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Bocca della Verita (Mund der Wahrheit), ein Relief mit einem Gesicht in der Kirche Santa Maria in Cosmedin in Rom.

24.3.2017 | Von:
Jens Jäger

Bilder und "historische Wahrheit"

Bilder als Historische Quellen

Bilder sind also niemals wahrer oder unwahrer als andere historische Quellen. Das Wort "Baum" etwa mag in einem Text korrekt geschrieben sein, das sagt aber noch nicht, warum es verwendet wurde. Ebenso im Bild: Dort mag ein bestimmter Baum in seiner äußeren Erscheinung richtig wiedergegeben sein, das sagt aber nichts darüber aus, warum und in welchem Zusammenhang er abgebildet wurde. Bilder können nicht der Königsweg zu so etwas wie "historischer Wahrheit" sein. Alle Bildformen reduzieren die Komplexität des Geschehens zunächst auf visuelle Aspekte, und auch diese werden zusätzlich vereinfacht, je nach Technik.

Selbst darüber, was überhaupt als "Bild" Gegenstand historischer Analyse sein soll, wird gestritten.[6] Gehören bewegte Bilder, Skulpturen, Reliefs und Architektur dazu? Sind auch Träume, Fantasien und Metaphern Bilder? Muss ein Bild ein materielles Trägermedium besitzen, wie etwa Papier, Leinwand oder Pappe? Pragmatische Bildbegriffe, wie sie häufig ausdrücklich oder unterschwellig verwendet werden, orientieren sich an alltäglich bekannten Bildformen: So setzen zum Beispiel Gemälde, Zeichnung, Grafik, Fotografie, Plakat, Postkarte einen materiellen Bildträger voraus, der auch selbst als Objekt untersucht werden könnte.[7]

Etwas abstrakter muss für ein Bild als geschichtswissenschaftliches Untersuchungsobjekt gelten, dass es wahrnehmbar für das menschliche Auge, künstlich im Sinne eines erfolgten menschlichen Eingriffs (wie gering er auch sei) sowie relativ dauerhaft im Sinne intersubjektiver Wiederholbarkeit der Wahrnehmung ist. Das schließt Bilder ein, die mithilfe technischer Apparate wie ein Projektor oder ein Bildschirm gezeigt werden, die also nicht fest mit einem materiellen Träger verbunden sind.[8]

All diese Bilder ermöglichen historische Erkenntnis. Diese ergibt sich aber nicht nur aus dem Bild selbst, sondern auch aus den Sehgewohnheiten einer Epoche und einer Kultur – also aus dem, was üblicherweise in einer Gesellschaft in Bildern "gesehen" werden kann, darf und sollte. Der Weg zu historischer Erkenntnis aus und mit Bildern führt daher über zwei Ansatzpunkte: zum einen über das Bild selbst und seinen Inhalt sowie zum anderen über die Geschichte seiner Wahrnehmung und Interpretation.

Aber auch das führt nicht eher als Texte zu "historischer Wahrheit". Denn "historische Wahrheit" ist selbst ein problematischer Begriff, da sich der Gegenstand geschichtswissenschaftlicher Erkenntnis notwendigerweise einer Überprüfung entzieht – Vergangenheit ist unzugänglich. Dennoch "können Aussagen über die Geschichte wahr beziehungsweise objektiv sein, sofern sie frei von inneren Widersprüchen sind, keinen Naturgesetzen zuwiderlaufen und es Überreste der vergangenen Wirklichkeit gibt, die bestimmte Thesen und Ansichten über das Gewesene zulassen", stellt der Historiker Stefan Jordan fest.[9]

Bildquellen besitzen ihre Stärke darin, dass sie visuell erfahrbare Teilbereiche vergangenen Geschehens vermitteln, die auf andere Weise nicht überliefert wurden. Sie geben Auskunft über die Regeln dessen, was in einer Gesellschaft zu einer bestimmten Zeit auf welche Weise gezeigt werden durfte.

So mag eine Fotografie Lenin bei einer Rede zeigen (Abbildung).[10] Die Aufnahme entstand nachweislich am 5. Mai 1920, als Lenin in Moskau zu sowjetischen Truppen sprach. Der offiziell beauftragte Fotograf Grigori Petrowitsch Goldstein (1870–1941) machte mehrere Aufnahmen, von denen einige in verschiedenen Versionen abgedruckt wurden. Die Haltung und Geste Lenins, wie sie auf der linken Bildseite festgehalten wurde, hat sich zu einer Ikone sowjetischer Leninverehrung entwickelt. Der Bildbefund entspricht dem Wissen über das Aussehen Lenins; auch ist die Gesamtsituation korrekt beschrieben: eine Rede an einem bestimmten Tag an einem überprüfbaren Ort. Auch gibt es Informationen zu Kleidung und Körperhaltung, die gewiss nicht Anlass waren, in diesem Moment zu fotografieren.
Abbildung: Lenin spricht zu Rotarmisten, Moskau 05.05.1920Abbildung: Lenin spricht zu Rotarmisten, Moskau 05.05.1920 (© Staatliches Historisches Museum Moskau)

Dies alles bleibt erhalten, auch wenn bei späteren Veröffentlichungen des Bildes die ebenfalls abgebildeten Leo Trotzki und Leo Kamenev, nachdem sie 1927 in Ungnade gefallen waren, wegretuschiert und kleinere Details verändert wurden. Aus zeitgenössischer Sicht des Regimes war das ein legitimer, ja geradezu notwendiger Akt: Lenin galt es, zu verehren, doch nicht jene Mitstreiter der Revolution, die nunmehr als Verräter galten,[11] aber im ikonischen Bild durch die Nähe zum Revolutionshelden ebenfalls geehrt worden wären. Zweifellos war dies eine Bildmanipulation, und sie zeigt, wie wichtig dieses Bild genommen wurde und auch noch wird.

Natürlich ist das retuschierte Bild keine Aufnahme, die das Kriterium erfüllt, dass alles, was im Augenblick des Fotografierens auf der lichtempfindlichen Schicht eine Reaktion ausgelöst hat, auch auf dem Abzug zu sehen sein muss – das gilt für die erste Abbildung, soweit das ermittelbar ist, ohne dass dies der entscheidende historische Aussagewert wäre. Das zweite Bild erfüllt diese Anforderung nur in Teilen und ist dadurch eine besonders aufschlussreiche Quelle, weil es Hinweise auf Weltsicht und Absicht derjenigen gibt, die das Bild veränderten – und genau das bedarf einer entsprechenden kritischen Analyse.

Fazit

Grundsätzlich ist also nie zu erwarten, dass sich vergangene Realität in all ihrer Komplexität auf direkte Weise in Bildern wiederfände. Das Abgebildete zeigt immer nur eine von vielen möglichen Sichtweisen und ist stets durch Technik und Entscheidungen des Fotografierenden eingeschränkt. Auch die Möglichkeiten, Bilder zu bearbeiten, hat es immer gegeben; das ist kein Phänomen der Gegenwart. Entscheidender ist, warum ein Bild entstand und in welcher Form es in einem Kommunikationsprozess eine Rolle spielte, sowie die Frage nach den Zusammenhängen, die bewusst oder unbewusst hergestellt wurden. Das bedarf keiner Manipulation oder Inszenierung im Bild.

Zudem gelingt Kommunikation mit Bildern auch nicht besser als mit dem gesprochenen oder geschriebenen Wort. Bilder können, wie beschrieben, durchaus Reaktionen hervorrufen, die der Absicht des Bilderproduzenten und -verbreiters überhaupt nicht entsprechen. Kurz: Geschichtliche Ereignisse lassen sich über Bilder weder realitätsgenauer darstellen noch sind sie weniger komplex. So kann eine visuelle Darstellung Ereignisse symbolisch verdichten oder zu einer Ikone werden, an die Vorstellungen zu einem Geschehen anknüpfen. Aber das macht sie nicht zu einer wahrhaftigeren, sondern zu einer höchst interessanten Quelle.

Bilder zeigen keine zuverlässigere oder "wahrere" Geschichte, sie sind notwendiger Teil historischer Erzählung und können Vorstellungen korrigieren, ergänzen und teils auch überhaupt erst ins historische Bewusstsein bringen. Ebenso konkretisieren sie historische Zustände und liefern Wissen, das in anderen Quellen nur schwerlich oder überhaupt nicht zu finden ist. Gleichzeitig sind sie integraler Bestandteil im historischen Prozess, da sie fast immer zu kommunikativen Zwecken verwendet werden, um zu informieren, zu kritisieren, Standpunkte zu belegen, Meinungen zu festigen oder zu erschüttern. Mal wenden sie sich an den Intellekt der Betrachter, mal an die Emotionen, und oft vermögen sie auch beides anzusprechen.

Da gegenständliche Bilder Geschehen einerseits verdichten, andererseits aber auch sehr viel "Wirklichkeit" ausblenden, vermischen sie einen dokumentarischen Eindruck mit symbolischer Wirkung. Sie bringen ein gesamtes Ereignis in individuelle und zuweilen kollektive Erinnerung und überlagern sie. Daher sind sie für das historische Erzählen bedeutsam und werden entsprechend eingesetzt.

Die Deutungen hängen stark vom Kontext ab, in denen die Bilder dem Betrachter begegnen. Die Zusammenhänge sind bereits zeitgenössisch verschieden und ändern sich im Verlauf der Zeit. Für die einen ist Lenin eine positive Figur, die Tatsache der Russischen Revolution ein Glücksfall der Geschichte. Für andere ist Lenin eine negative Erscheinung und die Russische Revolution eine Katastrophe. Diese Standortgebundenheit der Betrachter lässt sich nicht auflösen, selbst wenn für alle Streitenden ein Bild als korrekte Darstellung eines Sachverhalts gilt – so hat bei dem Beispiel nie jemand die Tatsache bezweifelt, dass tatsächlich Lenin abgebildet und die Hauptfigur ist.

Die unabwendbaren und notwendigen Diskussionen über Bilder und das, was sie (vermeintlich) zeigen und zu beweisen vermögen, können tiefe Einblicke in die Prozesse geben, aus denen sich das entwickelt, was landläufig als "Geschichte" gilt, und zu dieser gehören Bilder, ohne die historische Erkenntnis blind bliebe und begrenzter wäre als notwendig.

Fußnoten

6.
Vgl. Christine Brocks, Bildquellen der Neuzeit. Paderborn 2012, S. 13–19; Gerhard Paul, Das Jahrhundert der Bilder. Die visuelle Geschichte und der Bildkanon des kulturellen Gedächtnisses, in: ders. (Hrsg.), Das Jahrhundert der Bilder, Bd. 1: 1900–1949, Bonn 2009, S. 14–39. Grundlegende Überlegungen finden sich bei Gottfried Boehm (Hrsg.), Was ist ein Bild?, München 1994.
7.
Vgl. Brocks (Anm. 6); Michael Maurer, Bilder, in: ders. (Hrsg.): Aufriß der Historischen Wissenschaften, Bd. 4: Quellen, Stuttgart 2002, S. 402–426; Rolf Reichardt, Bild- und Mediengeschichte, in: Joachim Eibach/Günther Lottes (Hrsg.), Kompass der Geschichtswissenschaft. Ein Handbuch, Göttingen 2002, S. 219–230; Irmgard Wilharm, Einleitung. Geschichte, Bilder und die Bilder im Kopf, in: dies. (Hrsg.), Geschichte in Bildern. Von der Miniatur zum Film als historische Quelle, Pfaffenweiler 1995, S. 7–24.
8.
Ausführlicher bei Jens Jäger, Überlegungen zu einer historiografischen Bildanalyse, in: Historische Zeitschrift 304/2017 (i.E.).
9.
Stefan Jordan, Vetorecht der Quellen, Version 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 11.2.2010. http://docupedia.de/zg/Vetorecht_der_Quellen«.
10.
Klaus Waschik, Wo ist Trotzki? Sowjetische Bildpolitik als Erinnerungskontrolle in den 1930er Jahren, in: Paul (Anm. 6), S. 252–259.
11.
Diese Tilgung aus dem öffentlichen Andenken ist seit der Antike als damnatio memoriae bekannt. Für ausführliche Informationen zu dem Bild und seiner Veröffentlichungsgeschichte vgl. Klaus Waschik, Virtual Reality. Sowjetische Bild- und Zensurpolitik als Erinnerungskontrolle in den 1930er-Jahren, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History 1/2010, S. 30–54, http://www.zeithistorische-forschungen.de/1-2010/id=4745«.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Jens Jäger für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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