Mann hält eine EU-Flagge und eine polnischen Flagge, die miteinander verknotet sind.

2.3.2018 | Von:
Krzysztof Mazur

Souveräner Spieler: Polen in Europa - Essay

Identität

Die Menschen in Polen kennzeichnet eine eigentümliche Mischung aus imperialem Stolz und Komplexen der Randständigkeit. Der imperiale Stolz speist sich aus der Erinnerung an die Größe vergangener Jahrhunderte, als die Erste Polnische Republik (Rzeczpospolita Obojga Narodów), die polnisch-litauische Adelsrepublik vom 14. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, zu den europäischen Großmächten gehörte. Des Weiteren speist er sich aus der Erinnerung an den ungebrochenen patriotischen Geist einer Nation, die das gesamte 19. Jahrhundert hindurch keinen eigenen Staat besaß und dennoch in der Lage war, ein außergewöhnliches kulturelles und gesellschaftliches Gut zu schaffen. Verstärkend wirkt auf diesen Mythos auch das 20. Jahrhundert, in dem die Solidarność-Bewegung und das Pontifikat Johannes Pauls II. eine große Rolle spielten und in dem Polen sich gegen zwei Totalitarismen zur Wehr setzte.

Zugleich haben die Polen einen deutlich erkennbaren Komplex, weist doch jede dieser Epochen auch Schattenseiten auf. Die Erste Republik war schließlich ein Staat, den die Kurzsichtigkeit und der Egoismus seiner Eliten zu Fall brachten. Bis heute charakterisiert die polnische Bevölkerung ein Widerwille gegen das Establishment, ein leises Misstrauen ihren Eliten gegenüber – ein tief im kollektiven Gedächtnis bewahrtes Trauma des Niedergangs. Das 19. Jahrhundert hat in uns Polen das Gefühl hinterlassen, dass wir, auf das Abstellgleis der Geschichte geschoben, nicht ausreichend von den Früchten der Moderne zehren konnten. Seitdem hegen wir die Überzeugung, ein wirtschaftlicher Dualismus habe uns den Platz auf der schlechteren Seite der Elbe zugewiesen. Und deswegen versprechen uns die Politiker in den Wahlkämpfen der heutigen Zeit immer wieder, diesen Fatalismus durchbrechen und Polen endlich zu einem "neuen Japan" (Lech Wałęsa) oder "neuen Irland" (Donald Tusk) machen zu wollen. Doch irgendwo tief drinnen, seit den Zeiten der Arbeitsmigration der 1980er Jahre und der Pakete aus "dem Reich", die nach Milka-Schokolade und Jacobs-Kaffee dufteten, wollen wir in Wirklichkeit "zweite Deutsche" sein, auch wenn wir das nicht gerne zugeben. Letztendlich ist das 20. Jahrhundert auch die Epoche, die uns den Stempel von 45 Jahren Kommunismus aufgedrückt hat, mit all der ästhetischen Hässlichkeit und dem moralischen Verfall jener Zeit.

Viele Jahre lang dachte ich, wir Polen könnten gar nicht verstanden werden in unserer imperial-peripheren Komplexität. Es schien mir, als müsste es für unsere ausländischen Freunde verwunderlich sein, wenn wir von großer Offenheit und wortreichem Geschichtsstolz nahtlos zu Verletztheit und beleidigtem Rückzug übergehen, wegen irgendeiner "Taktlosigkeit", die unseren Stolz getroffen hat. Solche abrupten "Stimmungswechsel" habe ich sowohl in zahlreichen zwischenmenschlichen Situationen als auch bei internationalen Begegnungen auf höchster politischer Ebene beobachten können. Im Laufe der Zeit habe ich jedoch begriffen, dass jene imperial-periphere Komplexität eine Eigenschaft ist, die sämtlichen Nationen im heutigen Europa gemein ist. Die Spanier haben ihre "Generation 1898", also die Generation der Denker, deren einschneidendste Erfahrung das Trauma der spanischen Niederlage im Krieg gegen die USA und des Verlustes der spanischen Kolonien war. Der Verlust des Status eines imperialen Hegemonen betrifft auch die Portugiesen, die Holländer und vor allem die Briten, in deren Diskussionen um den "Brexit" noch immer die Nostalgie im Gedenken an die ehemalige Großmachtstellung mitschwang. Ähnlich war es bei der Entstehung des französischen Front National, über dessen derzeitige Popularität ich nur den Kopf schütteln kann und dessen Gründung eine Reaktion auf den verlorenen Algerienkrieg und den Verlust der letzten Kolonien gewesen ist. Seitdem ich in Thomas Manns "Doktor Faustus" die Geschichte Adrian Leverkühns gelesen habe, bin ich auch besser imstande, die Traurigkeit meiner deutschen Freunde bei unseren Diskussionen über die Vergangenheit nachzuvollziehen.

Das polnische Volk weist somit eine für das gesamte heutige Europa charakteristische Mischung von imperialem Stolz und Peripherie-Komplexen auf. Im von der Europäischen Kommission herausgegebenen "Weißbuch zur Zukunft Europas" von 2017 ist gleich auf den ersten Seiten eine Grafik zu sehen, aus der hervorgeht, dass im Jahr 1900 noch 25 Prozent der Weltbevölkerung in Europa lebten und es 2060 voraussichtlich nur noch vier Prozent sein werden.[14] Auch wenn Demografie nicht alles ist, so ist diese Grafik doch ein Symbol für die abnehmende Bedeutung unseres Kontinents in der neuen Welt. Europa war einmal das Zentrum der Welt – heute muss es einen realen Kampf ausfechten, um darin überhaupt noch eine nennenswerte Rolle zu spielen.

Zusammenfassung

Ich hoffe, dass es mir mit der Überschreitung der "Grenzen meiner Sprache" gelungen ist, auch die "Grenzen meiner Welt" hinter mir zu lassen – einer überaus komplexen Welt, in der es nicht leicht ist, einfache Antworten zu finden. In solchen Situationen ist es angezeigt, sich so eng wie möglich an die Fakten zu halten. Und diese besagen, dass der wirtschaftliche Austausch zwischen Deutschland und Polen pro Jahr bereits 100 Milliarden Euro überschreitet. Nimmt man die anderen Länder der Visegrád-Gruppe hinzu, also die Tschechische Republik, die Slowakei und Ungarn, so zeigt sich, dass 2016 die Umsätze aus dem Handel zwischen Deutschland und Mitteleuropa 257 Milliarden Euro betrugen, die Umsätze aus dem Handel zwischen Deutschland und Frankreich hingegen nur 167 Milliarden Euro.

Und mehr noch, es gibt deutliche Übereinstimmungen bei den wirtschaftlichen Interessen unserer Länder. Im Vergleich zur globalen Konkurrenz haben deutsche Konzerne Probleme in Sachen Innovationskraft, außerdem mangelt es an qualifizierten Arbeitskräften. Indessen sind die Polen nach wie vor hungrig nach Erfolg, darüber hinaus haben wir eine hervorragende Generation von Managern und Ingenieuren, die sich in den vergangenen 25 Jahren die westliche Arbeitskultur angeeignet haben. Und wir haben eine stabile Regierung, die sich der internationalen Zusammenarbeit nicht verschließen will, aber dennoch für unsere heimische Wirtschaft einen höheren Rang in der "globalen Lieferkette" anstrebt. Um das zu erreichen, soll die institutionelle Handlungsfähigkeit des polnischen Staates gesteigert werden.

Auch werden wir nicht von zahlreichen inneren Spannungen verzehrt, wie sie die Situation in den Ländern der alten EU zunehmend destabilisieren. Alle Puzzleteilchen scheinen zusammenzupassen. Eine Vertiefung der Zusammenarbeit zwischen unseren Ländern ist für beide Seiten ein Gewinn. Der polnischen Seite ist jedoch daran gelegen, dass diese Zusammenarbeit auf Regeln basiert, die eine gerechte Verteilung von Risiken und Nutzen garantieren. Wir Polen wollen – sowohl in der Wirtschaft als auch in der Politik – nicht mehr nur Zuarbeiter sein, sondern echte Partner. Ist ein solches Angebot für die Deutschen annehmbar? Oder überlassen wir das Feld weiterhin unseren imperial-peripheren Dämonen aus der Vergangenheit?

Übersetzung aus dem Polnischen: Lisa Palmes, Berlin.

Fußnoten

14.
Vgl. Europäische Kommission, Weißbuch zur Zukunft Europas, Brüssel 2017, S. 8.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Krzysztof Mazur für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.