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Unruhige See vor Korsika

15.12.2017 | Von:
Christopher Zimmermann
Nadine Kraft

Meeresfisch: Nachhaltig genutzt oder vom Aussterben bedroht?

Herausforderungen für das Fischereimanagement

Die Bestimmung von Referenzpunkten ist schon komplex, wenn man nur einzelne Arten isoliert betrachtet, wie das derzeit geschieht. Noch komplizierter wird es, wenn mehrere, miteinander interagierende Arten gemeinsam optimal genutzt werden sollen. Die Modelle für diesen Ansatz stehen inzwischen zur Verfügung, aber in vielen Fällen gibt es keine optimale biologische Lösung. Bislang ist noch nicht einmal geklärt, was genau das Ziel der Optimierung ist: Sind es die Erträge aus der Fischerei, ausgedrückt in Anlandeerlös, Fanggewicht oder Protein, wie sie die reichen Nordeuropäer bevorzugen? Oder sind es die Beschäftigtenzahlen, die für die Südeuropäer mit hoher Jugendarbeitslosigkeit im Vordergrund stehen? Es sind auch völlig andere Bewirtschaftungsziele denkbar, etwa die Stabilität der Fangmengen, wie sie vor allem für die standorttreue Kleinfischerei wichtig ist. Die lässt sich bei natürlich schwankenden Bestandsgrößen allerdings nur mit langfristig geringeren Fangmengen erkaufen.

Selbst wenn es gelänge, ein Ökosystem so einzustellen, dass es sich auf solche Vorgaben optimieren ließe: Die Interessen in der Fischerei und in den Gesellschaften sind so unterschiedlich, dass es fast unmöglich ist, sich auf ein Ziel zu einigen. Die Skandinavier wollen eine Ostsee voller Sprotten und Heringe, weil sie für diese Arten die größten Fanganteile haben. Deutsche und Polen bevorzugen dagegen Dorsch, weil der wertvoller ist. In vielen gemischten Bodenfischereien treten zudem unvermeidlich Beifänge auf. Einige davon sind wertvoll und erwünscht, andere dagegen vermeintlich oder tatsächlich für den Fischer wertlos. Sie gehen als Rückwurf (discard) wieder über Bord, meist tot oder sterbend. Und da die Fangquoten nach historischen Anlandemengen verteilt werden, fehlt dem einen Fischer immer gerade die Quote, die ein anderer zur Verfügung hat.

Die in einigen Regionen ökonomisch bedeutsame, aber weitgehend unregulierte Freizeitfischerei, etwa beim Dorsch der westlichen Ostsee, wird erst neuerdings im Management berücksichtigt. Die Angler bringen mittlerweile beinahe die Hälfte der gefangenen Dorschmenge an Land und haben damit einen erheblichen Einfluss auf den Bestandszustand.

In jedem Fall braucht ein vernünftiges Fischereimanagement einen langen Atem. Die Bewirtschaftungsregeln sollten unabhängig von der Festsetzung der Fangmengen für das nächste Jahr erfolgen. Die Versuchung für die Politik ist sonst zu groß, kurzfristige Vorteile wie hohe Quoten im nächsten Jahr in den Vordergrund zu stellen. Langfristige Bewirtschaftungspläne haben sich bewährt, wie die positive Entwicklung der meisten europäischen Fischbestände zeigt. Noch besser funktioniert das Management, wenn konsequent die richtigen Anreize geschaffen werden. So wurden 2013 Rückwürfe in den meisten europäischen Fischereien verboten. Seither muss jeder gefangene Fisch an Land gebracht werden, wichtiger aber: Er muss auf die Quote angerechnet werden. Ist diese ausgeschöpft, steht der Kutter still. Die Regel macht den unerwünschten Beifang teuer, und der Anreiz ist groß, ihn genau dort zu reduzieren, wo es am sinnvollsten ist: im Wasser.

Technische Entwicklungen unterstützen nachhaltiges Fischen: etwa selektive Netze, die fast ausschließlich die gewünschten Fische fangen; oder Fanggeräte, die die Auswirkungen auf den Meeresboden reduzieren, indem elektrische Impulse für das Aufscheuchen von Plattfischen oder Nordseegarnelen eingesetzt werden statt schwerer Scheuchketten. Der Fischer spart zudem Treibstoff. Akustische Signalgeber, sogenannte Pinger, halten Schweinswale von Stellnetzen fern, damit sie nicht ertrinken, vertreiben die Tiere aber unter Umständen aus Teilen ihres Lebensraums. Jede positive Maßnahme kann wieder andere negative Effekte haben. Am Ende wird ein gesellschaftlicher Konsens benötigt, welche Umweltauswirkungen noch akzeptabel sind. Dafür bedarf es einer unvoreingenommenen Analyse, gesondert für jede Zielfischart und für jedes Gebiet, ökologisch, ökonomisch und sozial. Pauschale Lösungen wie etwa die Ablehnung von Grundschleppnetzen oder die Verdammung großer Fahrzeuge als "Monstertrawler" erscheinen schlüssig, verbauen jedoch den Weg für kreative Lösungsansätze.

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