Buntes Mosaik

10.3.2017 | Von:
Sonja Wolf

Zur sozialen und politischen Lage der anerkannten nationalen Minderheiten in Deutschland

Sorbisches Volk

Die Sorben sind ein slawisches Volk, das in der Lausitz lebt. Diese Gegend ist seit 600 n. Chr. ihre Heimat und erfreut sich traditionell teilweiser Autonomie. Den Sorben ist es gelungen, ihre Kultur weitgehend zu bewahren, obwohl die deutsche Bevölkerung in der Region gewachsen ist und die Dominanz der deutschen Sprache und Kultur zugenommen hat – nicht zuletzt auch durch wirtschaftliche Entwicklungen, die eine teilweise Assimilation zur Folge hatten. Zwar wurden die Sorben unter dem Regime der Nationalsozialisten nicht gezielt verfolgt, aber es wurde doch eine klare Assimilierungspolitik durchgesetzt, im Zuge derer jeglicher sorbischer Sprachgebrauch und die Ausübung sorbischer Kultur untersagt und sorbische Vereine und Organisationen verboten wurden. Nach dem Zweiten Weltkrieg strebten Teile des sorbischen Volkes Autonomie für die Lausitz an, waren mit diesem Bestreben jedoch nicht erfolgreich. Die Organisationen der Minderheit wurden fortan vom SED-Regime kontrolliert.[15] Mit dem Einigungsvertrag zwischen DDR und Bundesrepublik wurden die Sorben 1990 als Minderheit anerkannt; seitdem sind ihr Schutz und ihre Förderung rechtlich gesichert, insbesondere auch durch die Landesverfassungen Sachsens und Brandenburgs.

Heute zählt das sorbische Volk schätzungsweise 60000 Personen, davon leben rund 40000 in der sächsischen Oberlausitz, 20000 sind in der brandenburgischen Niederlausitz beheimatet.[16] Die Sorben identifizieren sich hauptsächlich durch ihre Sprache und ihr kulturelles Erbe. Ihre traditionelle Musik, ihre Trachten und ihre Feiertage unterscheiden sie deutlich von der deutschen Mehrheitsbevölkerung und nehmen einen wichtigen Platz in ihrer Identität ein. Sie verfügen über ein großes Netzwerk an Vereinen und Organisationen, in denen Brauchtum und Sprache gepflegt werden.

Sorbisch ist eine westslawische Sprache aus der indoeuropäischen Sprachgruppe und hat zwei unterschiedliche Schriftsprachen: Obersorbisch in der Oberlausitz und Niedersorbisch in der Niederlausitz. In einigen Gegenden ist Sorbisch noch immer ein wichtiger Aspekt des Alltagslebens, aber vor allem im öffentlichen Leben und teilweise auch im privaten wird es zunehmend durch Deutsch ersetzt. In Orten, in denen der Gebrauch des Sorbischen zurückgeht, wird versucht, diesem Trend entgegenzuwirken: Entsprechende Maßnahmen konzentrieren sich speziell auf sorbischsprachige und bilinguale Kindergärten, bilinguale Schulbildung und Sorbischunterricht an öffentlichen Schulen sowie auf zweisprachige topografische Beschilderungen und Medien. Zudem gibt es eine niedersorbische Sprachschule. In vielen Kirchen in der Lausitz werden Messen auf Sorbisch gefeiert, entsprechend werden Bibeln und Gesangsbücher in sorbischer Sprache zur Verfügung gestellt. Die Kommunikation mit Behörden ist in Brandenburg und Sachsen prinzipiell auch auf Sorbisch möglich.

Das große Netzwerk aus Vereinen und Organisationen wird von der Dachorganisation Domowina koordiniert. Sie fungiert außerdem als Interessenvertretung gegenüber der Bundesregierung sowie den Landesregierungen Brandenburgs und Sachsens und vertritt die Sorben im gemeinsamen Minderheitenrat. In Brandenburg haben die Sorben durch einen Rat und Beauftragte sowohl auf Landes- als auch auf kommunaler Ebene direkte Ansprechpartner für ihre Belange, auch in Sachsen gibt es einen Rat für sorbische Angelegenheiten. In beiden Ländern beschreiben Gesetze zum Schutz der Sorben die Rechte der Minderheit. Zusätzlich ist in Brandenburg die Minderheiten- und Regionalpartei Lausitzer Allianz bei Landtagswahlen von der Fünfprozenthürde befreit. Die sorbische Organisationsstruktur wird aus Bundesmitteln sowie sächsischen und brandenburgischen Landesmitteln über die Stiftung für das sorbische Volk finanziert, zusätzlich ist es der Stiftung erlaubt, Fördermittel und Spenden von Dritten entgegenzunehmen.[17]


Das Siedlungsgebiet der Sorben ist auch heute noch eine aktive Bergbauregion, viele ihrer politischen Anliegen sind daher mit diesem Thema verbunden. Dabei geht es unter anderem um den Naturschutz, Infrastrukturveränderungen und Enteignungen. Auch die Definition des traditionellen Siedlungsgebietes der Sorben hängt zum Teil hiermit zusammen, da bestimmte Regelungen für die Berücksichtigung der Interessen der Minderheit nur in diesem Gebiet greifen. Dazu merkt der Beratende Ausschuss des Europarates an, dass gerade in Brandenburg auch neue Orte in das Siedlungsgebiet der Sorben aufgenommen werden können sollten, um die (durch den Bergbau bedingte) Bewegung der Volksgruppe berücksichtigen zu können.[18]


In den vergangenen Jahren haben Sachsen und Brandenburg die rechtliche Position der Minderheit zwar weiter gestärkt, und auch die Finanzierung der Organisationsstruktur wurde stabilisiert. Dennoch bleibt abzuwarten, wie sich der Minderheitenschutz im Alltag genau ausgestalten wird. Insbesondere vor dem Hintergrund steigender Zahlen rassistisch motivierter Straftaten in der Lausitz und den umliegenden Gebieten, von denen auch die Sorben stark betroffen sind,[19] stellt sich diese Frage mit besonderer Dringlichkeit.

Fußnoten

15.
Vgl. Reetta Toivanen, Minderheitenrechte als Identitätsressource? Die Sorben in Deutschland und die Saamen in Finnland, Hamburg 2001, S. 33ff.
16.
Siehe http://www.sorben.sachsen.de«.
17.
Vgl. Stiftung für das sorbische Volk, Finanzierung, o.D., http://stiftung.sorben.com/wobsah_de_44.htm«.
18.
Vgl. Europarat (Anm. 9), S. 13.
19.
Vgl. Ine Dippmann, Rechte Gewalt gegen Sorben in Bautzen, 21.9.2016, http://www.mdr.de/nachrichten/politik/regional/angriffe-auf-sorben-102.html«.
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