APUZ Dossier Bild

26.5.2002 | Von:
Wolfgang Bergsdorf

Deutschland an der Jahrtausendwende

Erfahrungen und Herausforderungen

V. Abschnitt

Deutschland wird den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts nur dann gerecht werden, wenn es seine Anstrengungen erheblich verstärkt, seinen nachwachsenden Generationen eine optimale Bildung und Ausbildung anzubieten. In der Schule werden Lebenschancen erworben, indem nicht nur die so genannten Kulturtechniken erlernt, sondern auch jene Wissensbestände und Werte weitergegeben werden, die über eine mehr oder weniger gelingende Bewältigung der Zukunft entscheiden. Bildung ist heute vor allem die Fähigkeit und Bereitschaft zum Lernen - und dies lebenslang. Die Herausforderungen der Globalisierung des Marktes und der Kommunikation haben die nationalen Bildungssysteme und individuellen Bildungsprozesse überdies dem internationalen Wettbewerb ausgesetzt. Bildung ist, nach einem Wort von Georg Friedrich Wilhelm Hegel, ,,dort vorhanden, wo einer die Gedanken eines anderen, auch wenn er sie nicht teilt, zu verstehen sucht". Dies setzt gründliche Kenntnisse auf möglichst vielen Wissensgebieten voraus, deren Erwerb erhebliche Anstrengung und Mühe kostet. Nur so werden Möglichkeiten des Miteinanders, die Grundlagen für Kommunikation und Kooperation in einer Gesellschaft geschaffen, die durch nichts stärker zusammengehalten wird als durch Vertrauen. In dem Maße, in dem die Orientierungskraft anderer Institutionen nachlässt, rückt die Schule verständlicherweise ins Zentrum erhöhter Aufmerksamkeit. Insofern ist es kein Zufall, dass 35 Jahre nach der von Georg Picht seinerzeit diagnostizierten ,,Bildungskatastrophe" nun wiederum in Deutschland von durchaus problematischen Zuständen im Bildungssystem gesprochen werden muss. Wurde damals zu Recht beklagt, dass unser Schulsystem mit einer Abiturientenquote von nur sieben Prozent die Ressource Bildung zu wenig nutze, um die Zukunft zu sichern, so hat sich diese extreme Situation heute genau umgekehrt. Das heutige Schulsystem ,,produziert" zu viele Studienberechtigte (bis zu 40 Prozent eines Jahrgangs). Dazu trugen die Abschaffung des Eignungsprinzips in mehreren Bundesländern für die weiterführenden Schulen und auch die Vermeidung einer verbindlichen Empfehlung für die jeweilige Schullaufbahn bei. So wurden nicht nur eine Überlastung der Hochschulen erzeugt, sondern vor allem unverantwortlich hohe Abbrecherquoten und damit Enttäuschung, Frustation und Vergeudung von Lernjahren. Ein Drittel der Studierenden erreicht keinen Abschluss. Hunderttausend junge Akademiker finden keine Anstellung, ein Viertel der Jungakademiker wird unterhalb der Meisterebene entlohnt. Das ist eine ungeheure Verschwendung von Ressourcen und eine Katastrophe für Hunderttausende Jugendlicher und ihre Biographien. Die Schule vernachlässigt die Herausforderungen der beruflichen Praxis und zeigt zu wenig Mut zur Erziehung. Indem Bildungspolitik sich auf möglichst hohe Abiturientenquoten fokussiert, koppelt sie das Bildungssystem von der Beschäftigung, von den Möglichkeiten des Arbeitsmarktes ab. Heute brauchen wir nicht mehr Abiturienten und Akademiker mit der Aussicht auf Arbeitslosigkeit oder unterqualifizierte Beschäftigung, sondern mehr Fachkräfte, die für Spezialaufgaben qualifizierbar sind. Unser Schulsystem ist nicht zuletzt aufgrund zu lange währender ideologischer Fixierungen zweifellos schlechter geworden, und auch unsere Hochschulen zeigen unübersehbare Leistungsschwächen, die in einer sinkenden Attraktivität des Bildungsstandortes Deutschland im internationalen Wettbewerb zum Ausdruck kommen. Dies zeigt auch eine internationale Studie mit dem Kürzel TIMSS, das für ,,Third International Mathematics and Science Study" steht. Sie wurde 1993 von der ,,International Association for the Evaluation of Educational Achievement" (EA) initiiert. Gegenstand der Studie ist eine Analyse der mathematisch-naturwissenschaftlichen Leistungsfähigkeit von Schülern in 41 Ländern. Die obersten Plätze in Mathematik belegten Singapur, Korea, Japan und die Schweiz. Deutschland errang nach Thailand und Israel Platz 21. In den Naturwissenschaften war es ähnlich. Auch hier konnten deutsche Schüler nur den Rang 19 erreichen(fn) . Man könnte diese Ergebnisse, so deprimierend sie auch für das ,,Land der Denker und Dichter" sein mögen, unterschiedlich interpretieren, wenn sie nicht zugleich einen objektiven Blick auf das unterschiedliche Leistungsvermögen der deutschen Schularten ermöglichen würden. In der Mathematik erreichte Deutschland im Durchschnitt 509 Punkte, wobei auf das Gymnasium 573 Punkte fielen, auf die Realschule 504, auf die Gesamtschule lediglich 465 und auf die Hauptschule 446. Diese Ergebnisse müssten eigentlich eine Phase der Nachdenklichkeit bei unseren Kultusministern und Bildungspolitikern einleiten. Unter ihnen gibt es nicht wenige, die sich mit Vehemenz für die Gesamtschule einsetzen, gleichwohl aber ihre eigenen Kinder oder Enkelkinder nicht dieser Schule anvertrauen wollen. Mehr noch: Wer es sich leisten kann, schickt seine Kinder auf Privatschulen und zahlt dafür Schulgeld. Dies hängt auch zusammen mit der immer problematischer werdenden sozialen Situation aufgrund der Zuwanderung in zahlreichen Großstadtvierteln. Das gilt nicht nur für Deutschland, sondern auch für England, für Frankreich und die Vereinigten Staaten von Amerika. In England z. B. verlangen gerade die Eltern aus sozial schwächeren Schichten die Rückkehr zum gegliederten Schulwesen, weil sie dort aufgrund ihrer Erfahrungen mit der Gesamtschule bessere Bildungschancen für ihre Kinder erwarten. Auch in den Vereinigten Staaten und in Frankreich gibt es ähnliche Diskussionen.