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26.5.2002 | Von:
Axel Schildt

Vor der Revolte: Die sechziger Jahre

II. Oppositionelle Aufbrüche

Um 1960 mehrten sich die publizistischen Beiträge, in welchen Versäumnisse und Fehlentwicklungen im Wiederaufbau mit harter Kritik bedacht wurden. Dies betraf zunächst die gravierenden Defizite im Umgang mit der NS-Vergangenheit, die zu öffentlichen Skandalen geführt hatten. Die sechziger Jahre - und nicht erst 1968 - waren insgesamt gekennzeichnet durch eine qualitative Intensivierung vergangenheitspolitischer Diskurse. Nicht mehr metaphysische Schuld, sondern konkrete Verbrechen beschäftigten nun die Öffentlichkeit. Die 1960 im Fernsehen ausgestrahlte Serie "Das Dritte Reich" mit hohen Einschaltquoten, die Berichterstattung über den Jerusalemer Eichmann-Prozess 1961, den Frankfurter Auschwitz-Prozess 1963/65, Auseinandersetzungen um die persönliche Verstrickung Bonner Politiker in den Nationalsozialismus, Bundestagsdebatten über die Verjährung von NS-Verbrechen u. a. mögen die Intensität öffentlicher Beschäftigung mit der "braunen Vergangenheit" andeuten [17] .

Die Kritik am ersten Jahrzehnt der Bundesrepublik reduzierte sich allerdings nicht allein auf moralische Leerstellen des materiellen Wiederaufbaus, sondern richtete sich auch auf diesen selbst. Wenn die zeitgeschichtliche Forschung zu Recht die Gleichzeitigkeit von ökonomischer Rekonstruktion und Modernisierung in den fünfziger Jahren betont, so waren viele Kritiker am Ende dieser Phase davon überzeugt, dass der Wiederaufbau zwar quantitativ als Erfolg anzusehen, aber ohne Konzept angegangen worden sei. Alexander Mitscherlich und etliche andere klagten besonders über die Schäbigkeit und Geistlosigkeit der Stadtplanung und hoben auf die Zersiedelung und Zerstörung kultureller Urbanität ab [18] . Nicht nur der Wiederaufbau, sondern eine ganze Epoche des Städtebaus, in der nachbarschaftliche Nähe durch Gliederung und Auflockerung der seelenlosen Großstadt angestrebt worden war, verfiel nun radikaler Kritik.

Während die westdeutsche Wirtschaft von einem Export-Rekord zum nächsten getragen wurde, mehrten sich mahnende Stimmen, die u. a. auf Versäumnisse der Bildungspolitik hinwiesen. Angestoßen bereits durch den so genannten "Sputnik-Schock" 1957, wurde der "sowjetische Block" nicht nur als militärische Bedrohung, sondern auch als Konkurrent auf dem Gebiet von Wissenschaft und Technik gefürchtet. Vor diesem Hintergrund verstärkten sich die Forderungen nach einer grundlegenden Bildungsreform, als durch die Errichtung der Berliner Mauer 1961 auch der Zustrom von gut ausgebildeten Fachkräften aus der DDR ausblieb. Georg Pichts Formel von der "Bildungskatastrophe" ist vor diesem Hintergrund zu verstehen [19] . Die Forderungen nach einer Reform begründeten sich anfangs mit der Notwendigkeit internationalen Wettbewerbs, aber bald wurde auch die "Chancengleichheit" für Kinder aus unteren sozialen Schichten proklamiert. Der Ruf nach Reformen zur Überwindung einer als starr empfundenen Situation bezog sich schon in der ersten Hälfte der sechziger Jahre auch auf die klassischen Felder der Politik - bis hin zur Außen- und Deutschlandpolitik. Nach dem Bau der Berliner Mauer und der Kuba-Krise (1962) bemühten sich die USA und die UdSSR auf der Basis des atomaren Gleichgewichts um Möglichkeiten zur militärischen Entspannung. Diesen veränderten Rahmenbedingungen trugen SPD und FDP stärker Rechnung als die sich uneinigen Unionsparteien [20] .

Der Ruf nach einer Auseinandersetzung über die Grundlagen der westdeutschen Politik fand zunehmend Anklang in einer sich artikulierenden kritischen Öffentlichkeit. Die Aktion gegen das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" wegen angeblichen Verrats militärischer Geheimnisse 1962 wurde deshalb zum Bumerang für die Regierenden. Demonstrationen und negative Stellungnahmen selbst konservativer Blätter zeigten ein neues staatsbürgerliches Verständnis. Der Begriff "Pluralismus", in dem sich zugleich die Beobachtung einer gesteigerten gesellschaftlichen Differenziertheit wie auch das Postulat der Toleranz gegenüber unterschiedlichen Auffassungen ausdrückte, wurde immer häufiger in Diskussionen eingebracht.

Die neuen gesellschaftlichen Signaturen am Ende des Wiederaufbaus nötigten die politischen Parteien und Verbände zu einer Überprüfung ihrer jeweiligen Programmatik und von deren Präsentation in der gewandelten Öffentlichkeit. Es ging nun nicht mehr vorrangig um grundsätzliche ordnungspolitische Positionen wie im ersten Jahrzehnt der Bundesrepublik. Parlamentarische Demokratie, "soziale Marktwirtschaft", europäische Integration und generell die Westoption hatten sich durch ihren Erfolg legitimiert, und mit dem Abtauen des Kalten Krieges verlor auch eine dramatisierende Freund-Feind-Rhetorik an Glaubwürdigkeit. Stattdessen schien nun diejenige politische Partei die Führung beanspruchen zu können, die mit glaubwürdigen Konzepten zur Reformierung der Gesellschaft aufwartete. Diese Kompetenz schien auch innenpolitisch allmählich an die Sozialdemokratie überzugehen, die mit dem Godesberger Programm von 1959 "ideologischen Ballast" abgeworfen hatte und sich erfolgreich als moderne "Volkspartei" mit ihrem Kanzlerkandidaten Willy Brandt als jugendlich wirkendem "deutschen Kennedy" präsentierte.

Zur Bildung einer breiten kritischen Öffentlichkeit am Ende der "Ära Adenauer" trugen neben dem "Spiegel", der nicht zuletzt durch den Angriff auf ihn seinen Nimbus und seine Auflagenzahlen beträchtlich erhöhte, einige weitere Medien bei. Die linksliberale Wende der Ende der fünfziger Jahre noch in ihrer Existenz bedrohten Wochenzeitung "Die Zeit" sorgte auch hier für neue Leser. Die im September 1962 auf den Markt gekommene satirische Monatszeitschrift "Pardon" steigerte ihre Auflage bis zum Ende der sechziger Jahre von 50 000 auf 300 000 Exemplare, die als linke Studentenzeitung seit Mitte der fünfziger Jahre erscheinende "Konkret" von 20 000 (1957) und 40 000 (1964) auf 400 000 (1968). Beträchtliche Aufmerksamkeit erzielte das seit 1962 in der ARD ausgestrahlte kritische Fernsehmagazin "Panorama" - eine in der Bundesrepublik noch neue Form des Journalismus [21] .

Ein Netzwerk intellektueller Foren und Medien, von Radioredaktionen, wöchentlich und monatlich erscheinenden Druckerzeugnissen, Verlagen und Buchreihen bis hin zum politischen Dokumentationstheater beförderte eine linksliberale und sozialkritische Politisierung der literarischen Intelligenz, auf welche die Bundesregierung mit einiger Nervosität reagierte. Als der "Spiegel" 1965 eine Philippika Rolf Hochhuths gegen die angeblich systematische Begünstigung des Großunternehmertums durch die Regierung veröffentlichte, attackierte Bundeskanzler Erhard bei verschiedenen Gelegenheiten seine intellektuellen Kritiker als "Banausen und Nichtskönner, die über Dinge urteilen, die sie einfach nicht verstehen", als "ganz kleine Pinscher", und er sprach von "einem gewissen Intellektualismus, der in Idiotie umschlägt", sowie von "unappetitlichen Entartungserscheinungen der modernen Kunst" [22] .

Solche Reaktionen waren ein Indiz für Unsicherheiten, Ängste und den Widerwillen gegen eine publizistische Tendenz, die sich allmählich ausbreitete, aber es bleibt noch auszuloten, wie breit und wie tief die Hauptströmung gehobener linksliberaler Publizistik bis zur Mitte der sechziger Jahre vordringen konnte. Die Intensivierung der Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit und die "Verjährungsdebatten" im Bundestag (1960 und 1965) [23] ließen gleichzeitig die Forderung nach einem "Schlussstrich" zur - demoskopisch ermittelten - breiten Mehrheitsmeinung der Bundesbürger anwachsen. Die 1964 gegründete Nationaldemokratische Partei (NPD) erzielte mit einer Mischung von nationalistischen Ressentiments "gegen den Ausverkauf Deutschlands" durch "Verzichtpolitiker", gegen die allgemeine Libertinage und den "Kulturbolschewismus" sowie mit sozialdemagogischen Sentenzen zwischen 1966 und 1968 eine Reihe von spektakulären Wahlerfolgen. Die NPD war nur die symbolische Spitze einer rechtspopulistischen Konjunktur in den sechziger Jahren, deren gesellschaftsgeschichtliche Analyse noch aussteht.

Die Große Koalition von CDU/CSU und SPD von Ende 1966 bis 1969 wurde von den beteiligten Partnern in erster Linie defensiv begründet, als zeitlich von vornherein begrenzter Ausweg aus schwerwiegenden wirtschaftlichen Problemen. Während sich die erste wirtschaftliche Rezession 1966/67 nach 16 Jahren ununterbrochenen Aufstiegs in der langfristigen Perspektive rückblickend lediglich als konjunkturelle Delle darstellt, galt sie den Zeitgenossen als deutliches Anzeichen für künftige Gefahren, die nur durch eine breit fundierte und reformbereite Führung in Bonn abzuwehren seien.

Das neue Kabinett symbolisierte zugleich einen Aspekt gesellschaftlicher Versöhnung nicht nur der großen politischen Widerlager, wie sie etwa Franz-Josef Strauß (CSU) und Karl Schiller (SPD) als "Plisch und Plum" der Wirtschafts- und Finanzpolitik inszenierten, sondern vor allem konträrer Biografien. Gemeinsam saßen auf der Regierungsbank das "Märzveilchen", der im März 1933 der NSDAP beigetretene Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger, mit dem früheren kommunistischen Spitzenfunktionär Herbert Wehner und mit Willy Brandt, der als sozialistischer Remigrant in norwegischer Uniform viele Schmähungen hatte über sich ergehen lassen müssen. Nur auf der Basis pragmatischen Hinwegsehens über unterschiedliche Herkünfte konnte ein Bündnis geschlossen werden, in dessen Zentrum eine aktive Konjunkturpolitik und gesamtwirtschaftliche Rahmenplanung stehen sollten. Mit großem Schwung wurde eine "Konzertierte Aktion" ins Leben gerufen, ein "Stabilitätsgesetz" (Mai 1967) verabschiedet und die "Mittelfristige Finanzplanung" eingeführt; eine Finanzreform, in welcher das Steueraufkommen zwischen Bund, Ländern und Gemeinden neu aufgeteilt wurde, befreite die Kommunen aus der Abhängigkeit von der Gewerbesteuer. Auf zahlreichen Feldern der Politik begann die Große Koalition parallel dazu mit tief greifenden Reformen [24] .

Viele Zeitgenossen sahen die Große Koalition allerdings nicht als reformfreudiges Modernisierungsbündnis an, sondern fürchteten sie als Etappe auf dem Weg in eine totale politische Konformität. Das Fehlen einer wirksamen Opposition im Bundestag wurde in vielen Kommentaren kritisiert, und die Ankündigung einer Wahlrechtsreform mit dem Ziel der Einführung des Mehrheitswahlrechts, propagiert als Mittel zur Schaffung klarer parlamentarischer Mehrheitsverhältnisse, erschien in dieser Sicht als endgültige Ausschaltung jeglicher Konkurrenz gegen die Bonner Großparteien. Vor allem die seit Beginn der sechziger Jahre intern erörterten und im Mai 1968 verabschiedeten gesetzlichen Maßnahmen für den Fall eines staatlichen Notstandes [25] passten in das Bild von der Vorbereitung eines von gleichgeschalteten Massenmedien unterstützten autoritären Staates.

Fußnoten

17.
Vgl. Detlef Siegfried, Zwischen Aufarbeitung und Schlussstrich. Der Umgang mit der NS-Vergangenheit in den beiden deutschen Staaten 1958 bis 1969, in: A. Schildt u. a. (Anm. 7), S. 77-113; Bernd-A. Rusinek, Von der Entdeckung der NS-Vergangenheit zum generellen Faschismusverdacht - akademische Diskurse in der Bundesrepublik der sechziger Jahre, in: ebd., S. 114-147.
18.
Vgl. Alexander Mitscherlich, Die Unwirtlichkeit unserer Städte. Anstiftung zum Unfrieden, Frankfurt/M. 1965.
19.
Georg Picht, Die deutsche Bildungskatastrophe, Freiburg 1964.
20.
Vgl. Manfred Görtemaker, Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Von der Gründung bis zur Gegenwart, München 1999, S. 533 ff.
21.
Vgl. Gerhard Lampe/Heidemarie Schumacher (Hrsg.), Das Panorama der sechziger Jahre. Zur Geschichte des ersten politischen Fernsehmagazins der BRD, Berlin 1991.
22.
Die Worte des Kanzlers. Eine aktuelle Zitatensammlung zum Thema: Der Staat und die Intellektuellen, in: Marion Dönhoff u. a. (Hrsg.), ZEIT - Geschichte der Bonner Republik 1949-1999, Reinbek 1999, S. 192-198.
23.
Vgl. Helmut Dubiel, Niemand ist frei von der Geschichte. Die nationalsozialistische Herrschaft in den Debatten des Deutschen Bundestages, München-Wien 1999, S. 103 ff.
24.
Vgl. Reinhard Schmoeckel/Bruno Kaiser, Die vergessene Regierung. Große Koalition 1966 bis 1969 und ihre langfristigen Folgen, Bonn 1991.
25.
Vgl. Michael Schneider, Demokratie in Gefahr? Der Konflikt um die Notstandsgesetze: Sozialdemokratie, Gewerkschaften und intellektueller Protest (1958-1968), Bonn 1986.