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Ausschnitt aus dem Gemälde "Der Chasseur im Walde" von Caspar David Friedrich aus dem Jahr 1814.

1.12.2017 | Von:
Thomas Kirchhoff

Sehnsucht nach Wald als Wildnis

In den vergangenen Jahren zeigt sich in unserer Gesellschaft eine zunehmende Sehnsucht nach Wald und Wildnis beziehungsweise nach Waldwildnis als deren Einheit. Bücher über Wald finden sich in den Bestsellerlisten. Neue Magazine widmen sich speziell dem Wald und dem Abenteuer in Wald und Wildnis. Mit "Waldwildnis" wird für Waldpädagogik und Survivalausrüstung geworben. Unzählige Dokumentarfilme berichten über Wildnis und versuchen, ihren Zauber zu vermitteln. Menschen begeben sich in der Wildnis auf "Visionssuche". "Durch die Wildnis" heißt eine erfolgreiche Serie im Kinder- und Jugendfernsehen. Naturschutzorganisationen starten Initiativen wie "Wildnis in Deutschland" und gemeinsam mit Forstbetrieben Projekte wie "Wald und Wildnis". Gemäß der Nationalen Strategie zur Biologischen Vielfalt der Bundesregierung soll sich bis 2020 auf zwei Prozent der Landesfläche Deutschlands Natur wieder nach ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten als Wildnis entwickeln, fünf Prozent der Waldfläche sollen wieder Waldwildnis sein. "Into the wild" lautete das Motto der Web-2.0-Konferenz "re:publica" 2014 – das mit Waldbildern illustriert wurde.

Dieser Trend zur Waldwildnis findet allerdings nicht nur Zustimmung. Es regt sich auch heftiger Widerstand, insbesondere in Debatten um die Ausweisung von Nationalparks und großflächigen Wildnisentwicklungsgebieten. Diese Ablehnung ist nicht nur durch die Angst vor Arbeitsplatzverlusten und Ertragseinbußen in der Wald- und Forstwirtschaft motiviert, sondern artikuliert auch die Sorge, etwas von dem zu verlieren, was die eigene Identität, was die Heimat mit ihrer vertrauten Landschaft bisher ausgemacht hat.

Diese uneinheitliche gesellschaftliche Beurteilung von Wald und Wildnis, die durchaus auch als individuelle Ambivalenz auftritt, lässt sich durch die Ergebnisse repräsentativer Befragungen, zum Beispiel der Naturbewusstseinsstudie 2013, objektivieren:[1] 35 Prozent der Befragten meinen, ein Wald solle ordentlich aussehen, 64 Prozent verneinen das; für 76 Prozent gehören abgestorbene Bäume und Totholz zum Wald, für 20 Prozent nicht; 42 Prozent sind für mehr Wildnis in Deutschland, drei Prozent dagegen – wobei jeweils keine nennenswerten Unterschiede zwischen Stadt- und Landbevölkerung bestehen. 79 Prozent der Befragten meinen, zusätzliche Wildnis solle sich in Wäldern entwickeln. Dabei sind Wälder diejenige Landschaftsform, die deutlich am stärksten mit Wildnis assoziiert wird: 44 Prozent der Befragten nannten spontan "Wälder, Regenwald oder Dschungel", nur sechs Prozent "Gebirge/Berge".

Ähnliche Einstellungen zeigten sich in einer aktuellen Befragung zur Waldwahrnehmung:[2] Einen naturnahen Buchenwald, in dem deutlich erkennbar abgestorbene Bäume am Boden liegen, charakterisierten 38 Prozent als wild, ein Prozent als ordentlich, 64 Prozent als schön und ein Prozent als hässlich. 88 Prozent fänden es bedauerlich, wenn dieser Buchenwald ordentlicher würde.

Waldwildnis wird also in der deutschen Gesellschaft derzeit von einer deutlichen Mehrheit wertgeschätzt, ein Konsens besteht allerdings nicht. Diese Wertschätzung ist in der deutschen Kultur keineswegs ein neuartiges Phänomen, sondern spätestens seit der Romantik fest etabliert. Sie dürfte heutzutage jedoch besonders weit verbreitet sein.

Wie lässt sich die offenbar zunehmende Wertschätzung von Waldwildnis deuten? Eine Möglichkeit ist, Waldwildnis als Gebiet beziehungsweise Ökosystem mit bestimmten, für den Menschen angenehmen oder nützlichen physischen Eigenschaften zu begreifen und ihre Wertschätzung auf ein Bedürfnis nach diesen physischen Eigenschaften zurückzuführen: nach sauberer Luft, nach Ruhe, nach sommerlicher Kühle, nach weichem Boden. Nicht erklären lässt sich so allerdings, warum "wilder" Wald gegenüber "ordentlichem" Wald bevorzugt wird, obwohl sich ihre physischen Umweltqualitäten in den genannten Hinsichten kaum unterscheiden. Plausibler ist die Deutung, dass die entscheidende Basis der Wertschätzung von Waldwildnis nicht auf der Ebene physischer Eigenschaften liegt, sondern auf der Ebene ästhetischer Qualitäten und symbolischer Bedeutungen – von Projektionsmöglichkeiten, die bei "wildem" Wald deutlich andere sind als bei "ordentlichem" Wald. Der symbolische Gehalt von Waldwildnis ist zentral für ihr Verständnis.[3] Denn er verdeutlicht, weswegen Waldwildnis starke Emotionen wachruft, sodass man im Zusammenhang mit Waldwildnis überhaupt von Sehnsucht und Faszination, aber auch von Angst und Abscheu sprechen kann.

Um die ästhetisch-symbolische Wertschätzung von Naturphänomenen zu erklären, werden verschiedene Ansätze verfolgt, wobei insbesondere zwischen naturalistischen und kulturalistischen unterschieden werden kann.

Naturalistische Erklärungsansätze

Die Grundhypothese naturalistischer Ansätze ist, dass solche Wertschätzungen im Wesentlichen oder sogar vollständig genetisch verankert sind, sich durch natürliche Selektion im Laufe der Phylogenese des Menschen ausgebildet haben und auf Funktionalität verweisen.[4] Demnach sollen die Menschen noch heutzutage eine Affinität zu solchen Habitaten und Naturphänomenen besitzen, die früher – als die Menschen als Jäger und Sammler lebten – besonders vorteilhaft für ihr Überleben waren. Wenn man die Wertschätzung von Waldwildnis erklären will, können solche Theorien allerdings kaum etwas beitragen, weil in ihnen nicht Wälder, sondern savannenartige Landschaften als optimale und deshalb präferierte Habitate gelten.

Gemäß einer anderen naturalistischen Theorie stellt eine vom Menschen nicht veränderte, nicht gestörte Natur ein funktional optimales, harmonisches System dar und wird deshalb vom Menschen als schön empfunden. Diese Theorie könnte die Wertschätzung von Waldwildnis zwar grundsätzlich erklären, hat aber mindestens drei gravierende Schwächen:[5] Erstens sind seit Jahrzehnten praktisch alle Ökologen der Ansicht, dass auch eine vom Menschen nicht gestörte Natur allenfalls in Ausnahmefällen in solchen optimalen Systemen organisiert ist. Zweitens bleibt unklar, wie der Mensch evolutionär die Fähigkeit erlangt haben könnte, diese angebliche funktionale Optimalität ohne wissenschaftliche Analysen zu erkennen. Drittens kann diese Theorie nicht die grundlegenden geschichtlichen Wandlungen in der Wertschätzung von Naturphänomenen erklären, zum Beispiel warum Wildnis in unserer Kultur bis ins 17. Jahrhundert fast nur negative Konnotationen hatte – man sah in ihr den Ort des moralisch Bösen jenseits des kultivierten Bereichs von Burg, Stadt, Dorf und Feldflur – und dann innerhalb relativ kurzer Zeit zu einem Sehnsuchtsort geworden ist.[6]

Genauso wenig kann der Bedeutungswandel von Wald erklärt werden: Über Jahrhunderte galten Wälder, Gebirge und Sümpfe als Inbegriff von Wildnis, die man möglichst mied. Der römische Geschichtsschreiber Tacitus beschreibt Germanien als ein "Land (…) entweder schrecklich durch Wälder oder scheußlich durch Sümpfe".[7] Und noch die Brüder Grimm dokumentieren in ihrem Deutschen Wörterbuch: "[D]ie gewöhnliche volksthümliche und ältere vorstellung der wildnis ist die eines ‚dichten waldes‘ (…) oder ‚unwegsamen gebirges‘ (…) gerne dichterisch im gegensatz zum paradies."[8] Aber insbesondere seit der Romantik erhielten Wälder immer mehr positive Bedeutungen und wurden für viele Menschen zu einem Sehnsuchtsort.

Kulturalistische Erklärungsansätze

Mit kulturalistischen Deutungsansätzen hingegen lässt sich dieser Übergang von der schrecklichen (Wald-)Wildnis zum Sehnsuchtsort (Wald-)Wildnis sehr gut erklären. Deren Grundhypothese ist, dass ästhetisch-symbolische Wertschätzungen von Natur im Wesentlichen auf kulturell geprägten Wahrnehmungs- und Deutungsmustern beruhen, die kulturgeschichtlichen Wandlungen unterliegen.

Die Kernidee der meisten kulturalistischen Deutungen von Waldwildnis lautet dabei: Natur und insbesondere Wildnis stellt eine Gegenwelt zur Kultur beziehungsweise Zivilisation dar,[9] wobei im Falle von Wildnis ein Moment von Unkontrolliertheit, ja Unkontrollierbarkeit und deshalb Bedrohlichkeit mitschwingt. Eine Waldwildnis ist demnach ein Waldgebiet, das als Gegenwelt mit bestimmten symbolischen Bedeutungen wahrgenommen und dabei positiv oder aber negativ bewertet wird, je nachdem, ob die Kultur beziehungsweise Zivilisation, zu der es die Gegenwelt bildet, negativ oder aber positiv bewertet wird. Diese doppelte Bewertungsmöglichkeit manifestiert sich beispielsweise in der literarischen Gestalt der Räuber im wilden Wald, die böse, weil brutal und habgierig, aber auch gut sein können, als Kämpfer gegen eine ungerechte Obrigkeit, die sich mit Unterdrückten solidarisieren. Und sie zeigt sich darin, dass manche Menschen Wildnis als Ort der Freiheit von gesellschaftlicher Ordnung wertschätzen, während andere sie eben deshalb geringschätzen.

Um als Waldwildnis wahrgenommen zu werden, muss ein Waldgebiet nicht frei von menschlichen Einflüssen, nicht ganz und gar natürlich entstanden sein. Es darf nur nicht als vollständig durch den Menschen kontrolliert erscheinen. Das Waldgebiet muss auch keine bestimmten ökologischen Eigenschaften haben. Überhaupt ist (Wald-)Wildnis – das mag überraschen – kein Gegenstand der Ökologie oder irgendeiner anderen Naturwissenschaft, sondern eine lebensweltliche Naturauffassung. Waldwildnis kann man mittels ökologischer Eigenschaften weder definieren noch beschreiben; man kann aber die ökologischen Eigenschaften der Ökosysteme innerhalb eines Waldgebietes beschreiben, das zuvor in ästhetisch-symbolischer Perspektive als Waldwildnis ausgewiesen worden ist – so wie man die Farben eines Gemäldes chemisch analysieren kann, ohne dadurch seinen Gehalt und seine Schönheit erschließen zu können.

Konstitutiv für die Wertschätzung von Waldwildnis ist nicht, dass sie selten geworden ist, weil die Menschen im Laufe ihrer Kulturgeschichte immer mehr Wälder gerodet oder in geordnete Wirtschaftswälder umgewandelt haben.[10] Und die Wertschätzung ist auch nicht das Ergebnis eines wie auch immer zu erklärenden Wieder-wirksam-Werdens einer phylogenetischen Affinität des Menschen zu Wildnis. Vielmehr sind positive Bedeutungen von Waldwildnis Ausdruck einer kritischen Einstellung zur Kultur, in der man lebt. Sie gründen in Kulturkritik[11] oder, emotional formuliert, in einem "Unbehagen in der Kultur" beziehungsweise in einem "Unbehagen in der Modernität".[12] Diese Kritik beziehungsweise dieses Unbehagen konstituiert die Sehnsucht nach einer Gegenwelt zur Kultur – und die sehen in modernen Gesellschaften viele Menschen in der Natur in Gestalt von Waldwildnis sowie anderer Formen von Wildnis. Als Gegenwelt können aber auch traditionelle Kulturlandschaften, fremde Kulturen, Sub- beziehungsweise Gegenkulturen ohne jeglichen Naturbezug, Götterwelten, Fantasiewelten und so weiter fungieren. Jedoch nur Wildnis ist eine Gegenwelt, die sinnlich erfahrbar ist und zugleich jenseits von Kultur liegt.

Wahrnehmungen von Waldwildnis sind immer subjektiv und individuell. Das heißt nicht, dass sie etwas rein Individuelles und Subjektives wären; denn sie erfolgen im Rahmen kulturell geprägter, intersubjektiv-kollektiver Wahrnehmungsmuster. Diese Wahrnehmungsmuster von Waldwildnis sind in Märchen, Gemälden, Fotografien und Filmen präsent, werden im Verlauf der Sozialisation internalisiert und leiten unbewusst unsere individuelle Wahrnehmung.[13] Die Wahrnehmungen, Bedeutungen und Bewertungen von Waldwildnis verändern sich im Laufe der Geschichte, weil Kultur und damit der Inhalt von Kulturkritik geschichtlichen Wandlungen unterliegt. Und weil es innerhalb einer Kultur zu jedem Zeitpunkt konkurrierende Menschenbilder und Gesellschaftsideale gibt, besteht bezüglich der Wahrnehmung, Bedeutung und Bewertung von Waldwildnis nie ein innerkultureller Konsens.

Fußnoten

1.
Vgl. hier und im Folgenden Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit/Bundesamt für Naturschutz, Naturbewusstsein 2013. Bevölkerungsumfrage zu Natur und biologischer Vielfalt, Berlin–Bonn 2014.
2.
Vgl. Olaf Kühne/Corinna Jenal/Anna Currin, Längsschnittstudie zur Wahrnehmung von Alt- und Totholz sowie zur symbolischen Konnotation von Wald. Zwischenbericht Phase 1, Freising 2014, S. 29f., S. 44.
3.
Vgl. Matthias Stremlow/Christian Sidler, Schreibzüge durch die Wildnis, Bern 2002; Thomas Kirchhoff/Ludwig Trepl, Landschaft, Wildnis, Ökosystem: Zur kulturbedingten Vieldeutigkeit ästhetischer, moralischer und theoretischer Naturauffassungen. Einleitender Überblick, in: dies. (Hrsg.), Vieldeutige Natur. Landschaft, Wildnis und Ökosystem als kulturgeschichtliche Phänomene, Bielefeld 2009, S. 13–66; Thomas Kirchhoff/Vera Vicenzotti, A Historical and Systematic Survey of European Perceptions of Wilderness, in: Environmental Values 4/2014, S. 443–464.
4.
Vgl. Roger Paden/Laurlyn K. Harmon/Charles R. Milling, Ecology, Evolution, and Aesthetics: Towards an Evolutionary Aesthetics of Nature, in: The British Journal of Aesthetics 2/2012, S. 123–139; David Buss, Evolutionary Psychology, London–New York 2016.
5.
Vgl. Thomas Kirchhoff, Das Konzept der "kulturellen Ökosystemdienstleistungen": Eine begriffliche und methodische Kritik, Habilitation, Technische Universität München 2015, S. 62–70.
6.
Vgl. ders./Vera Vicenzotti, Von der Sehnsucht nach Wildnis, in: ders. et al. (Hrsg.), Naturphilosophie. Ein Lehr- und Studienbuch, Tübingen 2017, S. 313–322.
7.
Publius Cornelius Tacitus, Germania. Lateinisch-deutsch, Stuttgart 2007 (98 n. Chr.), Kap. 5 (eigene Übersetzung).
8.
Jacob Grimm/Wilhelm Grimm, Deutsches Wörterbuch, Bd. 30, Leipzig 1854–1960, Sp. 108f.
9.
Vgl. Götz Großklaus/Ernst Oldemeyer (Hrsg.), Natur als Gegenwelt. Beiträge zur Kulturgeschichte der Natur, Karlsruhe 1983; Kirchhoff/Trepl (Anm. 3); Kirchhoff/Vicenzotti (Anm. 6).
10.
Zu diesem Prozess siehe auch den Beitrag von Hansjörg Küster in diesem Heft. Dass der Bedeutungswandel von Wildnis nicht auf physischen Veränderungen beruht, zeigt sich besonders deutlich daran, dass die Alpen, ohne sich nennenswert physisch zu verändern, innerhalb weniger Jahrzehnte von einem Ort des Schreckens zu einem Sehnsuchtsort geworden sind.
11.
Vgl. Ralf Konersmann, Kulturkritik, Frankfurt/M. 2008.
12.
Sigmund Freud, Das Unbehagen in der Kultur, Wien 1930; Peter L. Berger/Brigitte Berger/Hansfried Kellner, Das Unbehagen in der Modernität, Frankfurt/M.–New York 1987.
13.
Vgl. Kirchhoff/Vicenzotti (Anm. 6), S. 314; Ursula Breymayer/Bernd Ulrich, "Unter Bäumen": Ein Zwischenreich, in: dies. (Hrsg.), Unter Bäumen. Die Deutschen und der Wald, Dresden 2011, S. 15–33, hier S. 15.
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