Schlaraffenland. Farbdruck nach Zeichnung von Pauli Ebner

5.1.2018 | Von:
Harald Lemke

Eine konviviale Menschheit? Zur Zukunft einer planetaren Tischgesellschaft

Zur Gastrosophie der Ernährungswende

Als "Gastrosophie" bezeichne ich alle Erkenntnisse, Wissenschaften, Techniken, Bildungsprozesse und Praktiken der "Ernährungswende": Das allgemeine Bewusstsein von der gesellschaftlichen Notwendigkeit einer Transformation – einer anthropoethischen Verbesserung – unserer vorherrschenden Ernährungsverhältnisse mit umfassenden Auswirkungen nimmt überall auf der Welt zu. Tatsächlich wächst gegenwärtig, um Hölderlins stilvolle Wendung aufzugreifen, "das Rettende dort, wo auch Gefahr ist": Denn Tag für Tag nimmt das gesellschaftliche Unbehagen gegenüber den vielschichtigen Problemen und Erscheinungsformen einer globalen Ernährungskrise zu (insbesondere der unintelligenten Art und Weise der Landwirtschaft und Ressourcennutzung). Während Martin Heidegger den anthropoethischen Sinn von Hölderlins Befreiungsphilosophie in eine hoffnungslos unzeitgemäße Befreiungstheologie verkehrte – indem er glaubte, dass "nur noch ein Gott uns retten kann" – möchte ich daran anknüpfend die Idee zu einer Weltrettungsaktion skizzieren, die bei einem vernünftigeren oder nachhaltigeren Umgang mit dem natürlichen Wachstum der Früchte dieser Erde beginnt. Erste Ansätze davon keimen bereits überall: Immer mehr Menschen legen Wert auf hochwertige Lebensmittel aus biologischer und solidarischer Landwirtschaft, kaufen lokale Produkte, finanzieren fairen Handel und angemessene Preise, beteiligen sich an Selbsternte-Aktionen oder Urban-Gardening-Initiativen und laden andere – Freunde, aber auch fremde Gäste[10] – zu sich nach Hause ein, um miteinander zu kochen und selbstgemachte Köstlichkeiten (im Idealfall sind es raffinierte Freistil-Kunstwerke und kreative Commons aus ethisch möglichst korrekten Zutaten) zu genießen. Noch zögerlich, aber doch spürbar, beginnt sich vielerorts eine neue Haltung und Wertschätzung gegenüber einem guten Essen für alle zu entwickeln. Die allgemeine Bereitschaft, die übliche Fast-Food-Philosophie zu hinterfragen und durch ein anderes Ernährungsdenken zu überwinden, wächst zu einer "kritischen Masse" heran.[11] Mit anderen Worten: Der gesellschaftliche Wandel, der von einer Ernährungswende ausgeht, wird von einer täglich größer werdenden Menge an begeisterten Anhängern und Besseressern in allen Teilen der Welt vorangetrieben. Rufen wir ihnen zu: "Kulinarier aller Länder, vereinigt Euch – und genießt miteinander!" Man kann das Gleiche auch anders wenden: Warum sollte die Menschheit in Zukunft nicht "das höchste Gute" kultivieren, das Kant als unbekannter Vordenker der Gastrosophie in "der guten Lebensart" erkannte, jeden Tag eine "gute Mahlzeit in guter Gesellschaft" zu genießen?

Dieses allmähliche "gastrosophische Umdenken" manifestiert sich inzwischen nicht nur im Verhalten privater Konsumenten, sondern auch in diversen zivilgesellschaftlichen Initiativen und Organisationen: Einige Beispiele dafür sind etwa die erste Fachtagung "Deutschland auf dem Weg zur Ernährungswende – Lokale Ernährungskonzepte", die im Oktober stattfand und vom Institut für Welternährung organisiert wurde.[12] Eingeladen waren Vertreter von Ernährungswende-Initiativen aus mehreren Städten. Kurz darauf wurde in der Stadt Essen unter dem Motto "Ernährungsdemokratie jetzt!" ein Netzwerk von mehr als 40 Ernährungsräten und ernährungspolitischen Initiativen aus dem deutschsprachigen Raum gegründet.[13] Das 2016 gegründete "Netzwerk deutscher Biostädte" bietet einen (gemeinsam mit Experten für Vergaberecht und für Gemeinschaftsverpflegung erstellten) äußerst detaillierten und praxisnahen "Leitfaden für mehr Bio in Kommunen".[14]

Auch international spiegelt sich dieses gestiegene Interesse an Ernährung und Essen und am Versuch einer gesellschaftlichen Ernährungswende wider, auch wenn sie vielerorts von der allgemeinen Öffentlichkeit und der Regierungspolitik der Staaten weitestgehend unbemerkt bleibt. Entscheidende Akteure befinden sich eher auf regionaler und lokaler Ebene: in den großen Metropolen der Welt ebenso wie in kleineren Städten und Kommunen. So wurde anlässlich der Weltausstellung (Expo) 2015 zum Thema "Den Planeten ernähren, Energie fürs Leben" von einigen Pionier-Städten das bemerkenswerte "Mailänder Abkommen über städtische Ernährungspolitik" vereinbart.[15] Neben diesem und den Sustainable Development Goals der UN liegt inzwischen mit der "Lima Declaration: Open Letter to the Chefs of Tomorrow" ein bemerkenswertes Manifest des gastrosophischen Konvivialismus vor: Namhafte Starköche wollen in Zukunft ihren gut bezahlenden Gästen eine politisch korrekte "Gute Küche" servieren und so meinungsstarken (häufig akademisch gebildeten) Mitmenschen eine Welt schmackhaft machen, in der kulinarische Ästhetik und planetare Ethik sich nicht länger widersprechen. [16] Selbst in der Wirtschaft, wo Bio und Produkte aus fairem Handel boomen, greift eine weitsichtige Unternehmensphilosophie ökonomische Trends und nachwachsende Kräfte auf, die vor allem mit gutem Essen für alle die Erde samt ihrer Menschheit retten wollen.

Auch in wissenschaftlichen Publikationen, Fachtagungen, Fortbildungsangeboten und universitären Studiengängen oder Schulprojekten kommt das gastrosophische Umdenken langsam an: An der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Fulda veranstaltete etwa eine Gruppe von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus verschiedenen Disziplinen eine Tagung zum Thema: "Ernährung kehrt in die Stadt zurück – Innovative Ansätze urbaner Food Governance". Mit den Food Studies sind im angelsächsischen Raum erste curriculare Institutionalisierungen entstanden. Hierzulande werden schon Stimmen laut, die entsprechende Studiengänge und Lehrstühle, Forschungsprojekte und Exzellenzinitiativen fordern.[17] Promotionsprojekte und Graduiertenprogramme für Ernährungsethik werden bereits ausgeschrieben. Seit einigen Jahren besteht die Möglichkeit, an der Universität Salzburg einen fünfsemestrigen Master-Studiengang in Gastrosophischen Wissenschaften zu absolvieren; darüber hinaus hat sich das hochkarätig besetzte Kuratorium Kulinarisches Erbe Österreich ausdrücklich die programmatische "Weiterentwicklung der österreichischen Kulinarik und Gastrosophie" vorgenommen.[18] Eine neue Generation von internationalen "Ökogastronomen" wird Jahr für Jahr an der Slow Food Universität für gastronomische Wissenschaften im italienischen Städtchen Bra ausgebildet.

Fußnoten

10.
Vgl. Harald Lemke, Gastrecht für alle oder: "Lasst uns mal zusammen was essen", in: Burkhard Liebsch/Michael Staudigl/Philipp Stoellger (Hrsg.), Perspektiven europäischer Gastlichkeit, Weilerswist 2016, S. 298–314.
11.
"Kritische Masse" ist ein Begriff aus der Spieltheorie. Er besagt, dass nicht eine ganze Gruppe überzeugt werden muss, sondern nur eine bestimmte Anzahl aller Mitglieder – der Schwellenwert –, um das Verhalten der ganzen Gruppe zu ändern.
12.
Institut für Welternährung, Deutschland auf dem Weg zur Ernährungswende – Lokale Ernährungskonzepte, Pressemitteilung, 25.11.2017.
13.
Vgl. Ernährungsrat Hamburg, Bericht 1. Ernährungsrat Kongress, Pressemitteilung, 22.11.2017.
14.
Netzwerk deutscher Biostädte, Mehr Bio in Kommunen. Ein Praxisleitfaden des Netzwerkes deutscher Biostädte.
15.
Vgl. Milan Urban Food Policy Pact, http://www.milanurbanfoodpolicypact.org«.
16.
Vgl. Lima Declaration: Open Letter to the Chefs of Tomorrow, http://www.theworlds50best.com/blog/Events/-lima-declaration-open-letter-to-the-chefs-of-tomorrow.html«.
17.
Vgl. z.B. Wulf Rüskamp, "Warum die Uni Freiburg einen Lehrstuhl für Gastrosophie braucht", 23.8.2016, http://www.badische-zeitung.de/kolumnen-sonstige/warum-die-uni-freiburg-einen-lehrstuhl-fuer-gastrosophie-braucht.html«.
18.
Kuratorium Kulinarisches Erbe Österreichs, http://www.kulinarisches-erbe.at/ueber-uns«.
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