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26.5.2002 | Von:
Ulla Weber
Barbara Schaeffer-Hegel

Geschlechterarrangements in der Bundesrepublik

Kontinuität und Wandel

IV. Die Rolle von Frauen im familiären Bereich

Von einer partnerschaftlichen Aufteilung der Aufgaben in Beruf und Familie kann auch im Jahre 2000 nicht gesprochen werden. Die Hauptlast und die Verantwortung für die Familienarbeit und die Sorge für die Kinder bleiben weitgehend den Frauen überlassen [18] . Nur bei ganz jungen Paaren zeigen sich Veränderungen. Die Zahl der Paare, die gemeinsam den Haushalt erledigen, steigt signifikant. Nach der Geburt eines Kindes verschiebt sich das allerdings wieder deutlich zu Lasten der Frau. Da Karriere- und Familiengründungsphase in unserer Gesellschaft zeitlich in denselben Lebensabschnitt fallen, fehlt Frauen, die Kinder haben, die Zeit, die erfolgversprechenden Aufstiegsmuster und Karrierewege zu beschreiten - zumal diese auch immer zeitintensiver werden. Führungspositionen sind heutzutage häufig "Eineinhalb-Personen-Berufe", d. h., dass sie vielfach so zugeschnitten sind, dass sie eine Karrierebegleiterin oder einen Karrierebegleiter voraussetzen, die oder der den privaten Bereich von der Organisation der Grundbedürfnisse wie Ernährung und Kleidung bis hin zu den sozialen Kontakten organisiert [19] . Dies belegt auch die Lebenssituation der wenigen weiblichen Führungskräfte in der Bundesrepublik, die sich einer Erhebung des Statistischen Bundesamts zufolge deutlich von der ihrer männlichen Kollegen unterscheidet: 76 Prozent der weiblichen Führungskräfte haben keine Kinder. Davon sind 40 Prozent Singles und 36 Prozent verheiratet. Männliche Führungskräfte sind dagegen meist verheiratet (88 Prozent), über die Hälfte hat Kinder (55 Prozent). Nur 11 Prozent der Männer in Führungspositionen sind "Singles" [20] .

Was sagen diese Zahlen über die konkrete Lebenssituation von Frauen in der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 2000 aus? Frauen können sich demnach entscheiden: Entweder sie machen Karriere oder sie bekommen Kinder. Tatsächlich stehen ihnen damit mehr Wahlmöglichkeiten zur Verfügung, als dies noch 1949 der Fall war, als die Übernahme der Mutterrolle noch der zentrale Bestandteil eines Frauenlebens war. Die vorherigen Abschnitte zeigen aber, welche Wahl Frauen auch aktuell nicht haben: Der Wunsch nach Kindern und Karriere lässt sich in den seltensten Fällen verwirklichen. Die Frauenrolle hat sich in den letzten fünfzig Jahren vielleicht insofern verändert, dass Frauen sie verlassen und in der Öffentlichkeit eine "Männerrolle" führen können - allerdings nicht zu denselben Konditionen wie Männer. Der Preis ist in den meisten Fällen der Verzicht auf Familie, denn nur sehr wenige Männer sind bereit, ebenfalls die Rollen zu tauschen. So wird Erziehungsurlaub nur zu zwei Prozent von Männern beansprucht und auch Teilzeitarbeitsverhältnisse gehen Männer in der Regel kaum ein. Es sind im Übrigen auch nicht die Väter, die die oben beschriebene Steigerung der Anzahl allein erziehender Elternteile bewirken. 85,7 Prozent der Alleinerziehenden sind Frauen. Die Gründe dafür, dass Männer wenig Bereitschaft zeigen, eine andere Art der Rollenverteilung zu akzeptieren, dass Frauen sich mehrheitlich für Mutterschaft und gegen Karriere entscheiden, dass Paare, wenn sie Eltern werden, trotz kritischem Bewusstsein meist ein Zusammenleben nach traditionellen Rollenmustern wählen, liegen sicher auch auf der kulturellen Ebene sowie beim Konservatismus der Männer bzw. bei deren Festhalten an angestammten Privilegien. Aber institutionelle Regelungen, die die Bewahrung traditioneller Geschlechterrollen fördern, behindern die Neudefinition der Geschlechterrollen mindestens in gleichem Maße [21] .

Fußnoten

18.
Dass die traditionelle Aufgabenteilung in den Beziehungen noch fest verankert ist, zeigen u. a. die Ergebnisse einer Repräsentativumfrage "Gleichberechtigung von Frauen und Männern" des Instituts für praxisorientierte Sozialforschung aus den Jahren 1992/94/96. Auch wenn Partner und Partnerin berufstätig sind, wird die Hausarbeit größtenteils von den Frauen erledigt: Nur 17 Prozent der Paare im Westen, 18 Prozent im Osten übernehmen das Putzen gemeinsam, in den anderen Fällen ist Putzen die Sache der Frau. Für Kochen sind in 77 Prozent der Westhaushalte und 75 Prozent der Osthaushalte Frauen zuständig. Einkaufen ist schon beliebter bei Männern. 16 Prozent West und 14 Prozent Ost sind hierfür verantwortlich, beide Partner sind verantwortlich bei 49 Prozent Ost, West 35 Prozent.
19.
Vgl. Lore Maria Peschel-Gutzeit, 50 Jahre organisierte Frauenpolitik - Tradition oder Neubeginn? Vortrag im Rahmen der Vortragsreihe zum 50-jährigen Bestehen des Berliner Frauenbundes e. V. 1945, hrsg. von der Zentraleinrichtung zur Förderung von Frauenstudien und Frauenforschung an der Freien Universität Berlin und dem Berliner Frauenbund e. V. 1945, Berlin 1995.
20.
Vgl. Führungsfrauen kinderlos, in: die tageszeitung vom 7. Februar 1998, S. 11.
21.
Anmerkung der Redaktion: Siehe auch den Beitrag von Peter Döge in diesem Heft.