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26.5.2002 | Von:
Katharina Belwe

Editorial

Der demographische Wandel bedeutet eine Herausforderung an den modernen Kapitalismus: Alterer Menschen müssen als Arbeitskräfte- und Know-how-Reservoire berücksichtigt werden.

Einleitung

Unsere Gesellschaft altert. Die Zahl der in Deutschland lebenden Menschen im Alter von 60 und mehr Jahren hat sich innerhalb des letzten Jahrhunderts mehr als vervierfacht. Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes wird unsere Bevölkerungszahl von gegenwärtig rund 82 auf rund 65 Millionen im Jahr 2050 absinken. Im Jahr 2050 werden auf 100 Personen im Alter von 20 bis 60 Jahren 80 über 60-Jährige kom-men. Diese Entwicklung hat Konsequenzen - nicht nur für das Alterssicherungssystem. Sie wirkt sich auch auf die Arbeitswelt aus. Die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung muss nach Auffassung der Fachwelt mit insgesamt älter werdenden Belegschaften bewältigt werden.

Gerhard Naegele hegt in seinem Essay inzwischen Zweifel an dieser These. Obwohl die Gesamtgesellschaft altere, würden die Menschen in der Arbeitswelt immer jünger. Dieses Paradoxon werde sich spätestens im Jahr 2015 auflösen. Dann nämlich seien die Herausforderungen der Arbeitswelt nur noch mit insgesamt älteren und anders zusammengesetzten Belegschaften zu bewältigen.

Ernst Kistler und Markus Hilpert sehen im demographischen Wandel eine Herausforderung an den modernen Kapitalismus. Die Fortführung der Politik des Herausdrängens Älterer aus dem Erwerbsleben zugunsten jüngerer, flexiblerer Menschen laufe den mit dem demographischen Wandel verbundenen Anforderungen zuwider. Mit einer solchen Philosophie des Wirtschaftens seien die Probleme der Zukunft nicht zu lösen. Der demographische Wandel mache vielmehr gerade die Berücksichtigung älterer Menschen als Arbeitskräfte- und Know-how-Reservoire erforderlich. Kistler/Hilpert betrachten ihn daher als einen Prüfstein für die Zukunftsfähigkeit des Umgangs mit dem Humankapital unserer Gesellschaft.

Ein sorgsamerer Umgang mit dem Humankapital ist auch das Anliegen von Johann Behrens. Der Autor wendet sich gegen die weitverbreitete Praxis, Menschen bereits mit 55 Jahren aus dem Arbeits-prozess auszugliedern. Unternehmen gäben dieser Externalisierung den Vorrang vor positiven Strategien der Arbeitsplatzgestaltung und betrieblichen sowie überbetrieblichen Laufbahnpolitik, weil das Sozialversicherungssystem es ihnen erleichtere, sich von älteren Beschäftigten mehr oder weniger einvernehmlich über die Frühverrentung zu trennen.

Im Handwerk trägt der demographische Wandel dazu bei, Versäumnisse und Schwächen bei Rekrutierung, Personalplanung und -entwicklung sowie bei der Qualifizierung offen zu legen und verschärft wirksam werden zu lassen. Nach Hans Gerhard Mendius sind die demographischen Engpässe ein Grund mehr dafür, auf zukunftsfähige Strategien zu setzen und das Arbeiten im Handwerk zu einer langfristig attraktiven Perspektive zu entwickeln. Ansatzpunkte dafür seien altersgerechte Gestaltung von Arbeitsplätzen, generationenübergreifender Erfahrungsaustausch und entsprechende Weiterbildung, vermehrte Beschäftigung von Frauen sowie Schaffung innerbetrieblicher Aufstiegsmöglichkeiten.

Dorit Sing geht der Frage nach, wie die gesellschaftliche Integration der sozialen Gruppe der aus dem Erwerbsleben Ausscheidenden besser gewährleistet werden könnte. Die Autorin untersucht, welche Bedeutung ehrenamtlichem Engagement in diesem Zusammenhang zukommen kann, und beschreibt Maßnahmen zur Förderung eines solchen Engagements. Sie sieht hier Forschungs- und Handlungsbedarf, seien doch jene, die sich engagieren, wesentlich besser in die Gesellschaft integriert.