APUZ Dossier Bild

26.5.2002 | Von:
Uwe Britten

Kindheit in der Dritten Welt

III. Schule und Arbeit

Nach einer Schätzung der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) gehen rund 250 Millionen Kinder (unter 15 Jahre) einer regelmäßigen Arbeit nach. Sie arbeiten in Bergbaustollen, auf Großplantagen, in Teppichknüpfereien, in Hotelküchen, auf Märkten oder als Hausangestellte. Viele dieser Tätigkeiten mit niedrigster Bezahlung haben die Grenze zur Ausbeutung deutlich überschritten und ähneln eher Sklavenverhältnissen, wie etwa bei der völligen Abhängigkeit als Hausangestellte oder in Bordellen. Die UN-Menschenrechtskommission schätzt den Anteil jener Menschen, die unter sklavenähnlichen Bedingungen leben, weltweit auf rund 200 Millionen; der Anteil der Jugendlichen daran ist sehr hoch.

Während Kinderarbeit in keinem Land der Welt offiziell erlaubt ist, wenn auch mit unterschiedlichen Altersgrenzen, so gibt es in vielen Sektoren die Anstellung von Kindern und Jugendlichen. Auf dem informellen Arbeitsmarkt dominieren sie sogar und verdrängen die Erwachsenen. Diese Dynamik kann geradezu zu einer strukturellen Exklusion von Erwachsenen und zunehmenden Inklusion von Kindern und Jugendlichen führen, wie es in Lateinamerika zu beobachten ist [13] . Auch an illegalen Strukturen wie dem Drogenhandel sind Jugendliche oft in großem Umfang beteiligt.

Die Verbreitung von Kinderarbeit hängt von kulturellen Bedingungen ab und schwankt stark. In Indien etwa ist sie auch ein Ergebnis der so genannten Schuldknechtschaft, nach der Kinder die Schulden ihrer Eltern abtragen müssen und schon sehr früh in Sklavenverhältnisse geraten. In Asien sollen zirka sieben Prozent der Kinder unter 15 Jahre arbeiten, in manchen afrikanischen Regionen sind es rund 20 Prozent und in Lateinamerika schwanken die Angaben zwischen zwölf und 25 Prozent [14] .

Der Verbreitung von Kinderarbeit ist nicht einfach zu begegnen [15] . Sie ist nicht allein ein Merkmal von Armut und auch nicht in erster Linie in Exportindustrien zu finden, sondern hängt von einem vielfältigen Bedingungsgeflecht ab. Insbesondere der Aufbau von Schul- und anderen Bildungsangeboten kann eine Antwort auf Kinderarbeit sein, jedoch nur dann, wenn auch andere Rahmenbedingungen verändert werden.

Schulprojekte in Ländern der Dritten Welt gehören traditionell zur entwicklungspolitischen Arbeit, gerade auch der NROs. Mit Projekten allein lässt sich das Bildungsniveau eines ganzen Landes aber noch nicht heben. Mit der Weltkonferenz "Bildung für alle" 1990 im thailändischen Jomtien ist eine internationale Initiative in Bewegung gesetzt worden, die sich zum Ziel gesetzt hat, bis zum Jahr 2015 allen Kindern dieser Welt eine Grundschulbildung zu ermöglichen. Die Industrieländer haben damals massive Unterstützung zugesagt. Hier bedarf es dringend einer Trendwende: "Zwischen 1980 und 1987 fielen in Lateinamerika und der Karibik die Bildungsausgaben pro Kopf der Bevölkerung um etwa 40 Prozent, in Afrika sogar um katastrophale 65 Prozent." [16] Gegenwärtig geht UNICEF davon aus, dass rund 130 Millionen Kinder in den Entwicklungsländern keine Schule besuchen.

In der Schul- und Bildungsdiskussion der gegenwärtigen internationalen Kampagne wird auch danach gefragt, wie Schule für die Familien und die Kinder attraktiv sein kann. Völlig untauglich wäre die Übertragung des traditionellen europäischen Modells von Schule auf die Länder anderer Kulturen - nicht zuletzt auch deshalb, weil Schule ein Moment der Kolonialisierung war und damit stark Aspekte von "Umerziehung" (etwa hin zur christlichen Religion) trug. In vielen Dritte-Welt-Ländern ist die Art und Weise der Unterrichtung geradezu absurd zu nennen. Bei Klassenstärken von über 60 Schülerinnen und Schülern wie in Bangladesch ist Schule oft eher eine Disziplinierungsanstalt und geht völlig am Individuum vorbei.

Wichtig ist zudem, dass die Schule des europäischen Modells auf Bedingungen abzielt, die in jenen Ländern überhaupt nicht herrschen, wie beispielsweise eine Beschäftigungsstruktur für die aus der Schule Entlassenen [17] . Schule muss ihre Legitimation bei den Familien und Kindern erst erreichen. Rein formale Bildung ist dabei viel zu wenig. Wer im alltäglichen Überlebenskampf steckt und schon mit zehn oder zwölf Jahren zur Existenzsicherung der Familie beiträgt, braucht eine zeitlich flexible Schule und Lerninhalte, die im Alltag anwendbar sind. Erforderlich ist nicht nur eine Einrichtung von Räumen mit entsprechenden Lern- und Lehrmaterialien, sondern auch die Aufwertung des Lehrerberufs. Wo dieser nämlich nicht einmal zur Grundsicherung ausreicht, ist es kein Wunder, dass Lehrer diese Aufgabe eher als Nebenverdienst betreiben und in der Erntezeit anderswo arbeiten gehen.

Die nach wie vor in vielen Ländern oder Kulturen bestehende schulische Benachteiligung von Mädchen verringert sich beständig, betrachtet man den Zeitraum der letzten vier Jahrzehnte [18] . Diese Entwicklung wird gegenwärtig zu forcieren versucht, da sich beispielsweise herausgestellt hat, dass Bildung bei der Lösung mittelbarer Probleme eben doch "durchschlägt". So zeigte sich etwa, dass die Geburtenrate bei jungen Frauen mit einem höheren Maß an Bildung niedriger ausfällt als bei Frauen, die nie oder kaum eine Schule besucht haben.

Fußnoten

13.
Vgl. M. Liebel, Wir sind die Gegenwart - Kinderarbeit und Kinderbewegung in Lateinamerika, Frankfurt/M. 1994; G. Schibotto, Unsichtbare Kindheit - Kinder in der informellen Ökonomie, Frankfurt/M. 1993.
14.
Vgl. UNICEF, Zur Situation der Kinder auf der Welt 1997 (Schwerpunkt: Kinderarbeit), Frankfurt/M. 1996, S. 20 ff.
15.
In welchem Ausmaß Kinderarbeit tatsächlich geächtet werden soll oder vielmehr (arbeitsrechtlich und gesellschaftlich) anerkannt werden sollte, darüber wird gegenwärtig viel diskutiert. Ein Ansatz, der aus Lateinamerika stammt, plädiert für den so genannten "kindlichen Protagonismus", vgl M. Liebel u. a. (Hrsg.), Was Kinder könn(t)en, Frankfurt/M. 1999.
16.
UNICEF, Zur Situation der Kinder in der Welt 1999 (Schwerpunkt: Das Recht auf Bildung), Frankfurt/M. 1999, S. 23.
17.
Ein Modell, das ja selbst in Europa und den USA mit dem zunehmenden Ausschluss der Bildungsschwachen gar nicht mehr wirklich trägt.
18.
Vgl. Tabelle 3.