APUZ Dossier Bild

26.5.2002 | Von:
Stefan Wolle

Die versäumte Revolte: Die DDR und das Jahr 1968

VII. Sozialismus mit menschlichem Antlitz

Der Gedanke eines "Dritten Weges" wurde Anfang 1968 in der Tschechoslowakei von der abstrakten Idee zum realen politischen Experiment. Am 5. Januar 1968 wählte das Zentralkomitee der KPC Alexander Dubcek zum neuen Parteichef. Leonid Breschnjew hatte bereits im Vorfeld für den Personalwechsel grünes Licht gegeben, und auch protokollarisch wurden innerhalb des Warschauer Paktes zunächst die üblichen Formen gewahrt. Doch was in der CSSR als Reform von oben begann, stieß bald schon auf eine ungeahnte Resonanz in der Bevölkerung. Endlich wurde im Lande frei gesprochen: über den Mangel an Freiheit und Demokratie, den Terror der Stalinzeit, die Bevormundung durch die Sowjetunion, die Wirtschaftsmisere im Lande, die Unfähigkeit der kommunistischen Funktionäre, die Spannungen zwischen Tschechen und Slowaken.

Spätestens im März schrillten in Ost-Berlin alle Alarmglocken. In einer internen Information an die Leiter der Abteilungen im ZK der SED vom 12. März 1968 hieß es: "Man muss offen sagen, dass der imperialistische Gegner seine Anstrengungen verstärkt, um über alle möglichen Kanäle und Verbindungen Einfluss auf die Aktivierung der antisozialistischen, bürgerlichen Kräfte in der CSSR zu nehmen und selbst zu organisieren. Wie weit die geistige Übereinstimmung zwischen den Losungen dieser kleinbürgerlichen, antisozialistischen Kräfte innerhalb der CSSR mit der Ideologie des Imperialismus geht, zeigt insbesondere die von Schriftstellern und Künstlern vertretene Losung, die CSSR in eine ,offene Gesellschaft' zu verwandeln." [26] Drei Tage später heißt es in einem Bericht des MfS für die Parteiführung: "In den Bezirken der DDR wird gegenwärtig zu den Vorgängen in Warschau und in der CSSR unter allen Bevölkerungsschichten diskutiert. Besonders die Meinungsäußerungen über die Erscheinungen in der CSSR sind vom Umfang und der Intensität her im Ansteigen begriffen." [27] Seit Mitte März 1968 verdichten sich die Berichte des MfS an die Parteiführung. In den kommenden Monaten wurde fast täglich über die Diskussionen der Bevölkerung berichtet.

Im März 1968 kam es auch zum ersten öffentlichen Angriff der SED gegen die tschechoslowakische Bruderpartei. Während einer Konferenz zum Thema "Die philosophische Lehre von Karl Marx und ihre aktuelle Bedeutung" griff Kurt Hager den Reformkommunisten Josef Smrkovský [28] an. Die Springerpresse, meinte Hager, berufe sich in "ihrer Kampagne gegen unsere sozialistische Verfassung . . . auf die Ereignisse in der CSSR. . . Sie geben in aller Ausführlichkeit die Angriffe von Journalisten und Schriftstellern auf die führende Rolle der Partei wieder" [29] .

Fußnoten

26.
MfS, Büro des Ministers, ZAN, Schreiben vom 12. 3. 1968 an Ltr. Der Abt. des ZK, Bl. 13.
27.
MfS, ZAIG, Z 1564, Einzel-Information 301/68 vom 15. 3. 1968 über die Reaktion der Bevölkerung der DDR über die Vorkommnisse in der CSSR und in der VR Polen, 8 Bl. u. 1 Bl. Anl., Zitat Bl. 1.
28.
Bei Smrkovsky¨ handelte es sich um einen Kommunisten, der in der Okkupationszeit den Widerstand gegen die Deutschen geleitet hatte, unter Stalin zu lebenslanger Haft verurteilt worden war und als entschiedener Vertreter eines humanistischen Sozialismus 1968 zum Präsidenten der Nationalversammlung gewählt worden war
29.
Neues Deutschland vom 27.3.1969.