Karikatur im Kladderadatsch 1867

13.9.2017 | Von:
Hedwig Richter

Warum wählen wir? Zur Etablierung und Attraktivität von Massenwahlen

Disziplinierung durch Wahlen

Wenn jedoch der Impuls für Wahlen und Mitbestimmung vonseiten der Regierenden kam:
Welches Interesse hegten sie damit? Zugespitzt lautet die Antwort: Wahlen leisteten nicht nur durch ihre Legitimierungsfunktion einen wichtigen Beitrag zur Bildung des modernen Staates, sondern auch durch die Integration des Individuums, die den Zugriff des Staates auf jeden einzelnen erleichterte. Insbesondere im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts dienten Wahlen der Obrigkeit als Disziplinierungsinstrument. In der Präambel zur preußischen Städteordnung hieß es etwa, sie habe den Zweck, "Gemeinsinn zu erregen". Thomas Jefferson kommentiere die bürgerliche Mitbestimmung ähnlich: "Ich glaube, sie ist die einzige [Regierungsform], in der jedermann, dem Aufruf des Gesetzes folgend, sich auf das Niveau des Gesetzes hinaufschwingen und Übergriffe gegen die öffentliche Ordnung als seine persönliche Angelegenheit ansehen dürfte."[19] Moderne Staaten waren zu groß und zu komplex, um von einer kleinen Führungsschicht gelenkt zu werden, sie bedurften der Mitarbeit von unten.

Sowohl in Preußen als auch in den USA, aber auch in Frankreich oder Österreich erfassten die Wahlregistraturen des 19. Jahrhunderts nicht nur die Namen, sondern in aller Regel auch das Alter, den Wohnort und häufig den Beruf des Mannes. Wählerregistraturen trugen damit zur immer genaueren Definition des Bürgers bei, zu der – zur Identifizierung als Staatsangehöriger und Festlegung von Zugehörigkeit – unabdingbar ein fester Wohnort gehörte.Auch die Verbindung der Wahlen mit der neuen Lehre der Statistik und die enge Kopplung des Wahlrechts an die Wehrpflicht verdeutlichen den Nutzen der Wahlen für die Regierenden.[20] All das war Teil der Staatskonsolidierung.

Legitimationskraft von Männlichkeit

Die in den 1820er Jahren langsam einsetzende Ausweitung des Wahlrechts in den USA, die um 1840 einen ersten Höhepunkt erreichte, verdankte sich ebenfalls nicht den unteren Schichten. Vielmehr setzten sich die Parteien dafür ein, weil sie auf ein besseres Stimmergebnis hofften. Um Nichtwähler zu mobilisieren, bemühten sie sich, Gegenleistungen für die Stimmabgabe zu bieten, etwa in Form von Alkohol oder Essen. Und so gestaltete sich der Wahltag in Amerika seit der Jahrhundertmitte zunehmend als ein Fest für das Mannsvolk, das in immer größeren Scharen an den Wahllokalen auftauchte. In Fackelzügen und Parteiuniformen marschierten die Männer die Dorf- und Stadtstraßen ab, sie soffen, und sie prügelten sich. Afroamerikaner mieden am Wahltag die Straßen, und immer wieder kam es zu Mord und Totschlag unter den rivalisierenden Parteien. Häufig trug die physisch stärkste Partei den Sieg davon. Die Beteiligung lag in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in den USA häufig bei 80 Prozent.[21]

Da das 19. Jahrhundert de facto nur offene Wahlen kannte, gehörten Korruption und Bestechung wie selbstverständlich dazu. Über viele Jahrzehnte konnte ein Amerikaner seine Stimme für einen Dollar verkaufen. Meistens gab es in den amerikanischen Wahllokalen ein Fenster, durch das der Wähler seinen Stimmzettel – gut einsehbar – dem Wahlvorsteher reichte, der ihn in die Urne steckte. Fast immer schützte sich die Wahlkommission mit einer Barriere vor dem Wahlvolk, um die Männer davon abzuhalten, das Lokal zu stürmen, unerwünschte Stimmzettel zu zerstören oder gleich die ganze Urne zu "entführen".

Die Verbindung mit Männlichkeit kam der Attraktivität des Staates zugute, auf den sich die Wahlen bezogen. Die Historikerin Gisela Bock spricht von der "expliziten Maskulinisierung der politischen Partizipation" im 19. und frühen 20. Jahrhundert.[22] Die männliche Durchdringung des Wahlakts bestärkte seine Legitimationskraft. Der ganze Wahlverlauf bestätigte die Unsinnigkeit weiblicher Präsenz – oder vielmehr: Hier konnte kaum jemand auf die Idee verfallen, Frauen in das Geschehen einzubeziehen. So dienten die Wahlen implizit als Erinnerung und Bestätigung der weißen männlichen Herrschaft.[23]

Auch in Deutschland und anderen europäischen Ländern traten in der Jahrhundertmitte neue Schichten dem demokratischen Spiel bei. Zwar erfüllten die Revolutionen von 1848/49 nicht alle Träume der Liberalen und schon gar nicht die der Demokraten. Doch dass es nun überall in Deutschland Parlamente und Wahlen gab, wollte sich niemand mehr nehmen lassen. Immer häufiger beschrieben Bürger Wahlen und bürgerliche Mitbestimmung stolz als Ausdruck von "Zivilisation".

In Preußen wurde 1849 das Dreiklassenwahlrecht eingeführt, das zu dieser Zeit im Vergleich mit den Wahlrechtsregelungen anderer Länder keineswegs besonders rückständig war. Alle erwachsenen Männer durften wählen, auch wenn die Stimmen derjenigen, die mehr Steuern zahlten, deutlich größeres Gewicht hatten. Und weil das Wahlprozedere kompliziert und langwierig blieb, lag die Beteiligung – wieder zum Unwillen der Mächtigen – selten bei über 30 Prozent. Anders als in den USA kam es in Preußen und später im Deutschen Reich nicht zu krassen Wahlfälschungen und schon gar nicht zu den regelmäßigen Gewaltexzessen, doch wie auch in anderen Ländern nahmen Wohlhabende und Mächtige – Fabrikbesitzer, Parteiführer oder hohe Beamte – mit Bestechungen oder Drohungen Einfluss.[24]

Fußnoten

19.
Thomas Jefferson, First Inaugural Address in the Washington, D.C., 4.3.1801. Vgl. Jürgen Martschukat, Die Ordnung des Sozialen. Väter und Familien in der amerikanischen Geschichte seit 1770, Frankfurt/M.–New York 2013, S. 21–42.
20.
Vgl. Hedwig Richter, Wahlen und Statistik. Preußen und die USA im 19. Jahrhundert im Vergleich, in: dies./Hubertus Buchstein (Hrsg.), Kultur und Praxis der Wahlen. Eine Geschichte der modernen Demokratie, Wiesbaden 2017, S. 315–336.
21.
Vgl. Manfred Berg, Eine wilde und unordentliche Demokratie. Wahlen und Gewalt in der amerikanischen Geschichte, in: Richter/Buchstein (Anm. 20)., S. 123–140.
22.
Gisela Bock, Frauen in der europäischen Geschichte: Vom Mittelalter bis zur Gegenwart, München 2000, S. 183. Vgl. John Tosh, Hegemonic Masculinity and the History of Gender, in: Stefan Dudink et al. (Hrsg.), Masculinities in Politics and War. Gendering Modern History, Manchester–New York 2004, S. 41–58, hier S. 41, S. 47f.
23.
Vgl. Hedwig Richter, Die "Natur der Dinge" im Wahllokal. Gründe für Exklusion und Inklusion der Frauen beim Wahlrecht in den USA und in Preußen 1800–1920, in: Gabriele Förster (Hrsg.), Gender im Fokus historischer Perspektiven, Frankfurt/M. u.a. 2016, S. 163–190.
24.
Vgl. die hervorragende Arbeit von Robert Arsenschek, Der Kampf um die Wahlfreiheit im Kaiserreich. Zur parlamentarischen Wahlprüfung und politischen Realität der Reichstagswahlen 1871–1914, Düsseldorf 2003; Thomas Kühne, Dreiklassenwahlrecht und Wahlkultur in Preußen, 1867–1914. Landtagswahlen zwischen korporativer Tradition und politischem Massenmarkt, Düsseldorf 1994.
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