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26.5.2002 | Von:
Axel Schildt

Vor der Revolte: Die sechziger Jahre

I. Das Ende der Nachkriegszeit

Als kleinster gemeinsamer Nenner bisheriger Deutungen scheint sich herauszukristallisieren, die sechziger Jahre als eine "Phase der Gärung" zu verstehen, "in der sich eine Fülle von Veränderungsimpulsen wechselseitig verstärkten" [9] . Nicht nur die Nachkriegszeit [10] war zu Ende gegangen, sondern eine ganze industriegesellschaftliche Epoche, die vor der Jahrhundertwende begonnen hatte. Der Strukturwandel der Volkswirtschaft, der in den fünfziger Jahren bereits mit hohem Tempo begonnen hatte, setzte sich dynamisch fort und leitete den Übergang zur "tertiären" oder Dienstleistungsgesellschaft ein. Zudem galt die Bundesrepublik nach der hermetischen Schließung der Grenzen auch nach West-Berlin durch die DDR ihren Bewohnern kaum mehr als "Provisorium"; in Umrissen zeichnete sich vielmehr eine spezifisch westdeutsche "neue Gesellschaft" ab, wie es der junge Soziologe Ralf Dahrendorf in einer prominenten "Bestandsaufnahme" formulierte [11] . Die Bevölkerung der Bundesrepublik verjüngte sich im "Babyboom" der frühen sechziger Jahre wie in keinem anderen Jahrzehnt ihrer Geschichte, und durch die Zuwanderung von Arbeitskräften aus südeuropäischen Ländern wurde Westdeutschland faktisch zum Einwanderungsland, dem gegenüber die DDR als traditionell deutsch wahrgenommen wurde.

Der durchschnittliche Arbeitnehmerhaushalt vermochte in den sechziger Jahren am enorm gestiegenen Konsum der neuen "Wohlstandsgesellschaft" in nie gekanntem Ausmaß teilzuhaben. Die Nettoeinkommen stiegen in jener Dekade um ca. 50 Prozent. Dieser Wohlstandszuwachs, er zeigte sich etwa bei der Verbesserung des Wohnkomforts und der raschen Verbreitung von Konsumgütern, die zuvor als Luxus gegolten hatten, ließ neue Lebensstile entstehen. Charakteristisch war dafür ein in der deutschen Geschichte zumindest des 20. Jahrhunderts einmaliger Eigenheimbauboom. Allein von 1961 bis 1968 erhöhte sich der Anteil der wohnungsbesitzenden an allen Haushalten von 29,1 auf 34,3 Prozent [12] . Vorstädtische Bungalow-Siedlungen galten den Zeitgenossen als Inbegriff einer neuen Konsum-Moderne. Parallel dazu stieg die Zahl der Autos von ca. vier im Laufe der sechziger Jahre auf ca. 13 Millionen - Westdeutschland überschritt in eben jenem Jahrzehnt die Schwelle zur automobilen Gesellschaft. Suburbanes Wohnen und Automobilisierung gingen einher mit einer beträchtlichen Verkürzung der Arbeitszeit, die ihre größte Ausdehnung Mitte der fünfziger Jahre mit fast 50 Stunden an sechs Werktagen erreicht hatte. Bis Ende der sechziger Jahre verkürzte sich die Dauer der Arbeitszeit um etwa fünf Stunden, und es setzte sich die fünftägige Arbeitswoche mit einem "langen Wochenende" flächendeckend durch [13] .

Der gestiegene Stellenwert massenkultureller Konsumption im Verlauf der Transformation einer modernen Industrie- zu einer postindustriellen Gesellschaft führte zu einer neuen Qualität, für die der Soziologe Gerhard Schulze den Begriff "Erlebnisgesellschaft" vorgeschlagen hat. Unter den veränderten materiellen Bedingungen wurde das zentrale existenzielle Problem nicht mehr im Überleben, sondern im Erleben gesehen. Lebensalter und das Wahrnehmungsraster jung - alt mit einem jugendspezifischen Anspruch auf Progressivität rückten in den sechziger Jahren in den Vordergrund sozialer Wahrnehmung [14] .

Die "Erlebnisgesellschaft" scheint in der Tat als idealtypischer Begriff den Kern massenkultureller Veränderungen in jenem Zeitraum recht gut zu erfassen. Anfang der sechziger Jahre (1961) wurden etwa vier Millionen Fernsehhaushalte, 1970 über 15 Millionen gezählt. Der Aufstieg des neuen audiovisuellen Mediums [15] schuf eine neue Erlebnisdimension, eine gewaltige Vermehrung fiktionaler filmischer Angebote und der Möglichkeiten, sich über ferne und nahe Welten informieren und zugehörige Bilder auf sich wirken zu lassen. In den sechziger Jahren, in denen das Fernsehen noch den frischen Reiz des Ungewohnten ausstrahlte und zudem wegen der eingeschränkten Programmauswahl viel gemeinsamen Gesprächsstoff an der Arbeitsstelle, beim Einkauf und über den Gartenzaun hinweg lieferte, gewann das neue Medium einen bisher kaum ausgeloteten tiefen Einfluss auf die Kommunikation im halböffentlichen Alltagsraum.

Dass das audiovisuelle Medium dem Lesen von Zeitungen und Zeitschriften keinen Abbruch tat, weist darauf hin, dass sich der Medienkonsum differenzierte und nicht einfach vom Fernsehen monopolisiert wurde. Zumindest die an Kiosken dominierenden Titelbilder von Illustrierten lassen den Eindruck eines allgemeinen Drangs zu expressiver Visualisierung und Buntheit gewinnen, der sich vor allem in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre stetig verstärkte, als in der Mode so genannte "Schockfarben" für Aufsehen sorgten und das Fernsehen (1967) selbst farbig wurde.

Der im Kontext der "Erlebnisgesellschaft" als typisch angesehene kulturelle Konflikt zwischen Jugendlichen und erwachsener Bevölkerungsmehrheit, der in jenem Jahrzehnt öffentlich in nie zuvor gekanntem Ausmaß diskutiert wurde und rasch eine politische Dimension gewann, enthält viele Hinweise auf gewandelte Auffassungen, die sich im Streit um Haar- und Rocklänge, Tänze und Musikstile niederschlugen. Die Twist-, Rock- und Beat-Rhythmen der sechziger Jahre, die in der ersten Hälfte des Jahrzehnts vor allem aus Großbritannien, dann aus den USA importiert wurden, sind in ihrer Bedeutung als internationaler jugendkultureller Code von kaum zu überschätzender Bedeutung. Hierin drückten sich jugendliche Wünsche nach mehr "Lockerheit" und "Freiheit" am nachdrücklichsten aus und wurden entsprechend von einem großen Teil der Elterngeneration als Kampfansage aufgefasst. Aber nicht nur in der Jugend, sondern auch in der Bevölkerung allgemein waren die Anfänge eines tief greifenden Wertewandels erkennbar. Dieser vollzog sich von der Dominanz so genannter Pflicht- und Akzeptanzwerte hin zu Selbstentfaltungswerten, wie soziologische Beobachter schon Anfang der sechziger Jahre bemerkten [16] .

Fußnoten

9.
Klaus Schönhoven, Aufbruch in die sozialliberale Ära. Zur Bedeutung der sechziger Jahre in der Geschichte der Bundesrepublik, in: Geschichte und Gesellschaft, 25 (1999), S. 123-145, hier S. 127.
10.
Vgl. als ausführlichere und dichter belegte Version der in diesem Abschnitt skizzierten Tendenzen Axel Schildt, Materieller Wohlstand - pragmatische Politik - kulturelle Umbrüche. Die sechziger Jahre in der Bundesrepublik, in: A. Schildt u. a. (Anm. 7), S. 21-53.
11.
Ralf Dahrendorf, Die neue Gesellschaft. Soziale Strukturwandlungen der Nachkriegszeit, in: Hans Werner Richter (Hrsg.), Bestandsaufnahme. Eine deutsche Bilanz 1962, München u. a. 1962, S. 203-220.
12.
Vgl. Werner Polster/Klaus Voy, Eigenheim und Automobil - Materielle Fundamente der Lebensweise, in: Klaus Voy u. a. (Hrsg.), Gesellschaftliche Transformationsprozesse und materielle Lebensweise. Beiträge zur Wirtschafts- und Gesellschaftsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland (1949-1989), Marburg 1991, S. 263-320, hier S. 266 ff.
13.
Vgl. Edwin Schudlich, Die Abkehr vom Normalarbeitstag. Entwicklung der Arbeitszeiten in der Industrie der Bundesrepublik seit 1945, Frankfurt/M.-New York 1987, S. 46 ff.
14.
Vgl. Gerhard Schulze, Die Erlebnisgesellschaft. Kultursoziologie der Gegenwart, Frankfurt/M.-New York 19966, S. 531 ff.
15.
Vgl. Knut Hickethier (unter Mitarbeit von Peter Hoff), Geschichte des deutschen Fernsehens, Stuttgart-Weimar 1998.
16.
Vgl. Peter Kmieciak, Wertstrukturen und Wertwandel in der Bundesrepublik Deutschland, Göttingen 1976; Heinz-Otto Luthe/Heiner Meulemann (Hrsg.), Wertewandel - Faktum oder Fiktion?, Frankfurt/M.-New York 1988; Peter Ph. Mohler, Wertewandel in der Bundesrepublik in den sechziger Jahren. Ein "Top Down"- oder ein "Bottom Up"-Prozess?, in: Helmut Klages (Hrsg.), Werte und Wandel. Ergebnisse und Methoden einer Forschungstradition, Frankfurt/M. 1992, S. 40-68.