Schlaraffenland. Farbdruck nach Zeichnung von Pauli Ebner

5.1.2018 | Von:
Ingrid Hoffmann
Carolin Krems
Thorsten Heuer
Maria Gose

Zum Ernährungsverhalten in Deutschland

Nährstoffzufuhr: Deutschland – ein Vitaminmangelland?

Es gibt eine umfangreiche Anzahl an Nährstoffen, die jeder Mensch täglich benötigt, um alle lebensnotwendigen Körperfunktionen und damit die Gesundheit aufrechtzuerhalten. Sie beginnt bei den energieliefernden Makronährstoffen (wie Kohlenhydrate, Fette und Proteine) und umfasst auch Mikronährstoffe (zum Beispiel Vitamine, Mineralstoffe), die deshalb so heißen, da der menschliche Organismus nur geringe Mengen davon braucht. Ein Mangel an Nährstoffen, der unter Umständen selbst in einer leichten Form über die Zeit zu einer Einschränkung in der körperlichen Funktionsfähigkeit führt, kann durch eine ausgewogene und abwechslungsreiche Ernährung verhindert werden. Diese ist in Deutschland aufgrund des umfangreichen Lebensmittelangebotes grundsätzlich möglich. Allerdings zeigte sich schon beim Lebensmittelverzehr, dass im Durchschnitt das "Ist" nicht dem gewünschten "Soll" entspricht. Daher stellt sich die Frage, ob die mit dem Lebensmittelverzehr verbundene Nährstoffzufuhr in Deutschland dennoch ausreichend ist.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt gesunden Erwachsenen, mindestens 50 Prozent der täglichen Energiezufuhr über Kohlenhydrate und 30 Prozent über Fett abzudecken.[19] Als tägliche Zufuhrmenge an Protein werden 0,8g pro kg Körpergewicht empfohlen. Auf Grundlage der NVS II-Daten betrug die Kohlenhydratzufuhr in Deutschland für den Zeitraum 2005 bis 2007 durchschnittlich 47 Prozent und lag damit knapp unterhalb des Richtwertes.[20] Auf der anderen Seite fiel die Fettzufuhr (etwa 35 Prozent) zu hoch aus. Allein die Proteinzufuhr lag mit rund 14 Prozent in einem akzeptablen Bereich. Für die darauffolgenden Jahre zeigt sich im Rahmen der NEMONIT-Studie auch keine Verbesserung in der Makronährstoffzufuhr: Die Kohlenhydratzufuhr ist sowohl bei Männern als auch bei Frauen um rund zwei Prozentpunkte gesunken, die Fettzufuhr stieg hingegen auf 37 Prozent.[21] Dieser Umstand ist vor allem der Abnahme im Obstverzehr geschuldet.

Für die Beurteilung der Vitamin- und Mineralstoffzufuhr werden ebenfalls die von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung empfohlenen Zufuhrmengen (Referenzwerte) herangezogen.[22] Die Referenzwerte werden so abgeleitet, dass der Bedarf von nahezu allen gesunden Personen der Bevölkerung gedeckt wird und auch gewisse Köperreserven geschaffen werden können.[23] Eine Unterschreitung der Referenzwerte lässt keinen Rückschluss auf einen Mangel zu, sondern deutet nur auf eine höhere Wahrscheinlichkeit einer Unterversorgung hin. Wird die Vitamin- und Mineralstoffzufuhr in Deutschland genau unter die Lupe genommen, zeigt sich für die vergangenen Jahre ein recht zufriedenstellendes Bild.[24] Die mittlere Zufuhr der meisten Vitamine und Mineralstoffe liegt bereits ohne Berücksichtigung der eingenommenen Nährstoffsupplemente im Bereich der Referenzwerte. Insbesondere die Zufuhr von Vitamin B12 und Niacin übersteigt bei weitem den entsprechenden Referenzwert. Ganz anders sieht es bei Folat (Folsäure) und Calcium aus. Die mittlere Zufuhr dieser Nährstoffe liegt bei Männern und Frauen um 20 bis 30 Prozent unterhalb der empfohlenen Menge. Bei den Frauen fällt zusätzlich die Eisenzufuhr um rund ein Drittel niedriger aus als empfohlen. Die Vitamin D-Zufuhr ist über den Lebensmittelverzehr nicht zu beurteilen, da nur wenige Lebensmittel einen wirklich nennenswerten Anteil an Vitamin D haben. Der menschliche Körper kann Vitamin D allerdings mithilfe von UV-B-Licht selbst synthetisieren. Aus diesem Grund hat die Vitamin D-Zufuhr über Lebensmittel nur einen sehr geringen Anteil an der Vitamin D-Versorgung.

Aufschluss über die tatsächliche Nährstoffversorgung der deutschen Bevölkerung können lediglich Analysen von biochemischen Parametern in Blut und Urin geben; Daten zur Nährstoffzufuhr dienen nur als Anhaltspunkte. Dennoch kann Deutschland zusammenfassend nicht als Vitaminmangelland bezeichnet werden. Ganz im Gegenteil: Die Vitamin- und Mineralstoffzufuhr der Deutschen befindet sich größtenteils im wünschenswerten Bereich.

Nährstoffsupplemente: Tabletten, Pulver und Trinkampullen

Die Auswahl an Nährstoffsupplementen ist trotzdem riesig: Vitamin C oder Zink bei Erkältung, Magnesium gegen Muskelkrämpfe oder gleich das Rundumpaket mit allen wichtigen Vitaminen und Mineralstoffen – Nährstoffsupplemente füllen ganze Regalreihen in Supermärkten, Drogerien oder Apotheken. Sie dienen der Ergänzung der alltäglichen Ernährung und umfassen sowohl die freiverkäuflichen Nahrungsergänzungsmittel als auch nährstoffhaltige Arzneimittel, die apotheken- oder verschreibungspflichtig sind. Welche Personengruppen greifen zu Nährstoffsupplementen? Und warum?

Rund ein Viertel der Deutschen nimmt regelmäßig Supplemente ein.[25] Wird zusätzlich die unregelmäßige oder periodisch erfolgende Einnahme berücksichtigt, liegt der Anteil sogar bei 40 Prozent der Befragten.[26] Der höchste Anteil derer, die Supplemente einnehmen, ist in der Gruppe der 65–80-Jährigen zu finden, wobei generell mehr Frauen als Männer zu Supplementen greifen.[27] Zudem richten sich Supplementnehmer häufiger nach einer besonderen Ernährungsweise (zum Beispiel Vegetarismus) als Personen, die keine Nährstoffsupplemente einnehmen. Sowohl von Männern als auch von Frauen werden am häufigsten Vitamin C und E sowie Magnesium und Calcium zusätzlich eingenommen. Auf den folgenden Rängen liegen die Vitamine A, D und K sowie die Mineralstoffe Kalium, Jod und Phosphor.

Die Gründe für eine Supplementeinnahme sind vielfältig.[28] Sie reichen von der allgemeinen Vorbeugung von Krankheiten bis hin zur Unterstützung der Hautbräunung. Grob lassen sich drei Gruppen unterscheiden: Die erste Gruppe sind Personen, die Supplemente zur Prävention von Nährstoffmangelerscheinungen nehmen. Die zweite Gruppe strebt neben der Prävention von Nährstoffdefiziten und Krankheiten zusätzlich nach einer Steigerung des allgemeinen Wohlbefindens und der physischen und/oder mentalen Leistungsfähigkeit. Rund 30 Prozent dieser Gruppe nehmen zehn oder mehr verschiedene Vitamine und Mineralstoffe zu sich. Die dritte und kleinste Gruppe versucht durch die Supplementeinnahme, bereits bestehende Mangelerscheinungen auszugleichen oder Krankheitsbehandlungen zu unterstützen.

Personen, die zu Nährstoffsupplementen greifen, weisen bereits durch eine günstige Lebensmittelauswahl eine bessere Nährstoffzufuhr auf als jene, die darauf verzichten.[29] Durch die zusätzliche Supplementeinnahme übersteigt die jeweilige Nährstoffzufuhr die empfohlene Tagesmenge. Beispielsweise beträgt die Gesamtzufuhr von Vitamin B1, B2, B6 und C über Lebensmittel und Supplemente etwa das Doppelte des entsprechenden Referenzwertes. Dabei liegt die Zufuhr allein über Lebensmittel bereits im wünschenswerten Bereich. Dagegen wird bei den Supplementnehmern die empfohlene Zufuhr an Folat (Folsäure) und Calcium sowie bei Frauen an Eisen erst durch die Supplementierung erreicht.

Im Allgemeinen sind Nährstoffsupplemente für gesunde Menschen nicht notwendig, da die meisten der supplementierten Nährstoffe bereits über Lebensmittel ausreichend zugeführt werden. Ausnahmen bilden Risikogruppen, wie Schwangere oder Stillende, die unter Umständen durch einen erhöhten Bedarf einzelne Nährstoffe wie Eisen oder Folsäure supplementieren sollten.[30] Zudem kann für Menschen mit einer dunklen Hautfarbe oder für Personen, die sich nur selten einer direkten Sonneneinstrahlung aussetzen, eine Vitamin-D-Supplementierung sinnvoll sein.

Fußnoten

19.
Vgl. DGE/Österreichische Gesellschaft für Ernährung (ÖGE)/Schweizerische Gesellschaft für Ernährung (SGE), Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr, Bonn 2016.
20.
Vgl. Krems et al. (Anm. 10), S. 53–71.
21.
Vgl. Gose et al. (Anm. 7).
22.
Vgl. DGE/ÖGE/SGE (Anm. 19).
23.
Vgl. DGE, Deutschland ist kein Vitaminmangelland, Pressemitteilung, 17.7.2012, http://www.dge.de/presse/pm/deutschland-ist-kein-vitaminmangelland«.
24.
Vgl. Krems et al. (Anm. 10), S. 53–71.
25.
Vgl. Thorsten Heuer et al., Nährstoffzufuhr über Supplemente – Ergebnisse der Nationalen Verzehrsstudie II, in: DGE (Anm. 10), S. 86–97.
26.
Vgl. Anne Frey/Ingrid Hoffmann/Thorsten Heuer, Characterisation of Vitamin and Mineral Supplement Users Differentiated According to their Motives for Using Supplements: Results of the German National Nutrition Monitoring (NEMONIT), in: Public Health Nutrition 20/2017, S. 2173–2182.
27.
Vgl. Heuer et al. (Anm. 25) und Frey/Hoffmann/Heuer (Anm. 26).
28.
Vgl. Frey/Hoffmann/Heuer (Anm. 26).
29.
Vgl. Heuer et al. (Anm. 25).
30.
Vgl. DGE, Bunte Pillen fürs gute Gewissen – Was bringen Nahrungsergänzungsmittel?, Pressemitteilung, 4.12.2012, http://www.dge.de/presse/pm/bunte-pillen-fuers-gute-gewissen-was-bringen-nahrungsergaenzungsmittel«.
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