Menschlicher Schatten in geöffneter Tür. Symbolbild für Angst.

20.1.2017 | Von:
Robert Kahr
Frank Robertz
Ruben Wickenhäuser

Mediale Inszenierung von Amok und Terrorismus

Social Media: Komplement zu den Massenmedien

Es ist jedoch nötig hervorzuheben, dass es nicht mehr allein die klassischen Massenmedien sind, die Informationen effektiv streuen und gesellschaftliche Diskussionen in Gang setzen. Dank der nahezu universellen Verfügbarkeit des Internets auf Smartphones, Tablets und Computern kann heutzutage nahezu jeder am Diskurs teilnehmen. Boten früher Fernsehen, Radio und Zeitung Möglichkeiten, sich mehr oder weniger passiv zu informieren, so kann inzwischen jeder über die neuen Medien aktiv Informationen verbreiten, und zwar grenzüberschreitend und weitgehend ungefiltert.

Auch terroristische Gruppen machen sich diese Kanäle zunutze, um Propaganda zu verbreiten. Diese kann völlig eigenständig an ein internationales, disperses Publikum im Netz gerichtet werden. Propagandavideos des sogenannten Islamischen Staates (IS) sind beispielsweise auf Youtube verfügbar und können weltweit über Social-Media-Kanäle geteilt, kommentiert und empfohlen werden. Zudem kann unmittelbar auf Ereignisse reagiert werden: So veröffentlichte etwa der "IS" schon kurz nach dem Axt-Attentat in einem Zug bei Würzburg ein Video, in dem er die Tat für sich beanspruchte.[12] Das von Nacos betonte Konzept des "mass-mediated terrorism" muss folglich im Hinblick auf die neuen medialen Möglichkeiten zu einem Konzept des "social-mediated terrorism" erweitert werden.[13]

Hinzu kommt, dass die Verwendung von Social Media zur Rekrutierungszielgruppe terroristischer Gruppen passt. So lässt sich etwa eine Radikalisierung mehrerer deutscher Attentäter über soziale Netzwerke belegen.[14] Im Rahmen ihrer tatvorbereitenden "Pressearbeit" erstellen junge Täter häufig Bekennervideos, die dann auf Online-Plattformen wie Youtube oder Facebook erscheinen; sowohl der Attentäter von Würzburg als auch mutmaßlich der Täter von Ansbach nahmen solche Videos von sich auf. Ein terroristisch motivierter Gewalttäter, der 2015 in einem jüdischen Supermarkt in Paris mehrere Menschen ermordete, nahm sogar die Gewalttat mit einer tragbaren Kamera live auf, während in anderen Fällen etwa Facebook-Livestreams oder auch die Kommunikation über Facebook-Profile von Geiseln bekannt wurden.[15]

Live-Mitteilungen von Taten sind jedoch nicht nur dann problematisch, wenn sie von Täterseite kommen. Auch Kurzmitteilungen von Personen in der Nähe eines Anschlags können gefährliche Verwirrung stiften. So verbreitete sich im Laufe des Münchner Amoklaufs über eine Stunde lang der irrtümliche Tweet eines jungen Mannes, am Karlsplatz (Stachus) werde geschossen. Diese Information wurde von verschiedenen Fernseh- und Radiosendern aufgegriffen.[16] Taxis wurden daraufhin von ihrer Zentrale angewiesen, den Platz zu meiden. In der Folge begann sich über den gleichen Informationsweg eine große Anzahl an Gerüchten über den Aufenthaltsort und die Anzahl der Täter zu verbreiten. Solcherlei Irrtümer erhöhen die Aufmerksamkeit für die an sich bereits dramatische Tat zusätzlich.

Verantwortung der Massenmedien

Dass die Verbreitung von Bildern und Videos im Internet nicht effektiv unterbunden werden kann, wird von den etablierten Massenmedien mitunter als Grund dafür genannt, das Tätermaterial auch ihrerseits zu verwenden. Es sei schließlich bereits öffentlich verfügbar. Dabei wird jedoch die Rolle der Massenmedien als Multiplikatoren und Kontrollinstanzen, die Meldungen kuratieren und verifizieren sollen, vernachlässigt. Von ihnen wird die redaktionelle Bearbeitung von Nachrichten erwartet, ein kritisches Hinterfragen, um den "Wahrheitsgehalt" von Nachrichten zu überprüfen. Werden Propaganda und Informationsschnipsel ungefiltert aus sozialen Netzwerken übernommen, werden sie einem solchen Anspruch nicht gerecht.

Diesem Anspruch steht jedoch der Konkurrenz- und Zeitdruck, unter dem die klassischen Massenmedien stehen, diametral entgegen. Fehleinschätzungen und vorschnelle Aussagen von Zeugen oder Expertinnen können so rasch zu scheinbar unanfechtbaren Wahrheiten avancieren. Trotz der Wirkungsmacht neuer Informationskanäle liegt daher weiterhin eine große Verantwortung bei den klassischen Massenmedien. Diese zeigt sich auch darin, dass durch eine bestimmte Form der Berichterstattung Nachahmungstaten begünstigt werden können.

Auffällige Häufungen von kurz aufeinanderfolgenden, analog verübten Gewalttaten sind seit Langem bekannt, sei es bei politischer Gewalt, Flugzeugentführungen, im Rahmen von Geiselnahmen bei Banküberfällen oder bei Bomben in Flugzeugen.[17] Dies gilt auch für medial berichtete Einzeltötungen, terroristische Gewalttaten und Amokläufe von Erwachsenen.[18] Dass eine besonders umfassende und unkritische Berichterstattung für solche Häufungen relevant sein könnte, wurde insbesondere im Kontext von School Shootings deutlich.[19] Viele Täter nahmen explizit auf besonders schwerwiegende Vorgängertaten Bezug und benannten sie als ihre Vorbilder und Gesinnungsgenossen. Es zeigte sich dabei, dass die medial intensive Darstellung von Tat und Tätern in den Medien für die Identifikation von Nachahmungstätern mit ihren Vorbildern eine wichtige Rolle spielte. Der Expertenkreis Amok stellte daher in seinem Abschlussbericht zum School Shooting in Winnenden 2009 fest: "Eine extensive, täterzentrierte und detaillierte Amokberichterstattung ist Katalysator für Nachahmungsfantasien und -absichten amokgeneigter junger Menschen."[20]

Nachahmer sind von ihren Vorbildern fasziniert, tragen Material über sie zusammen, identifizieren sich mit ihnen und nutzen sie, um ihre eigene deviante Persönlichkeit auszuformen. Tagebucheinträge, prädeliktische Aussagen, Zeichnungen und vieles mehr belegen die Entwicklung ihrer Pläne von einer reinen Fantasie bis hin zur ausgeführten Tat. In der Forschung finden sich verschiedene Erklärungsansätze für diese eskalierende Faszination. So ist beispielsweise von einem durch die mediale Berichterstattung erzeugten kulturellen Skript die Rede, mit dem sich Täter identifizieren.[21] Ein anderer Ansatz sieht die Ursache in der Vorbildfunktion eines stereotypen Männerbildes in den westlichen Industrienationen. Die Berichterstattung über School Shooter schließt an dieses Bild an und scheint eine Vorstellung gewalttätiger Männlichkeit insbesondere bei verletzlichen Jugendlichen zu belegen, die sich in kritischen Lebenssituationen befinden. Folgt man dieser Argumentation, so stellen sich die jugendlichen Täter in einem psychopathologischen Sinne gerade nicht als deviant dar, sondern erweisen sich im Gegenteil als überkonform bezüglich des wahrgenommenen Männlichkeitsbildes. Demzufolge ist Gewalt nicht mehr als die erwartete und legitime Antwort auf eine subjektiv erlittene Kränkung.[22]

Eine bestimmte Form der Berichterstattung ist allerdings keineswegs der einzige oder auslösende Faktor für die Entstehung von schweren zielgerichteten Gewalttaten. Ein sozial gut eingebundener Mensch mit gut ausgebildeten Problemlösungsstrukturen wird sich auch von der Wahrnehmung einer undifferenziert gestalteten Berichterstattung über schwere Gewalttaten nicht dazu bringen lassen, die Umsetzung einer solchen Tat als Lösung eigener Probleme anzusehen. Vielmehr handelt es sich bei der Beeinflussung durch Berichterstattung nach dem gegenwärtigen Stand der Forschung um einen von mehreren relevanten Faktoren, die gemeinsam zur Entwicklung einer Tat beitragen können. Der konstruktive Aspekt bei diesem Faktor ist, dass eine entsprechend veränderte Berichterstattung dazu beitragen kann, die Anzahl der Nachahmungstaten zu verringern.

Fußnoten

12.
Vgl. Frank Jansen/Gisela Schmidt, Ende einer Flucht, 19.7.2016, http://www.tagesspiegel.de/13899096.html«.
13.
Vgl. Ingo Dudenhausen/Robert Kahr, Bekämpfung der Schwerkriminalität im "WEB 2.0", in: Kriminalistik 5/2014, S. 275–282.
14.
Zum Beispiel im Falle des Attentäters Arid Uka. Vgl. Guido Steinberg, Dschihadistische Radikalisierung im Internet und mögliche Gegenmaßnahmen, in: APuZ 29–31/2013, S. 17–25.
15.
Vgl. Paris Attacks: Coulibaly Siege Video Transcript Emerges, 26.2.2015, http://www.bbc.com/news/world-europe-31637717«.
16.
Vgl. Thierry Backes et al., Timeline der Panik, o.D., gfx.sueddeutsche.de/apps/57eba578910a46f716ca829d/www.
17.
Vgl. Robert J. Hamblin/Brooke R. Jacobsen/Jerry L. Miller, A Mathematical Theory of Social Change, New York 1973; Robert T. Holden, The Contagiousness of Aircraft Hijackings, in: American Journal of Sociology 91/1986, S. 874–904; Neil C. Livingstone, The War Against Terrorism, Washington D.C. 1982; Alex P. Schmid/Janny de Graaf, Violence as Communication, Newbury Park 1982.
18.
Vgl. Leonard Berkowitz/Jacqueline Macaulay, The Contagion of Criminal Violence, in: Sociometry 34/1971, S. 238–260; Hans-Bernd Brosius/Gabriel Weimann, The Contagiousness of Mass Mediated Terrorism, in: European Journal of Communication 6/1991, S. 63–75; Christopher H. Cantor/Michael A. Hill, Suicide From River Bridges, in: Australia and New Zealand Journal of Psychiatry 3/1999, S. 377–380; Armin Schmidtke et al., Imitation von Amok und Amok-Suizid, in: Manfred Wolfersdorf/Hans Wedler (Hrsg.), Terroristen-Suizide und Amok, Regensburg 2002.
19.
Vgl. Robertz (Anm. 1); ders/Wickenhäuser (Anm. 1).
20.
Expertenkreis Amok. Gemeinsam handeln, Risiken erkennen und minimieren, Stuttgart 2009, S. 59.
21.
Vgl. Glenn Muschert/Massimo Ragnedda, Media and Control of Violence, in: Wilhelm Heitmeyer et al. (Hrsg.), Control of Violence, New York 2010, S. 345–361; Tomi Kiilakoski/Atte Oksanen, Soundtrack of the School Shootings, in: Nordic Journal of Youth Research 3/2011, S. 247–269. Ein kulturelles Skript dient der Orientierung in sich wiederholenden Situationen des sozialen Lebens.
22.
Vgl. Michael Kimmel, Profiling School Shooters and Shooters’ Schools, in: Ben Agger/Timothy Luke (Hrsg.), There Is a Gunman on Campus, Lanham 2008, S. 1440.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autoren/-innen: Robert Kahr, Frank Robertz, Ruben Wickenhäuser für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und der Autoren/-innen teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Dossier

Innere Sicherheit

Das Verhältnis von Freiheit und Sicherheit sei wahrscheinlich ein Ewigkeitsthema, so Christoph Gusy in seinem Essay. Die Gewährung von Sicherheit gilt als eine Kernaufgabe des Staates. Wie dies umgesetzt wird, ist ein wichtiges und zugleich umstrittenes Politikfeld.

Mehr lesen