BUNDESTAGSWAHL 2021 Mehr erfahren
"Der Bolschewik". (Als Koloss über der Stadt Moskau, im Hintergrund die Lenin-Bibliothek). Gemälde, 1920, von Boris M. Kustodijew (1878–1927).

18.8.2017 | Von:
Gerd Koenen

Spiel um Weltmacht. Deutschland und die Russische Revolution

Vom Weltkrieg zum Bürgerkrieg

Die Machteroberung der Bolschewiki vollzog sich unter dem einhelligen Beifall der deutschen Öffentlichkeit, zumal sie an der Front Züge einer einseitigen Kapitulation der russischen Armeen trug. Die offiziöse "Norddeutsche Allgemeine Zeitung" meldete: "Das Ziel, für das das Volk kämpfte, nämlich Vorschlag eines sofortigen demokratischen Friedens, Aufhebung des Rechtes der Grundeigentümer, Land zu besitzen, Aufsicht der Arbeiter über die Erzeugung und Bildung einer Regierung des Arbeiter- und Soldatenrates, ist gesichert." Der sozialdemokratische "Vorwärts" schrieb: "Die maximalistische Regierung schafft Ordnung", und stellte Lenin den Lesern in einer biografischen Skizze näher vor, die mit den wohlwollenden Worten endete: "Einen solchen Charakter braucht jetzt die russische Arbeiterklasse, wenn sie ihre historischen Forderungen erfüllt sehen will." [9]

Der neue Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Richard von Kühlmann, erklärte in einer Niederschrift für den Vortrag beim Kaiser am 3. Dezember 1917: "Erst die Mittel, die den Bolschewiki auf verschiedenen Kanälen und unter wechselnder Etikette von unserer Seite dauernd zuflossen, haben es ihnen ermöglicht, die ‚Prawda‘, ihr Hauptorgan auszugestalten und die anfangs schmale Basis ihrer Partei stark zu verbreitern. Die Bolschewiki sind nun zur Herrschaft gelangt; wie lange sie sich an der Macht halten können, ist noch nicht zu übersehen. Sie brauchen zur Befestigung ihrer eigenen Stellung den Frieden; und auf der anderen Seite haben wir alles Interesse daran, ihre vielleicht nur kurze Regierungszeit auszunutzen."[10]

Dagegen erklärte der General Erich Ludendorff jedem, der es hören wollte: "Die russische Revolution ist kein Glücksfall für uns gewesen, sondern die natürliche und notwendige Folge unserer Kriegsführung." Für die Großoffensive im Frühjahr 1918 in Frankreich, mit der er eine militärische Entscheidung zu erzwingen hoffte, bevor die amerikanische Verstärkung eintraf, forderte er im Osten "klare Verhältnisse (…) und schnelles Handeln": großflächige Okkupationen der baltischen Gebiete und der ostpolnischen Gebiete, separate Verhandlungen mit den Ukrainern, die sich gerade für unabhängig erklärt hatten, und ein klares Diktat gegenüber den Bolschewiki, die er als bloße Glücksritter und bezahlte Marionetten für eine kurze Übergangsperiode ansah.[11]

Die überspannten Selbsteinschätzungen der Politiker und Militärs in Berlin fanden ihr genaues Pendant in den dramatischen, teilweise panischen Lageeinschätzungen und Ausblicken der Alliierten, die fest davon überzeugt waren, dass die Machteroberung der Bolschewiki eine "deutsche Revolution auf russischem Boden" gewesen sei. Dem britischen Generalstabschef William Robertson zufolge würde ein effektiver deutsch-bolschewistischer Separatfrieden die Aussichten auf einen alliierten Sieg im Jahre 1918 – trotz der amerikanischen Truppen – zunichtemachen.[12]

Die Verkündung der "14 Punkte" durch US-Präsident Woodrow Wilson am 8. Januar 1918 war denn auch vorrangig von dem Bemühen diktiert, die Verhandlungen in Brest-Litowsk zwischen der bolschewistischen Räteregierung und den Mittelmächten zu torpedieren. Wilson erkannte die einseitige Machtusurpation der Bolschewiki – die gerade dabei waren, die frei gewählte Verfassungsgebende Versammlung auseinanderzujagen – de facto an und ignorierte völlig die Unabhängigkeitserklärungen der nichtrussischen Republiken. Während er den politischen Preis für das Deutsche, das Habsburgische und das Osmanische Reich bis zur drastischen Amputation oder völligen Auflösung ihrer Staatsverbände mittels des Selbstbestimmungsrechts ihrer Völker erhöhte, verlangte er den Kolonialmächten in Paris und London wenig ab, die im Gegenteil zu den designierten Mandats- und Garantiemächten der neuen Weltordnung und des neu zu gründenden "Völkerbunds" wurden.

Lenin ließ sich von diesen Sirenengesängen nicht beirren. Dass der Waffenstillstand und die Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk den Mittelmächten in dem auf Messers Schneide stehenden Weltkonflikt einen enormen Vorteil verschafften, war ihm selbstverständlich klar. Er nahm das nicht nur in Kauf, sondern seine Regierung verschärfte die Situation durch die einseitige Kündigung aller Bündnisverträge, die Kassierung der riesigen Kriegs- und Vorkriegsschulden Russlands sowie die Veröffentlichung der "Geheimabkommen" über die alliierten Kriegsziele, was den deutschen Darstellungen über die Ursachen des Kriegs – nämlich den Wunsch der westlichen Mächte, das Deutsche, das Habsburger und das Osmanische Reich niederzuhalten oder aufzuteilen – weit entgegenkam.

Obwohl Lenin in seiner eigenen Partei und Regierung anfangs mit dieser Politik fast völlig allein stand, suchte er nicht nur ein stilles, taktisches Bündnis, sondern eine enge, durch eine Reihe von Zusatzverträgen sanktionierte Verbindung mit dem preußisch-deutschen Kaiserreich, trotz dessen weiträumigen Landnahmen in den ehemaligen westlichen Reichsgebieten Russlands, vom Baltikum bis zur Ukraine. Zwar konnte er allen innerparteilichen Gegnern des Diktatfriedens plausibel vorrechnen, was ein revolutionärer Widerstandskrieg bedeutet hätte. Aber die Kosten der Unterschrift waren noch ungleich höher: Die eben geschlossene Koalition mit den linken Sozialrevolutionären zerbrach; der Bürgerkrieg entbrannte jetzt an allen Fronten; das Land, auch Zentralrussland selbst, zerfiel; und die Alliierten sahen sich legitimiert, die Häfen im Norden, Süden und Osten Russlands zu besetzen, um zu verhindern, dass die dort gelagerten Waffenarsenale und Nachschubdepots den Deutschen in die Hände fielen.

Umgekehrt hätte Lenins Regime, wenn es sich dem deutschen Diktat verweigert hätte, die Unterstützung der eben unterdrückten Oppositionsparteien zurückgewinnen und sich womöglich sogar der Loyalität eines Großteils der städtischen Bürgerschaften versichern können. Genau das war der Grund, warum er diesen Weg nicht ging, sondern stattdessen den eines kompromisslos geführten, internen Bürgerkriegs, der sich nicht auf die Niederschlagung der aktiven "weißen" Gegner beschränkte, sondern mit den Mitteln eines neuartigen, zugleich physischen und sozialen, in diesem Sinne "totalitären" Terrors den Widerstand aus allen Schichten der Bevölkerung, einschließlich der organisierten Arbeiterschaften, brach und zerschlug.

Mehr noch: Im Mai 1918, während die ausgedünnten deutschen und österreichischen Truppen, ohne auf Widerstand zu stoßen, durch die ganze Ukraine hindurch und bis zum Don vorstießen, gab er die vieldeutige Parole aus: "Lerne vom Deutschen!"; Deutschland vertrete nicht nur "den bestialischen Imperialismus, sondern auch das Prinzip der Disziplin, der Organisation, des harmonischen Zusammenwirkens auf dem Boden der modernsten maschinellen Industrie, der strengsten Rechnungsführung und Kontrolle".[13] Die Aufgabe der Bolschewiki sei es, "vom Staatskapitalismus der Deutschen zu lernen, ihn mit aller Kraft zu übernehmen", so wie Peter der Große "die Übernahme der westlichen Kultur durch das barbarische Russland beschleunigte, ohne dabei vor barbarischen Methoden des Kampfes gegen die Barbarei zurückzuschrecken".[14]

Umsturz der Versailler Weltordnung

Die Leninsche Frage "Wer wen?", das heißt wer letztlich wen für sich eingespannt hatte, beantwortete sich im Spätsommer 1918 beim Zusammenbruch der deutschen Fronten in Frankreich. Das deutsche Kaiserreich hatte den Bolschewiki mit zur Macht verholfen und sie in einer entscheidenden ersten Phase aktiv gestützt – und hatte durch die Überdehnung seiner Besatzungsgebiete im Osten entscheidend zur eigenen Niederlage beigetragen, die sich im Westen vollzog. Die Bolschewiki dagegen konnten sich nicht nur in Kernrussland behaupten, sondern im Feuer eines langen Bürgerkriegs einen neuen multinationalen Machtkader schmieden und auf dem Boden des alten zarischen Vielvölkerreichs einen neuen Suprastaat, eine "Union sozialistischer Sowjetrepubliken", gründen.

Mehr als das: Inmitten des globalen Zusammenbruchs der Weltordnung am Kriegsausgang konnten sie eine Kommunistische Internationale (Komintern) als eine einheitliche, von der Moskauer Zentrale dirigierte bolschewistische "Weltpartei" ins Leben rufen, die der globalen Umwandlung des Weltkriegs in einen Weltbürgerkrieg dienen sollte. Über alle sozialen Konflikte hinaus war sie als eine Art "Gegen-Völkerbund" konzipiert, der zusammen mit einer aktiven sowjetischen Außenpolitik ein Bündnis mit allen möglichen nationalrevolutionären und revisionistischen Bestrebungen schmieden und so die von den westlichen Siegermächten dominierte "Versailler Weltordnung" zu Fall bringen sollte.

Zwar blieb der Einfluss der überall entstehenden, von Moskau geführten und finanzierten kommunistischen Kampfbünde und Kaderparteien auf die modernen Sozialbewegungen und Klassenkämpfe des Zeitalters beschränkt, trotz der rasenden Nachkriegsinflation und der 1929 beginnenden kapitalistischen Weltwirtschaftskrise. Die neue sowjetische Führung um Stalin konnte aber die Widersprüche zwischen den "alten" (hegemonialen) und den "neuen" (revisionistischen) Mächten aktiv nutzen, um mal mit der einen und mal mit der anderen Seite eine eigene Weltpolitik zu betreiben, allen voran mit dem besiegten und "geknebelten" Deutschen Reich. Hitler war es, der 1933 die mehr als zehnjährige konspirative Zusammenarbeit von Reichswehr und Roter Armee beendete, nur um im August 1939 durch einen neuen Pakt mit Stalin den Zweiten Weltkrieg gegen den Westen zu eröffnen.

Wenn Stalin dem Chef der Komintern, Georgi Dimitroff, Tage nach Kriegsbeginn erklärte, Hitler werde eine Zeitlang "gute Dienste bei der Zerschlagung des Weltkapitalismus" tun, dürfte er sich ganz auf der Linie von Lenins kühner Nutzung des vergeblichen deutschen Griffs nach Weltmacht gesehen haben. Nur waren Hitlers Visionen eines arisch-germanischen Weltreichs Pläne ganz anderen, wahnwitzigeren Formats – die sich im Juni 1941 mit einer verheerenden Wucht gegen die überrumpelte Rote Armee richteten.

Nicht proletarische Klassenkämpfe haben somit den Weg für die Serie kommunistischer Machteroberungen und Staatsgründungen im 20. Jahrhundert eröffnet, die schließlich "von der Elbe bis zum Jangtse", von Osteuropa und Jugoslawien über Vietnam und Korea bis nach China reichten, sondern die beiden imperialistischen Weltkriege, die – wie Lenin jedenfalls begriffen hat – Weltrevolutionen eigener, monströser Art gewesen sind.

Fußnoten

9.
Zit. nach Alfred Opitz, Die russische Revolution des Frühjahrs 1917 im Echo führender Tageszeitungen des zeitgenössischen Deutschland, in: Osteuropa 4/1967, S. 235–257.
10.
Zit. nach Maschinenschriftl. Ausarbeitung mit handschriftl. Verbesserungen, 3.12.1917, gezeichnet: St.S. (wohl "Staatssekretär"), in: PA-AA, Deutschland Nr. 131, Geh. (Geheim), Bd. 18, Bl. 112ff.
11.
Erich Ludendorff, Meine Kriegserinnerungen 1914–1918, Berlin 1919, S. 448.
12.
Vgl. Werner Baumgart, Deutsche Ostpolitik, Wien–München 1966, S. 45f.
13.
Wladimir I. Lenin, Die Hauptaufgabe unserer Tage, in: LW, Bd. 27, Berlin (Ost) 1960, S. 150.
14.
Ders., Über "Linke" Kinderei und über Kleinbürgerlichkeit, in: ebd., S. 333.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Gerd Koenen für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Oktoberrevolution, Demonstration, Sevastopol, 2016, 1917
Ergänzendes Sammel-Dossier

Oktoberrevolution

2017 jährte sich die Russische Revolution zum 100. Mal. Sie hatte zwei Phasen. Der Untergang des Zarenreichs im März 1917 im Zuge der "Februarrevolution". Und sieben Monate später die "Oktoberrevolution" mit der Machtübernahme der russischen kommunistischen Bolschewiki unter Lenin, die das Ende sozial-liberaler und demokratischer Strömungen besiegelte.

Mehr lesen