Ein Ausstellungsstück aus der Zeit der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien im Museum der Geschichte Jugoslawiens

29.9.2017 | Von:
Marc Halder

Mythos Tito

Höhepunkt und Schicksalsstunde

Als die Krise ihren Lauf nahm, war Tito bereits 79 Jahre alt. Zwar funktionierte die charismatische Beziehungsstruktur zwischen Tito und seiner Anhängerschaft noch, und jenseits der politischen Säuberungen gab es durchaus liberale Freiräume in der jugoslawischen Gesellschaft, aber der Kern der "charismatischen Botschaft", die "Brüderlichkeit und Einheit", hatte erste Risse bekommen. Die politische Klasse reagierte mit einer Ausweitung des Titokults. Die Feiern zu Titos 80. Geburtstag wurden in einem gigantischen Massenspektakel inszeniert, die Huldigungen überschlugen sich förmlich, und die Person Tito wurde mehr und mehr mit dem Staat Jugoslawien gleichgesetzt.

Auch wenn es ein Tabu blieb, über eine mögliche Nachfolge für Tito auch nur nachzudenken, so versuchte der alternde Staatschef dennoch, eine Nachfolgeregelung zu finden. Diese wurde schließlich in der neuen Verfassung von 1974 kodifiziert und legte fest, dass die Macht nach Titos Tod – er war Präsident auf Lebenszeit – auf ein nach ethnischem Proporz zusammengesetztes Staatspräsidium übergehen sollte, dessen Vorsitz jährlich zwischen den sechs Teilrepubliken und zwei autonomen Gebieten rotieren würde. Damit war klar: Einen starken Nachfolger für Tito würde es nicht geben können.

Die Verfassung legte außerdem ein hochkomplexes System für die wirtschaftlichen Beziehungen der selbstverwalteten Betriebe fest.[8] Gleichzeitig geriet die Wirtschaft in eine Krise, deren Auswirkungen auf den Lebensstandard der Bevölkerung durch die Aufnahme von Auslandskrediten abgemildert und in weiten Teilen auch verdeckt wurden. Der Enthusiasmus, den die Partisanengeneration für das sozialistische Projekt aufgebracht hatte, verflog zusehends, und es wurde spürbar, dass der Selbstverwaltungssozialismus zunehmend in bürokratischen Regularien erstarrte, ohne seine Versprechungen gehalten zu haben. Auch das Charisma Titos erstarrte in jener Zeit in den immer gleichen Ritualen und Beschwörungen. Die unausgesprochene Frage: "Was wird nach Tito?" stand wie der berühmte rosa Elefant im Raum.

Als die Nachricht vom Tod des Staatschefs am 4. Mai 1980 gegen 20 Uhr verkündet wurde, reagierte die Bevölkerung mit einer an Schock grenzenden Bestürzung. Die Bilder der Trauernden zeigten eine authentische Anteilnahme. Die Beerdigung des Partisanenführers wurde zu einem letzten Triumph Titos umgedeutet und ist bis heute einer der größten Staatsakte der neuesten Geschichte: In den Tagen zwischen dem 5. und 8. Mai nahmen im Belgrader Parlamentsgebäude mehr als eine halbe Million Menschen Abschied von Tito. Unter den Trauergästen, die am Sarg Titos vorbeizogen, befanden sich auch zahlreiche Staatschefs und ausländische Delegationen. Innerhalb von zwei Tagen waren allein 1208 Personen aus 121 Staaten auf dem Belgrader Flughafen gelandet, um den Trauerfeierlichkeiten beizuwohnen.[9]

Das Staatspräsidium, das in den kommenden Jahren von farblos wirkenden Bürokraten geführt wurde, verschrieb sich einer Politik des "weiter so" beziehungsweise in jugoslawischer Diktion "Posle Tita, Tito!" (Nach Tito, Tito!). Am Personenkult wurde festgehalten, insbesondere durch die weiterhin jährlich stattfindenden Stafettenläufe, deren Abschlussveranstaltungen in einen immer abstruseren Gigantomanismus abgleiteten.[10]

Mit dem Aufstieg von Slobodan Milošević zum Vorsitzenden der serbischen Kommunisten begann der Abschied vom Kult um den früheren Staatschef. Milošević verfolgte eine serbisch-nationalistische Agenda, die maßgeblich zum allmählichen Zerfall des Gesamtstaates beitrug. Ab 1987 fanden die Stafettenläufe nicht mehr auf gesamtstaatlicher Ebene statt, und 1990 erfolgte schließlich auch die offizielle Abkehr vom Kult um Tito, als an seinem Todestag die serbischen Medien den Personenkult kritisierten und es zu Demonstrationen gegen Tito kam. Tito wurde nunmehr für Teile der jugoslawischen Öffentlichkeiten und politischen Eliten zur Projektionsfläche für Fehler und Versäumnisse. Aber die Stigmatisierung seiner Person führte dennoch nicht dazu, dass sein Charisma vollkommen schwand.

Was vom Mythos geblieben ist

Nach den gewaltsamen Auseinandersetzungen, die den Zerfall Jugoslawiens begleiteten, schien zunächst nicht viel vom Glanz des Charismatikers übrig. In den vergangenen Jahren zeigt sich jedoch ein Phänomen, das als "Jugonostalgie" bezeichnet wird:[11] Die Vergangenheit wird dabei zum Identitätsanker für Teile der Erlebnisgeneration und deren unmittelbare Nachfahren. Trotz aller Abgrenzungsbemühungen der ehemaligen jugoslawischen Teilrepubliken und der widersprüchlichen erinnerungspolitischen Konstellationen verweist die nostalgische Erinnerung an das sozialistische Jugoslawien auf ein kommunikatives Gedächtnis, das quer durch alle Ethnien und sozialen Schichten verläuft und dessen übergreifendes Element die Person Titos ist. In der Erinnerung an die sozialistische Vergangenheit werden die positiv empfundenen Leistungen des Systems nach wie vor mit seiner Herrschaft assoziiert. Die Jugonostalgie verweist allerdings kaum in die Sphäre des Politischen, sondern verschafft dem Charisma Titos eher einen popkulturellen Nachklang. Was von Tito bleibt, ist weniger ein politisches Vermächtnis als sein Gesicht auf Kaffeetassen, T-Shirts und Kühlschrankmagneten.[12]

Fußnoten

8.
Vgl. Pedro Ramet, Jugoslawien nach Tito, in: Osteuropa 32/1982, S. 292–303.
9.
Vgl. Maja Brkljačić, The Ritual of the Funeral of Josip Broz Tito, 2001, http://limen.mi2.hr/limen1-2001/maja_brkljacic.html«; Sead Saračević et al. (Hrsg.), Bilo je časno živjeti s Titom (Es war eine Ehre, mit Tito zu leben), Zagreb 1980.
10.
Vgl. Marc Živojinović, Der 25. Mai als Festtag des Titokultes, in: Südost-Forschungen 67/2008, S. 253–276.
11.
Siehe auch den Beitrag von Tanja Petrović in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
12.
Vgl. Svetlana Boym, The Future of Nostalgia, New York 2001, S. 51ff.; Ulf Brunnbauer/Stefan Troebst, Vorwort, in: dies. (Hrsg.), Die Erinnerung an den Kommunismus in Südosteuropa, Köln 2007, S. 1–24.
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