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26.5.2002 | Von:
Stefan Wolle

Die versäumte Revolte: Die DDR und das Jahr 1968

IV. Der Westen

Die Welt der kommunistischen Propaganda war in der ersten Hälfte der sechziger Jahre noch säuberlich in Gut und Böse geteilt. In der Sprache der Agitation ausgedrückt, gab es zwischen der faschistischen Diktatur und der scheindemokratischen Spielart des staatsmonopolistischen Imperialismus nur einen taktischen Unterschied. Die politische Macht lag in den Händen des gleichen Monopolkapitals, das Hitler in den Sattel gehoben hatte. Immerhin wurde eingeräumt, dass die westdeutsche Arbeiterklasse teilweise der Sozialdemagogie erlegen sei und die Befreiung des Proletariats auf sich warten ließe. Eine theoretische Reflexion über den Wandel der westlichen Gesellschaft fand jedoch nicht statt. So geriet die SED-Propaganda seit Mitte der sechziger Jahre in eine tief greifende Erklärungsnot angesichts der aufbrechenden bundesdeutschen Gesellschaft: Es war nicht die Arbeiterklasse, und schon gar nicht die in der Illegalität kämpfende KPD, die an der Spitze der Bewegung stand, sondern Künstler, Intellektuelle und Studenten. Natürlich beherrschte die SED seit Jahr und Tag die dialektische Kunst der Doppelstrategie. Wenn die Ostermarschierer gegen Wiederbewaffnung und Atomtod durch Westdeutschland zogen, konnten sie der Schützenhilfe der Ostpropaganda gewiss sein, obwohl Pazifismus in der DDR als Staatsverbrechen verfolgt wurde. Wenn es gegen die Notstandgesetze ging, konnte sich die SED-Propaganda trefflich über die "Aushöhlung demokratischer Rechte" erregen, obwohl doch jeder wusste, dass solche Rechte in der DDR niemals existiert hatten. Auch der Antiamerikanismus der Vietnamkriegsgegner, die Kampagnen gegen den Springer-Konzern und die Enthüllungen über die Nazivergangenheit führender westdeutscher Politiker passten gut ins Propagandakonzept der SED. Sie unterstützten die Friedens- und Anti-Springer-Komitees durch finanzielle Mittel, gaben ihnen propagandistische Schützenhilfe und versuchten sie durch linientreue Funktionäre und Stasi-Agenten an die Leine kommunistischer Parteidisziplin zu legen [8] .

Der Tod von Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 war für die DDR ein Beweis für den potenziell faschistischen Charakter des westdeutschen Staates. In der Presse konnte man plötzlich viel über den Kampf der fortschrittlichen Westberliner Arbeiter und Studenten gegen die Notstandsdiktatur lesen. Die politischen Kontakte zwischen dem SDS und der FDJ wurden nun intensiviert. Im Auftrag des Bundesvorstandes des SDS reiste Wolfgang Lefèvre gemeinsam mit anderen Funktionären des Verbandes im Jahre 1967 mehrmals nach Ost-Berlin, um dort mit Vertretern des Zentralrates der FDJ zu verhandeln. Sie erhielten dort "Dokumente über die faschistische Vergangenheit von Westberliner Polizeiangehörigen und Fotos über die Vorgänge am 2.6.1967. Diese Unterstützung wurde von den Studentenvertretern als außerordentlich wertvoll eingeschätzt, da vorgesehen ist, mit diesen Dokumenten den Nachweis zu führen, dass das Vorgehen der Westberliner Polizei gegen die Studentendemonstrationen eine organisierte Notstandsübung war." [9] Außerdem übergaben die DDR-Vertreter Material "über die Mitarbeit von Bundestagsabgeordneten bei der Vorbereitung der Notstandsgesetze" [10] . Die Frage, aus welchen Quellen die Dokumente und Fotos stammten, wurde nicht gestellt. Auch sonst plauderten die Gäste aus dem Westen recht offenherzig über die Strategie und Taktik ihres revolutionären Kampfes. Dabei schätzten sie realistisch ein, dass es "von seiten des DGB und der Arbeiterjugendorganisationen" noch sehr wenig Unterstützung gäbe [11] . Die FDJ-Vertreter versprachen daraufhin, "im verstärkten Maße auf die Arbeiterjugendorganisationen in Westberlin Einfluss zu nehmen. Das soll z. B. über direkte Gespräche mit Westberliner Falkenfunktionären geschehen" [12] .

Allerdings wurde auch an der DDR und der Sowjetunion Kritik geübt. Man hätte sich von den sozialistischen Staaten mehr Unterstützung im Kampf gegen Israel gewünscht. In diesem Zusammenhang wird die Haltung Chinas begrüßt, das "zum richtigen Zeitpunkt eine Wasserstoffbombe zündete" [13] . Bei einem weiteren Gespräch fand Lefèvre auch für die DDR anerkennende Worte. Angesichts der Tendenz einiger sozialistischer Staaten, mit imperialistischen Regierungen zu verhandeln, sei der SDS ". . . erfreut über die konsequente Politik der DDR, die eine solche ,Liberalisierung' nicht mitmacht".

Vom 25. bis 28. Juli 1967 fand ein vom Zentralrat der FDJ organisiertes gemeinsames Seminar von Funktionären des SDS und der FDJ statt, das sowohl Gemeinsamkeiten wie auch unüberbrückbare Gegensätze deutlich machte [14] .

So willkommen der Kampf gegen die US-amerikanische Aggression in Vietnam, die Notstandsgesetzgebung in der BRD und die "Kettung Westberlins an Westdeutschland" war, so sehr waren die Formen des Protestes wie deren theoretische Begründung der SED ein Dorn im Auge. In ihrem terminologischen Raster konnte die APO nicht anders als linksradikal eingestuft werden. Linksradikalismus aber war laut Lenin die "Kinderkrankheit des Kommunismus", mithin ideologische Abweichung, Häresie, Gedankenverbrechen. "Ein objektives Kriterium für die Beurteilung einer ideologischen Richtung und ihrer theoretischen Stärke stellt ihre philosophische Grundlage dar", schrieb 1974 der DDR-Historiker Siegfried Prokop in der ersten und einzigen Darstellung der BRD-Studentenbewegung, die in der DDR erschienen ist. "Im Unterschied zum Marxismus-Leninismus besitzt der kleinbürgerliche Revolutionarismus keine einheitliche philosophische Grundlage. So unterschiedlich die einzelnen Richtungen auch sind, beruhen sie doch ,alle auf einem eklektischen Sammelsurium entgegengesetzter ideologischer Leitsätze' . . . Der kleinbürgerliche Revolutionarismus ist also pseudorevolutionär. Er gehört nicht zur Theorie der Arbeiterklasse, sondern steht ihr feindlich gegenüber." [15]

Im eigenen Machtbereich fuhr die SED das gesamte Instrumentarium der Repression gegen solche Tendenzen auf. Mit Sicherheit überschätzte die SED-Führung die Resonanz linksradikaler Ideen im eigenen Machtbereich. Nichts fürchtete sie mehr als das Wirken geheimer Konventikel, zentralistisch geführter Verschwörergruppen und avantgardistischer Berufsrevolutionäre.

In der Tat versuchte die kommunistische Führung Chinas damals, durch Ideologieexport in aller Welt Einfluss zu gewinnen. Die deutschsprachigen Sendungen der "Stimme der Weltrevolution" aus Tirana waren im Kurzwellenbereich in Mitteleuropa gut zu empfangen. Die SED-Führung nahm solche Einflussversuche ernst. Entsprechend nervös reagierte die Staatssicherheit auf unkontrollierte Aktivitäten der chinesischen Botschaft in der DDR. Das MfS registrierte, dass DDR-Bürger dort "chinesische Druckerzeugnisse und Mao-Abzeichen" abholten [16] : "Aufgrund der vorliegenden Hinweise kann eingeschätzt werden, dass besonders Jugendliche, vor allem Oberschüler und Lehrlinge von Betriebs-Berufsschulen, Verbindungen zur chinesischen Botschaft aufnahmen." [17]

Fußnoten

8.
Vgl. Hubertus Knabe, Hetzer, Fälscher, Meinungsmacher. Die Anti-Springer-Kampagne: Wie SED und MfS die West-Berliner Studentenbewegung manipulierte, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 22. März 2001.
9.
Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv (SAPMO/BArch) J IV/2/202, Schreiben Albert Nordens an Walter Ulbricht vom 21. 6. 1967 u. Information über Gespräche mit dem Konventspräsidenten der Dahlemer Universität in Westberlin, Wolfgang Lefèvre (SDS-Bundesvorstandsmitglied) sowie weiteren Westberliner Studentenfunktionären im Zentralrat der FDJ und in Westberlin am 20.6.1967, 6 Bl., Zitat Bl. 1; vgl. Bernd Rabehl, Feindblick. Der SDS im Fadenkreuz des "Kalten Krieges", Berlin 2000.
10.
Ebd., Bl. 2.
11.
Ebd., Bl. 2.
12.
Ebd., Bl. 2.
13.
Ebd., Bl. 6.
14.
Vgl. SAPMO/BArch, IV A 2/2028/106, Information über das Seminar von Zentralrat der FDJ und SDS am 25.-28. Juli in Berlin, 11 Bl.
15.
Siegfried Prokop, Studenten im Aufbruch. Zur studentischen Opposition in der BRD, Berlin (DDR) 1974, S. 121.
16.
MfS, Verwaltung Groß-Berlin, A 1141/3, Stadtarchiv Berlin, Bericht 63/67 vom 12. 10. 1967 über Vorkommnisse, die im Zusammenhang mit der chinesischen Botschaft stehen, 5 Bl., Zitat Bl. 1.
17.
Ebd., Bl. 1.