Ein Ausstellungsstück aus der Zeit der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien im Museum der Geschichte Jugoslawiens

29.9.2017 | Von:
Marc Halder

Mythos Tito

Aus dem Partisanenkampf geboren

Als das Deutsche Reich das Königreich Jugoslawien am 6. April 1941 angriff, zeigte sich schnell die Zerbrechlichkeit des südslawischen Einheitsstaats: Die Armee zerfiel innerhalb weniger Tage, da nicht nur Kroaten und Slowenen massenhaft desertierten – sie wollten ihr Leben nicht für das ungeliebte Königreich aufs Spiel setzen. Nach elf Tagen kapitulierte Jugoslawien. Das Staatsgebiet wurde zwischen dem Deutschen Reich und seinen Verbündeten, Italien und Bulgarien, aufgeteilt. Auf dem Gebiet Kroatiens entstand mit dem Unabhängigen Staat Kroatien ein faschistisches Marionettenregime, dessen Führer Ante Pavelić sofort dazu überging, unliebsame Volksgruppen und Religionsgemeinschaften – allen voran Serben und Juden – brutal verfolgen zu lassen. In Serbien konnten sich Teile der Zwischenkriegseliten nicht mit der bestürzenden Niederlage abfinden und kämpften als Tschetniks unter dem vormaligen Oberst der königlich-jugoslawischen Armee Dragoljub Draža Mihailović gegen die deutsche Besatzung.

Als wenige Monate später das Deutsche Reich die Sowjetunion überfiel, begann auch Josip Broz, eine Widerstandsbewegung zu organisieren. Zwar hatte die KPJ nach wie vor eine geringe Mitgliederzahl, dafür aber war sie in allen Teilen des früheren Königreichs aktiv. Das brutale Besatzungsregime insbesondere der Wehrmacht, aber auch die unsäglichen Repressionen des Pavelić-Regimes in Kroatien entfachten den Widerstandsgeist vor allem in Teilen der jungen Generation, die den gesellschaftsutopischen Visionen kommunistischer Prägung nicht grundsätzlich ablehnend gegenüberstand.

Broz operierte erneut aus dem Untergrund heraus und konnte – dank seiner Seilschaften aus der Zeit im Gefängnis – erste Partisaneneinheiten aufstellen. Diese waren zumeist schlecht ausgebildet und noch schlechter ausgerüstet, agierten aber mit einigem Geschick sowohl gegen die Okkupationsmächte als auch gegen die einheimischen Kontrahenten, allen voran die serbisch-nationalistischen Tschetniks. Je erfolgreicher die Partisanen mit ihren Anschlägen gegen die deutsche Besatzung waren, umso repressiver reagierte das Besatzungsregime. Im sogenannten Sühnebefehl verfügte das Oberkommando der Wehrmacht bereits im September 1941, dass für jeden aus dem Hinterhalt getöteten deutschen Soldaten 50 bis 100 Zivilisten zu töten seien. Diese Gewaltwillkür trieb den Widerstandsbewegungen erst recht neue Anhänger in die Arme.

Josip Broz, der bereits in den 1930er Jahren den Parteinamen "Tito" angenommen hatte, wurde mit dem Wachsen der Partisanenbewegung immer bekannter und zunehmend zur Gallionsfigur des kommunistischen Widerstands. Ab Mitte 1943 fahndete schließlich auch die Wehrmacht mit Plakaten nach ihm und setzte eine Belohnung von 1000 Goldmark auf seine Ergreifung aus. Die Popularisierung nahm nun ihren Anfang: Unter den Partisanen, oft waren es sehr junge Menschen, kursierten an südslawische Heldenepen angelehnte Geschichten und Lieder über Titos besonderen Mut und kämpferisches Geschick. Hierbei wurden bewusst oder unbewusst tradierte Mythen revitalisiert. Der erfolgreiche Kampf gegen den militärisch fast übermächtigen Gegner und dessen glücklose Versuche, den Partisanenanführer zu ergreifen, luden das Charisma Titos nach und nach mit dem Nimbus des genialen Kriegshelden auf.[3]

Folgt man dem Begründer der deutschen Soziologie, liegt darin ein Schlüssel zum Verständnis des "Mythos Tito": Max Weber definiert Charisma nicht als eine Eigenschaft, die jemand hat, sondern als ein soziales Konstrukt, das die Basis für eine herrschaftsanerkennende Beziehung bildet. Charisma wird einer Person dabei durch die Anhängerschaft zugeschrieben. Den Ausgangspunkt bilden besondere Leistungen, aber die Zuschreibung bleibt dynamisch: Der charismatische Führer muss sich in den Augen seiner Anhänger bewähren, sonst endet der Zuschreibungsprozess, und das Charisma verliert seine Wirkungsmächtigkeit in der "Veralltäglichung" der Herrschaft. Weber geht also davon aus, dass sich charismatische Herrschaft nur dann stabilisieren kann, wenn sie dauerhaft Vorteile für die Anhängerschaft bringt, die er als "Bewährungsmomente" bezeichnet.[4] Die Theorie Webers lässt sich hervorragend auf die Beziehung zwischen Tito und den Partisanen anwenden. Die Zuschreibung von Charisma erfolgte hier durch die Partisanen, und der Widerstandskampf wurde zum ersten Bewährungsmoment der im Entstehen begriffenen Herrschaft Titos.

Fußnoten

3.
Vgl. Marc Halder, Der Titokult, München 2013.
4.
Vgl. Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, Tübingen 1976; Dirk Käsler, Eine Theorie postrevolutionärer Prozesse, München 1977; Frank Möller, Zur Theorie des charismatischen Führers im modernen Nationalstaat, in: ders. (Hrsg.), Charismatische Führer der deutschen Nation, München 2004, S. 1–18.
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