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Schlaraffenland. Farbdruck nach Zeichnung von Pauli Ebner

5.1.2018 | Von:
Tamara Pfeiler

Du bist, was du isst? Psychologische Forschung zum Fleischkonsum

Ernährungsform als Politikum

Der steigende Anteil an Menschen, die sich für eine pflanzenbasierte Ernährung entscheiden, ist auch Ausdruck einer wachsenden sozialen Bewegung, die sich für Tierschutz und eine Ausweitung von Tierrechten einsetzt. Es ist daher nicht überraschend, dass eine Ernährung, die kein Fleisch oder generell keine tierlichen Nahrungsmittel enthält, positiv mit politischen Einstellungen einhergeht, die Tierrechte, Tierschutz und Umweltschutz unterstützen.[24] Darüber hinaus geht eine vegetarische Ernährung mit einer eher linksgerichteten politischen Einstellung einher, während Fleischkonsum eher mit einer rechtsgerichteten politischen Einstellung assoziiert ist.[25] Neben Konservatismus gehört dazu auch eine soziale Dominanzorientierung – das heißt, dass eine Hierarchisierung gesellschaftlicher Gruppen unterstützt und begrüßt wird – und eine Tendenz zum Autoritarismus. Diese Einstellungen sind relevant und positiv mit der Häufigkeit des Fleischkonsums assoziiert.[26] Personen mit einer stark ausgeprägten sozialen Dominanzorientierung essen dabei nicht nur Fleisch, weil es ihnen gut schmeckt, sondern bringen damit ihren Glauben an soziale Hierarchien und die menschliche Überlegenheit über Tiere zum Ausdruck.[27]

Etliche Philosophen haben bereits beschrieben, dass die gesellschaftliche Norm, gewisse Tierarten zu töten und zu essen, andere dagegen zu streicheln, Vorurteile gegenüber diesen Tieren ausdrückt und sie diskriminiert.[28] Diese Diskriminierung von Tieren aufgrund ihrer Spezies wurde erst in den letzten Jahrzehnten von der Psychologie aufgegriffen und mit dem Begriff Speziesismus bezeichnet.[29] Speziesismus wird dabei als ein Überzeugungssystem definiert, das Lebewesen aufgrund der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Spezies diskriminiert. Die Psychologin Melanie Joy hat das Konzept des Speziesismus auf den Fleischkonsum übertragen und argumentiert, dass auch der Konsum von Tieren mit einem Überzeugungssystem einhergeht, das sie als Karnimus benannte.[30] Die Grundüberlegung hierbei ist, dass Fleischkonsum ebenso mit Überzeugungen einhergeht, wie das Ablehnen des Konsums von Fleisch oder von allen tierlichen Produkten mit vegetarischen oder veganen Überzeugungen gekoppelt ist. Karnismus sei ein weit verbreitetes und tiefverwurzeltes System aus Normen, Legitimationen und motivierten Kognitionen (zum Beispiel Überzeugungen die dazu dienen, den Status quo zu rechtfertigen und aufrechtzuerhalten), das es Menschen erlaubt, das Leiden von Tieren in der Tierindustrie auszublenden, um weiterhin Tiere zu essen. Empirische Arbeiten unterstützen diese Annahmen. So konnte gezeigt werden, dass Menschen motiviert sind, ihren Fleischkonsum zu rechtfertigen, um sich moralisch davon zu distanzieren und den Status quo aufrechtzuerhalten.[31] Hierbei geht das Essen von Tieren mit Überzeugungen einher, die den Fleischkonsum als normal, natürlich und notwendig rechtfertigen.[32] Das Leid von Tieren dagegen wird relativiert und das Töten von Tieren für ihr Fleisch durch menschliche Überlegenheit legitimiert.[33] Eine erste Arbeit, bei der karnistische Überzeugungen untersucht wurden, brachte folgende Ergebnisse: Glaubenssätze der karnistischen Rechtfertigungen (wie etwa Fleischessen sei normal, natürlich und notwendig) gehen damit einher, wie viel Fleisch konsumiert wird.[34] Überzeugungen der karnistischen Domination (zum Beispiel: Tiere sind dazu da, gegessen zu werden; Menschen dürfen Tiere töten) sind damit assoziiert, ob tatsächlich bereits selbst ein Tier getötet wurde, um es zu essen. Menschen, die karnistische Überzeugungen unterstützen, weisen auch eher feindselige Interpretationen in zwischenmenschlichen Interaktionen und weniger Empathie auf. Darüber hinaus sind karnistische Überzeugungen an gesellschaftspolitische Ansichten gekoppelt, die eher konservativ sind und Hierarchien zwischen menschlichen Gruppen befürworten wie soziale Dominanzorientierung und rechtsgerichteter Autoritarismus. Der Konsum von Fleisch ist daher nicht nur eine Frage des Geschmacks, sondern geht oft mit Überzeugungen einher, die das Töten und Essen von Tieren rechtfertigen.

Speziesismus und Karnismus beruhen auch auf speziellen Annahmen gegenüber Tieren, die mit vereinfachten Stereotypisierungen (zum Beispiel alle Tiere einer Art sind gleich) und Kategorisierungen (zum Beispiel als essbare Tiere, Haustiere, Zootiere) einhergehen. Derartige Annahmen findet man im Allgemeinen bei der Diskriminierung von Fremdgruppen. Diese sind mit der Abwertung beziehungsweise dem Leugnen von geistigen Fähigkeiten wie subjektives Erleben und der Fähigkeit, aktive Handlungen auszuführen, verbunden. Diese Form der Abwertung kann als kognitive Komponente von Vorurteilen beschrieben werden und spielt bei der Wahrnehmung von Tieren eine Rolle.[35]

Abbildung 1: Fleischkonsum pro Kopf, in Kilogramm, Durchschnitt 2010–12 (geschätzt), und 2022 (Prognose)Abbildung 1: Fleischkonsum pro Kopf, in Kilogramm, Durchschnitt 2010–12 (geschätzt), und 2022 (Prognose) (© Abb. 1: Heinrich-Böll-Stiftung/BUND/Le monde diplomatique (Hrsg.), Fleischatlas 2014. Daten und Fakten über Tiere als Nahrungsmittel, Berlin 2015, S. 21.)
Abbildung 2: Fleischverbrauch pro Kopf, Kilogramm, Durchschnitt 2010–12 (geschätzt), und 2022 (Prognose),
in den BRICS-StaatenAbbildung 2: Fleischverbrauch pro Kopf, Kilogramm, Durchschnitt 2010–12 (geschätzt), und 2022 (Prognose), in den BRICS-Staaten (© Abb. 2: Heinrich-Böll-Stiftung/BUND/Le monde diplomatique (Hrsg.), Fleischatlas 2014. Daten und Fakten über Tiere als Nahrungsmittel, Berlin 2015, S. 37.)

Fußnoten

24.
Vgl. Pfeiler/Egloff (Anm. 7), s. auch Anthony Worsley/Grace Skrzypiec, Environmental Attitudes of Senior Secondary School Students in South Australia, in: Global Environmental Change 3/1998, S. 209–225.
25.
Vgl. Kristof Dhont/Gordon Hodson, Why Do Right-Wing Adherents Engage in More Animal Exploitation and Meat consumption?, in: Personality and Individual Differences 64/2014, S. 12–17.
26.
Vgl. Michael W. Allen et al., Values and Beliefs of Vegetarians and Omnivores, in: The Journal of Social Psychology 4/2000, S. 405–422; vgl. Petra Veser/Kathy Taylor/Susanne Singer, Diet, Authoritarianism, Social Dominance Orientation, and Predisposition to Prejudice: Results of a German Survey, in: British Food Journal 7/2015, S. 1949–1960.
27.
Vgl. Dhont/Hodson (Anm. 26).
28.
Vgl. u.a. Gary L. Francione, Animals as Persons: Essays on the Abolition of Animal Exploitation, New York 2008; Peter Singer, Animal Liberation, New York 1977; Tom Regan, The Case for Animal Rights, California 1983.
29.
Vgl. Richard D. Ryder, Speciesism Again: The Original Leaflet, in: Critical Society 2/1975, S. 1f.
30.
Vgl. Melanie Joy, Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen: Karnismus – eine Einführung, Münster 2013.
31.
Vgl. z.B. Joao Graça/Maria M. Calheiros/Abílio Oliveira, Situating Moral Disengagement: Motivated Reasoning in Meat Consumption and Substitution, in: Personality and Individual Differences 90/2016, S. 353–364; Nick Haslam/Steven Loughnan/Elise Holland, The Psychology of Humanness, in Sarah J. Gervais (Hrsg.), Objectification and (De)humanization, New York 2012.
32.
Vgl. Jared Piazza et al., Rationalizing Meat Consumptions. The 4Ns, in: Appetite 91/2015, S. 114–128.
33.
Vgl. Hank Rothgerber, Real Men Don’t Eat (Vegetable) Quiche: Masculinity and the Justification of Meat Consumption, in: Psychology of Men & Masculinity 4/2013, S. 363–375.
34.
Vgl. Christopher A. Monteiro et al., The Carnism Inventory: Measuring the Ideology of Eating Animals, in: Appetite 113/2017, S. 51–62.
35.
Vgl. Nick Haslam, Dehumanization: An Integrative Review, in: Personality and Social Psychology Review 3/2006, S. 252–264; Michal Bilewicz/Roland Imhoff/Marek Drogosz, The Humanity of What We Eat: Conceptions of Human Uniqueness among Vegetarians and Omnivores, in: European Journal of Social Psychology 2/2011, S. 201–209.
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