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3.12.2002 | Von:
Eike Hebecker

Experimentieren für den Ernstfall - Der Online-Wahlkampf 2002

III. Das Mega-Medienspektakel

Neben den herausragenden Medienereignissen des Bundestagswahlkampfes 2002, den Fernsehduellen zwischen dem Kanzler und seinem Herausforderer, erscheint die Frage nach dem Stellenwert des Online-Wahlkampfes zwar berechtigt, aber letztendlich von nachrangiger Bedeutung. Angesichts von 15 Millionen Zuschauern, der öffentlichen Erregung und der permanenten Selbsterregung der an diesem Spektakel beteiligten Medien - wobei auch die Printmedien einzubeziehen sind, die das Duellformat bereits im Vorfeld adaptiert hatten [7] - scheint die Rolle des Internets für Parteien, Berichterstatter und Wähler zwangsläufig in den Hintergrund zu treten. Aber auch die Fernsehduelle waren mit Vorbehalten verbunden. Denn die politischen Akteure - hier vor allem die Kampagnenführer - haben es verstanden, den Medien ein Korsett an Reglementierungen anzupassen, das auf die Ziele und Bedürfnisse der Parteien und Kandidaten im Wahlkampf abgestimmt war. Es wurde eine Dramaturgie ausgeklügelt, die nichts dem Zufall überließ und vor allem auf Risikoreduktion ausgelegt war - eine Vorgehensweise, die dem Sinn und Charakter eines Duells von Grund auf widerspricht. Insbesondere die mit einem solchen Showdown verbundenen Erwartungen einer dramatischen Zuspitzung, offenen Auseinandersetzung sowie der Herbeiführung einer klaren Entscheidung über Sieg und Niederlage wurden damit enttäuscht.

Das eigentliche Duell lieferten sich im Nachhinein die Experten, Parteifunktionäre, Demoskopen und Berichterstatter - um dessen Auslegung und Deutung. [8] Vor den Augen der Zuschauer wurde letztlich ein politisches Show-Spektakel inszeniert, das im klassischen Sinn einer Zuschauerdemokratie an ein Massenpublikum gerichtet war. Die Personalisierung, Medialisierung und Inszenierung des Wahlkampfes hat damit auch in Deutschland eine neue Qualität erreicht - von beteiligungsdemokratischen Elemente fehlte hingegen jede Spur. Wählerinnen und Wähler blieben mit ihren Interessen, Fragen und Kommentaren weitgehend außen vor. Dass es auch in dieser Hinsicht von den Vereinigten Staaten zu lernen gilt, zeigt beispielsweise die "Commission on Presidential Debates" (www.debates.org), die eine kritische öffentliche Begleitung des Fernsehwahlkampfes gewährleistet. Dieser Ansatz wurde mit der "Kommission zu den Kanzlerdebatten" durch das Adolf Grimme-Institut aufgenommen, das die TV-Duelle mit einer Veranstaltungsreihe kritisch begleitet hat. [9]

Fußnoten

7.
Vgl. Das Duell: Schröder gegen Stoiber, in: Bild am Sonntag vom 7. 7. 2002 sowie dessen Fortsetzung in Bild vom 8. 7. 2002 und 9. 7. 2002.
8.
Hier zeigt sich die Entwicklung eines problematischen Dreiecksverhältnisses zwischen Medien, Politik und Wissenschaft, in dem die Grenzen zwischen der Produktion und Analyse von Medienereignissen verschwimmen. Vgl. ausführlich: Eike Hebecker, Medienforschung in der Mediendemokratie, in: politik-digital.de vom 18. 9. 2002, (http://www.politik-digital.de/wahlkampf/bundestagswahl2002/wissen.html).
9.
Vgl. (http://www.grimme-institut.de/scripts/service/ service_presse.html).