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26.5.2002 | Von:
Dieter Bender

Internationale Handelspolitik und weltwirtschaftliche Integration der Entwicklungsländer

Welche Herausforderungen stellt das neue Globalisierungs-Zeitalter an die Handelspolitik der Entwicklungs- und Industrieländer? Und wie sollte aus entwicklungsökonomischer Sicht diese Handelspolitik gestaltet werden?

I. Die Entwicklungsländer im neuen Zeitalter der Globalisierung

Der Beitrag soll der Frage nachgehen, ob das heutige Zeitalter der Globalisierung neue Herausforderungen an die Handelspolitik der Entwicklungsländer stellt: Wie sollte aus entwicklungsökono-mischer Sicht die Handelspolitik konzeptionell gestaltet werden, um die in den Globalisierungsprozessen angelegten Entwicklungschancen nutzen und die Risiken begrenzen zu können?


Unter Globalisierung oder zunehmender weltwirtschaftlicher Integration wird die tendenzielle Herausbildung weltweiter Märkte verstanden, auf denen Waren und Dienstleistungen international gehandelt, grenzüberschreitende Sachanlageinvestitionen oder internationale Portfolioumschichtungen abgewickelt, Technologien übertragen und Informationen ausgetauscht werden. Insbesondere die rasch fortschreitenden Entwicklungen der Informations- und Kommunikationstechniken haben zur Beschleunigung dieser weltwirtschaftlichen Integrationsprozesse beigetragen. Daher kann durchaus von einem neuen Zeitalter der Globalisierung gesprochen werden, das sich vom früheren Globalisierungszeitalter (des späten 19. und des frühen 20. Jahrhunderts) durch höhere Geschwindigkeiten, veränderte Formen und eine größere Anzahl von Teilnehmerländern des Globalisierungsprozesses unterscheidet [1] .

Die Beschleunigung der Globalisierung wird im Vergleich weltwirtschaftlicher Wachstumsdaten mit Wachstumsraten der Welthandelsströme, Direktinvestitionen und internationalen Portfolioinvestitionen deutlich. Im Jahresdurchschnitt des Zeitraums 1950-1996 betrug die Wachstumsrate des Welthandels 6,5 Prozent, dies ist mehr als das 1,5-fache der Wachstumsrate des realen Weltsozialprodukts (vier Prozent). Die grenzüberschreitenden Direktinvestitionen wuchsen im Jahresdurchschnitt 1970-1995 mit elf Prozent fast um das Dreifache der Wachstumsrate der Weltproduktion. Diese Wachstumsdynamik wurde durch die Wachstumsrate der internationalen Portfoliokapitalströme noch erheblich übertroffen.

Die Globalisierung der Gütermärkte ging einher mit einem relativen Rückgang der traditionellen Handelsbeziehungen und Arbeitsteilung zwischen Primärgüter exportierenden Entwicklungsländern und Industriegüter ausführenden Industrieländern. Dagegen sind Industriegüterexporte der Entwicklungsländer absolut und auch anteilsmäßig stark gestiegen. Intraindustrieller Außenhandel mit vertikal oder horizontal differenzierten Produkten und Dienstleistungshandel sind stark gewachsen. Die hohe Dynamik der Direktinvestitionsströme wird vor allem durch unternehmerische Strategien der Internationalisierung von Produktionsprozessen angetrieben, die Wertschöpfungsketten auf verschiedene geographische Standorte mit jeweiligen komparativen Vorteilen für spezifische Produktionsstufen aufspalten.

Die Anzahl der von den heutigen Globalisierungsprozessen erfassten Länder ist erheblich größer als in früheren Globalisierungsphasen. Dies gilt ganz besonders für die Einbindung von Entwicklungsländern in diese weltwirtschaftlichen Integrationsprozesse. Die Anteile dieser Ländergruppe an den Weltgütermärkten, Direktinvestitionsströmen und Portfoliokapitalzuflüssen sind beträchtlich gestiegen. Allerdings zeigt sich die Heterogenität dieser Gruppe von Ländern daran, dass sich die Gewichte der weltwirtschaftlichen Integration zulasten von Afrika und (in schwächerem Ausmaß) auch von Lateinamerika nach Ost- und Südostasien verschoben haben [2] .

Von dieser unterschiedlichen Integrationsdynamik abgesehen, ist mittlerweile die überragende Mehrheit der Entwicklungsländer mit Ausnahme von Kuba, Myanmar und Nordkorea eng in den Welthandel eingebunden. Auch dort sind die Exporte wesentlich schneller gewachsen als das jeweilige Bruttoinlandsprodukt (BIP). Oft sind Exportquoten (Exporte in Prozent des BIP) von 20 bis 30 Prozent und (in kleineren Entwicklungsländern) darüber erreicht worden, so dass keine deutlichen Unterschiede zu den OECD-Ländern mehr hervortreten. Auch wenn die weltwirtschaftliche Integration zwischen den OECD-Industrieländern weiter fortgeschritten ist, haben die Handels- und Direktinvestitionsverflechtungen mit und zwischen den Entwicklungsländern zugenommen.

Die OECD-Industrieländer wickeln heute 25 Prozent ihres Exportumsatzes mit Entwicklungsländern ab - ein Anstieg um 40 Prozent in 20 Jahren. Der Außenhandel zwischen Entwicklungsländern und OECD-Ländern beträgt sogar mehr als 60 Prozent des gesamten Außenhandels der Entwicklungsländer. Diese haben ihre Handelsbeziehungen untereinander und mit den OECD-Ländern nicht nur intensiviert, sondern auch diversifiziert. Der Anteil der Industrieerzeugnisse an den Gesamtexporten der Entwicklungsländer, der sich 1950-1980 bei 30 Prozent bis 40 Prozent bewegte, erreichte 1996 die beachtliche Größenordnung von 84 Prozent [3] .

In die Märkte von Entwicklungsländern fließen heute ca. ein Drittel der weltweiten Auslandsinvestitionen. Zwischen 1980 und 1996 sind die Direktinvestitionszuflüsse in diese Länder auf das 17fache gestiegen. Sie machen mittlerweile 40 Prozent der langfristigen Nettokapitalzuflüsse in Entwicklungsländer aus und bilden die wohl wichtigste externe Finanzierungsquelle wirtschaftlicher Entwicklung [4] .

Fußnoten

1.
Vgl. K. Gottwald/H.-R. Hemmer, Entwicklungspolitik im Zeitalter der Globalisierung: Regionale Trends und wirtschaftspolitische Empfehlungen, in: Entwicklungsökonomische Diskussionsbeiträge, Nr. 26, Gießen 1998, S. 3.
2.
Vgl. E. Gundlach/P. Nunnenkamp, Aufholprozesse oder Abkopplungstendenzen? Entwicklungsländer im Zeitalter der Globalisierung, in: H.-B. Schäfer (Hrsg.), Die Entwicklungsländer im Zeitalter der Globalisierung, Berlin 1996, S. 87.
3.
Vgl. OECD, Kein Wohlstand ohne offene Märkte. Vorteile der Liberalisierung von Handel und Investitionen, Paris 1998, S. 27.
4.
Vgl. ebd.