Darknet: onion

10.11.2017 | Von:
Stefan Mey

"Tor" in eine andere Welt? Begriffe, Technologien und Widersprüche des Darknets

.onion als alternative Zugangstür
Bei der derzeit typischsten Nutzungsform von .onion jenseits der illegalen Darknet-Marktplätze haben sich Projekte aus dem klassischen Netz eine .onion-Adresse eingerichtet. Diese bieten dann einen alternativen Zugang für die kompletten Inhalte der jeweiligen Websites oder für bestimmte Teilinhalte oder -funktionen. Facebook beispielsweise verfügt über eine parallele Darknet-Adresse, aber auch zivilgesellschaftliche Akteure wie der Chaos Computer Club. Auch das von verschiedenen linken Strömungen frequentierte deutschsprachige Diskussionsportal "Indymedia" sowie dessen Schwesterprojekt "Indymedia Linksunten" haben sich eine .onion-Adresse zugelegt. In der Verfügung zum umstrittenen[5] Verbot von "Indymedia Linksunten" durch das Bundesministerium des Innern im August 2017 nannte die die oberste Bundesbehörde neben der klassischen Webadresse "linksunten.indymedia.org" auch die Darknet-Präsenz unter "fhcnogcfx4zcq2e7.onion" explizit mit.[6] Auch einige große Medien verfügen über eine alternative Zugangstür. Der britische "Guardian", die "New York Times", die Nachrichtenagentur AP und in der Bundesrepublik "Heise online" haben sich im Darknet anonyme Postfächer für Whistleblower eingerichtet. Seit Oktober 2017 bietet die "New York Times" zudem auch ihre kompletten Inhalte über eine Darknet-Adresse an.

In einigen Punkten ähnelt das heutige Tor-Darknet dem Internet der 1990er Jahre. Die wichtigste Parallele ist, dass die größte Herausforderung im Auffinden von Inhalten besteht. Es gibt einige Suchmaschinen, die aber nicht sonderlich gut funktionieren. Die wichtigste Navigationshilfe sind stattdessen lange Listen von .onion-Adressen. Eine besondere Rolle spielen dabei sogenannte hidden wikis, die teilweise auch im World Wide Web verfügbar sind. Diese spielen eine undurchsichtige Rolle: Sie prägen als vermeintlich repräsentative Überblicksseiten den Blick auf das Tor-Darknet und dessen Bild als Gruselkabinett. Der inhaltliche Fokus der hidden wikis liegt auf illegalen Angeboten, etwa zu diversen Shops für Drogen, Falschgeld und Waffen. Wer diese hidden wikis betreibt und unter welchen Gesichtspunkten die Links eingepflegt werden, ist unklar. Laien ist zur Vorsicht geraten: Es ist denkbar, dass sich hinter den Links reine Fake-Angebote verbergen, "Honeypots" von Behörden oder Seiten, die nach einem Klick gefährliche Schadsoftware auf die Rechner der Nutzer laden.

Andere Darknets

Tor war und ist nicht der einzige Ansatz für eine Darknet-Technologie. Die bekanntesten Alternativen heute sind Freenet und I2P. Diese haben zum Teil eine andere inhaltliche Dynamik und eine radikalere technologische Architektur.

Auch beim I2P – kurz für "Invisible Internet Project" – gibt es eine inoffizielle Internetendung (.i2p). Unter dieser sind die "Eepsites" genannten Darknet-Seiten organisiert. Die Adressen bestehen anders als bei Tor nicht aus kryptischen Zeichenfolgen, sondern haben Namen wie "forum.i2p" oder "planet.i2p". Zudem gibt es keine Unterscheidung zwischen "einfachen" Usern und Knotenbetreibern, die die Infrastruktur stellen. Jeder angeschlossene Rechner empfängt und sendet gleichermaßen die Daten der eigenen Kommunikation und leitet den Datenverkehr anderer weiter. Das geschieht über sich immer wieder neu zusammensetzende "Tunnel"-Pfade aus Rechnern. Um I2P zu nutzen, muss eine Software heruntergeladen werden. Navigiert wird letztlich über gängige Browser, bei denen zuvor jedoch eine Veränderung in den technischen Einstellungen vorgenommen werden muss. Die 2003 vorgestellte I2P-Technologie wird von einem losen Zusammenschluss meist anonym agierender Personen betrieben. Laut I2P-Angaben besteht das Kern-Team aus 15 Personen. Eine Sprecherin des Projekts schätzte im Sommer 2017, dass es etwa 400 aktive i2p-Adressen und eine User-Basis von 40.000 bis 50.000 gibt.[7] Viele I2P-Seiten widmen sich dem (oft illegalen) Tausch von Mediendateien wie Filmen oder E-Books. Es gibt aber auch thematisch breit aufgestellte Diskussionsforen und spezielle I2P-basierte Softwareangebote wie Mail- und Chatprogramme sowie ein Tool zum Erstellen von Blogs.

Das Freenet-Darknet verwendet das technologisch fortschrittlichste Konzept. Auch hier stellen alle User gemeinschaftlich die Infrastruktur. Allerdings werden Inhalte nicht wie bei .i2p oder .onion von den jeweiligen Anbietern der Inhalte auf externen Servern gespeichert. Sie werden stattdessen in Einzelteile zerlegt, verschlüsselt und auf zufällig ausgewählten Rechnern abgelegt. Damit das möglich ist, stellt jeder Rechner dem Freenet-Netzwerk automatisch einen Teil seines Speicherplatzes zur Verfügung. Auch für Freenet muss man eine eigene Software installieren, die auf dem Rechner verfügbare Browser dazu befähigt, auf das Freenet-Darknet zuzugreifen. Es existiert keine spezielle Darknet-Endung, die Adressen beginnen stets mit dem technischen Befehl "localhost:8888", an den sich eine lange Zeichenfolge und schließlich der Titel der Seite anschließt.

Die Navigation erfolgt über Link-Listen, die allerdings sorgfältiger kuratiert sind als die hidden wikis des Tor-Darknets. Die größte Liste blendet FreeSites mit "unerwünschte Inhalten" wie Drogen- und Waffen-Shops aus und enthält dennoch etwa 2.500 Einträge in unterschiedlichen Sprachen und Themengebieten. Die inhaltliche Vielfalt ist größer als unter .i2p und .onion. Wie unter I2P gibt es diverse Seiten zum Download urheberrechtlich geschützter Medieninhalte. Allerdings handelt es sich bei einem Drittel der FreeSites um Blogs zu verschiedensten gesellschaftlichen, Politik- und Alltagsthemen. Und verschiedene Freenet-Adressen tragen leaks und geheime Unterlagen zusammen.

Hinter dem Freenet-Projekt steht eine Organisation mit Sitz in Austin (Texas). Der Freenet-Erfinder und heutige Präsident der Organisation Ian Clarke schätzt, dass im Sommer 2017 zu einem gegebenen Zeitpunkt etwa 15.000 Knoten – also einzelne Rechner und somit User – im Netzwerk online waren. Zahlen zu allen existierenden FreeSites kennt auch Clarke nicht. Die Größe der ehrenamtlichen Community schätzt er im Kern auf fünf Personen sowie 20 weitere Personen, die gelegentlich mitarbeiten.

Fußnoten

5.
Siehe Reporter ohne Grenzen, Rechtsstaatlich fragwürdiges Verbot, Pressemitteilung vom 28.8.2017, http://www.reporter-ohne-grenzen.de/presse/pressemitteilungen/meldung/rechtsstaatlich-fragwuerdiges-verbot«.
6.
Vgl. Bundesministerium des Innern, Was umfasst das Verbot der Internetplattform #linksunten.#indymedia? #BMIantwortet, Nachricht des offiziellen Twitter-Kanals des Bundesministeriums des Innern, 25.8.2017, https://twitter.com/bmi_bund/status/901000148209283072«.
7.
Siehe hierzu und im Folgenden Stefan Mey, Darknet: Waffen, Drogen, Whistleblower – Wie die digitale Unterwelt funktioniert, München 2017, S. 208ff.
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