchtlingen mit einer längerfristigen demografischen Strategie zu verbinden. Eine Schutzquote von über 60 Prozent in der ersten Jahreshälfte 2016 spricht dafür, auch Asylbewerber beizeiten in strategische Integrationsmaßnahmen einzubeziehen.

Weitaus stärker als die großstädtischen Räume sind die ländlichen Regionen von einer Abwanderung junger Menschen und damit von einer Überalterung und dem Verlust von Arbeitskräften betroffen. Allerdings ist zu beachten, dass ländliche Regionen in Deutschland keine homogene Einheit bilden. Vielmehr sind die strukturellen Unterschiede von Region zu Region erheblich. In einem Positionspapier plädiert die Akademie für Raumforschung und Landesplanung (ARL) dennoch dafür, neue regionalpolitische Ansatzpunkte zu suchen, um Migrations- und Regionalpolitik strategisch zusammenzuführen.[12] Ein wesentlicher Vorteil liege darin, dass in ländlichen Regionen kein neuer Wohnraum geschaffen werden müsse, sondern bestehende Immobilien umgenutzt und baulich aufgewertet werden könnten.

Um dem Vorhaben "Flüchtlinge aufs Land" eine operationale Grundlage zu verschaffen, wäre es zunächst erforderlich, vor Ort Bildungs- und Qualifizierungseinrichtungen vorzuhalten, um Geflüchteten eine Beschäftigungsperspektive zu bieten. Diese sollten auf die zentralen Orte fokussiert werden. Besonders zu berücksichtigen sind die Bedarfe der lokalen Handwerks- und Kleinbetriebe, die eine wichtige Rolle als Arbeitgeber spielen. Die ARL schlägt hierfür ein eng verzahntes Vorgehen insbesondere mit den Kammern vor.[13] Bereits 2015 zeigten sich die Handwerkskammern sowie die Industrie- und Handelskammern sehr rührig darin, lokale beziehungsweise regionale Maßnahmen zu starten, durch die Geflüchtete in eine Ausbildung oder Beschäftigung gelangen.[14]

Die Kommunen können die Integration von Flüchtlingen vor allem durch Vernetzung und Kooperation der lokalen Akteure, durch Unterstützung seitens der Wirtschaft und zivilgesellschaftlicher Akteure sowie durch die Einbeziehung von Asylsuchenden und anerkannten Flüchtlingen in die lokale Gemeinschaft aktiv gestalten. Zu den Maßnahmen einer sozialen Eingliederung zählt es, den Spracherwerb und die frühkindliche und schulische Bildung zu unterstützen, berufliche Qualifikationen zu nutzen und das ehrenamtliche Engagement von Flüchtlingen zu fördern. Da es vielfach ehrenamtliche Helferinnen und Helfer sind, die die Integration in einem entscheidenden Ausmaß begleiten, sollten Qualifizierungs- und Unterstützungsmöglichkeiten für diese Akteure zur Verfügung gestellt werden. Vor allem ist eine professionelle Beratungsarbeit mit Blick auf das Asylverfahren und für traumatisierte Flüchtlinge wichtig.

Ohne die massive Unterstützung durch Bund und Länder wird dieses Vorgehen nicht gelingen. Vorstellbar wären beispielsweise verstärkte interkommunale Kooperationen bei der Flüchtlingsunterbringung: Kleine und mittlere Städte stellen zusätzlichen Wohnraum für Asylsuchende bereit und entlasten damit die Großstädte. Im Gegenzug erhalten sie eine externe Unterstützung bei der Entwicklung lokaler demografischer Konzepte unter Einbeziehung von Flüchtlingen. Die Integration von Flüchtlingen sollte auch in überregionalen Programmen zur Gestaltung des demografischen Wandels berücksichtigt werden. Benötigt werden Austausch- und Aktionsplattformen für Konzepte zur langfristigen Integration von Flüchtlingen. Beispielsweise bietet sich das LEADER-Programm an,[15] um flüchtlingsaffine lokale Gemeinschaften zu entwickeln und zu unterstützen.

In ihrem Positionspapier befürwortet die ARL den Vorschlag, einen Fonds zu gründen, in den Bund und Länder einzahlen und aus dem Kommunen und Landkreise je nach ihrer Belastungssituation Zuschüsse für die Integration von Geflüchteten beantragen können. Gefordert wird zudem ein querschnittsorientiertes Regionalmanagement auf der kommunalen und regionalen Ebene, durch das die vielfältigen sektoralen Maßnahmen der Integrationspolitik von verschiedenen öffentlichen, privaten und halbstaatlichen Trägern aufeinander abgestimmt werden können.[16]

Erst zaghaft entwickeln sich Ansätze, Migrations- und Regionalpolitik stärker (oder überhaupt erst) zu verzahnen. Das Widerstreben dagegen war bislang hoch und hatte im Wesentlichen zwei Ursachen: Erstens war bis vor Kurzem eine Integration von Asylsuchenden politisch nicht vorgesehen, geschweige denn Überlegungen im Rahmen von demografischen und regionalpolitischen Strategien. Zweitens gilt es bisweilen immer noch als illegitim, Schutzsuchende, die aus humanitären Gründen um Asyl nachsuchen, zum Objekt solcher strategischen Überlegungen zu machen.

Mit Blick auf die Fachkräftediskussion und lokale Demografiestrategien eröffnen sich Gelegenheiten für Modellprojekte, in die auch Flüchtlinge einbezogen werden können. Die hessische Landesregierung hat im Sommer 2016 das Modellprojekt "Ankommen – Wohlfühlen – Heimisch werden" gestartet, mit dem die Integration von Flüchtlingen im ländlichen Raum erleichtert werden soll. An dem Projekt nehmen sieben hessische Kommunen teil, die vom Land eine finanzielle Unterstützung erhalten, um die langfristige Niederlassung von Flüchtlingen zu fördern. Bei den geplanten Fördermaßnahmen handelt es sich beispielsweise darum, ein gemeinsames Gründerzentrum für Flüchtlinge und örtliche Unternehmer zu schaffen, Integrationslotsen zu qualifizieren und Erzieherinnen und Erzieher in den kommunalen Kindertagesstätten für den Umgang mit Flüchtlingsfamilien weiterzubilden. Weitere Mikroprojekte sollen erprobt werden.

Selbstverständlich dürfen solche Strategien den grundsätzlich humanitären Charakter des Asylrechts, das Flüchtlingen unabhängig von ihrem Arbeitsmarktwert Schutz gewährt, nicht berühren. Demografische und regionalplanerische Erwägungen aber können dabei helfen, Flüchtlinge schneller zu aktiven Mitgestaltern der Gesellschaft zu machen. Die überwiegende Zahl der Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, teilt die Vorstellung, nach dem Verlust von Heimat und Besitz das eigene Leben neu aufzubauen. Jede Kommune, die in dieser Hinsicht eine Perspektive bieten kann, ist bei der Ansiedlung von Flüchtlingen klar im Vorteil.

Fußnoten

11.
Vgl. Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, Arbeitsmarktpotenziale von Asylbewerbern und Geduldeten zukunftsorientiert nutzen. Aktualisiertes Positionspapier zum Arbeitsmarktzugang von Asylbewerbern und Geduldeten, Berlin 2015.
12.
Vgl. ARL, Migration und Raumentwicklung, Positionspapier aus der ARL 105/2016, S. 6, http://shop.arl-net.de/media/direct/pdf/pospaper_105.pdf«.
13.
Ebd., S. 7.
14.
Vgl. Jutta Aumüller, Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen: Bestehende Praxisansätze und weiterführende Empfehlungen, Gütersloh 2016, S. 30 ff.
15.
LEADER (Liaison entre actions de développement de l‘économie rurale) ist ein Programm der Europäischen Union, das modellhafte Innovationen im ländlichen Raum fördert.
16.
ARL (Anm. 12), S. 9.
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