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26.5.2002 | Von:
Stefan Wolle

Die versäumte Revolte: Die DDR und das Jahr 1968

VI. Utopie und Macht

Die kommunistische Herrschaft wurde seit 1917 vom mahnenden Schatten der eigenen Utopie begleitet. In der DDR wurde sie vor allem durch zwei Personen präsentiert, die trotz des Altersunterschieds oft als Dioskuren gesehen wurden: Professor Robert Havemann und Wolf Biermann. Einzelne Zeilen aus Biermanns Liedern und Gedichten wurden geradezu sprichwörtlich. Das Lied "Du, lass Dich nicht verhärten/In dieser harten Zeit" wurde so etwas wie die heimliche Nationalhymne der "anderen DDR" [21] . Biermann hat bis in die achtziger Jahre immer wieder betont, dass er Marxist und Revolutionär sei und die DDR trotz allem für den besseren deutschen Staat halte.

"Die Achtundsechziger im Osten nahmen genauso wie im Westen den Vietnamkrieg und die Grausamkeiten der Welt wahr, interessierten sich aber politisch natürlicherweise am meisten für das eigene Gesellschaftssystem . . . Es ging nicht um die Wiedererschaffung kapitalistischer Verhältnisse - schon wegen der fundamentalen Kritik der gleichaltrigen Westlinken an diesen Verhältnissen nicht. Wir bewunderten diese Linken mit naiver Gläubigkeit, unsere Solidarität gehörte ihnen." [22]

Die Kirchengeschichte bietet das gegebene Reservoir für die Geschichte des kommunistischen Ketzertums. Am deutlichsten war dies während des Prager Frühlings im Jahre 1968. Der Prediger Jan Hus wurde regelrecht zur Leitfigur der Reformer in ihrem Kampf gegen die kommunistische Orthodoxie. In dem böhmischen Kirchenreformer und dessen Flammentod sah die tschechoslowakische Freiheitsbewegung eine symbolische Identifikationsfigur.

Die SED-Propaganda versetzte insbesondere Herbert Marcuse, den geistigen Vater der antiautoritären Revolte, in den Rang eines Oberketzers. 1969 erschien im Ost-Berliner Akademie-Verlag ein ungewöhnlich ausführliches Buch über den Philosophen [23] . Der Autor, Robert Steigerwald, war Mitglied der neu gegründeten DKP und leitete das Frankfurter Institut für Marxistische Studien. Steigerwald sparte nicht mit Polemik und verleumdete Marcuse als US-amerikanischen Geheimdienst-Agenten [24] . Doch entgegen den in der DDR sonst üblichen Gepflogenheiten wurden die in den Augen der SED-Obrigkeit verwerflichen Theorien ausführlich referiert und zitiert. Die übliche Praxis der Auseinandersetzung mit der bürgerlichen Ideologie war durch die hohe dialektische Kunst geprägt, die "feindlichen Argumente" zwar zu entlarven, es aber dem Leser unmöglich zu machen, deren sachlichen Gehalt aus der Darstellung gewissermaßen herauszufiltern. Das Buch von Steigerwald wurde bald schon auf höhere Weisung aus dem Verkehr gezogen. Stattdessen erschienen im Akademie-Verlag in Ost-Berlin zwei Heftchen der Reihe "Zur Kritik der bürgerlichen Philosophie", die Marcuses Kritik am Sowjetkommunismus in einen Nebel von Phrasen hüllten [25] .

Die Schriften von Marcuse und anderen Theoretikern des linken Antiautoritarismus waren in der DDR Giftschrankliteratur höchsten toxischen Grades. In Bibliotheken war die Lektüre nur aufgrund eines Zertifikats in speziellen Lesesälen möglich. Bereits das Bemühen um eine solche Sondergenehmigung war für die SED-Obrigkeit ein Verdachtsmoment. In einem Stasi-Bericht über einen Studenten der Humboldt-Universität wird u. a. ausgeführt, er wäre bemüht, "Schriften von Marcuse und Fischer" zu erhalten. Aufgrund dieser und anderer Denunziationen wurde er im Herbst 1968 von der Universität relegiert.

Die Utopie einer klassenlosen und herrschaftsfreien Gesellschaft war für die autoritäre Zwangsanstalt DDR ein gefährlicher Sprengsatz. Die SED-Führung reagierte mit Verboten, Restriktionen und Disziplinierungen. Das Schlagwort vom "Dritten Weg" wurde in der DDR zum Totschlagargument gegen jede Form der Kritik. Wer einen dritten Weg zwischen real existierendem Sozialismus und Kapitalismus gehen wollte, nutzte "objektiv der Konterrevolution". Wer einen Wandel durch Übernahme einzelner Elemente des freien Marktes forderte, redete der imperialistischen Konvergenztheorie das Wort, wer für eine Anpassung der Ideologie an die Realitäten plädierte, machte sich des Revisionismus schuldig.

Fußnoten

21.
Wolf Biermann, Alle Lieder, Köln 1991, S. 177 f.
22.
A. Simon/J. Faktor (Anm. 7), S. 11.
23.
Vgl. Robert Steigerwald, Herbert Marcuses dritter Weg, Berlin (DDR) 1969; eine Lizenzausgabe erschien parallel im Kölner DKP-Verlag Pahl-Rugenstein.
24.
Vgl. ebd., S. 219 ff.
25.
Vgl. Nelli Motroschilowa/Jurij Samoschkin, Marcuses Utopie der Antigesellschaft, Berlin (DDR) 1971; Gertraud Korf, Ausbruch aus dem ,Gehäuse der Hörigkeit'? Kritik der Kulturtheorien Max Webers und Herbert Marcuses, Berlin (DDR) 1971.