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"Der Bolschewik". (Als Koloss über der Stadt Moskau, im Hintergrund die Lenin-Bibliothek). Gemälde, 1920, von Boris M. Kustodijew (1878–1927).

18.8.2017 | Von:
Gerd Koenen

Spiel um Weltmacht. Deutschland und die Russische Revolution

Lenins Weg zur Macht

Unmittelbar nach Zimmerwald traf Lenin sich mit Alexander Helphand, einem Führer der Russischen Revolution von 1905, der den Plan einer Zusammenarbeit mit dem exilierten Bolschewikenführer an die deutsche Reichsleitung herangetragen hatte und auch öffentlich für ein "Bündnis von preußischen Bajonetten und russischen Proletarierfäusten" zum Sturz des Zarentums eintrat. Später behauptete Lenin, diesen alten Bekannten nach kurzer, heftiger Debatte "mit dem Schwanz zwischen den Beinen" hochkant hinausgeworfen zu haben. Das mag so gewesen sein – oder auch nicht. Jeder sichtbare Kontakt war natürlich hochriskant.

Aber gleich danach schickte Lenin Jakub Hanecki nach Kopenhagen, der seit seiner Krakauer Exilzeit vor 1914 so etwas wie der Majordomus seines verbliebenen kleinen Partei- und Hausstaats war. Schon im Oktober 1915 nahm dieser unter seinem Familiennamen Fürstenberg als Teilhaber und Geschäftsführer an der Gründung einer ins Kopenhagener Handelsregister eingetragenen Import-Export-Firma teil, die Helphand zusammen mit dem professionellen Handelsagenten des Berliner Generalstabs und deutschen Sozialdemokraten Georg Sklarz initiiert hatte. Alles war offensichtlich vorbereitet und besprochen. Und Hanecki war keine randständige Figur. Der Sohn einer Bankiersfamilie war seit 1912 der umsichtige Organisator aller Finanzoperationen Lenins und seiner Partei bis zu dessen Rückkehr nach Russland im April 1917 – eine Fahrt, die ebenfalls von Helphand und Hanecki eingefädelt und begleitet wurde. Nach der Oktoberrevolution wurde er erster Chef der Zentralbank und Organisator des Außenhandelsmonopols der Sowjetrepublik sowie Hüter des für weltrevolutionäre Zwecke gehorteten Schatzes im Keller des Moskauer Kreml. 1937 würde Stalin ihn wie alle überlebenden Teilnehmer und Zeugen dieser deutsch-bolschewistischen Zusammenarbeit erschießen lassen.

Über die weitgespannten und wegen des Blockadebruchs äußerst gewinnträchtigen Transaktionen des Kopenhagener Handelskontors, und nicht über direkte Geldtransfers aus den Reptilienfonds der deutschen Reichsregierung, dürfte das Gros der Finanzierungen bis zum April 1917 gelaufen sein. Ebenso wichtig oder noch wichtiger waren vermutlich aber die konspirativen Verbindungswege als solche, die allein den Zusammenhalt von Exilführung und Inlandskader sichern konnten. Die "Geschäftspartner" in Petrograd waren ebenfalls Bolschewiki, die dort diverse Tarnfirmen unterhielten und die Überschüsse aus den Verkäufen der Schmuggelware (von Kondomen bis Bleistiften) abzweigten und auf Konten leiteten, die der aus polnischem Adel stammende Rechtsanwalt Mieczysław Kozłowski (später ein Mitglied des Tscheka-Kollegiums und Obersten Revolutionstribunals) für die Petrograder Parteiorganisation verwaltete – die davon unter anderem ihre Untergrunddruckerei unterhielt.[7]

Keine besonderen Geheimnisse bieten auch die Modalitäten der Durchschleusung Lenins und mehrerer Schübe russischer Kriegsgegner in "plombierten" Sonderzügen im April und Mai 1917, nachdem Zar Nikolaus II. Wochen zuvor durch eine große Volksrevolution – an der die Bolschewiki so gut wie keinen Anteil gehabt hatten – gestürzt worden war. Wie eng und interessiert die deutsche Seite die Entwicklung verfolgte, zeigt die Vollzugsmeldung des Residenten der deutschen Abwehr in Stockholm, die die Oberste Heeresleitung am 17. April an das Auswärtige Amt weiterleitete: "Eintritt Lenins nach Russland geglückt. Er arbeitet völlig nach Wunsch."[8] Das besagte sehr wenig über Lenin, umso mehr aber über die Interessen der deutschen Seite – mit denen Lenin seinerseits revolutionäre Politik machen konnte.

Der Zusammenfall der deutschen imperialen Interessen und der Interessen Lenins war im Revolutionsjahr 1917 weder für Freund noch Feind zu übersehen. Schon bei seiner Ankunft auf dem Finnischen Bahnhof hatte Lenin in seinen "April-Thesen" jede Unterstützung der neuen, demokratischen, aus Sozialisten und Liberalen gebildeten und von den Führern des Petrograder Arbeiter- und Soldatenrats unterstützten Koalitions-Regierung verweigert und stattdessen bedingungslose Opposition geschworen. Von noch größerem Gewicht als alle sozialen Agitationen, mit denen die Bolschewiki inmitten des allgemeinen wirtschaftlichen Zusammenbruchs die Betriebsbesetzungen der Arbeiter und wilden Landnahmen der Bauern unterstützten und anheizten, war ihre Gegnerschaft gegen die Friedensbemühungen des Petrograder Sowjet. Dieser hatte den Mittelmächten schon gleich nach seiner Konstituierung einen "Frieden ohne Annexionen und Kontributionen" angeboten und auch die westlichen Alliierten aufgefordert, sich dem anzuschließen. Aber da weder die einen noch die anderen darauf eingingen, sondern stattdessen für neue Entscheidungsschlachten rüsteten, traten Sowjet wie Regierung für eine Politik des "revolutionären Defensismus" ein. Im Klartext hieß das: Gewehr bei Fuß zu stehen, die eigenen Fronten nicht zu entblößen und ein chaotisches Auseinanderfallen der Armee bis zu einem allgemeinen Waffenstillstand zu verhindern.

Dieses Auseinanderfallen hatte jedoch längst begonnen: Die Welle von Offiziersmorden und Massendesertionen, die schon im April 1917 einsetzte, entsprang der miserablen Versorgung, der quälenden Untätigkeit, den grassierenden Gerüchten über konterrevolutionäre Verschwörungen sowie dem Wunsch der bäuerlichen Soldaten, bei der Landverteilung im Dorf dabei zu sein. Aber teilweise hatte dieser spontane "Schützengraben-Bolschewismus" auch schon mit der politischen Agitation der Bolschewiki zu tun, die sich einen schlagkräftigen Druck- und Presseapparat aufgebaut hatten und gerade auch unter Soldaten und Unteroffizieren neuen Anhang gewannen. Sie behaupteten, die Provisorische Regierung sei nichts als ein williges Instrument der imperialistischen Mächte des Westens und habe nur deshalb den Zaren beseitigt, um den Krieg verstärkt fortzusetzen.

"Verbrüderung" hieß eines der Stichworte in Lenins "April-Thesen", mit denen er seine Partei gleich nach seiner Rückkehr auf eine völlig neue revolutionäre Perspektive ausrichtete. Diese "Verbrüderung" gab es bereits an den Fronten – allerdings in sehr einseitiger Art und Weise. Tausende Soldaten waren, von deutschen Flugblättern eingeladen, mit weißen Fahnen auf die deutsche Seite hinübergegangen, wo Marketenderwagen mit Wodka, Zigaretten und Bordellen lockten. Deutsche Propagandaoffiziere, oft Sozialdemokraten, kamen, ebenfalls mit weißen Fahnen, auf die russische Seite hinüber, ließen Zeitungen in russischer Sprache und mit Titeln wie "Towarisch" (Genosse) zirkulieren und sagten den Soldaten, sie sollten nicht länger für die imperialistischen Interessen Frankreichs und Englands ihr Blut vergießen. Dasselbe forderten die bolschewistischen Zeitungen und Flugblätter.

Als der neue Regierungschef, der Sozialrevolutionär Alexander Kerenski, im Juni 1917 versuchte, den Zerfall zu stoppen, indem er nach dem Vorbild der Französischen Revolution "das Vaterland in Gefahr" erklärte und eine Offensive einleitete, endete das in einem Desaster. Die verlustreichen Rückzüge der unter roten Fahnen angetretenen russischen Armeen – gefolgt von neuen deutschen Vormärschen – bedeuteten nicht nur den Anfang vom Ende der Provisorischen Regierung, sondern den Zerfall der demokratischen Massenbewegungen überhaupt.

Die Revolution wurde zur Involution, zum Kollaps aller inneren Organe des Staates und der Gesellschaft. Inmitten dieses in Hunderte kleiner und großer "Republiken" zerfallenden Imperiums konnten die Bolschewiki – die es als eine Protest- und gleichzeitig Ordnungspartei in den letzten demokratischen Wahlen im Oktober/November 1917 auf ein knappes Viertel der Stimmen brachten – in Petrograd, Moskau und einigen anderen russischen Städten die Staatsmacht an sich reißen. Dafür brauchten sie, da es kaum Gegenwehr gab, nur kleine Kontingente von Garnisonstruppen und Roten Garden.

Fußnoten

7.
Siehe hierzu Michael Futrell, Northern Underground, London 1963, S. 145.
8.
Das Telegramm findet sich im Original reproduziert im Katalog des Museums für Kommunikation Berlin, Netze des Krieges. Kommunikation 14/18, Dok. 5. Zu den Umständen der Reise siehe Werner Hahlweg (Hrsg.), Lenins Rückkehr nach Russland 1917: Die deutschen Akten, Leiden 1957.
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Oktoberrevolution, Demonstration, Sevastopol, 2016, 1917
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