APUZ Dossier Bild

26.5.2002 | Von:
Jürgen H. Wolff

Armutsbekämpfung durch Entwicklungshilfe

IV. Entwicklung, Entwicklungspolitik und Armut

Was können wir nun empirisch über den Zusammenhang von Entwicklung, Entwicklungspolitik und Armut feststellen? Die erste, aus der Literatur völlig eindeutig zu entnehmende Beobachtung ist, dass Wirtschaftwachstum und Armutsreduktion empirisch hoch miteinander korrelieren, dass sogar die Schnelligkeit des Wachstums und die Schnelligkeit der Armutsreduktion eng miteinander zusammenhängen [18] - wie übrigens auch das Gegenteil: Die Asienkrise etwa hat in den vergangenen Jahren den Anteil der Bevölkerung, der in Armut lebt, in einigen Ländern massiv emporschnellen lassen, wie in Indonesien. Auf der anderen Seite lässt sich, vergleicht man alle Länder miteinander, zwischen der Höhe der Entwicklungshilfe pro Kopf und dem Wirtschaftswachstum kein Zusammenhang feststellen: "The simple relationship between aid and per capita growth in developing countries is weak, if it exists at all . . . Some countries get a great deal of assistance and grow slowly . . . while others also get a lot and grow quickly." [19] Daraus folgt auf dieser globalen Ebene, dass Entwicklungshilfe und Armutsreduktion nichts miteinander zu tun haben. Was ist dafür verantwortlich?

Die unentwegten Verfechter höherer Entwicklungshilfe nach dem Motto: "Viel hilft viel" können mit einigem Recht darauf verweisen, dass die Entwicklungshilfe inzwischen so gering geworden ist, dass letztlich auch nichts anderes zu erwarten war. Bezogen auf die Armen dieser Erde macht Entwicklungshilfe nur noch um 50 US-Dollar pro Kopf und Jahr aus: Welche Effekte können damit wohl bewirkt werden?

Wichtiger aber ist ein anderer Punkt: Entscheidend ist, dass der Mangel an Korrelation von Entwicklungshilfe und Wirtschaftswachstum dann verschwindet, wenn man die Länder in eine Gruppe mit guter Wirtschaftspolitik und guten Institutionen und eine Gruppe mit schlechter Wirtschaftspolitik und schlechten Institutionen aufteilt [20] . Entsprechend der inzwischen in der entwicklungspolitischen Literatur weitgehend entschiedenen Debatte sind Indikatoren für gute Wirtschaftspolitik geringe Inflation, ein ausgeglichener Haushalt und fehlende Hemmnisse für den Außenhandel (trade openness) - Inflation, Haushaltsdefizite und binnenmarktorientierte Entwicklungspolitik führen zu geringen Wachstumsraten, Stagnation oder gar ökonomischen Rückschritten. Die institutionelle Qualität bemisst sich am Fehlen von Korruption, dem Bestehen eines Rechtsstaates (rule of law) und der Qualität der Verwaltung. Nimmt man die erwähnte Aufteilung der Länder vor, dann ändert sich das Bild: Entwicklungshilfe trägt zum Wachstum in Ländern mit guter Wirtschaftspolitik und guten Institutionen bei; die Korrelation wird positiv und signifikant. Hieraus folgt, wenn die vermerkte Korrelation zwischen Wirtschaftswachstum und Armutsreduktion besteht, dass Entwicklungshilfe indirekt auch zur Armutsreduktion via Wirtschaftswachstum beiträgt; dabei ist Geld weniger wichtig als Ideen. Politikberatung auch im Bereich der Wirtschafts-, Finanz-, Währungs- und Fiskalpolitik dürfte wichtiger sein als der reine Transfer von Kapital. Nicht die Übertragung von Geld schlechthin reduziert Armut, sondern die Konzentration auf Länder, die bewiesen haben, mit diesem Geld sinnvoll wirtschaften zu können.

Fußnoten

18.
Hierzu jüngst wieder Hans-Rimbert Hemmer (Hrsg.), Wirtschaftliche Systemtransformation und Armutsbekämpfung - eine ökonomische Analyse am Beispiel der Sozialistischen Republik Vietnam, Münster u. a. 1999 ("Dabei zeigt sich, dass durch das rasche Wirtschaftswachstum der letzten Jahre Umfang und Tiefe der Armut auf nationaler Ebene mit einer Geschwindigkeit reduziert werden konnte, für die sich kaum empirische Vergleiche finden lassen", S. 245).
19.
The World Bank ( Anm. 10), S. 35.
20.
Vgl. ebd., S. 12, 36.