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26.5.2002 | Von:
Manfred Wöhlcke

Die Gemeinschaft Portugiesischsprachiger Staaten und die EU

Lusophone Mythen als Integrationsklammer

Die CPLP ist das Ergebnis der Politisierung von Mythen, mit denen die kulturellen, historischen und emotionalen Bande zwischen den lusophonen Staaten beschworen werden. Hierzu ist einiges kritisch anzumerken [15] : Die Mythologisierung der lusophonen Kultur, die unter anderem im Rahmen des "Lusotropicalismo" [16] ausformuliert wurde, ist eine ideologische Position kleiner intellektueller Eliten, die nicht von der Mehrheit der Bevölkerung in den betreffenden Staaten getragen wird. Die behauptete sentimentale Verwandtschaft zwischen den lusophonen Völkern ist nicht viel mehr als ein bloßer Wunsch, der sich freilich zu einem politischen Credo stilisieren lässt.

Bereits die "gemeinsame portugiesische Sprache" ist eine Fiktion. Die lusophonen Staaten Afrikas werden aus gutem Grund "Afrikanische Staaten offizieller portugiesischer Sprache" (Países Africanos de Língua Oficial Portuguesa = PALOP) genannt [17] . Der größte Teil der Bevölkerung in den PALOP spricht nicht portugiesisch, sondern creolische bzw. autochthone Sprachen. Die außenpolitische Bindungswirkung der portugiesischen Sprache erweist sich darüber hinaus nicht als besonders groß: Moçambique trat (als einziges nicht-englischsprachiges Land) dem Commonwealth bei; Sao Tomé e Principe nimmt an den Gipfelkonferenzen der frankophonen Staaten teil; Südafrika entwickelt sich zu einem wichtigen Partner für Angola und Moçambique. Die einzelnen Staaten haben engere Beziehungen im Rahmen ihrer Region als innerhalb der lusophonen Gemeinschaft.

Die "gemeinsame Geschichte" eignet sich am allerwenigsten für eine Mythologisierung der Lusophonie, denn sie stellt sich aus der Sicht der ehemaligen Metropole bzw. deren Kolonien sehr unterschiedlich dar. Insbesondere mit Blick auf die afrikanischen CPLP-Staaten ist die Beschwörung der "gemeinsamen Geschichte" nicht ohne Ironie, denn dort tobte noch vor weniger als dreißig Jahren ein erbitterter Befreiungskrieg gegen Portugal. Die Unabhängigkeit Brasiliens (1822) verlief zwar ganz anders, aber ebenfalls nicht so, wie man sich eine "gemeinsame Geschichte" idealiter vorstellt.

Als besondere Merkmale der "lusotropischen" Kultur werden Friedfertigkeit, Toleranz und Anti-Rassismus hervorgehoben. Betrachtet man die Geschichte der lusophonen Staaten etwas genauer, dann sind diese Aspekte keineswegs besonders auffällig. Auffällig ist lediglich ein relativ hoher Grad der Rassenmischung (insbesondere in Brasilien). Letztere basiert jedoch nicht auf der Abwesenheit von Rassenvorurteilen, sondern erklärt sich in erster Linie aus der Promiskuität während der Kolonialzeit aufgrund eines großen Mangels an weißen Frauen. Brasilien war einer der letzten Staaten, welche die Sklaverei abgeschafft haben (1888); noch heute gibt es eine deutliche Korrelation zwischen Schicht und Hautfarbe. Dort herrscht zwar gewiss keine Apartheid, aber doch ein "rassistischer Paternalismus".

Auch in den lusophonen Staaten Afrikas konnte bis zum Abzug der Portugiesen von der viel gelobten "democracia racial" keine Rede sein. Hier gibt es durchaus kritische Stimmen gegenüber der CPLP. Sie wenden sich zum Teil gegen die erwähnten Mythen, gegen die Asymmetrie innerhalb der Gemeinschaft sowie gegen die befürchtete Schwächung der afrikanischen Identität bzw. der afrikanischen Einheit.

Fußnoten

15.
Vgl. Michel Cahen, Des caravelles pour le futur? Discours politique et ideólogie dans l'''institutionnalisation'' de la Communauté des Pays de Langue Portugaise, in: Manuel N. Ferreira u. a. (Hrsg.), Lusotropicalisme, Idéologies coloniales et identités nationales dans les mondes lusophones, Paris 1997, S. 391-433.
16.
Vgl. ebd., S. 394 ff; Jochen Oppenheimer, Réalités et mythes de la coopération portugaise, in: ebd., S. 469-478.
17.
Hervorhebung d. Verf.