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26.5.2002 | Von:
Günter Schlusche

Die Parlaments- und Regierungsbauten des Bundes im Kontext der Berliner Stadtentwicklung

II. Schwerpunkt Spreebogen

Die wenigsten Fragen stellten sich bei der Wahl des Spreebogens als Regierungsbereich - hier lieferte die Existenz des Reichstagsgebäudes eine eindeutige Vorgabe, zudem war die Verfügbarkeit großer angrenzender Flächen im Bundesbesitz gegeben. Dennoch - die im Oktober 1991 vom Ältestenrat des Deutschen Bundestages getroffene Entscheidung, das Reichstagsgebäude zum Sitz des Parlaments zu machen, war nicht so selbstverständlich, wie es im Nachhinein scheinen mag. [2] In der Öffentlichkeit und bei einigen Politikern war das Gebäude als nationalsozialistisch belasteter Bau diskreditiert, seine wilhelminische Architektur stieß auf Missfallen. In der Tat - das trutzige Gebäude, zu Mauerzeiten wie ein erratischer Block am äußersten Rand des Tiergartens im Schatten der Mauer gelegen, hatte nichts Einnehmendes - ganz anders als der von Günter Behnisch in das Rheinufer eingefügte Bundestagsneubau in Bonn. Es bedurfte einer Reihe von Kolloquien und öffentlicher Debatten, um die historische Rolle dieses Baus zu objektivieren, dessen Zweckbestimmung Kaiser Wilhelm verhöhnt und dessen Architektur er zurechtgestutzt hatte. [3] Die große öffentliche Zuneigung zu diesem Bau entwickelte sich mit der künstlerischen Aktion von Christo und Jean Claude im Sommer 1995 und hat seit der Fertigstellung der Kuppel geradezu enthusiastische Züge angenommen. Mit drei Millionen Besuchern in gut zwei Jahren ist dieses Gebäude zu einer internationalen Tourismus-Attraktion vom Rang des Eiffelturms oder des Londoner Towers geworden - für ein Parlamentsgebäude im Zeichen der Politikverdrossenheit eine erstaunliche Entwicklung.

Vom zentralen Bereich zum Spreebogen



Für die ab 1992 zu treffenden Standortentscheidungen hatte das Reichstagsvotum weit reichende Konsequenzen, denn dadurch wurden Spreebogen und Dorotheenstadt zum bevorzugten Standort für den Bundestag und das Bundeskanzleramt. Im März 1992 wurde mit den entsprechenden Vorgaben der internationale städtebauliche Wettbewerb Spreebogen ausgelobt - in enger Verzahnung mit dem Architekturwettbewerb zum Umbau des Reichstagsgebäudes als Haus des Deutschen Bundestags. [4] In städtebaulicher Hinsicht wurde dieser Raum am nördlichen Tiergartenrand damit zum bedeutungsvollen Entree des historischen Zentrums designiert - eine Aufwertung, an welche die Planer des zehn Jahre zuvor eingesetzten "think thanks" zum vormaligen "Zentralen Bereich" [5] nicht zu denken wagten. Damals, zu Westberliner Zeiten, schien es unmöglich, die geschichtlichen Konnotationen und Entwicklungspotenziale dieses Raumes in Einklang mit real verfügbaren Nutzungen, etwa der Ansiedlung einer national oder international bedeutsamen Institution, zu bringen. Den vorläufigen Ausweg aus diesem Dilemma bot 1985 das Danaergeschenk des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl: die Ansiedlung des Historischen Museums im Spreebogen, für das der Entwurf des Italieners Aldo Rossi auserkoren wurde. Der wenige Meter südlich des heutigen Kanzleramts feierlich gelegte Grundstein wurde nach 1989 schnell wieder beiseite geräumt, denn nun waren die angemessenen Nutzungen und Volumina vorhanden. Am Rande sei bemerkt, dass mit der Entscheidung für Reichstag und Spreebogen auch eine historische Entwicklungslinie fortgeführt wurde, die sich seit Jahrhunderten in der europäischen Stadtgeschichte herausgebildet hat: Das Haus des obersten Souveräns - sei er Fürst, Kaiser oder Volksvertretung - ist nicht in der Mitte des städtischen Lebens, sondern eher am distinguierten Rand platziert. [6]

Das Band des Bundes



Der Spreebogen-Wettbewerb wurde im Februar 1993 von den Berliner Architekten Axel Schultes und Charlotte Frank gewonnen, die schon in die Planungsverfahren zum "Zentralen Bereich" involviert waren. Ihr Entwurf überzeugte das Preisgericht mit der äußerst kraftvollen Idee einer linearen städtebaulichen Struktur, welche die Spree an zwei Stellen überspannt und Exekutive wie Legislative, also durchaus heterogene Elemente, in einer Konfiguration gegenüberstellte. [7] Die große, auch international sehr positive Resonanz auf diesen Entwurf erklärte sich zu einem Gutteil aus seiner stadtgeschichtlichen Sensibilität. Dem Großmachtstreben des Nationalsozialismus, der eine gewaltige Nord-Süd-Achse durch die Berliner Innenstadt geplant hatte und hier in einer "Halle des Volkes" kulminieren lassen wollte, setzten Schultes und Frank das "Band des Bundes" entgegen. [8] Die zweite Quelle der Akzeptanz dieses Entwurfs war sicherlich der Anspruch, den Ost- und den Westteil der gerade wiedervereinten Stadt mit dieser Formation wieder zu verklammern, eine idealistische, aber eingängige Metapher.

Den beiden Architekten gelang es 1995 schließlich auch, den architektonischen Wettbewerb für das im Westen des Bandes platzierte Bundeskanzleramt zu gewinnen - eine keineswegs selbstverständliche Entscheidung, die der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl erst nach halbjähriger Bedenkzeit traf. Den Wettbewerb für den Umbau des Reichstags gewann der britische Architekt Sir Norman Foster, allerdings nach einer langwierigen Überarbeitungsphase, in deren Verlauf Foster seinen ursprünglichen Entwurf auf massiv vorgetragene Wünsche des Auftraggebers hin radikal veränderte und schließlich die Idee der Kuppel verwirklichte. Der Wettbewerb für das östliche Glied des Bandes, den Bereich, in dem die Parlamentsgebäude entstehen sollten, wurde von dem Münchener Architekten Stephan Branfels gewonnen, der nach einer Entscheidung der Auftraggeber auch zum Architekten für die Fortsetzung des Bandes zwischen Spree und Luisenstraße wurde.

Band des Bundes ohne Forum?



Während die "harten" Elemente des Bandes, also das Kanzleramt und die Parlamentsbauten, praktisch fertig gestellt sind, ist das Kernstück des Schultes-Frank-Entwurfs, das Forum des Bundes, bis heute eine Idee geblieben. Weder die alte noch die neue Bundesregierung oder der Bundestag haben der in keinem Programm vorgegebenen, aber gleichwohl sinnfälligen Idee von Schultes und Frank, hier ein Forum für den Austausch zwischen gesellschaftlicher Öffentlichkeit und parlamentarisch-politischem Leben zu konzipieren, etwas abgewinnen können. Vielleicht sind die Entwicklungsaufgaben der Stadt an anderen Stellen - etwa auf der Spreeinsel - wirklich drängender, sodass es kein Unglück sein muss, wenn dieser Bereich erst in zehn oder fünfzehn Jahren weitergedacht wird. Das Gelände wird nun - wie es offiziell heißt - "provisorisch begrünt". Die für das Forum und den Platz der Republik vorgelegten Planungen der Landschaftsarchitekten Jan Wehberg und Cornelia Müller versprechen allerdings alles andere als ein schlechter Kompromiss zu werden. Mit durchaus hohen Erwartungen kann nach Abschluss der Tiefbauarbeiten im Spreebogen nun der Fertigstellung der großen Landschaftsräume entgegengesehen werden. Der vom Reichstagsgebäude bis zum Haus der Kulturen der Welt reichende Platz der Republik bietet ein Wechselspiel zwischen offenen Wiesen- bzw. Heckenbereichen und großzügigen Baumlandschaften. Die Fläche des Forums zwischen Kanzleramt und Paul-Löbe-Haus wird durch Wasserspiele und Natursteinfelder hervorgehoben, während die durch Bäume gestalteten Randbereiche die Spur des Bundesbands wahren. Nördlich davon öffnet sich der große, durch die Schweizer Landschaftsarchitekten Weber und Saurer gestaltete Freiraum des Spreeparks fächerförmig zur Spree. Durch die im Scheitelpunkt der Uferzone aufgestellte Skulptur "Niemandsland" von Olaf Metzel erhält dieser öffentliche Stadtraum eine außergewöhnliche Akzentuierung, die schon im Vorfeld für Diskussionsstoff gesorgt hat und möglicherweise mehr Wirkung entfalten wird als die Skulptur "Berlin" des spanischen Bildhauers Eduardo Chillida im Ehrenhof des Kanzleramts. [9]

Mit seiner Fertigstellung im Mai 2001 ist das Kanzleramt zum Gegenstand einer kontroversen architektonischen Debatte geworden, die in einer Reihe von Argumenten jedoch auf das nun zu Tage getretene städtebauliche Dilemma abzielt. [10] Die beiden Großbauten des Bundeskanzleramtes und des gerade bezogenen Paul-Löbe-Hauses liegen in einer nicht einfach überbrückbaren Distanz zueinander und machen die Vorstellung eines Bandes zum Fragment. Zudem sind sie ein wenig aus der Balance geraten. Das Kanzleramt, das Schultes und Frank schon bei ihrer ersten Überarbeitung in der Höhenwirkung differenzierten, überragt nun mit seinem 36 m hohen quadratischen Leitungsbau die seitlichen, das Band markierenden Verwaltungsflügel um fünf Geschosse. Sein östliches Gegenüber, der Bundestagsbau von Stephan Braunfels, bleibt in der Höhenentwicklung konstant und vollzieht den Sprung auf das Ostufer der Spree in den gleichen baulichen Dimensionen. Die Fortsetzung des Bandes nach Westen besteht hingegen aus dem von Sockelwänden eingefassten Kanzlerpark, den man über eine doppelstöckige Brücke erreicht. Im Osten dagegen wird die Figur des Bandes durch den nördlich des Braunfels-Baus entstandenen Neubau einer Kindertagesstätte von Gustav Peichl für die Bundestagsbediensteten undeutlich macht.

Der Städtebau des Spreebogens



Ein gravierenderes Monitum ist die fehlende städtebauliche Einbindung der Teile des Bandes nach Norden hin. Schultes und Frank sind in ihren Entwürfen immer davon ausgegangen, dass am Moabiter Nordufer der Spree ein kompaktes Stadtquartier um einen großvolumigen neuen Lehrter Fernbahnhof entstehen wird. Dies war die bereits 1992 verkündete feste Absicht der Deutschen Bahn, die von der Stadt trotz gewisser Bedenken mitgetragen wurde. Zur Verwirklichung dieser Planung wird es auf absehbare Zeit nicht kommen. Seit 1994 baut die Bahn an dem unterirdischen Tunnelbauwerk der Nord-Süd-Bahntrasse, die nicht nur die Spree, sondern auch den Tiergarten, den Potsdamer Platz und den Landwehrkanal unterqueren wird. Die Fertigstellung des Groß-Bahnhofs am Kreuzungspunkt mit der oberirdischen Ost-West-Trasse der Stadtbahn wird sich, wenn er denn in der geplanten Konzeption mit zwei den Gleiskörper überspannenden "Bürobügeln" realisiert werden sollte, mindestens bis 2006 verzögern. Noch ungewisser ist die Lage bei dem umgebenden Quartier von Büro- und Wohnbauten, für das die Flaute auf dem Berliner Büroflächenmarkt keine gute Voraussetzung ist. Aus gesamtstädtischer Sicht mag das kein Manko sein, aus der Perspektive der städtischen Integration des Bandes des Bundes hingegen schon. Denn das bedeutet, dass das Band am Nordufer des Spreebogens auf eine große Stadtbrache stoßen und dass die Einbindung der nördlich angrenzenden Quartiere von Moabit bis auf weiteres nicht gelingen wird. Die Operation "Parlaments- und Regierungsbauten im Spreebogen" ist weit mehr als der Standortnachweis zweier wichtiger Hauptstadtfunktionen, sie ist vielmehr ein städtebauliches Großprojekt mit komplexen planerischen und infrastrukturellen Ansprüchen, deren Umsetzung jenseits der noch steuerbaren Entwicklungszeiträume liegt.

Der Hinweis auf ein ähnliches Großvorhaben am südlichen Rand des Tiergartens, das eine wahre planerische Odyssee hinter sich gebracht hat, erscheint tröstlich: das von dem Architekten Hans Scharoun konzipierte Kulturforum. Auch hier hat sich das Urbanitätsversprechen, das bei Baubeginn gegeben wurde, erst nach 40 Jahren einlösen lassen, allerdings auf Umwegen und auch nur dadurch, dass mit dem Potsdamer Platz unverhofft ein weiteres Großprojekt hinzutrat. Der bis heute von Scharouns Meisterwerk, der Philharmonie, ausgehenden Ausstrahlung haben diese Wirrungen übrigens keinerlei Abbruch getan.

Im Osten des Reichstagsgebäudes werden nun die Baumassen sichtbar, die sich nördlich und südlich der Dorotheenstraße sowie der Luisenstraße angesammelt haben. [11] Die diesen Formationen gegebenen Namen Jakob-Kaiser-Haus und Marie-Elisabeth-Lüders-Haus mögen ihre demokratiegeschichtliche Berechtigung haben, aus städtebaulicher Sicht führen diese Begriffe in die Irre. In der hier versammelten Aneinanderreihung von äußerst kompakt bebauten Großblöcken ballt sich eine Geschossfläche von über 300 000 Quadratmetern - nahezu ein Viertel des gesamten vom Bund in Berlin genutzten Volumens. Zudem handelt es sich um monofunktional genutzte Büroflächen mit nur wenig Chancen, hier städtische Mischnutzungen, etwa Geschäfte und Gastronomie oder gar Wohnen, zu etablieren.

Hinzu kommt ein weit verzweigtes, die Spree unterquerendes Tunnelsystem für die gesamte Ver- und Entsorgung dieser "Stadt in der Stadt". Es ist zu befürchten, dass diese Baumassen das Reichstagsgebäude wie ein Cordon administratif von der östlich angrenzenden Stadt abschirmen. Der Berliner Senat hatte schon Recht, als er angesichts dieser Planungen vor der Gefahr einer funktionalen Verödung der Dorotheenstadt warnte und alles in Bewegung setzte, um eine Vereinnahmung des Pariser Platzes durch die Verwaltungsbauten des Bundestages zu verhindern.

Fußnoten

2.
Deutscher Bundestag (Hrsg.), 2. Kolloquium Deutscher Bundestag, Berlin 1993, S. 19 ff.
3.
Kaiser Wilhelm nannte das Reichstagsgebäude "Reichsaffenhaus" und verhinderte erfolgreich den Bau einer Kuppel, die höher geworden wäre als die Kuppel des Berliner Schlosses. S. Michael Cullen, Der Reichstag - Die Geschichte eines Monuments, Berlin 1983.
4.
Vgl. Bundesministerium für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau mit Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umweltschutz, Internationaler städtebaulicher Wettbewerb Spreebogen, Berlin - Bonn 1993.
5.
"Zentraler Bereich" wurde der Raum zwischen Spreebogen und Potsdamer Platz zu Anfang der achtziger Jahre von einer Gruppe von Gutachtern genannt, die im Zuge der Hinwendung der Berliner Stadtpolitik zur Innenstadt die Geschichte und die möglichen Entwicklungen dieses Raumes im Auftrag des damaligen Stadtentwicklungssenators Volker Hassemer untersuchte.
6.
Vgl. Nikolaus Pevsner, A history of building types, London 1976.
7.
Vgl. Bundesministerium für Raumordnung (Anm. 4).
8.
Anmerkung der Redaktion: Siehe hierzu die beiden Fotos im Beitrag von Welch Guerra auf den Seiten 4 u. 5 in diesem Heft.
9.
Vgl. Ein Hooligan im Hippodrom, in: Der Spiegel, Nr. 9 vom 24. 2. 2001, S. 204Äf.
10.
Vgl. Hanno Rauterberg, Pathos für die Republik, in: Die Zeit, Nr. 18 vom 26. 4. 2001 S. 41 f.; Sebastian Redecke, Auf der Bühne der Politik, in: Bauwelt, Nr. 22 vom 8. 6. 2001; Heinrich Wefing, Das Ende der Bescheidenheit, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 26. 4. 2001, S. 52 f.
11.
Vgl. Bundesministerium für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen, Demokratie als Bauherr - Die Bauten des Bundes in Berlin 1991 - 2000, Hamburg - Berlin 2000, S. 70 ff.