Menschlicher Schatten in geöffneter Tür. Symbolbild für Angst.

20.1.2017 | Von:
Robert Kahr
Frank Robertz
Ruben Wickenhäuser

Mediale Inszenierung von Amok und Terrorismus

Konsequenzen für die Berichterstattung

Somit stellt sich die Frage, wie der Gefahr einer Identifikation mit dem Täter und damit einer wahrscheinlicher werdenden Nachahmungstat begegnet werden kann. Als Faustregel kann gelten, dass die Fantasieanregung bei potenziellen Nachahmern so gering wie möglich ausfallen muss, und das bedeutet eine möglichst wenig konkrete, möglichst wenig emotionale Berichterstattung. Folgende Richtlinien ergeben einen guten Überblick.[23]

1. Keine vereinfachenden Erklärungen für Handlungsmotivationen anbieten: Wird die komplexe und hochindividuelle Motivlage des Täters zur Steigerung der Anschlussfähigkeit von Lesern oder Zuschauerinnen durch die Berichterstattung extrem reduziert wiedergegeben, dann bedeutet genau diese erhöhte Anschlussfähigkeit auch eine erhöhte Identifikationswahrscheinlichkeit verwundbarer Jugendlicher mit dem Täter. Wird beispielsweise eine Tatmotivation auf Mobbing reduziert, so können Jugendliche, die sich selbst als "gemobbt" wahrnehmen, fälschlicherweise annehmen, dass ihre Lebenssituationen denen der Täter ähneln. Es ist dann ein kleiner Schritt von dieser Illusion bis hin zur Inspiration, die eigene Problematik auch auf eine ähnliche Weise lösen zu wollen, wie der Täter es gezeigt hat – und so zudem auf den Titelseiten der großen Zeitschriften und Zeitungen abgebildet zu werden sowie Fanseiten im Internet zu bekommen. Wird das Geschehen aber als komplexe Entwicklung dargestellt, dann ist es nicht mehr so einfach, die eigene Lebenssituation mit der des Täters zu vereinbaren. Der Verzicht auf faktische Heroisierung, indem allenfalls verpixelte Bilder gezeigt werden, schafft zusätzlich Distanz.

2. Nicht romantisieren und keine Heldengeschichten erzählen: Auch das Unterbinden einer romantisierenden Darstellung oder des emotionalen Erzählens des Tatverlaufs vermeidet Anknüpfungspunkte zwischen den Tätern und möglichen Nachahmern. Beispielsweise ist zu beobachten, dass bei der Berichterstattung über schwere Gewalttaten in der Regel recht bald eine heroische Gegenfigur zum Täter aufgebaut wird – sei es ein scheinbar heldenhaft agierender Lehrer oder Schüler beziehungsweise seltener auch Polizeibeamter. Durch eine derartig emotional geladene Mythenbildung bekommt die Tat eine zumindest partiell positive Konnotation.

3. Auf die Folgen der Tat fokussieren: Statt eine Mythenbildung zuzulassen, sollten die Unzulänglichkeiten der Täter und die Menschlichkeit der Opfer gezeigt und das mit der Tat einhergehende Leid auf eine nicht voyeuristische Weise dargestellt werden. Wird ein Fokus auf die Folgen der Tat statt auf den Lebenslauf des Täters gelegt, verringert sich seine Attraktivität als Vorbild.

4. Den Tathergang nicht zu konkret aufzeigen: Als wesentlich erweist es sich zudem, keinen zu konkreten Ablauf des Tathergangs sowie keine Details zur Kleidung und Bewaffnung eines Täters zu schildern. Nachahmungstäter imitieren gezielt Aspekte vorangegangener Taten, um demonstrativ an ihre Idole anzuschließen. Die eigenen Gewaltfantasien werden auf diese Weise zusätzlich spezifiziert und intensiviert. Um potenziellen Nachahmungstätern mithin keinen Ansatzpunkt für die Spezifizierung ihrer Gewaltfantasien zu geben, sollten Aspekte der Tatausgestaltung möglichst verallgemeinert werden.

5. Täterfantasien und emotionales Bildmaterial nicht zu anschaulich darstellen: Auch eine genaue Schilderung der Vorbereitung des Täters ermöglicht es Nachahmungstätern, ihren Idolen so ähnlich wie möglich zu sein. Veröffentlichungen von Tagebüchern, Videos oder Zeichnungen der Täter schaffen eine starke Identifikationsmöglichkeit des gefährdeten Jugendlichen mit seinem Vorbild. Der Verzicht auf die Nutzung des vom Täter selbst angefertigten Materials ist daher sehr wichtig. Zudem wird solches Material, wenn es erst einmal der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden ist, in Fan-Foren ausgetauscht; Nachahmungstäter nutzen ebendiese Foren dazu, um sich das Material zu verschaffen.[24]

6. Keine sensiblen Informationen preisgeben: Dadurch, dass sich als Terroristen auftretende Einzeltäter ebenso wie School Shooter intensiv mit vergangenen Fällen auseinandersetzen, besteht die Gefahr, dass sie sich einerseits über das genaue Vorgehen des Täters, andererseits über die Interventionsmaßnahmen der Polizei sowie Sicherheitslücken informieren können. Das Aufzeigen von bestehenden Sicherheitslücken oder die Darstellung der Funktionsweise von Sicherheitssystemen hilft Nachfolgetätern, ihre Vorgehensweise zu optimieren. Derartige Hinweise müssen zur Aufrechterhaltung der Sicherheit kritisch reflektiert und allenfalls sehr unspezifisch genutzt werden.

7. Auswege aufzeigen: Ein möglicher Nachahmungseffekt kann durch das Aufzeigen von Lösungswegen zur Vermeidung solcher Ereignisse gesenkt werden. Die Darstellung von spezifischen Hilfsangeboten und Geschichten von Menschen, die ihre Suizidgedanken oder Gewaltfantasien überwinden konnten, erweisen sich hier als hilfreich.[25]

8. Auf die Wortwahl achten: Die symbolische Aufladung von Orten oder Methoden kann Nachahmern Vorschub leisten. Gleiches gilt für eine dramatische Wortwahl bei der Bezeichnung des Täters. So kann beispielsweise der Begriff des "Lone-Wolf-Täters" bei verzweifelten Jugendlichen, die von ihren herkömmlichen Anerkennungsressourcen abgeschnitten sind, Macht- und Gewaltfantasien anregen. Zur Vermeidung von Nachahmungstaten ist es mithin auch wichtig, Gewalttäter nicht sprachlich zu überhöhen. Eine Darstellung als furchteinflößendes "Monster" oder als "Killer" steigert die Bedeutsamkeit von Einzeltätern und schafft damit Anziehungskraft für Menschen mit labilem Selbstwert und Selbstzweifeln.

9. Quellen besonders sorgsam prüfen: In der Folge schwerer Gewaltvorfälle herrscht meist eine chaotisch-unstrukturierte Lage, die für eine hohe Anzahl potenzieller Fehlerquellen in der Berichterstattung sorgt. Gerüchte und Falschinformationen können jedoch Unschuldige stigmatisieren, falsche Erklärungsmuster liefern und die Arbeit der Hilfsinstitutionen behindern. Daher ist eine Prüfung der Quellen auch unter größtem Zeitdruck von zentraler Bedeutung.

10. Sich nicht instrumentalisieren lassen: Eine vom Täter beabsichtigte Instrumentalisierung der Berichterstattung darf nicht willfährig unterstützt werden. Einzeltäter sowie terroristische Gruppen setzen bei hochexpressiven Gewalttaten häufig gezielt Instrumente der Pressearbeit ein, um ihre Botschaften möglichst weitreichend zu transportieren: Sobald daher deutlich wird, dass die Wiedergabe von Botschaften, Fotos oder Videos der Tatabsicht eines Gewalttäters entspricht, sollte deren Veröffentlichung äußerst kritisch reflektiert werden. Eine Publikation derartiger Inhalte kann großen Schaden anrichten. Insbesondere terroristische Gruppierungen versuchen mitunter, einen Keil in die Gesellschaft zu treiben, um zum Beispiel Menschen eines bestimmten Glaubens vom Rest der Gesellschaft abzukapseln. Derartige Strategien verlieren jedoch dann ihre Wirkung, wenn ihnen mit gesellschaftlicher Geschlossenheit begegnet wird und sich dies auch in der medialen Berichterstattung widerspiegelt.

Fazit

Eine verantwortungsbewusste und sensible Berichterstattung kann das Problem der Nachahmung expressiver Gewalttaten sicherlich nicht alleine lösen. Jedoch können diejenigen, die für die Berichterstattung verantwortlich sind, entweder wider besseren Wissens zum Problem beitragen oder aber sich dafür entscheiden, ein Teil der Lösung zu sein. Die bundesweit angestoßene Diskussion der Medienschaffenden stellt hierfür ein positives Signal dar.[26]

Fußnoten

23.
Die ersten fünf der hier skizzierten Richtlinien aus Robertz/Wickenhäuser (Anm. 1) wurden 2016 auf Grundlage neuer Forschungsergebnisse um die weiteren hier angeführten fünf Richtlinien ergänzt. Siehe Frank J. Robertz/Robert Kahr (Hrsg.), Die mediale Inszenierung von Amok und Terrorismus. Zur medienpsychologischen Wirkung des Journalismus bei exzessiver Gewalt, Wiesbaden 2016.
24.
Vgl. Atte Oksanen et al., Glamorizing Rampage Online, in: Technology in Society 39/2014, S. 55–67.
25.
Vgl. Alice Ruddigkeit, Eine Frage der Darstellung – Forschungserkenntnisse zur Nachahmung von Suiziden, in: Robertz/Kahr (Anm. 23), S. 137–150; Frank J. Robertz, Gewaltphantasien, Frankfurt/M. 2011.
26.
Siehe etwa Georg Mascolo/Peter Neumann, Warum sich die Berichterstattung über Terror ändern muss, 7.8.2016, http://www.sueddeutsche.de/1.3108867«.
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